Hexenprozesse, Inquisition und die Verantwortung der Kirche

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von Taiger11, 28. Mai 2006.

Schlagworte:
  1. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Da liegst du leider falsch. Die Hexenverfolgungen gehören in die Neuzeit. Und nicht ins "finstere" Mittelalter.
    Die haben in Württemberg "generell" ein Rechtsgutachten der Uni Tübingen eingeholt.
    Auch die Hexenhinrichtung im damals Buchauischen Straßberg 1760? geschah erst nach vorliegendem Gutachten.

    Der Rechtspflege wollte anscheinend schon verhindern, dass da jemand ausschließlich wegen "übler Nachrede" auf dem Scheiterhaufen landete.

    Aber ich sags ja, für mich macht solch ein Prozedere die Sache eigentlich noch viel unverständlicher.

    Grüße Repo


    NS Was schreib ich da. Mercy ist absoluter Fachmann auf diesem Gebiet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Juni 2006
  2. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Ganz bestimmt war es nicht als Moralpredigt gedacht. Es kann einem aber schon Angst machen, dass man in der heutigen Zeit feststellen muss, so etwas wäre auch heute nicht auszuschließen. Vielleicht nicht gerade Hexen und Ketzer, aber im letzten Jahrzehnt hat sich gezeigt, wie schnell die Massen zu mobilisieren sind, um sinnlos Menschen zu töten (s. ehem. Jugoslawien).
     
  3. Mercy

    Mercy unvergessen

    Und das nach Kant, der bekanntlich dem Optimismus frönte, die Menschheit sei in beständigem Fortschreiten zum Besseren.
     
  4. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    Ich denke mal, Geschichte dreht sich immer um Menschen, bzw. wird von Menschen gemacht, aber das nur nebenbei.
    Ich werde das Gefühl nicht los, daß du enttäuscht bist, daß die Kath. Kirche nicht so schlecht wegkommt, wie mancheiner das gerne hätte. Das meinte ich auch mit feministischer Mottenkiste. Demnach sieht das klassische Erklärungsmuster für die Hexenprozesse so aus: Die kath. K. hat systematischen Gynozid betrieben. Ihr zum Opfer fielen vor allem die Hebammen, da sie heilkundig waren und den männlichen Ärzten Konkurrenz machten.
    Ganz so kraß hast du das zwar nicht geschrieben, aber das Beharren darauf "die kath. K. muß doch irgendwie Schuld sein, und wenn man mir hundertmal das Gegenteil bewiese" erinnert daran.
    Es gibt kein entweder / oder. Das war ein Zusammenspiel vieler, aus verschiedenen Gründen und unter ebenso verschiedenen Umständen. UNd gegenüber dem frühmittelalterlichen Rechtssystem war die INquisition in der Tat ein Fortschritt.

    Repo: Die Hexenprozesse, in die in irgendeiner Form Kinder involviert waren sind für Württemberg schon recht umfangreich bearbeitet worden. Von Hartwig Weber, ev. Religionspädagoge in Heidelberg. Er betont zwar selbst, kein Historiker zu sein, und manches würde ich auhc noch genauer untersucht haben wollen, aber nach seinen Recherchen haben sich die Kinder häufig selbst bezichtigt, weil sie so in der Lage waren, wieder andere zu denunzieren. Sein Ansatz ist also eher pädagogisch und psychologisch, aber allemal interessant.

    Kassia
     
  5. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Meine Lesekompetenz mag nicht allzu hoch sein, aber ich entdecke in Irenes Argumentation kein Zeichen, dass sie nur die katholische Kirche meint. Sie spricht ebenso von der protestantischen und damit ist Europa fast komplett abgedeckt (wenn man vom Großteil Osteuropas absieht). Bei der Ausführung mag die kirliche Schuld geringer als in letzter Zeit dargestellt sein. Aber was den meinungsbildenden Einfluss betrifft, sieht es mit Konkurrenz eng aus. Da es aber um Menschen geht, muss man auch bedenken, dass das verstandene entscheidender wirkt als das Gesagte. Statt von den Krichen sollte also vielleicht eher bei der Religiösität allgemein angesetzt werden. Die zwar auf jeden Fall von der Kirche verursacht aber nicht zwingend in diese Richtung gelenkt wurde.
     
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Kenne ich.
    Als mit der Materie relativ unbeleckter habe ich die Selbstbezichtigungen erwartet, die recht aufwändigen Ermittlungen, den ganzen juristischen Aufwand dagegen überhaupt nicht.

    Denkende (intelligente) Menschen haben ermittelt, Gutachten erstellt und anschließend Menschen wegen Hexerei usw. dem Scheiterhaufen überantwortet. Die hatten bestimmt keine Gewissensbisse.
    Und das noch weit im 18. Jahrhundert.

    Rätselhaft ist er,.......... der Mensch.

