Historische Sonnenfinsternissen - reihenweise Erblindung?

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von Eichelhäher, 20. März 2015.

  1. Eichelhäher

    Eichelhäher Neues Mitglied

    Als Mutter zweiter Grundschulkinder, die heute den ganzen Tag nicht aus dem Gebäude gelassen werden, und als Lehrerin, die ihre Neuntklässler von Ministeriums wegen eindringlich auf die Gefahren der "SoFi" hinweisen musste (und die wegen Nebels grad nix sieht, meh), frage ich mich: Müssen Leute bis vor wenigen Jahrzehnten bei Sonnenfinsternissen nicht reihenweise erblindet sein? Wer grade nicht auf die Knie fiel und Gott/Götter um Gnade anflehte, die Welt nicht untergehen zu lassen, hat doch garantiert zu jeder Zeit dieses Schauspiel gebannt angestarrt. Bei Tim Z. aus B. haben 1999 ja auch zwei Minuten gereicht. Gibt es dazu irgendwelche Aufzeichnungen?
     
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  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Ich glaube nicht, dass es dazu sonderlich viel an Aufzeichnungen gibt. Dass man sich keinen Gefallen tut, wenn man Brennesseln anfasst, in Hornissennestern stochert, einer Bache mit Frischlingen Fratzen schneidet oder in die Sonne starrt, scheint mir zu den ganz allgemeinen alltäglichen Fertigkeiten zu zählen (also zu solchen, die nicht eigens umfangreich überliefert sind)
     
  3. Xander

    Xander Aktives Mitglied

    Danke Eichelhäher, so einen Beitrag wollet ich auch gerade stellen!

    @dekumatland
    Klar wusste man früher, dass man nicht lange in die Sonne blicken kann, doch der Mensch ist ja neugierig und bei solchen Ereignissen schaut man dann doch hin und hat sich wohl auch irgendeinen provisorischen Schutz gebastelt.
     
  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Xander
    und das scheint ganz gut geklappt zu haben, denn es finden sich nahezu keine Aufzeichnungen über bei Sonnenfinsternissen Erblindete.
    (man könnte natürlich satirisch spekulieren, dass die Neanderthaler zu gern und zu oft zur verdunkelten Sonne stierten und ergo ausstarben...) :rofl::still:
     
  5. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Ich poste es bewusst erst nach der Sonnenfinsterniss, um nicht zum Nachmachen anzuregen:

    In meiner Kindheit haben wir von der Schule aus eine Sonnenfinsterniss durch angerusste Glasscheiben angeschaut - meines Wissens ist keiner erblindet. Wird hier womøglich zu viel Trara gemacht?

    Ohne Hilfsmittel - und erst recht ohne Information sprich Vorwarnung darueber - wird man des Schauspiels vielleicht gar nicht gewahr, selbst wenn es nicht durch Wolken verdeckt ist.
    Hier in der Næhe von Trondheim (ueber 90% Abdeckung) war es zur Kernzeit natuerlich schon etwas dunkler, aber wenn man "nackt" in die Sonne schaut, sieht man den Mond nicht deutlich, um nicht zu sagen gar nicht. (Warum sollte der auch da sein, den gibt's ja nur nachts)
    Ein Unwissender wuerde sich also vielleicht 5 - 10 Minuten sorgen machen, was mit der Sonne los ist, aber dannach wære das Thema sicher wieder vergessen.
    Irgendwann wusste man Bescheid, konnte sogar Sonnenfinsternisse im Voraus berechnen. Dennoch scheint es aber auch keine massenhaften Erblindungen gegeben zu haben.
    Die Schlussfolgerung ist, dass die schon damals vorhandenen Mittel für wenige Interessierte ausgereicht haben muessen, und die Masse der Menschen keine Lust drauf hatte, sich das anzuschauen, jedenfalls ohne Hilfsmittel.

    Oder?

    Gruss, muheijo
     
  6. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    partielle Sonnenfinsternisse dürften die meisten Leute früher kaum richtig wahrgenommen haben- und bei totalen Finsternissen ist die Sonne ja völlig verdeckt,da kommt es zu keiner Blendung
    Problematisch ist wohl tatsächlich .wenn man über einen längeren Zeitraum ungeschützt oder womöglich noch mit Fernglas in die Sonne starrt- und Astronomen mit Augenschäden im Alter scheinen früher auch nicht so selten gewesen zu sein.
    Mein Tip übrigens für alle Fotographen-zwei hintereinander geschaltete Polfilter (linear und cirkular)und ein Skylight-Filter -damit kann man den Vorgang prima beobachten
     
  7. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Es ist ja nicht so, dass man schlagartig (vollkommen) blind wird, wenn man (kurz) in die Sonne schaut. Wie Du selbst schreibst, scheint Tim Z. diesen Blick zwei Minuten lang durchgehalten zu haben - was imho ein großes Maß entweder an Schmerz- oder Irritationsfreiheit oder andere Defizite voraussetzt. Die meisten gesunden Menschen wenden ja fast automatisch den Blick ab, wenn sie ungeschützt in die Sonne starren.

