Handelssprachen in Mittelalter & früher Neuzeit (Europa)

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von raisedfist, 18. März 2019.

  1. raisedfist

    raisedfist Neues Mitglied

    Ich hoffe ich bin in diesem Bereich hier richtig:

    Internetquellen, die man zu dem Thema findet, sind leider nicht sehr ergiebig. Nun wollte ich fragen, ob hier jemand nähere Infos dazu hat, in welchen Sprachen in Europa zu dieser Zeit hauptsächlich gehandelt wurde, und wann der Übergang von Latein als Handelssprache zu den lokalen Sprachen stattgefunden hat?

    Vielen dank schonmal im voraus und liebe Grüße!
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ich hab nicht viel Ahnung, aber das bischen sagt: Latein war nie wirklich "Handelssprache", zumindest nicht nach dem Untergang des weströmischen Reiches. In den Ländern, in denen Latein und dessen Nachfolger Umgangssprache war, wird sich auch der Handel dieser Sprache bedient haben. Später kamen über das Italienische zahlreiche einzelne Begriffe in andere Sprache wie das Deutsche (Giro, Konto, Bank, Bilanz etc), aber das waren einzelne Fremdwörter, keine Sprache. Ansonsten beherrschten idR die Sprachen derer den Handel, die diesen maßgeblich betrieben. Im Nord- und Ostseeraum wäre dass dann bspw die Sprache der Hanse gewesen, dh i-eine uralte Variante des Plattdeutschen.

    Hansesprache – Wikipedia
     
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  3. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Für die katholischen Kantone der Zentralschweiz kann ich sagen. Durch die ennetbirgische Vogteien war Italienisch seit dem Mittelalter als Zweit- und Handelssprache recht weit verbreitet. Unzählige italienische Lehnwörter bereichern bis heute die lokalen Dialekte.
    Im frühen 19. Jahrhundert kam dann durch die französische Besetzung noch Französisch als Verwaltungs- und Handelssprache dazu. Diese Lehnwörter sind bis heute in der gesamten Deutschschweiz gebräuchlich.
    Aber die fremden Sprachen haben Deutsch nie verdrängt, es blieb immer die Alltagssprache.

    Anderseits verdrängte Deutsch in manchen Tälern Norditaliens die italienische Sprache fast komplett. Zum Beispiel im Val Formazza…

    Gruss Pelzer
     
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  4. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Das ist allerdings auf die mittelalterlichen Walserwanderungen zurückzuführen.
     
  5. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Neben der von Reinecke erwähnten Hansesprache, die m. W. auf dem Niederdeutschen der Hansestadt Lübeck beruhte, sollte für den Mittelmeerraum die eigentliche Lingua Franca erwähnen: Lingua franca – Wikipedia

    Die englische Wiki beinhaltet ein Beispiel aus der Lingua Franca mit Übersetzungen in die einzelnen romanischen Sprachen und Englisch:

    Mediterranean Lingua Franca - Wikipedia
     
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  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Beziehungen der italienischen Seestädte in den arabischen Raum führte auch dazu, dass Begriffe rund ums Geld oder den Handel aus dem Arabischen übernommen wurden. Da waren zum einen Handelsgüter, etwa die Muskatnuss (nach Masqaṭ), aber auch in der Serrenissima das Fondaco dei Tedeschi, das Fontego de Megio (beides arab. funduq 'Karawanserei', Modernarabisch 'Hotel'), das Arsenale, die Schiffswerft (arab. dāru 'ṣ-ṣinā‘ati, 'Haus des Industrie'), die Dogana (das Zollgebäude, von dīwān) oder die Münzprägestätte (zecca, von arab. sikka).
    Der Fondaco dei Tedeschi oder dei Turchi entsprach den Handelskontoren der Hanse, der dei Tedeschi war gewissermaßen auch einer. Aber nur gewissermaßen, denn hier müssten auch Böhmen, Polen, Flamen und alle Deutschen, die keine Hansemitglieder waren nächtigen und ihre Waren zum Verkauf anbieten.
    Der Fontego de Megio, das 'Hirselager' war eher eine Art Silo oder ein Lagerraum, wie das spanische alhóndiga oder portugiesische alfândega, abgeleitet von demselben arabischen Wort funduq.
     
  7. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Das stimmt natürlich. Aber später, in der frühen Neuzeit, gab es zudem rege Handelsbeziehungen zwischen der deutschsprachige Zentralschweiz und dem Val Formazza. Die Schweizer (keine Walser) siedelten dort und betrieben internationalen Handel. Und sie brachten/verstärkten die deutsche Sprache in den norditalienischen Alpentälern.