    Grüße Repo
     
  7. Samson

    Samson Gesperrt

    Soviel wie ich weiß dienten die Hexenprozesse dem Volke zur Präsentation von Sündenböcken. Denn die Prozesse häuften sich immer dann, wenn Mißernten anstanden oder Krankheiten ganze Landstriche verwüsteten.
     
  8. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Ich erlaube mir an der Stelle den Hinweis, hier nochmals zu berücksichtigen:

    1. Die Hexenprozesse gehören nicht mehr ins Mittelalter, sondern in die Frühe Neuzeit!

    2. Bitte etwas scharfer abgrenzen zwischen dem Wirken der Inquisition und den Hexenprozessen - eine andauernde Verbandelung dieser Begriffe ist unhistorisch und sogar unwissenschaftlich!
     
  9. florian17160

    florian17160 unvergessen

  10. Mercy

    Mercy unvergessen

    Klar, du hast dich auch mit dem Vordergründigen begnügt.
    Wenn du die Diskussionsseite mal anschaust, ist deine Zufriedenheit wohl beim Teufel.
     
  11. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Man sollte über dieses Thema sachlich diskutieren. Gefühle sind eine subjektive Basis. Ich bin eine Christin und achte jede Religion und auch den Glauben eines jeden Menschen. Ich habe hier allgemein von Kirchen, was also auch meine Konfession anbelangt, und von weltlichen Herrschern gesprochen. Es ist eine gemeinsame Vergangenheit, mit der man sich auseinandersetzen kann, darf und muss.
    Selbst wenn ich diese Vorstellungen hätte, die du gefühlsmäßig mir unterstellst, erklärt das immer noch nicht, was das mit einer feministischen Mottenkiste zu tun haben soll, denn sicher haben auch Männer die von dir geschilderte Vorstellung zur Schuldfrage. Da sind sich wohl Frauen wie Männer gleich, was also hat der Begriff feministisch in dem Zusammenhang mit dieser Diskussion hier zu tun.
    Und wir sollten es dabei belassen, was ich geschrieben habe zu lesen und nicht zu unterstellen, ich hätte etwas anderes gemeint. Ich schreibe immer genau das, was ich meine. Soviel dazu.

    Und selbstverständlich beharre ich darauf, dass die katholische Kirche daran eine Schuld hatte, genau wie die protestantische und auch die weltliche Macht. Und es ist ein Fortschritt, dass man heute sich mit dieser Problematik beschäftigt und weiter forscht, in der Inquisition selbst kann ich keinen Fortschritt erkennen.
     
  12. Mercy

    Mercy unvergessen

    Da bin ich dir dankbar.

    Es gibt eine Richtung in der Hexenforschung, die sich feministisch nennt und den Hexenbegriff der historischen Forschung auf "Weise Frauen" verengt. Hatte ich aber bei dir nicht den Eindruck (eher den einer neugierigen Naivität :grübel: )

    Mitunter freilich ist das Wort klüger als der Autor, wie schon Lichtenberg bemerkte.
    Ersteres sei dir unbenommen, das andere müsstest du erläutern. Die Institution Inquisition gibt es nicht mehr, aber geforscht wird da sehr wohl.
    z.B.:
    http://www.geschichtsforum.de/showpost.php?p=4417&postcount=1
     
  13. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Aha, nein davon bin ich nie ausgegangen, die Diskussionen werden immer etwas allgemein gehalten - die Hexe - aber das ist doch wohl allgemein bekannt, dass auch Männer unter diese Verfolgung fielen. Repo hatte glaub ich schon darauf hingewiesen, Hexen/Inquisition zu trennen.
    Zu Hexen und deren Verfolgung denke ich auch, dass da wohl eher ein starkes Konkurrenzdenken der Antrieb war und die Kirchen eher weniger interessiert waren.
     
  14. Samson

    Samson Gesperrt

    In der kommentierten Neuübersetzung des Hexenhammers DTV Verlag schreibt man öfters von Hexeninquisition.
    Heinrich Kramer entwickelte nach Behringer 1897 die Parallele des Verhältnisses zwischen Inquisitor und Hexe bzw. Exorist und Besessener zu der zeitgenössischen Figuration Analytiker und Klientin. Freud glaubte, Inquisitor und Hexe wiederholten, unter der Folter eine in früher Kindheit erfahrene Traumatisierung, er aktiv, sie passiv.
    Erst der Theologe Pfister führte die Angst als Motiv der Inquisitatoren ein. Der Inquisitor führte seinen Glaubenskrieg gegen Waldenser, Hussiten, Böhmische Brüder, Taboriten, Juden, Hexen, die Beschützer der Hexen, überfromme Frauen,Vertreter eucharistischer Irrlehren, Vertreter eines kaiserlichen Primats in der Christenheit und Anhänger der Konzilsbewegung innherlab der katholischen Kirche.
    Jürgen Peterson hat in seinen "Aufschlüssen zur Persönlichkeitsstruktur" des Inquisitors aufgezeigt, daß der Kampf um den reinen Glauben auch sprachlich im Zentrum seiner Bemühungen stand. (Behringer zur Psychologie Heinrich Kramers) Für Kramer waren die Hexen ein Sonderfall von Glaubensfeinden und folgerichtig stieg die Zahl der Hexenverbrennungen in den Zeiten der Inquisition an.
     
