Hexenprozesse, Inquisition und die Verantwortung der Kirche

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von Taiger11, 28. Mai 2006.

Schlagworte:
  1. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Das ist doch wohl jetzt nicht ernst gemeint, dass sich die Kirche für angebliche Verbrechen entschuldigt hat? Und einbezogen hat sie auf jeden Fall die Ketzerverfolgung und teilt damit die Sicht aus unserem heutigen Wissen heraus.
    Galilei, Hexen und Ketzer standen gleich, sie bedrohten den Glauben, die Religion und damit die Kirche. Wenn die Kirche also sich dafür entschieden hat, jetzt die Rehabilitierung Galileis gemeint, warum sollten wir da anzweifeln, ob diese Entscheidung richtig war, besser gesagt, Du hast Zweifel?

    Worüber reden wir dann überhaupt, wenn selbst die Entscheidung der Kirche zu dieser heißen Problematik noch angezweifelt werden soll? Meinst Du nicht auch, dass im Vatikan in den Archiven auch Unterlagen vorhanden sind, die sorgfältig geprüft wurden, bevor die Kirche diesen Schritt tat? Meine Sicht, und sicher nicht nur die meinige, dürfte mit der Sicht der heutigen Kirche also nicht soweit auseinander liegen. Es geht nicht um Bestrafung, es geht einfach nur darum einen Teil der Schuld zu akzeptieren.
     
  2. ning

    ning Gesperrt

    Zur Entschuldigung bzgl. der Inquisition und Hexenprozessen: Papst Johannes Paul II hat sich und die Kirche nicht bei den Opfern entschuldigt, sondern "Gott um Vergebung gebeten".
     
  3. derLiterat

    derLiterat Neues Mitglied

    Man muss bei diesem Thema doch klar trennen zwischen Hexenverfolgung, die eher im niederen menschlichen Bereich angesiedelt war, und der Inquisition, die sich gegen Abweichungen des definierten Glaubens, also gegen Wissenschaftler, wahrhaftige Kleriker und gegen lokale Besonderheiten des Glaubens richtete. Gerade in Spanien hat die mittelalterliche Inquisition am schlimmsten gewütet. Ich weiß den Grund dafür, der allein in der Geschichte dieses Landstriches begründet liegt...
     
  4. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Und teilst du uns dein Wissen mit?
     
  5. ning

    ning Gesperrt

    Trennung? Sehr wohl. Deshalb schrieb ich ein UND.
    In der Urteilsfindung und Begründung der Inquisition sehe ich allerdings keine so klare Trennungen, sondern fließendes Vermengen von Häresie über Hexerei bis zu Sodomie.
    Und wenn auch versch. Hinrichtungsarten dem Richter freigestellt waren, den Besitz der Delinquenten streifte jedes Gericht ein.
     
  6. derLiterat

    derLiterat Neues Mitglied

    Man sollte bedenken, dass das, was man heute als Spanien bezeichnet vom siebten Jahrhundert an bis 1492 (Eroberung Grenadas) fest in maurischer Hand war. Natürlich begann die lange Rückeroberung des christlichen Landes bereits im Jahre 732.
    Ein Land unter maurischer Herrschaft bedeutete in erster Linie Glaubensfreiheit!!!
    Nur die Christen mühten sich, anderen Kulturen den christlichen Glauben aufzuzwingen. Es gibt kein umgekehrtes Beispiel.
    Nun waren die Goten, die gegen die Mauren ihre Gebietsansprüche verloren
    allesamt Arianer. Sie hatten somit eine andere Vorstellung von Gott und Jesu, als es die katholische Kirche definierte.
    Um die Geschichte abzukürzen, sage ich hier nur: Als die Rückeroberung der iberischen Halbinsel abgeschlossen war, sah sich die Kurie einer christlichen Glaubensweise ausgesetzt, die sie vor Jahrhunderten schon zu vernichten geglaubt hatte...
    Deshalb die Ausrottungsorgien der Inquisition in Spanien - diese richteten sich gegen den Glauben...
     
