Hätte GB Frankreich im 1. Weltkrieg auch ohne den Angriff auf Belgien beigestanden?

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von kevin-biene, 11. Juli 2009.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Ernährungslage war von Beginn an tangiert, denn Futtermittel wie Gerste, Mais, Hafer, Kleie etc. wurden in der Vergangenheit aus Südamerika und Russland bezogen. Aber auch der Ausfall des Imports von Kunstdünger und Saatgut wirkten sich entsprechend ungünstig aus. Genau wie der immer stärkere Ausfall an Arbeitskräften und Zugtiere.

    1916 lag die Kartoffelernte um mehr als 50% unter der des Jahres 1915; dabei hatte es bereits 1915 erste Anzeichen für eine sich verbreitende Unterernährung der Bevölkerung gegeben. Zwischen 1914 und 1917 sank die Produktion von Getreide um fast die Hälfte. Die der Bevölkerung angebotenen Ersatzstoffe wie aus Eicheln hergestellter Kaffee und Kunsthonig etc. konnten den Mangel natürlich nicht beheben.

    1916 kam es auch schon zu Plünderungen von Lebensmittelgeschäften. Die Kommunen führten „Kriegsküchen“ für die Ärmsten der Armen ein.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Danke für die interessanten Links. Der 2.Link funktioniert bei mir leider nicht.
     
  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Meinst du das wirklich so, wie du das hier niedergelegt hast?

    Die Konsequenz wäre doch die, das dann, weil dann einer kriegführenden Staaten im 1.Weltkrieg unter der Überschrift keine eigenen Soldaten sinnlos verheizen zu wollen, ein ehrenwertes Motiv, zu jeder Schandtat berechtigt gewesen wäre. Beispielsweise der furchtbare Gasangriff der deutschen Truppen.

    Davon einmal abgesehen, war dies gar nicht das vorrangige Motiv der Engländer. Es wurde weiter an der Westfront angerannt. Ypern, Somme usw. mit entsetzlichen Opfern auf beiden Seiten.
    Es ging mehr um die eigene Flotte nicht unnötigerweise dezimieren lassen, wenn das Ziel, Deutschland von jeglichen Importen abzuschnüren eben mit der Fernblockade erreicht werden konnte.
    Auch die Liste der Güter, was Konterbande ist oder eben nicht, wurde von London nach Gutdünken verändert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Januar 2022
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Alles zutreffend. Aber weshalb ist es beispielsweise denn zu der Verletzung der Prisenordnung durch die deutschen U-Boote gekommen?

    Nachdem der famose Plan mit der deutschen Hochseeflotte eine Schlacht in der Deutschen Buch gegen die Royal Navy grandios gescheitert war, verblieb das U-Boot als einziges Offensivmittel zur See.

    Die deutsche Boote haben lange Zeit erfolgreich nach Prisenordnung operiert. Die Engländer waren ratlos und sie griffen zu den furchtbaren U-Bootfallen, genannt Q-Ships.

    https://de.wikipedia.org/wiki/U-Boot-Falle

    Das Operieren nach Prisenordnung wurde dadurch zu einen nicht geringen Risiko. Und dann gab es die Hardliner, die mit krimineller Energie, die unbedingt den uneingeschränkten U-Bootkrieg herbeiführen wollten und es letzten Endes auch erreicht haben. Die Erfahrungen und Berichte der U-Bootkommandanten wurden souverän ignoriert.

    Du erwähnst die zivilen Opfer in Belgien. Hierzu zwei Literaturtipps:

    Keller, "Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung" und
    Spraul, "Der Franktireurkrieg 1914"

    Kurz gesagt, wird in beiden Büchern ausführlich über die angeblichen Greuel deutscher Einheiten in Belgien informiert und alte Thesen massiv in Frage gestellt. Warum? Es wurden wichtige Quellen bisher schlicht ignoriert, beispielsweise 2000 valide und zeitgenössische und beeidete Zeugenaussagen, die in Bundearchiv liegen.
    Davon absehen, natürlich war der deutsche Einmarsch in Belgien eine eklatante Völkerrechtsverletzung!
     
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  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Macht nichts, der ist auch irrelevant für das Verständnis der ökonomischen Kontexte der Versorgungskrise.
    Die anderen links aus dem Beitrag bringen die Erklärungen und verweisen auf Debatten zur wirtschaftshistorischen Literatur.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nicht nur dies. Es gab ja noch den Notenwechsel zwischen Sir Edward Grey und den Botschafter Frankreichs in London Cambon. Dieser sah vor, das die Franzosen das Mittelmeer schützen und die Engländer den Atlantik. Darüber hinaus gab es auch Absprachen hinsichtlich des Krieges zu Lande. Formal war London durch diesen Notenwechsel nicht zur einer Hilfestellung verpflichtet, dafür hatte schon die gewundene Ausdrucksweise der Noten gesorgt, aber es bestand durchaus ein gewisser Druck. Und Cambon machte genau mit dieser Note auch in der Endphase der Julikrise eines gewissen Druck. Dieser Notenwechsel war eine Hilfskonstruktion, damit diese brisante Absprache eben nicht vor das englische Parlament musste. Im Ergebnis konnte England es sich doch gar nicht leisten, wenn Frankreich sich in einem Krieg gegen Deutschland befand, abseits stehen zu bleiben.
     
  8. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das die Ernährungslage von Beginn an tangiert war, ist ja durchaus richtig, das bestreitet ja niemand, aber so krass, wie das behauptet wurde, dass Deutschland mit Kriegsbeginn mehr oder minder eine Unterdeckung von 1/3 an Lebensmittelkapazitäten gehabt hätte, ist schlicht übertrieben.
    Gerade anno 1914 gab es ja, auch wenn Russland natürlich wegfiel noch genügend Neutrale um über Umwege Zugriff auf den Weltmarkt zu haben, wenn auch zu entsprechend schlechteren Konditionen und eingeschränkt.

    Was den weiteren Kriegsverlauf angeht, haben die schlechter ausfallenden Ernten, neben Wetterschwankungen und der Blockade ja auch schlicht etwas damit zu tun, dass man nicht auf einen langen Krieg vorbereitet war, der Arbeitskräfte band, der eigentlich Rationierungen erforderte, die erst sukzessive eingeführt wurden, nachdem man bereits eine ganze Zeit von der Substanz gelebt hatte, etc. etc.
     
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  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ganz genau. Ergänzend lässt sich noch hinzufügen, das auch ein Kreuzerkrieg eigentlich nicht in Betracht kommen konnte. Es fehlte schlicht an Stützpunkten.
    Das einzige Offensivmittel, das U-Boot, welches sich wirklich angeboten hätte, wurde lange Zeit von Tirpitz schlicht abgelehnt.
     

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