Hippokratischer Eid - Abtreibung bei Frauen Antike

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von lilolung, 15. Juni 2011.

  1. lilolung

    lilolung Mitglied

    Hallo Community,

    zu dem Eid gibt es meines erachtens 2 thesen:

    1. hipprokrates befürwortete abtreibung bei frauen
    2. eben nicht.

    hat jemand lektüre zu den 2 thesen oder kann welche empfehlen.

    danke.
     
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  2. Afkpu

    Afkpu Aktives Mitglied

    Ich kenne mich da zwar nun nicht so genau aus, aber ich denke nicht, dass Abtreibung zur Zeit von Hippokrates schon ein zentrales Thema war. Zumal die Gesellschaft nich in ähnlicher Weise entwickelt war (in Richtung Emanzipation), dass sich die Frau bewusst dafür entscheiden konnte. Außer eben bei einer "unerlaubten" Schwangerschaft, aber selbst in diesem Fall war es denke ich wahrscheinlicher das Kind auszutragen.

    Hierfür wäre auch wichtig zu wissen, welche Stellung Hippokrates im Bezug auf den Beginn menschlichen Lebens eingenommen hätte, da es sich laut einigen Strömungen bei der Abtreibung um die wissentliche Abtötung bereits existenten Lebens handelt. Ich denke deine Fragestellung in die ethisch/moralische Weltanschauung der damaligen Zeit zu übertragen wird schwer bis unmöglich. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren.
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Worauf stützt sich These Nr. 1? Der Eid enthält in seiner antiken Fassung ein klipp und klares Verbot, einer Frau ein Abtreibungsmittel zu geben.

    Anzumerken ist allerdings, dass die Verfasserschaft durch Hippokrates selbst nicht gesichert ist. Bereits in der Antike wurden ihm allerhand medizinische Publikationen unklarer Herkunft zugeschrieben.
     
  4. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Wenn es damals Mittel zum Schwangerschaftsabbruch gab (und die gab es sicherlich), dann verfügten da sicherlich nicht irgendwelche Männer drüber, selbst wenn sie Koryphäen der Medizin sind oder waren. Bis in die Neuzeit hinein war die Geburtshilfe (und damit auch die Geburtsverhinderung) kein praktisches Betätigungsfeld für Männer.
     
  5. lilolung

    lilolung Mitglied

    @ reinecke: was meinst du genau? quellen belegen, dass hipokrates ahnung von abtreibung hatte und auch tipps der anwendung kannte. der hippokratische eid soll sich ja gegen abtreibung aussprechen. gehe man davon aus, dass er auch von H. verfasst wurde, kannte er zwar mittel und wege, überließ es dann aber den hebammen oder wie? hast du literatur dazu?
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich erinnere mich an kein antikes Zeugnis, das über Abtreibung Auskunft gibt, nur an einen Fall von antiker Sterbehilfe bzw deren verweigerung.
    So soll Hadrian wegen der unerträglichen Schmerzen seines Krebsleidens mehrfach versucht haben, sich das Leben zu nehmen, doch kam ihm immer seine Umgebung zuvor. schließlich bat er seinen Arzt um ein wirksames Gift, doch der nahm sich selbst das Leben, um diesem Dilemma zu entgehen.

    Allerdings war der Freitod in der Antike keineswegs tabuisiert und galt als ehrenvoll, um Schande, Versklavung oder auch unmenschlichen Schmerzen zu entgehen. In Masilia, dem heutigen Marseille konnten Bürger, die den Entschluss, sterben zu wollen angemessen begründeten, auf Staatskosten ein wirksames Gift erhalten.

    Titus Petronius, der verfasser des Satyricon wurde wegen der beteiligung an der Pisonischen Verschwörung zum Suizid genötigt, den er geradezu zelebrierte. Er veranstaltete eine Party, beschenkte seine Gäste und Sklaven und ließ sich von seinem Arzt die Pulsadern öffnen.
     
  7. Brian

    Brian Gesperrt

    Die Frage die sich stellte war nicht, ob eine Abtreibung erlaubt war, sondern was eine Abtreibung ist. In der Antike gab es auch die Meinung, dass ein Schwangerschaftsabbruch nur dann eine Abtreibung ist wenn er medikamentös eingeleitet wird. An anderen Stellen werden im Corpus Hippocraticum nämlich Abtreibungstechniken beschrieben, aber nur an einer einzigen Stelle an einem gesunden Fötus. Der Autor (der wahrscheinlich nicht der selbe ist, wie der des Eides) beschreibt wie er eine Tänzerin auffordert eine bestimmte Sprungtechnik auszuführen.
    Soranos von Ephesos schreibt dazu:
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juni 2011
  8. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Weder bei Hippokrates selbst, noch einer seiner Schüler sind mir in ihren umfangreichen Schriften Abschnitte zur Abtreibung zwecks Geburtenkontrolle untergekommen. Zwar gibt es Werke, die sich ausfürlich mit Spontanaborten auseinandersetzen, in denen diese (ab dem dritten Monat) auf eine zu glatte Gebärmutterwand, auf Hypoplasie der Gebärmutter oder auf vernarbte Geschwürbildungen zurückgeführt wird; eine künstlich herbeigeführte Frühgeburt, also ein künstlicher Schwangerschaftsabbruch, wird nicht besprochen. Lediglich über ein Fragment (ich glaube, dass uns dieses über Galen überliefert ist), könnte man einen Hippokratiker in Sachen Abtreibung überführen. Von Euryphon - Wikipedia, the free encyclopedia von Knidos heißt es, dass er eine Frau auf eine Leiter band und sie bis zum Abstoßen des Fötus schüttelte.