  7. Saint-Just

    Saint-Just Neues Mitglied

    Nein, waren sie nicht mehr seit der westgotenkönig reccared 587 den katholizismus übernommen hat.

    meine wissens hat sich die spanische inquisition vor allem mit juden und mauren beschäftigt. erste waren 1492 zwangsweise zum katholizismus übergetreten und haben häufig insgeheim weiter ihr judentum praktiziert. hier zeigt sich eine übergangsform zwischen religiösem antijudaismus und rassisch begründetem antisemtismus, da die entsprechenden familien häufig über geenrationen überwacht wurden. da sie im prinzip christen waren, bleib nur die blutsmäßige abstammung als unterscheidungskriterium.
    zweitere waren die nach dem fall von grenada 1492 in Spenien verbliebene muslime.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hier haben wir es mit zwei Dingen zu tun:
    Schwarzweißmalerei und der These esoterisch veranlagter, andalusischer Separatisten, vermutlich auf Blas Infante, den Begründer des andalucismo zurückgehend!
    Lange Zeit wurde der Aufstand des katholischen Hemenegild gegenüber seinem arrianischen Vater Leovigild als religiös motiviert angesehen, so hatte es Isidor überliefert. Die jüngere Forschung meint aber, auf Grundlage der unter Leovigild erlassenen Gesetze und auch der Politik seines Nachfolgers und zweiten Sohnes Rekkared, der 589 mit dem Großteil der arrianischen Bischöfe und des westgotischen Adels zum Katholizismus übertrat, dass die Konfessionenfrage kein Grund für den Aufstand gewesen sein kann: Leovigild, der 586 starb, hatte die Konversion wohl schon länger vorbereitet. Hermenegild wurde im Übrigen 585 von seinem Vater zu Tode verurteilt.
    Nun tun wir zeitlichen einen Sprung ins maurische Spanien, dessen angebliche Toleranz immer wieder kolportiert wird. Ja, unter den Umayyaden war der Islam eine tolerante Religion, im Osten wie im Westen. Aber in al-Andalus wäre den Muslimen auch nichts anderes übrig geblieben, da sie bis etwa 900 in der Bevölkerungsminderheit waren, also die ersten 200 Jahre ihrer Herrschaft.
    Gegen Ende der Kleinkönigreiche im 11. Jahrhundert kippt die Toleranz: es kommt besonders zu antijüdischen Pogromen der inzwischen mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, so etwa in Granada, wo an einem Tag im Jahre 1066 4000 Juden den Tod fanden. Die Zeit war reif für die Glaubenskrieger aus der Wüste, die Almoraviden, welche nach ihrer Machtübernahme 1090 Kirchen und Synagogen in al-Andalus zerstörten. Die Christen Granadas schrieben in den 1120ern an Alfonso el Batallador (Aragón) einen Brief, in dem sie ihm 12.000 Kämpfer versprachen, sollte er sie von der Almoravidenherrschaft befreien. 1125 kam er, war aber relativ erfoglos, er konnte keine Stadt erobern. Aber er nahm 25.000 Christen Granadas mit, die er im Umland Zaragozas ansiedelte. Die Almoraviden deportierten die übrigen Christen in ihr Kerngebiet, nach Marokko. Von den Almohaden (in al-Andalus ab 1146) sind besonders antijüdische Pogrome überliefert, vor ihnen flohen Christen, Juden und Muslime [sic!] in die christlichen Königreiche des spanischen Nordens. Erst ab 1379 haben wir hier Nachricht von antijüdischen Pogromen.

    Die Spanische Inquisition war weniger eine religiöse, als eine politische Angelegenheit. Kastilien und Aragón waren frisch durch Heirat geeinigt. Nun galt es die Gemeinsamkeiten zu betonen uund das war v.a. der Katholizimus. Zudem wurden besonders die Muslime als fünfte Kolonne wahrgenommen, die Meriniden galten als eine potentielle Macht, mehr Angst hatte man aber - auch in Spanien - vor den Türken.
    Die spanische Inquisition richtete sich vor allem gegen Neuchristen, welche in Verdacht standen im Geheimen dem jüdischen oder muslimischen Glauben anzugehören.

