Hatte die Demokratie eine Chance in der Weimarer Republik?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Jane Eyre, 9. Oktober 2013.

  1. Jane Eyre

    Jane Eyre Neues Mitglied

    Hatte die Demokratie eine Chance in der Weimarer Republik? Klar ist sie gescheitert... Aber hatte sie überhaupt eine Chance?
     
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  2. Marek1964

    Marek1964 Gesperrt

    Ich denke schon. Sowohl Hyperinflation als auch die Schwere der Wirtschaftskrise (siehe eine Frage hier weiter unten Verhalten-EInstellung der Allierten gegenüber dem DR) hätten bei besserer Wirtschaftspolitik verhindert werden können.

    Ich habe mir manchmal auch vorgestellt, dass man die Niederlage von 1918 hätte besser verarbeiten müssen. Aber ob das unter den damaligen Umständen und üblichen Geisteshaltungen möglich war, ist fraglich. Aber "chancenlos" wäre auch das nicht gewesen, so denke ich mal. Hätten die Demokraten und "Erfüllungsparteien" bessere PR gemacht (sprich den Wählern die Gründe für die Niederlage von 1918, die Verantwortung des Kaisers und des Generalstabs für die Niederlage erklärt) hätten vielleicht Dolchstosslegenden und die Verbitterung über Versailles weniger Chancen gehabt. Und vor allem hätte man darauf hinweisen sollen, dass die Reparationen vielleicht hoch sind, aber demgegenüber Einsparungen auf der Seite der Rüstungsausgaben gegenzurechnen sind.

    Ja, und hätte man Hitler nach seiner Entlassung aus Landsberg nach Österreich ausgewiesen wäre die Geschichte auch anders gelaufen. Hitler war rhetorisch seinen Gegnern klar überlegen und führte auch dank Goebbels den besten Wahlkampf.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2013
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    War er das? Er war wohl in den letzten Jahren der WR eher omnipräsent, weil er als einziger Wahlkämpfer mit dem Flugzeug zu seinen Auftritten flog und nicht mit dem Zug fuhr, deshalb konnte er mehr Wahlkampfauftritte meistern, als die Konkurrenz.
     
  4. fredi

    fredi Mitglied

    1922 wurde Hitler wegen Landfriedensbruch verurteilt. Der erste Versuch Hitler aus Deutschland zuverweisen, wurde umgehend im bayerischen Landtag bewogen.
     
  5. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Mir ist das hier zuviel „hätte“.
    Sicher habe ich da auch eine eigene Meinung und es gibt auch einige Bücher von namhaften Autoren.
    Und sicher hat dieses Thema auch im GF schon wiederholt eine Rolle gespielt.
    Habe aber mal ins Netz reingeschaut.
    Bin da auch wie so oft, auf „gutefrage.net“ gestoßen.
    Da stellt ein User namens „gummibaer123“ die gleiche Frage.

    Ein User Namens „Albrecht“ gibt da eine sehr ausführliche Antwort darauf.
    Seine Analyse hat weniger „hätte“, dafür aber eine ganze Menge Fakten.

    Als Neuling frage ich vorsichtshalber wegen einen Link.
     
  6. Marek1964

    Marek1964 Gesperrt

    Die Frage von der Fragestellerin lautete "hatte die Demokratie eine Chance in der WR". Das an sich ist ja etwas, das ëiner 'hätte wäre" Diskussion entspricht. Und deshalb meine ich ja. Wahrscheinlich hätte jeder der einzelnen Punkte gereicht um die Nazis nicht an die Macht kommen zu lassen. Nicht alle zusammen, sondern jeder für sich. Ein Glied weniger in der Kausalkette und die Demokratie hätte es vielliecht geschafft. Deshalb würde ich nicht von zuviel hätte ware sprechen, sondern eher von vielen verpassten Chancen.

    Fakten? Naja, ich will mal den Beitrag im anderen Forum lesen. Aber Fakt ist, wie Jane, die Fragestellerin, richtig eingangs erwähnt hatte, dass die WR gescheitert ist. Alles andere ist Spekulation. Wenn das Wörtchen wenn nicht wär...
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2013
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine m.E. völlig korrekte Einschätzung der Probleme während der Startphase der WR. Es war gerade die reibungslose Demobilisierung und der Übergang in die zivile Produktion, die eine hervorragende Leistung der jungen Weimarer Republik dargestellt haben.