  15. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Alles sicherlich richtig - wenngleich Freuds Traumatisierungstheorie in einer geschichtlichen Betrachtung außen vor bleiben sollte -, aber dennoch bleiben folgende Fakten:

    1. Die Inquisition war eine rein katholische Institution, die Hexenprozesse historische Erscheinungen sowohl in katholischen wie auch in protestantischen Landen.
    2. Die Hexenprozesse erfolgten durch weltliche Gerichte - und nochmals verweise ich auf die richtige zeitliche Einordnung: in der Frühen Neuzeit.
    3. Es gab durchaus Fälle, wo von Seiten der Inquisition bei Hexenprozessen zugunsten der Angeklagten interveniert wurde.
     
  16. Mercy

    Mercy unvergessen

    Ist ja auch das Thema des Buches.
    vgl. dazu:
    http://www.sehepunkte.historicum.net/2002/04/3571.html

    Das finde ich bei Behringer nicht (recte 1487).

    Oskar Pfister mag ein ehrenwerter Pfarrer gewesen sein,
    http://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Pfister
    aber die Angst hat schon Spee thematisiert.

    Die Inquisition nahm zu ihrer Zeit die ihr übertragenen Aufgaben wahr. Zu diesen Zeiten gab es übrigens noch keine protestantischen Kirchen.
    Mit Kramer hat das nichts zu tun.
     
  17. Samson

    Samson Gesperrt

    Die Angaben sind in der schon erwähnten Neuübersetzung von Behringer und Jerouschek im Kapitel "Zur Psychologie Heinrich Kramers" S. 78ff zu finden.
     
  18. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    Das bezog sich auf das über Decker gesagte und da bezieht sie sich explizit auf die kath. Kirche.
    Ich habe ein Problem damit, daß man ein Problem, das regional begrenzt ist (im Wesentlichen jedenfalls) global breittritt, indem man pauschal sagt "die Katholische Kirche" oder "die evangelische Kirche" oder Calvinisten oder Zwinglianer oder oder oder.....
    Wieviele Katholiken es damals gab, weiß ich nicht (lasse mich aber gern aufklären), heute sind es zumindest ca. ein Milliarde und die kann man wohl kaum alle in einen Topf werfen.
    War das jetzt deutlich? Nicht immer kommt das, was man meint, auch beim anderen so an. Das gilt für mich und für andere hier
     
  19. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Das Thema Hexenverfolgung und auch Inquisition kann man regional diskutieren. Wenn von kathol. oder protestant. Kirche gesprochen wird, überhaupt wenn von "die Kirche" gesprochen wird, ist in dem Sinne immer die Institution gemeint, es ist nicht auf die Gläubigen sondern auf die Kirche als Institution bezogen. Denn es gibt als Institution nur eine Kathol. Kirche. Und in der Epoche der Hexenverfolgung und Inquistion war diese Institution zugleich für die weltlichen Machthaber die übergeordnete kirchliche Macht. Ich halte es auch für ausgeschlossen, dass in einzelnen Ländern eigenmächtige Entscheidungen der dortigen katholischen Geistlichen getroffen wurden. Wenn hier also die Schuld- oder Nichtschuld diskutiert wird, dann geht es immer um die Institution, nicht um einzelne Gläubige. Ich nahm an, das wäre klar.
     
  20. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    Nein, ich meine, das ist nicht klar, denn es gab immer auch Leute (z.B. Jesuiten wie Spee und Dominikaner wie Salazar Frias), die dagegen waren und das auch öffentlich bezeugt haben. Denen täte man Unrecht.
    Außerdem gabe es keinen Zwang so oder so mit den Bezichtigten zu verfahren, das war ins Ermessen einzelner gestellt. Deshalb haben einige Landesfürsten in ihren Territorien verfolgt, andere nicht. Denn hätte es einen beispielsweise von Rom auferlegten Zwang zur Verfolgung und Tötung gegeben, hätten sich diejenigen strafbar gemacht, die das nicht taten. Es gab da aber offenbar einen Ermessensspielraum, zumindest darin, wen man für Hexe / Zauberer hielt.
    Wenn du noch was informatives lesen möchtest:
    http://www.dhm.de/ausstellungen/hexenwahn/katalog.htm
     

Diese Seite empfehlen