    (Ich hatte vorhin eine weitaus längere Version geschrieben, aber mein Rechner ist leider zwischendurch abgestürzt (scheiß Kiste! :crash: Ich hab keinen Bock mehr!)
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2006
  9. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Am Rande:
    Es gibt von Simon Wiesenthal (dem Nazijäger) ein Buch "Segel der Hoffnung" indem er nachzuweisen versucht, dass 1. Kolumbus Jude war und 2. dass die Fahrt des Kolumbus als Versuch der Juden Spaniens zu sehen ist neue Siedlungsplätze zu finden, da sie in Spanien nicht mehr "wohlgelitten" waren.

    Grüße Repo
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Zur Ergänzung: nach 1125/26 gab es in al-Andalus keine nennenswerten christlichen Gemeinden mehr (bzw. es fehlen Quellen und archäologische Befunde für christliches Leben in dieser Zeit), die Sprache der andalusischen Christen (Mozarabisch) starb um 1200 aus, abgesehen von einer toledaner Kirche, in der angeblich die Liturgie nach wie vor in mozarabischer Sprache abgehalten wird.
     
  11. Herold

    Herold Neues Mitglied

    Die Verfolgung und Hinrichtung von Hexen wie von Ketzern wurde selbstverständlich auch von Gebildeten und kirchlichen Würdenträgern nicht als Verbrechen erkannt - ganz einfach deshalb, weil es für sie kein Verbrechen war! Das Vorgehen gegen solche Bedrohungen des Glaubens und damit der von ihnen ausgehenden Gefährdung der gesamten göttlichen Weltordnung war vielmehr eine Notwendigkeit, die verhinderte, dass die gesamte religiös fundierte kosmische Ordnung einen Zusammenbruch erfuhr. Auch für Gebildete und den Klerus war die Gefahr einer dem Teufel dienenden Hexenverschwörung real. An der Existenz von Hexen und der von ihnen ausgehenden Gefahr war nicht zu zweifeln, und bei ihrem Erfolg hätte nichts weniger als der Sieg des Teufels und die Verdammung der gesamten Christenheit gestanden. Diese Vorstellung einer verborgen wirkenden teuflischen Verschwörung bedurfte natürlich einer Entwicklung, die im frühen 15. Jhd. einsetzt, aber (nach Verbindung mit zahlreichen Elementen volkstümlichen Hexenglaubens) zur Zeit der schweren Verfolgungswellen ab 1580 Allgemeingut ist - auch und gerade in den gebildeten Schichten. Nicht die Verfolgung war das Verbrechen, sondern die Hexerei war das crimen exceptum.


    Auch wenn Tradition natürlich für die Kirche (und gerade für die katholische Kirche) eine enorm wichtige Rolle für das religiöse Selbstverständnis spielt, darf man doch nicht übersehen, dass auch die Kirche dem historischen Wandel unterliegt, die Kirche von heute sich also durchaus merklich von der Kirche vor vierhundert Jahren unterscheidet. Und das betrifft - bei aller Bedeutung zentraler gleich bleibender Glaubensgrundsätze - nicht nur die Kirche, sondern auch die Theologie. Ideen, wie sie in früheren Epochen von der Kirche als vereinbar mit dem Glauben propagiert wurden, wie etwa der Glaubenskrieg mit Feuer und Schwert, wie etwa eine simple Werkfrömmigkeit (Stichwort: Ablasshandel), wie etwa die Verbrennung von vermeintlichen Hexen und Ketzern haben sich im Laufe eines Entwicklungsprozesses als unpraktikabel, als problematisch oder gar als der eigentlichen Glaubensbotschaft entgegen stehend herausgestellt. Was damals als richtig galt, muss heute lange nicht mehr als richtig gelten. Und deshalb kann der Papst sich auch heute für Verfehlungen und Sünden der Kirche entschuldigen.