    Mir ist eine Stelle aus der Politik des Aristoteles eingefallen, wo es heißt:
    "Trotz der Geburtenbeschränkung, die der Bevölkerung ausdrücklich auferlegt wird, werden zuviele Ehen fruchtbar. Abtreibungen sind vorzunehmen, bevor das Embryo Gefühl und Leben empfangen hat."

    Wobei mir aus dem Effeff nicht klar ist, ab welchem Schwangerschaftsstadium für Aristoteles das Ungeborene schützenswert ist. Doch dieses Detail tut auch nicht viel zur Sache. Vielmehr ist dieser Satz ein Zeugnis dafür, dass

    a) Abtreibung durchaus etwas war, das in der Gesellschaft Gang und Gäbe war. Ansonsten wäre es Aristoteles ein Bedürfnis gewesen, den Akt an sich erst einmal zu rechtfertigen. Er versucht jedoch lediglich Struktur und Ordnung in die Sache zu bringen. Die causa an sich ist nichts außgerwewöhnliches, ansonsten würde er nicht so unbefangen davon schreiben.

    b) ein Bewusstsein vorhanden war, dass auch Leben vor der Geburt etwas Schützenswertes ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juni 2011
  9. lilolung

    lilolung Mitglied

    Hippokrates schreibt in seinen Werk „Das Wesen der Frauen“: „Wenn eine Frau nicht empfangen will, mache sie es sich zur Gewohnheit, nach dem Beischlaf den Samen herausfallen zu lassen"

    Für Aristoteles ein probates Mittel, die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Aristoteles Begründung: - Wird aber die Kindeszeugung ganz freigegeben, wie es in den meisten Staaten geschieht, so muss das die Verarmung der Bürger zur Folge haben.

    Platon: -"(…) wenn aber Eheleute durch die Beiwohnung noch weiteren Nachwuchs über die Grenzen hinaus erzielen, so muss man diese Leibesfrüchte, bevor Gefühl und Leben in sie kommt abtreiben.“

    Liegt es da nicht nahe, dass Hippokrates gleicher Meinung war?
     
  10. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Nicht unbedingt. Ebensowenig wie heute war man in der Antike einer Meinung, was Abtreibung anbelangt, und auch die rechtlichen Regelungen variierten. Das war auch später im Römischen Reich so, wo die Abtreibung in der Republik toleriert und in der Kaiserzeit zunehmend eingeschränkt wurde.
     
  11. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Nein, weil das, was Du hier von Hippokrates zitierst, mit Empfängnisverhütung zu tun hat und nicht mit Abtreibung, das sind zwei Paar Stiefel.

    Nebenbei ist die von ihm beschriebene Methode auch nicht die zuverlässigste, wie wir alle wissen.
     
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  12. lilolung

    lilolung Mitglied

    ja, stimmt. auch wenn der hippokratische eid nicht von hippokrates selbst verfasst wurde, beruht er trotzdem auf seine ethnischen Maßstäbe. und da Lukrezia Borgia meint, das ihr keine schriften untergekommen seien, wo hippokrates einer abtreibung "zustimmt", wäre es schlüssig, dass er die abtreibung an sich nicht unterstützte.
     
  13. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Nur weil mir nichts untergekommen ist, heißt es nicht, dass es das nicht gibt. Vielleicht kommt ja noch jemand mit einer passenden Stelle. :) Allerdings tendiere ich wie Du auch zum Gefühl, dass Hippokrates Abtreibung wohl nicht befürwortete.
     
  14. lilolung

    lilolung Mitglied

    :) ja, klar...ich werde das natürlich auch nochmal recherchieren, ob ich etwas zu hippokrates=abtreibung finde; was ich bisher aber auch noch nicht habe. ich denke aber auch, dass du in diesem gebiet schon bewanderter bist :) als manch anderer und der hippokratische eid spricht eigentlich auch dafür.
     
  15. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Blöderweise ist bei keiner einzigen der ihm zugeschriebenen Schriften unstrittig, dass sie wirklich von ihm ist ...
     
  16. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Das ist richtig. Jedoch kann man aufgrund der Überlieferung seines Dunstkreises durchaus Schlüsse ziehen. Das ist ja nichts, was singulär ist in der Geschichtswissenschaft. Sokrates hat beispielsweise auch keine Schriften hinterlassen und es lässt sich ein recht gutes Bild von ihm zeichnen. Zum Einlesen sei auf den Wikipedia-Artikel verwiesen:

    Corpus Hippocraticum ? Wikipedia
     
  17. lilolung

    lilolung Mitglied

    Auch wenn es keine schriftlichen Überlieferungen darüber geben soll, dass Hippokrates für die Abtreibung war, gibt es dann Beweise, wo er sich dagegen ausspricht? Zum Beispiel:

     
  18. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Siehe diese Enzyklopädie: Enzyklopädie Medizingeschichte - Google Books mit vielen weiteren Nachweisen. - Interessant auch der Hinweis zur "Beseelung" des Embryos.
     
  19. lilolung

    lilolung Mitglied

    Super, danke .-)
     
  20. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Wenn ich mich recht erinnere, war im Judentum Gegenstand einer Abtreibung die Leibsfrucht nach dem 40. Schwangerschaftstag. Davor handelte es ich nur um "Wasser". Ich gehe davon aus, dass der Verfasser dieser Ansicht im Talmud das nicht erfunden hat, sondern auf eine Opinio communis mit längerer Tradition zurückgriff.

    Die arabischen Ärzte erkannten den Hippokratischen Eid für sich als verbindlich an. Sie interpretierten jedenfalls den Eid dahingehend, dass Abtreibungen verboten seien. Aber die arabische Medizin kannte mancherlei Abortive.
     

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