    Es gibt (oder scheint zu geben) eine Analogie aus der Seefahrt: Zu Ende des Mittelalters und bis ins 16. Jh. hinein benutzen Nautiker den Jakobsstab zur Ermittlung der geographischen Breite ihrer Position. Dieser war der Vorgänger von Quadrant, Oktant und Sextant. Dazu mussten sie jeweils zeitweise direkt in die Sonne schauen. Und zwar in See täglich, wenn diese zu sehen war. Scheinbar nur teilweise geschützt durch berusste Glasscheiben. Auf Dauer scheint das Ihrer Seh-/Seefähigkeit Abbruch getan zu haben. Ich halte mich hier bewusst vage, weil ich keine verlässliche Quelle dafür habe, das I-net aber voller indirekter ebensolcher ist:
    https://books.google.de/books?id=uh...f a ship amongst twenty but was blind&f=false

    https://books.google.de/books?id=qX...onepage&q=navigator cross-staff blind&f=false

    Jakobsstab ? Wikipedia

    https://books.google.de/books?id=ll...#v=onepage&q=Jakobsstab blind navigat&f=false

    Allerdings kann ich nicht mit wirklich seriösen Quellen dienen. Es besteht also die Gefahr, dass obig verlinktes nur Teil der Legendenbildung um die notorische Augenklappe von Hein-Feld-Wald-und-Wiesen-Pirat war. Die Seeleute der damaligen Zeit waren ja auch nicht alle und gänzlich blöde. Etliche von ihnen scheinen sich durch - berusste Gläser vor den Augeben teilbeholfen zu haben.
    Ich halte aber zumindest die Winkelmessung des Sonnenstandes mit blossem Auge, ohne dieses zu schützen für ebenso plausibel, wie man bis vor wenigen Jahren noch ohne Gehörschutz in Maschinenräumen und ohne Atemschutz an Sägen und ähnlichem zugange war.
    Demzufolge wäre ein maßvolles Betrachten einer Sonnenfinsternis mit ungeschütztem Auge zwar der Seefähigkeit nicht zuträglich, würde das Auge häufig genug auch verblitzen. Aber dass daraus damals wahrnehmbar Erblindung gefolgt wäre und dies in so großer Zahl , dass das in irgendeiner Chronik vermeldet worden wäre, halte ich für unwahrscheinlich.
     
  8. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    naja, nun ist ja für die nächsten 66 Jahre für die Untergangstheoretiker von daher nix zu erwarten, Spannung ist noch im Stromnetz, die Sonne scheint wie immer nach solch einem Ereignis und ich werde mich wohl nicht mehr über die Sonnenfinsternis auslassen.
    Diese war ja nicht soo spektakulär wie die 1961 oder 1999 ...
     
  9. beetle

    beetle Aktives Mitglied

    ein Zitat von Adalbert Stifter:

    Nichts habe ihn mehr in seinem Leben erschüttert und das Gefühl der "Erhabenheit" vermittelt, als jenes Ereignis, das nur zwei Minuten dauerte und ein Stück Ewigkeit war. "Es war nicht anders", schrieb Adalbert Stifter, "als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen und ich hätte es verstanden."


    Quelle: Verschwörungstheorie: Sonnenfinsternis und Blutmonde, das wird gefährlich - DIE WELT

    Eine Web-Seite zu Adalbert Stifter:
    Adalbert Stifter: Sonnenfinsternis 1842
     
  10. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied


    Interessant ist das schon und beachtenswert was man da so alles in den Medien hört und liest. :grübel:

    Ein Eisbär musste sogar sein Leben lassen.