    Die Entschuldigung selber (die übrigens weder Inquisition noch Hexenverfolgung explizit erwähnt) ist natürlich vor dem Hintergrund aktueller kritischer Debatten um die historische Rolle der Kirche zu sehen (bei der das fast schon monströs verzerrte Bild gerade von Inquisition und Hexenverfolgung nicht unbedeutend ist). Die Tradition, in der die Kirche steht und die ihr Selbstbewusstsein und Orientierung gibt, hat nach den Maßstäben der heutigen Zeit auch Schattenseiten und eine Entschuldigung hierfür entspricht der Bereitschaft der Kirche, ihr Erbe durchaus kritisch zu sehen. Die Kirche kann sich aber nicht für das Weltbild vergangener Epochen entschuldigen und so wollte die Entschuldigung sich wohl auch kaum verstanden wissen. Eher war die Entschuldigung ein Hinweis darauf, dass die Kirche von heute nicht mehr die Kirche des Mittelalters, der Gegenreformation oder des Kulturkampfes ist. Für weitere Interpretationen, wie furchtbar die Kirche früher gewütet hat und sich deshalb jetzt entschuldigen muss, gibt die Entschuldigung wenig her.


    Was heißt denn hier anzweifeln? Es geht einfach um einen unterschiedlichen Blick auf die Geschehnisse. Die päpstliche Entschuldigung spricht davon, dass "in manchen Zeiten der Geschichte" Christen Unrecht gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen verübt und zugelassen und damit Schuld auf sich geladen habe. Dafür bittet der Papst im Namen aller Gläubigen Gott um Vergebung und darum, dass sich so etwas nicht wiederhole. Ist natürlich alles schön und richtig, zeigt aber nur, wie sehr die Kirche in der heutigen Zeit die Vergangenheit sieht, und nicht, wie dieses kirchliche Handeln in der entsprechenden Epoche bewertet wurde. "Nur" weil der Past heute richtigerweise sagt, die Kirche hat bisweilen falsch gehandelt, heißt das nicht, dass die betroffenen Zeitgenossen ihr Handeln für falsch gehalten haben.


    Hexenverfolgung war generell nicht im niederen menschlichen Bereich angesiedelt. Obrigkeit wie Untertanen ging es um die Bekämpfung einer vermeintlichen existentiellen Gefahr - wohl kaum etwas, das mit niederen Beweggründen umschrieben werden könnte. Das Beklemmende an Hexenverfolgungen, im Gegensatz zu den genannten Glaubensabweichungen, ist einfach die Tatsache, dass für uns heute ganz klar ist, dass Hexerei nicht existent ist und es demnach keine Schuldigen geben kann und Massen an Menschen dennoch dafür verurteilt wurden. Das war aber nicht für die Zeitgenossen klar und deren Vorgehen gegen Hexerei ist deshalb bei weitem nicht als niederer Beweggrund abzutun.


    Das ist mal wieder eine der maßlosen Übertreibungen, die sich immer wieder im Umfeld der Themen Inquistion und Hexenverfolgung finden lassen... Du meinst also Ausrottungsorgien wie die, in denen zwischen 1540 und 1700 von der spanischen Inquisition von etwa 44000 Verdächtigen 826 hingerichtet worden sind (also knapp zwei Prozent)? (Zahlen nach Schwerhoff, Inquisition)
     
  12. Samson

    Samson Gesperrt


    Es gibt unzählige Beispiele, wo Richter und Gelehrte Kritik an den Prozessen übten.
    Beispiel: Der adlige Herr Randeckh wollte aufgrund seiner Gewissenbisse seine Blutgerichtsbarkeit an den Herzog von Bayern abtreten. Hauptbegründung: er könne es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren Unschuldige umbringen zu lassen.
    (Der Fall liegt als Dokument im Staatsarchiv München) bzw. erklärend abgedruckt in der Dokumentsammlung in "Hexen und Hexenprozesse in Deutschland" von Wolfgang Behringer DTV Verlag
     
