Herzog Widukind

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten im Mittelalter" wurde erstellt von PostmodernAtheist, 10. April 2021.

  1. Definitiv eine interessante frühmittelalterliche Persönlichkeit. Aber wie muss ich mir sein Schicksal vorstellen? Widukind würde ja getauft, hat man ihn dann in das Reich integriert oder in ein Kloster gesteckt um ihn zu beseitigen? Würde dazu gerne eure Theorien hören.
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich habe natürlich keine Theorie (um eine Theorie zu bilden, müsste man mit sich mit allen relevanten Fakten und dem Forschungsstand vertraut machen), aber Gerd Althoff vertritt die Theorie, Widukind habe im Kloster Reichenau gelebt:
    https://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/a/a047931.pdf
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Für eine kritische Sicht - was für eine "Theorie" ? - wäre sicherlich relevant, dass die unkritische eine Vereinnahmung vornahm:

    Der Mythos vom Herzog Widukihd" (E. Rundnagel), propagiert von der nationalsozialistischen Geschichtsauffassung als jenes ewige Leben, das dem Sachsenherzog in der deutschen Seele beschieden ist", ließ sich in der Tat trefflich zur völkischen Geschichtsklitterung und rassistischen Stimmungsmache mißbrauchen, bis hin zum Wahnwitz, in Adolf Hitler die Reinkarnation` Widukinds, des Rebellen gegen die Überfremdung durch die halbwelschen Franken und gegen die Tyrannei des Sachsenschlächters Charlemagne und seiner romhörigen Bischöfe, erblicken zu wollen.

    Und Wiki als Gegenposition zu Althoff immerhin auch Freise vorschlägt.

    https://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/k/keh01000843.pdf

    und
    https://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/a/a142466.pdf
     
  4. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Wikipedia sagt auch was zu Enger:

    Die Überlieferung zum Tod und Begräbnis Widukinds in Enger ist mit der Grabdecke aus der Zeit um das Jahr 1100 in derStiftskirche in Enger verbunden und vom Glauben her bestimmt. Man weiß nicht, wo Widukind wirklich begraben worden ist. Die GebeineWidukinds werden in einem Grab in der Stiftskirche zu Enger vermutet. Wissenschaftliche Untersuchungen in den letzten Jahren, die imWidukindmuseum Engerveranschaulicht sind, scheinen zumindest diese Vermutungen zu bestätigen, ein zweifelsfreier Nachweis steht jedoch noch aus.
    Widukind (Sachsen) – Wikipedia

    Sowohl die Stiftskirche als auch das Museum liegen ganz in der Nähe. Vielleicht komme ich die nächsten Wochen dazu, da mal vorbeizuschauen. Man braucht ein frisches Schnelltestergebnis. Das schränkt mich was die möglichen Tage betrifft schon ein.

    Zu den Gebeinen gibt es ein interessantes Video und einen Podcast auf der Museumshomepage:

    Digital | Widukind Museum Enger
     
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  5. Laut Wikipedia hat Widukind noch auf Seiten der Franken gekämpft. Aber er wurde von einem Franken erschlagen??

    "Danach gibt es keine gesicherten Nachrichten mehr über Widukind. Er verschwindet aus den Quellen. Allerdings wird Widukind in der Vita Liudgeri erwähnt, der sich auf dem Weg zum Feldzug gegen die Wilzen befand, und in der Kaiserchronik, in der gesagt wird, Widukind sei von Gerold von Schwaben, dem Schwager Karls des Großen, erschlagen worden (Gerold starb selbst im Jahr 799 auf einem Feldzug gegen die Awaren). Einige Forscher wollen den Ursprung der sauerländischen Kleinstadt Balve mit Ballowa in Verbindung gebracht sehen, einer Anlage, die, ebenfalls in der Vita Liudgeri erwähnt, auf Widukind zurückgehen soll."

    Widukind (Sachsen) – Wikipedia
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Kaiserchronik ist als ereignishistorische Quelle doch eher zu vernachlässigen, insbesondere für Ereignisse, die ausschließlich in ihr über Dinge überliefert sind, die mehrere Jahrhunderte früher geschehen seien.
    Was nun Balve mit Widukind zu tun hat, ist unklar, denn an der entsprechenden Stelle in der Vita Ludgeri wird Widukind überhaupt nicht erwähnt:

    Quaedam iuvencula de villa quae Ballova vocatur ad nos a parentibus adducta est. Haec variolae infirmitatem incidens, unius oculi visum pustulis pupilam obducentibus primo perdidit; deinde post revoltum anni circulum eodem morbo alterum quoque oculum amisit. Deinde ad nostrum, ut diximus, monasterium aduccta, noctem dominicam, quae proxima erat, pervigilem duxit cum suis, atque divinam sibi misericordiam per merita sui confessoris subvenire suppliciter postulavit...
    Es geht in diesem Abschnitt, von dem ich nur etwa ein Fünftel zitiert habe, um ein blindes Mädchen aus Ballova (wahrscheinlich Balve) welches in Münster sein Augenlicht wiedergewinnt. Ein Zusammenhang zu Widukind besteht nicht.

    Eckhard Freise, bekannt aus Wer wird Millionär? (der erste der in der deutschen Version die Millionen-Marke geknackt hat, damals aber noch DM und auch mehrfach danach noch bei WWM aufgetreten), hat Althoffs Identifikation des monachus Widukind von der Reichenau mit dem Sachsenherzog widersprochen. Ich halte Althoffs Deutung für recht plausibel. Die Wikipediaaussage "Diese Annahme ist in der Forschung umstritten." ist zwar korrekt, aber letztlich stehen da zwei (mittlerweile emeritierte) Profs, die beide ihre wissenschaftlichen Meriten haben, mit ihren Auffassungen gegeneinander, beide mit guten Argumenten. Insofern würde ich das eher als ungeklärt als umstritten bezeichnen (sachlich bedeutet beides dasselbe, aber mir erscheint umstritten semantisch negativer, als würde die These von Althoff mehrheitlich verworfen.

     
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