    Aber gerade weil es so reibungslos verlief und auch als völlig normal wahrgenommen worden ist und ihr nicht als Verdienst angerechnet wurden, konnte sie aus dieser Leistung heraus keine nachhaltige demokratische Legitimation schöpfen. Stattdessen fiel ihr die undankbare Rolle des "Erfüllungsgehilfen" zu.

    Und obwohl die demokratischen Parteien, allen voran die SPD, die WR zu einem für die damalige Zeit vorbildlichen Wohlfahrtsstaat ausbaute, konnte sie die kriegsbedingten Probleme (Hyperinflation etc.) und später die weltwirtwirtschaftlichen Einflüsse in ihren Auswirkungen für die Bevölkerung nicht angemessen meistern.

    Vgl.auch die Grafik von iamnex zu den Gründen des Scheitern der WR, um daraus Erfolgsfaktoren - im Sinne einer kontrafaktischen Geschichtsschreibung - abzuleiten.

    http://www.geschichtsforum.de/f63/weimarer-republik-schon-von-anfang-zum-scheitern-verurteilt-27377/

    Und natürlich hatte die Demokratie eine Chance in der WR. Erst durch die Wirkungen der Weltwirtschaftkrise und die Probleme diese effektiv in den Griff zu bekommen, wendeten sich die Wähler - eher aus Protest - von den demokratischen Parteien ab und im wesentlichen der NSDAP zu.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2013
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  8. Marek1964

    Marek1964 Gesperrt

    Naja, der Albrecht nennt einige Fakten, das ist richtig, aber er widerspricht meiner These nicht wirklich. Er nennt die zu wenige Unterstützung der Rechten, die Unzulänglichkeiten der Verfassung, auch die Altlasten vom Kaiserreich und Versailles usw. Er spricht aber nicht von den Chancen - im Gegensatz zu mir. Von besserer Wirtschaftspolitik, von der Ausweisung Hitlers oder von besserer PR sowohl in Bezug der Altlasten des Krieges und des Kaiserreiches als auch der Erfüllungspolitik wie auch im Wahlkampf vor 1933.

    Meine Antwort ist auf die Frage nicht nur kürzer, sondern beantwortet die Frage der Chancen, die die Demokratie hatte, und verpasste, viel klarer. Albrecht schreibt schön die Geschichte auf. Immerhin, seiner Grundthese kann ich mich auch anschliessen:

    Es vollzog sich kein Geschehen mit absoluter Notwendigkeit, wie groß oder klein auch immer die Verwirklichung von einzelnen Alternativen beurteilt wird (im Ganzen gesehen nahmen ab 1929/1930 die Chancen zunehmend ab).

    Eben die von ihm erwähnten Alternativen habe ich beschrieben, er nicht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2013
  9. Marek1964

    Marek1964 Gesperrt

    Wahrscheinlich nur zu Klarheit für Jane: die Inflation hätte man sehr wohl meistern können, dies haben leider die Politiker der WR damals, auch mit dem Ruhrkampf, zu verantworten gehabt. Zwar hatte der Krieg die Grundlage zur Inflation gelegt, aber die "Explosion" hatten dann schon die Politiker herbeigeführt. In diesem Thread auch noch nachzulesen:

    http://www.geschichtsforum.de/f82/die-bestimmungen-des-versailler-vertrages-46850/#post687119

    Zur Weltwirtschaftskrise auch der Thread von gestern, bereits oben erwähnt:

    http://www.geschichtsforum.de/f82/v...rs-machtergreifung-bernahme-46992/#post689141
     
  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    (Hervorhebung durch mich)
    Alles mE zutreffend.

    Man kann auch vernünftig annehmen:
    Nachdem sich abzeichnete, dass die größten Probleme durch WR überwunden werden konnten, hatte nurmehr Hitler eine Chance.
    Leider konnte er diese 1933 nutzen.

    Alan Bullock - Hitler und Stalin; Parallele Leben - Seite 425:
    Es war, folgt man gleicher Quelle Seite 410, auch eine grandiose Fehleinschätzung der Person Hitlers, die der WR 1933 zum Verhängnis wurde:
    Insofern kann die Fragestellung des Threads auch irreführend sein.
    Man ja kann auch sagen, die Demokratie der WR hatte weit mehr als nur eine Chance, während ihr größter Feind seine letzte Chance schließlich nutzte.

