Hindenburgs politisches Testament - verfälscht?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Carolus, 15. März 2014.

  1. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich bin heute in der Presse über Artikel zum politischen Testament von Paul von Hindenburg gestoßen: The document that might have stopped Hitler | The Times of Israel und Could WWII have been avoided? How secret will of former German president Paul von Hindenburg may have knocked Adolf Hitler off course | Mail Online

    In der deutschsprachigen Presse konnte ich zu dem Thema bisher zumindest noch nichts finden.

    Zum Hintergrund: 1934 wurde Hitler per Volksabstimmung zum Führer und Reichskanzler ernannt mit einer Zustimmung von knapp 90 %(!)(Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs ? Wikipedia).

    Nach den Zeitungsmeldungen sind vom britischen Geheimdienst MI5 Unterlagen freigegeben worden, nach denen Hindenburg in seinem politischen Testament, sich für eine von der Politik unabhängige Armee ausgesprochen hat, ein Zwei-Kammer-System und eine Gewaltenteilung zwischen Exekutive und Legislative - kurz gesagt der Sturz der Nazi-Diktatur.

    Die "offizielle" Version des Testaments war allerdings ein wenig anders:
    nach Hindenburgs Vermächtnis - Tod zur rechten Zeit - SPIEGEL ONLINE

    Das Original des Testaments - sofern es existierte - wurde vernichtet. Nach Hindenburgs Tod wurde die Wehrmacht auf Hitler vereidigt. Die Kenntnisse über das "richtige" Testament stammen von einem Exilanten aus Deutschland, Fritz Günther von Tschirschky ? Wikipedia, der diese Informationen an den britischen Geheimdienst übergeben hat.

    Falls diese Aussagen von von Tschirschky richtig sein sollten, wäre vielleicht das Plebiszit von 1934 nicht so eindeutig oder gar nicht für Hitler ausgefallen. Vielleicht hätte dann auch die noch nicht auf Hitler vereidigte Armee geputscht.Der Holocaust und der 2. Weltkrieg hätten nicht stattgefunden. Aber das sind alles kontrafaktische "Was-wäre-gewesen,-wenn..."-Überlegungen.
     
  2. hatl

    hatl Premiummitglied

    (August 1934 fand keine "Volksabstimmung" statt, da ja keine Grundlage mehr dafür vorhanden war.)

    Und so wie ich es lese, wurde auch nicht etwa der Inhalt eines etwaigen Vermächtnisses "declassified", also freigegeben, sondern die Einlassungen Tschirschky's, es habe ein solches gegeben an dessen Abfassung er mitgewirkt habe.
    Davon habe es zwei Entwürfe gegeben, die beide zerstört worden seien, und eine der beiden durch Tschirschky selbst aus Furcht.

    Die zitierte Behauptung Tschirschky´s "... he helped to draft Hindenburg’s last will and testament, a document which he said blasted Hitler and called on the German people to embrace democracy." (Hervorhebung durch mich) ist verwunderlich.
    :winke:
    Grüße hatl
     
  3. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    ja und nein, Volksabstimmung: ja, freie Volksabstimmung: nein, wo war die freie Presse und die Opposition? Wurde ordnungsgemäß gezählt? Wurde das Wahlgeheimnis gewahrt? Was wäre die Alternative gewesen? Hätte man im Falle einer gescheiterten Volksabstimmung (Zustimmung < 50 %) eine freie, demokratische Wahl gehabt oder die "Wahl" auf einer Einheitsliste der Staatspartei?

    Nach 75 Jahre "Machtergreifung" - Das Haken-Kreuz mit den Wahlen - SPIEGEL ONLINE

    wurde nicht richtig gezählt, Bürger wurden aufgefordert, offen abzustimmen, das Kreuz bei der "richtigen" Entscheidung wurde schon vorher auf die Stimmzettel gemacht.


    hier einige interessante Links:

    Innenpolitik


    In den Großstädten war die Zustimmungsquote übrigens unterdurchschnittlich:

    z. B. Hamburg
    aus: - taz.de

    Interessant sind auch einige Bemerkungen zur Wahl von Viktor Klemperer:

    aus: 75 Jahre "Machtergreifung" - Das Haken-Kreuz mit den Wahlen - SPIEGEL ONLINE

    Das ist richtig, die Entwürfe sind anscheinend verschwunden. Ob die Nazis diese noch behalten haben und erst später vernichteten, oder ob diese nach 1945 in die Archive Moskaus gefunden haben und dort womöglich noch liegen könnten, ist Spekulation.

    Hindenburg hätte sich auch für eine Demokratie mit konstitutioneller Monarchie wie in Großbritannien, Niederlande, Dänemark, Schweden, Norwegen, Belgien etc. aussprechen können.
     

Diese Seite empfehlen