    Gruss Pelzer
     
  8. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Sehr interessant!
    Aber funduq (in der heutigen Bedeutung) würde ich eher mit Unterkunft, Raststätte oder Karawanserei übersetzen; zumindest in der heutigen Bedeutung?

    Gruss Pelzer
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nicht direkt zur Frage der Sprache, sondern ein interessantes und wichtiges Buch zu den Innovationen während der Entwicklung der internationalen Handelsstrukturen im Mittelalter, kommt von Abu-Lughod.

    Die Entwicklung der "Messen" wird beschrieben und die Integration des Handels, ausgehend von den italienischen Städten Genua und Venedig. Vor allem in der Rolle als integrativer Teil, der die Verbindung zum Handel nach Osten (Fernhandel) bildete. Und es wird u.a. die Rolle von Brügge und Gent beleuchtet.

    Interessant ist dabei u.a. auch die einsetzende Arbeitsteilung, dass die "Kaufleute" aus Italien zunehmend nicht mehr selber gereist sind, sondern diese Funktion auf andere übertragen haben. Und somit die Frage des Verhandelns auf "internationale" Agenten übertragen wurde.

    In Bezug auf die Sprache wird man zudem sicherlich auch die Mehrsprachigkeit von Handelsfamilien annehmen können. Und vermutlich ist auch die Migration von Teilen der Familie in entfernte zentrale Handelsorte, inklusive dem Aufbau neuer familiärer Strukturen in den jeweiligen Ländern, ein weiterer Faktor, der sprachliche Unterschiede nivelliert hat.

    Abu-Lughod, Janet L. (post 2006], 1991): Before European hegemony. The world system A.D. 1250-1350. New York, Oxford: Oxford University Press.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist eher die frühere Bedeutung, changierend zwischen Warenlager und Unterkunft - was eben eine Karawanserei (ein türkisch-persisches Mischwort) ausmacht. Wobei es auch noch den Ḫān bzw. Khān gibt. Historisch ist meist der Ḫān im Sprachgebrauch inner-, der Funduq außerstädtisch. Im Modernarabischen ist der Funduq aber definitiv das Hotel.
     
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  11. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Sehr, sehr interessant.
    Funduk benutze ich nie, weil ich im Maghreb immer nur Französisch rede ;-) Und im Iran sage ich Mosaferkhane zu den einfachen Unterkünften.

    Aber wir schweifen ab ...
     
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  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ja, da steckt offensichtlich auch das Wort Ḫān drin. Aber soweit ist die Abschweifung gar nicht, denn das Judäopersische und auch das Aramäische waren Handelssprachen im MA, das Aramäische - eigentlich ja eine syrische Sprache - fand zeitweise Verbreitung bis nach China.
     
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  13. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Das Val Formazza war bis über das Mittelalter hinaus Siedlungsland der Walser (modern gesprochen: es siedelten keine Innerschweizer dort sondern Walliser). Im Formazza wurde (nebst italienisch natürlich) mindestens bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts ein alter Walliser-Dialekt gesprochen (wie im tessinischen Bosco-Gurin, welches siedlungstechnisch zum Formazza gehört).

    Dass die Innerschweizer im Spätmittelalter resp. der frühen Neuzeit speziell mit dem Val Formazza Handel getrieben haben sollen, ist mir nicht bekannt. Ich halte dies auch für etwas unwahrscheinlich, denn ausser den üblichen Produkten der Alpwirtschaft war dort nichts zu hohlen.

    Zwischen dem Val Antigorio (Hauptorte Domodossola und Villadossoloa) - das Val Formazza ist lediglich der oberste Talabschnitt des Val Antigorio - und der Innerschweiz (namentlich Schwyz und Uri) hingegen wurde tatsächlich Handel getrieben. Zudem wurde das Val Antigorio (inkl. des Val Formazza) für sehr kurze Zeiträume von den Eidgenossen wiederholt erobert und den "ennetbirgischen Vogteien" eingegliedert.

    Die Handelswaren des Antigorio bestanden meines Wissens u.a aus Eschenholz, welches in der Innerschweiz gern als Schäfte von Stangenwaffen (Hellebarden, Langspiesse) verwendet wurde. Der im Mittelalter übliche deutsche Name für das Val Antigorio war "Eschental".
     

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