Hexe 1886 !?

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von Cor Sanguis, 20. September 2011.

Schlagworte:
  1. Cor Sanguis

    Cor Sanguis Neues Mitglied

    Guten Morgen,
    Ich bin seit September FSJler im Bereich Kultur und für ein Jahr im Museum tätig.

    Als ich für eine Recherche den Thüringer Hausfreund Nr. 280
    (Schmalkalden, Montag den 29. November 1886) gelesen habe, bin im Unterpunkt "Vermischtes" auf diese Meldung gestoßen:

    "Eine scheußliche That, die Verbrennung einer Mutter durch ihre eigenen Kinder, die sie angeblich für eine Hexe hielten, beschäftigt das Schwurgericht in Sologne. Die Sologne ist eine von der Kultur so wenig beleckte Gegend, daß Wahrsager und Heilkünstler fast in allen Orten eine große Rolle spielen. Die 68jährige Wittwe Lebon hatte sich im vorigen Sommer in das Haus ihrer Tochter zurückgezogen, nachdem sie sich krank gearbeitet und 800 Franken gespart hatte. Dieses Kapital stach ihren Kindern, der Tochter und zwei Söhnen, dermaßen in die Augen, daß sie beschlossen, die arme Alte, die es noch während eines längeren Krankenlagers aufzehren könnte, rechtzeitig aus der Welt zu schaffen. Man wurde einig, sich der „Hexe“ zu entledigen und die Tochter war dabei die Ungeduldigste. Abends 6 Uhr trugen die Söhne, die Tochter und deren Mann die alte Frau in das lodernde Heerdfeuer, nachdem ihr Kopf und wahrscheinlich auch ihr Gewand mit Petroleum getränkt worden war. Sie schrie Anfangs fürchterlich und versuchte sich zu erheben, dann aber wurde ihr Winseln immer leiser. Vier volle Stunden sahen die Entmenschten der Verbrennung zu. Um zehn Uhr war Alles vorbei, und dann gingen die beiden Söhne zur Mairie und zeigten den Tod der „Hexe“ an."




    Ich möchte nun gerne Näheres wissen, finde aber überhaupt nichts im Internet.
    In die französischen Archive werde ich dieses Jahr wohl nicht mehr kommen, und die Archive in Thüringen werden wohl schwerlich Dokumente dazu haben - ich versuche es trotzdem.

    Habt ihr evlt. Anhaltspunkte, Quellen o.Ä., die diese Meldung belegen?

    Grüße,
    Cor
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da es sich um einen Mordprozess handelt und keine Hexenverfolgung im eigentlichen Sinne, wirst du darüber eher nichts im Netz finden, wenn dann wohl auf Französisch.
     
  3. Cor Sanguis

    Cor Sanguis Neues Mitglied

    Ja, da gebe ich dir Recht.

    Der Hang zur Mystik erklärt sich für diese Zeit durch die relative Abschottung gegenüber der Kultur.

    Der Mord wird durch die Beschuldigung der Mutter als "Hexe" legitimiert.

    Ähnliche Motive finden sich aber auch schon früher - es kam ja nicht allzu selten vor, dass ein Bauer des anderen Hab und Gut haben wollte und ihn der Hexerei beschuldigte.
    Einige unliebsame Verwandte konnte auf diese Weise auch aus dem Weg geschafft werden.

    Das Prinzip ist hier auch das Gleiche.



    Bisher habe ich nur bei [MOD]Esoteriklink gelöscht[/MOD] folgendes gefunden:

    "Noch 1885 gewann in Sologne eine Frau ihren Ehemann dafür, ihre eigene Mutter zu verbrennen, die von dem Paar verdächtigt wurde, eine Hexe zu sein."
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 20. September 2011
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich finde es überaus interessant, dass in dem Fall von 1886 die beiden Söhne anscheinend erwarteten, dass, wenn sie den Mord an ihrer Mutter als Tötung einer Hexe deklarieren, ihnen das zumindest eine massive Strafmilderung einbringen würde. Da stellt sich jetzt die Frage, ob sie einfach nur naiv waren oder ob es tatsächlich zu dieser Zeit noch entsprechende Judikatur gab, was ich mir aber nicht wirklich vorstellen kann.
     
  5. Cor Sanguis

    Cor Sanguis Neues Mitglied

    In dieser Gegend war die Wahrsagerkunst etc. noch an der Tagesordnung, normal und auch angesehen.

    Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Mord damit gegenüber des Schöffengerichts seine Legitimierung fand.

    Ich habe noch nicht die späteren Zeitungen durchforstet (kommt aber noch).
    Vielleicht wird die Entwicklung des Prozesses weiterhin dokumentiert, auch wenn ich es in Frage stellen möchte, da der Fall nicht Deutschland bzw. Thüringen entspringt.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der wesentliche Unterschied ist jedoch der, dass die Taten früher durch die Behörden und zeitweise auch durch die Kirche legitimiert wurden, indem diese Verfahren gegen die vermeintlichen Hexen anstrengten.
    Hier liegt der Fall insofern anders, als dass die Verwandten selbst Justiz (hier nicht Selbstjustiz) übten und sich damit selber der behördlichen Verfolgung aussetzten - aber eben wegen Mord und nicht wegen Hexerei.
     
  7. Cécile

    Cécile Neues Mitglied

    Ich finde man sollte diese Zeitung aber auch mal Quellenkritisch durchforsten. Im späten 19.Jh. gab es ja auch schon eine blühende Yellowpress... vielleicht war dieser Hausfreund ja schicht ein übles Revolverblatt ;)
    Sollte hier eine Gegend absichtlich als finsterer Hort des Aberglaubens stigmatisiert werden? Wollte der Schreiberling einfach nur eine gruslige Horrormeldung und hat irgendetwas verdreht? Damals wurde auch schon mit B**D-Zeitungsmethoden gearbeitet...
     
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  8. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nun da die letzte Hinrichtung einer Hexe in Europa 1787 in der Schweiz stattfand und Hexenprozesse in Frankreich durch ein Edikt von Ludwig XVI seit dem Jahre 1682 verboten waren, dürfte die Rechtfertigung dieser Tat aus dem Jahre 1886 auf das zuständige Gericht keinen großen Eindruck gemacht haben.
    Die Sologne in der die Geschichte gespielt haben soll ist zwar waldreich ,aber keineswegs eine von der Kultur wenig beleckte Gegend, befinden sich dort doch weltberühmten Löireschlösser wie Chambord ,Blois ,Amboise und Orleans liegt auch nicht weit weg.
    Wenn ich mir das so betrachte und die Zeit sehe,in der der Artikel erschienen ist und berücksichtige ,daß damals der deutsch-französische Gegensatz noch sehr präsent war, dann bin ich durchaus geneigt,mich Céciles Meinung anzuschließen.
     
  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Icuh erinnere mich nicht mehr genau an Einzelheiten, doch während des 2. Weltkriegs verblüffte eine Wahrsagerin ihr Publikum durch die Genauigkeit ihrer Prognosen. Die Admiralität befürchtete, dass militärische Geheimnisse den Deutschen zugänglich werden könnten, und da die Dame sich keines vergehens schuldig gemacht hatte, nahm man Zuflucht zu einem seit Jahrhunderten nicht mehr angewandten Gesetz und sperrte sie wegen hexerei ein.

    Vielleicht weiß ein anderer Forianer mehr, als ich und kann mehr dazu sagen.
     
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