    Auch eine Art von Dolchstoß, ..ohne Legende.
     
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  11. Party Crasher

    Party Crasher Gesperrt

    Eine echte Chance hatte die Demokratie m.M nach nicht. Die Bevölkerung war sauer wegen des verlorenen Krieges, das Diktat von Versailles, Hunger und Umsturzversuche von links wie von rechts, die Unfähigkeit Stresemanns, sich aus dem Ostgebietsfragen herauszuhalten, der Triumpf der Oktoberbewegung, die ständigen Notstandsgesetze, hervorgerufen durch gegenseitiges Anschwärzen der Minister bei Hindenburg, all das behindert eine im Aufbau befindliche Demokratie.
     
  12. fredi

    fredi Mitglied

    Eine, allen voran von der SPD kämpferisch getragene innenpolitisch soziale Gesetzgebung der WR, gepaart mit einer Sozialisierung der Ökonomie, mit der eine auf deutscher Wirtschaftsleistung gegründete westliche Außenpolitik als Erfüllungspolitik auf den Weg gekommen; eine, dem Verlierer des Ersten Weltkrieges angemessene souveräne Politik aus einem Guss, legitimiert und getragen von der Bevölkerung - eine Chance die von der SPD vertan wurde. 1918 war die Zeit der SPD die soziale Demokratie, die Republik, zu schaffen. Die Chance wurde vertan. Die SPD rechnete innenpolitisch nicht mit den Überbleibseln des Mittelalters, den feudalen Strukturen und deren Träger ab, baute nicht tragfähige republikanische Strukturen auf, kämpfte innenpolitisch nicht für die Sozialisierung der Ökonomie, brachte noch nicht mal eine konsequente Besteuerung der Schwerindustrie auf den Weg, verteidigte innenpolitisch nicht kämpferisch die Gemeingüter (Eisenbahn ...), brachte eine nicht auf deutscher Wirtschaftskraft gebaute westliche Außenpolitik der Besiegten auf den Weg, mit der es galt moralischen Kredit in der Welt zu gewinnen. Die SPD, 1918 die Chance vertan die Politik aus einem Guss auf den Weg zu bringen, konnte nicht verhindern, dass mit den ökonomischen Krisen den rechten Feinden der Republik sich Tor und Tür geöffnet.
     
  13. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Also wenn die SPD das versucht hätte, dann wäre meiner Meinung nach die Weimarer Republik deutlich schneller zugrundegegangen.
     
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  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ist halt die Standardantwort: "Die SPD ist an allem Schuld". Da tun dann auch Widersprüche nichts mehr zur Sache, wie der Vorwurf, dass die SPD nicht "innenpolitisch [...] für die Sozialisierung der Ökonomie [kämpfte], [...] noch nicht mal eine konsequente Besteuerung der Schwerindustrie auf den Weg [brachte]" auf der anderen Seite aber auch "nicht auf deutscher Wirtschaftskraft gebaute westliche Außenpolitik der Besiegten auf den Weg" vollzog.
    Irgendwie klingt das nach der politischen Analyse des Fundi-Zweigs der exilierten KPD.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Oktober 2013
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das klingt nicht nur so, sondern entspricht dem als Abziehbild und liest sich wie ein KPD-Wahlkampf aus der Weimarer Republik, in dem auf die SPD eingeschlagen wird (die man bis 1933 als "Hauptgegner" ansah, und weniger die NSDAP, der auf Ebene von Schlägertrupps sogar so etwas wie "Achtung" entgegengebracht wurde).

    Das ist somit keine historische Analyse, sondern - soweit man die verwinkelten und offenbar künstlich verkomplizierten Formulierungen überhaupt nachvollziehen kann - ideologisch durchtränkt.
     
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  16. fredi

    fredi Mitglied

    Sicher. Nicht wenige werden dieser Meinung sein, und werden ihre Sichtweise bringen.