  13. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Ich bin ja gerne bereit, wenn die entsprechenden Quellen existieren, in einigen Punkten meine Meinung zu revidieren. Aber dass Du oder wir wissen, was die Gebildeten oder kirchlichen Würdenträger als selbstverständlich ansahen und akzeptierten, welche Meinung sie wirklich dazu hatten, dass dürfte wohl eher ein Wunschtraum bleiben. Wenn wir die Gedanken und Gefühle der Menschen vergangener Epochen kennen würden, dann wäre die Geschichte noch sehr viel spannender und interessanter. Ich nehme Deine Darlegung oben dann als das was sie ist, eine Vermutung.
     
  14. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

  15. Obwalden

    Obwalden Mitglied

    Ich meinte natürlich mit "angeblich" keinesfalls, dass diese Taten erfunden oder ähnliches seien. Mit angeblich meine ich, dass im Nachhinein (2000) Ereignisse zu Verbrechen gestempelt werden, welche zum damaligen Zeitpunkt gar nicht als Verbrechen galten. Das der Papst beim Herrn um Entschuldigung für seine Kirche bat, finde ich nicht schlechtes. Aber ich finde es sehr heikel, wenn man sich für Verbrechen entschuldigt, die zum "Tatzeitpunkt" keine waren.
    Deshalb finde ich es vielleicht fragwürdig, dass man im Nachhinein bereits gemachte, jahrhunderte alte Entscheidungen hervornimmt, mit der heutigen "Brille" betrachtet und sie dann neu beurteilt.
    Aber der schritt zur Entschuldigung als solcher finde ich nicht negativ.

    Bei den Ketzern ging es fast ausschliesslich um Glaubensfragen. Für die waren vorwiegend die Landeskirchen, bzw. die Inquisition als Institution verantwortlich.
    Bei den Hexen ging es primär aber auch nach dem Schaden an der Gemeinschaft. Wobei hier nicht alles allgemein genommen werden darf! Es gab auch Regionen, wo primär die Hexerei als Ketzerei verurteilt wurde. Bei den meisten Prozessakten, die ich bisher sah, schien die Angst vor dem Schaden gegenüber den anderen Bewohnern eines Dorfes, einer Stadt etc. grösser.
    Denn es war für eine damalige Gemeinschaft gefährlich, wenn sie eine "Hexe" unter sich wähnten, die das Vieh verderben, Unwetter heraufziehen und anderes konnte. Deshalb waren für die Hexenprozesse hauptsächlich oder sogar ausschliesslich die weltlichen Gerichte zuständig.
    Deshalb lege ich auch so einen Wert auf die Trennung Hexerei-Ketzerei.
     
  16. Mercy

    Mercy unvergessen

    Welche Prozessakten lagen denn dir vor?
     
  17. Cassandra

    Cassandra Neues Mitglied

    Worin ich die hauptsächliche Schuld der Kirchen sehe, ist die Aufhetzung. Der Umgang mit Hexen wurde von der normalen Bevölkerung entschuldigt und gerechtfertigt, mit dem Glauben am Hexentum. Die Menschen glaubten z.B. daran, dass die Seele der Hexen durch die Verbrennung gerettet wurden. Man hat den Hexen damit fast etwas Gutes getan.
    Nicht nur das es einfach war, Schuld einem Sündenbock in die Schuhe zu schieben, die Angst "verhext" zu werden, war real. Wer an Gott glaubte, glaubte auch am Teufel und damit an den Teufelspakt. Und diese Lehre ging nun mal von den Kirchen aus. Oder liege ich hier falsch?
    Ich sehe es gleich einer Massenhysterie

    Bei der Kirche dreht es sich auch nicht um eine gesetzliche Schuld, sondern um eine Moralische. Es dreht sich um die Bestätigung um die Existenz von Hexen, und deren wissenschaftliche Begründungen für den Hexen- und Dämonenglauben. Ohne dem hätte es nie so weit kommen können.