    [FONT=Verdana, sans-serif]Die Chance war 1918 gegeben. Sie wurde nicht genutzt. 1918 versagte nicht nur die SPD die soziale Demokratie, die Politik aus einem Guss, die demokratisch wehrhafte Innenpolitik und die Außenpolitik der Besiegten, auf den Weg zu bringen. Alle Schichten der Bevölkerung trugen ihren Teil dazu bei, dass 1918 die soziale Demokratie in Deutschland nicht geschaffen wurde.
    [/FONT]
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Oktober 2013
  17. fredi

    fredi Mitglied

    Die angeführte Politik aus einem Guss ist die Politik der Reichspolitik, die beispielsweise separatistische Unternehmungen berücksichtigt, diese nicht nur als innere Gefahr für die Republik, sondern auch als Gefahr für die deutsche Außenpolitik der Besiegten erkannte. Innere Gefahr, gegen die demokratisch vorgegangen werden sollte. Kein Kommunismus, kein Klassenkampf … Diese Politik wurde von USPD-Abgeordneten im bayerischen Landtages vertreten.(Münchener DigitalisierungsZentrum. Bayerischer Landtag: Verhandlungen 1919-1933, hier: Zeitraum 1921 – 1922)
     
  18. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Der Ruhrkampf? Der von 1920 oder der von 1923? Ich vermute, Du meinst 1923. Aber warum meinst Du, dass der etwas mit der Inflation zu tun hatte? Ich denke eher, dass Deutschland ohne die Produktivkraft des Ruhrgebiets noch weit drastischere wirtschaftliche Probleme bekommen hätte. Zudem denke ich, dass der Ruhrkampf nur zu geringen Teilen von Politikern verursacht worden ist.

    Eine Chance gibt es immer. Die Weimarer Republik hatte allerdings mit strukturellen Problemen zu kämpfen, die der Demokratie nicht gut taten. Zum Beispiel ist da der Umstand zu nennen, dass der Verwaltungsapparat dominiert war von eher obrigkeitsstaatlich denkenden Menschen, die mehr an Effizienz als an Demokratie interessiert waren. Hinzu kommt der Umstand, dass Deutschland wenig Erfahrung mit der Rolle als "Nationalstaat" hatte und entsprechend leicht in nationalistischen Taumel geraten konnte. Drittens hatte Deutschland noch weniger Erfahrung mit demokratischen Strukturen und hat deshalb "Webfehler" in die Weimarer Verfassung eingebaut - zum Beispiel die Möglichkeit, die Demokratie mit demokratischen Mitteln zu zerschlagen.

    MfG
     
  19. Marek1964

    Marek1964 Gesperrt

    Jede Art von Produktionsausfall durch Streiks bei Lohnfortzahlung ist Inflationstreibend. Der Staat hat ja die Streikenden unterstützt und bezahlt. Statt sie zur Besinnung zu mahnen. Das war natürlich nur ein Faktor, aber halt dann einer zuviel.

    Man hätte sich eingestehen müssen, dass man den Krieg verloren hat und nun die Konsequenzen zu ziehen sind, auch in Form von Reparationen. Die Verantwortung für den Krieg hätte man dem Kaiser und dem Generalstab zuordnen müssen.
     
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Von Wirtschaft verstehe ich nichts. Erich Maria Remarque behauptete jedoch in seinem Roman Der schwarze Obelisk, dass die Regierung nichts gegen die Inflation getan habe/tue*, weil sie ein Interesse am Schuldenabbau habe.

    *an diesem grammatischen Scheinproblem, ob ich nun getan habe oder tue schreibe, entzündet sich ein literaturwissenschaftliches Problem. Also zunächst einmal wäre getan habe korrekt, wenn man bedenkt, dass Remarque das Buch nicht aus zeitgenöss. Sicht geschrieben hat, sondern erst über zwanzig Jahre später, nach dem Ende der Nazizeit. Unter Literaturwissenschaftlern ist es verpönt, ja es gilt geradezu als vulgär, den Autoren mit dem Erzähler oder Protagonisten eines Romans gleichzusetzen. Aber: Der schwarze Obelisk ist ein autobiographischer Roman. Sicher stimmt nicht alles darin, was Remarque seinem Protagonisten Ludwig Bodmer in den Mund legt mit Remarques tatsächlichem Leben überein, aber die Eckdaten zumindest stimmen. Von daher erlaube ich mir davon auszugehen, dass Remarque hier eine Überzeugung nicht nur seines Protagonisten sondern eine ganz eigene niederschrieb.
     

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