    Gruß
    Cassandra
     
  18. Samson

    Samson Gesperrt

    Auch innerhalb der katholischen Kirche gab es Kritik an den Hexenverfolgungen. Zu nennen wären hier der Theologe Cornelius Loos aus Gouda, der offiziell in Trier zum Verzicht auf „unkatholische Ansichten“ gezwungen wurde und Tanner und Laymann. Hauptsächlich kam die Kritik aber von den Protestanten und Calvinisten. Weyer schrieb mit „ De praestigiis daemonum“ das Standardwerk für die Verfolgungsgegner.

    Öffentliche Gutachten von berühmten zeitgenössischen Juristen wie das des Ratskonsulenten Dr. Johann Fichard der freien Reichsstadt Frankfurt/Main, des Juristen Dr. Johann Goedelmann aus Tübingen, der die Haltung der Rostocker Universität vertrat bezogen eindeutig Stellung gegen die Hexenprozesse und errangen großen Einfluß im deutschsprachigem Raum, da sie überkonfessionell argumentierten.

    Interessant wird es dann, als der Calvinist Witekind, welcher als Mathematikprofessor in Heidelberg lehrte die sozialpolitische Komponente in das Spiel brachte:“ Wenn Hexen arme Frauen sind, dann brauchen sie nicht Strafe, sondern Liebe.“

    1590 dann hielt die konfessionelle Spaltung Einzug: Katholiken durften nach einem bayerischem Hofgutachten keine Argumente mehr von Brenz oder Weyer benutzen. Damit waren sie praktisch von der inhaltlichen Kritik an den Hexenprozessen abgeschnitten.
    Umgekehrt polemisierte die protestantische Seite auch im Laufe der Zeit immer mehr, da die Verfolgungsgegner die Form der Prozeßführung und die Definition der Hexerei als katholisch und päpstlich bezeichneten.


    Abschließend kann man sagen, dass im protestantischem Raum offener über Hexen und ihre Prozesse diskutiert werden konnte und die Kritik im katholischem Raum bekannt, von einigen auch geteilt wurde, aber aus dogmatischen Bindungen durch die Kirche unterdrückt wurde.

    Bei den Verfolgungsbefürwortern zeigt sich auch eine Parallele zu den extremen Konservativen des 19. und 20. Jahrhunderts in der Argumentation:
    :
    „Vernichtung des Ungeziefers“, „Ausrottung des Unkrauts mit Stumpf und Stiel“, keine Maßnahme, keine Folter, keine Hinrichtungsart ist wirksam genug, um gegen den „Feind“ vorzugehen. Das Feindbild hatte sich allerdings im Laufe der Zeit geändert und ist „modernisiert“ wurden: Freimaurer, Illuminaten, Jakobiner, Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden, Zigeuner, Ausländer, Gammler, Terroristen... etc.pp.
     
  19. Herold

    Herold Neues Mitglied

    Ein Wunschtraum? Nun, zum einen gibt es da so etwas wie eine Geschichtswissenschaft, die sich doch in der Tat schon seit längerem bemüht, gerade zum Thema Hexenverfolgung grundlegende Fakten zusammen zu stellen und der es auch möglich ist, einigermaßen das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem Hexenverfolgung stattfand, und auch und gerade die intellektuelle Basis für dieses Phänomen zu beleuchten. Denn - und das ist gleichzeitig zum anderen - bringt es die Eigenschaft, "Gebildeter" zu sein, mit sich, sein Wissen nicht im Stillen für sich zu behalten, sondern sich in einen publizistischen bzw. literarischen Austausch mit seinesgleichen zu begeben, so dass gerade von dieser Seite reichhaltig Quellen vorhanden sind, die den intellektuellen Horizont dieser Schicht erhellen können.

    Wikipedia hat unter dem Stichwort "Hexentheoretiker" eine lange Liste von Befürwortern (wie auch von Gegnern der Hexenverfolgung): Hexentheoretiker - und dabei ist diese Liste keineswegs vollzählig, beispielsweise sind weder Päpste (wie etwa Innozenz VIII.) noch Martin Luther oder Johannes Calvin genannt, die alle die Notwendigkeit einer Hexenverfolgung bekräftigen, womit auch die führenden Köpfe aller drei Konfessionen in den Kontext einbezogen werden. Wie von ihnen gibt es daneben auch von vielen anderen Denkern der Zeit Äußerungen zum Hexenwesen, ohne dass sie aber als explizite Gewährsmänner für diese Thematik genannt werden. Dies mag an dieser Stelle als Beleg dafür genügen, dass die europäische intellektuelle Elite sich durchaus intensiv mit dem Phänomen der Hexenverfolgung auseinandergesetzt hat - und zwar keineswegs allein mit seiner Ablehnung, sondern auch weithin mit seiner Bekräftigung! (Es sei für diese Thematik auch noch einmal auf den weiter oben bereits von Kassia geposteten vorzüglichen Link verwiesen: Katalog des DHM: Hexenwahn. Ängste der Neuzeit, hier findet sich in dem Aufsatz von Othon Scholer beispielsweise viel Material zum geistigen Horizont des Martin Anton del Rio, eines zentralen Denkers zum Thema Magie im 16./17. Jhd. Der von Timotheus gepostete Link ist dort übrigens auch als Aufsatz enthalten.)


    Nur weil der Herr zu Randeck in Bayern die Hexenverfolgung ablehnt, ist das noch lange kein Beleg dafür, dass diese allgemein kritisch oder gar als Verbrechen gesehen wurde. Der Herr zu Merfeld in Westfalen beispielsweise war da ganz anderer Meinung (vgl. Gudrun Gersmann in der HZ, Beihefte 31). Mal ganz abgesehen davon, dass es etwas seltsam erscheint, dass der Herr zu Randeck eines seiner wichtigsten Rechte, die Blutgerichtsbarkeit, freiwillig an den Herzog abtreten will - vielleicht verbergen sich hier (wie oben von mir skizziert) auch noch andere Interessenslagen unter der Oberfläche, denen die Hexenverfolgung als Instrument zum Konfliktaustrag gelegen kommt?

    Und natürlich haben auch Richter und Gelehrte Kritik an den Prozessen geübt, was aber keineswegs gleichbedeutend ist mit einer Ablehnung des Hexenglaubens oder der Wahrnehmung einer Hexenverfolgung als generellem Verbrechen. Die berühmte Cautio Criminalis von Friedrich Spee etwa stellt die Existenz von Hexen überhaupt nicht in Frage, vielmehr kritisiert er die Prozesspraxis, die einen Beweis der Unschuld praktisch unmöglich macht. Auch Hermann Löher als Gegner der Hexenprozesse greift in seiner "wehmütigen Klage" die Hexenrichter an, die Prozesse mit Lügen und erfolterten Geständnissen betreiben würden. Ein vollkommener Zweifel an einem Weltbild mit magischen Komponenten schient beiden dabei aber nur schwerlich möglich. Und (um es noch einmal zu betonen): Die Leistungen solcher Gegner der Hexenverfolgung ist unzweifelhaft sehr hoch einzustufen, aber mit ihren Gedanken begannen sie erst ein verbreitetes Weltbild zu ändern, sie sind erste Vertreter einer Sichtweise auf das Hexenphänomen, der (glücklicherweise) die Zukunft gehören sollte, aber sie sind nicht unbedingt Exponenten einer damals verbreiteten Mehrheitsmeinung.
     
  20. Samson

    Samson Gesperrt


    Zitat Spee:

    "... es ist mir schon früher oft der Gedanke gekommen, daß jene erwähnten Inquisatoren diese ganze Unzahlö von Hexen erst mit ihrem unbesonnenen, doch sollte ich sagen, wirklich sehr ausgeklügelten und weislich verteilten Foltern nach Deutschland hereingebracht haben. ..."

    Aus diesem Zitat entnehme ich, daß Spee an die Hexen als Schöpfung der Inquisition glaubte.
     

Diese Seite empfehlen