    Svalbard wurde als Ort der perfekten Sonnenfinsternis ausgewiesen. Also zog es viele nach Spitzbergen.
    Der Ort war überfüllt.
    Wie in den Nachrichten zu lesen ist – hier Blick.ch – übernachtet eine Gruppe in Zelten und da passierte es.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich möchte behaupten, dass vor der Erfindung von Massenkommunikationsmitteln die Fähigkeit Sonnenfinsternissen zu berechnen nicht unbedingt breite Bevölkerungsschichten erreichte. Sonnenfinsterinissen wurden ja auch, sofern wir das mittelalterlichen und antiken Texten entnehmen können, oftmals als (böses) Omen angesehen (natürlich bekommen wir als Historiker das nur mit, wenn auch wirklich etwas in Zusammenhang mit der Sonnen- oder Mondfinsternis gestellt werden konnte, wofür sie als ein Omen interpretiert wurde), was eher dagegen spricht, dass man in der Lage war, sie zu errechnen. Aber selbst wenn die Gelehrten das konnten, so erreichte man damit noch nicht alle Menschen und man muss davon ausgehen, das viele neugierig und ggf. auch ängstlich diesem Phänomen zuschauten. Wobei jeder von uns, der schon mal in die Sonne geschaut hat, weiß, dass das allenfalls für Sekundenbruchteile ohne Schmerz möglich ist. Und ich meine, dass das auch der Grund ist, warum nicht allzuviele Menschen dauerhaft erblindet sein dürften: Einfach weil keiner länger als einige Sekundenbruchteile am Stück in die Sonne schauen konnte. Spätestens seit römischer Zeit hatte man ja auch Glas und mit Bruchglas mag auch der eine oder andere interessierte vielleicht auch ein paar Sekunden länger in die Sonne geschaut und sich so eine Netzhautverbrennung zugezogen haben.
     
  12. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Sonnenfinsternisse treten ja nur selten auf. Sonnenfinsternisse, die die gleiche Gegend betreffen, noch seltener. Ich denke nicht, dass es zum Allgemeinwissen werden konnte, dass wenn man zu lange in die abgedunkelte Sonne schaut, man blind werden kann.

    Hier war sie eher unspektakulär. Hätte ich nicht gewußt, dass eine stattfindet, hätte ich wohl nicht gemerkt. Bei diesigen, nebligen Wetter ist mein Eindruck, dass den ganzen Tag schon Sonnenfinsternis herrscht.=)
     
  13. Dion

    Dion Aktives Mitglied

  14. BZwo

    BZwo Aktives Mitglied

    Wir hatten heute perfektes Beobachtungswetter. Als Vermesser hat man im Außendienst auch immer das richtige Instrument dabei um so ein Ereignis indirekt beobachten zu können. Einfach das Fernrohr des Tachymeters auf die Sonne ausrichten (natürlich ohne dabei direkt in die Sonne zu blicken). Dann das Feldbuch 2 bis 3 handbreit hinter das Okular halten und scharf stellen. Schon hat man eine perfekte Projektion von der Sonne und der sich langsam davor schiebenden Mondscheibe. :)

    Prinzipiell müsste das auch mit einer Camera obscura funktionieren und ich kann mir gut vorstellen, das man in der Vergangenheit auf diese indirekte Weise auch Sonnenfinsternisse beobachtet hat.
     
  15. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Ja, das funktioniert tatsächlich, habe es heute ausprobiert: Ein Blatt Papier, in das mit einer Nadel ein Loch gestochen wird, und eine Projektionsfläche (in meinem Fall ein zweites Blatt Papier) und fertig war eine Camera obscura, die ein kleines, aber überraschend scharfes Bild geliefert hat.

    Hier in München war das Wetter zwar perfekt, aber die Sonne wurde leider nur zu max. 68% verdeckt. Dennoch wäre die Finsternis auch ohne Ankündigung zu bemerken gewesen, denn die verbliebenen 32% lieferten nur noch ein fahles, graues Licht, was beim wolkenlosen Himmel schon sehr auffällig war.
     
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  16. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das geht problemlos.
    Einer unserer Leute hat heute mit einer Nadel ein Löchli in einen Pappkarton gestochen und einen knappen halben Meter dahinter ein Blatt Papier gehalten.
    Die Abbildung war sehr gut! .. und zwar in einem hellen Raum.
    (Besser übrigens als der Blick durch den Schweißerhelm, dessen Frontseite schon ein bisserl verrunzt war.)

    Die Lochkamera (camera obscura) bedarf nur dann einer sorgfältigen Ausführung, wenn weit lichtschwächere Quellen als die Sonne abgebildet werden sollen, also praktisch alle anderen.
    "Blickt" man in die Sonne, dann genügt die allerprimitivste Anordnung, zumindest wenn man nur eine partielle Sonnenfinsternis hat und nicht die Korona sehen will oder kann.
    Aber auch in anderen Fällen funktioniert das gut.
    Anfang März erhellt die Sonne mein Schlafzimmer und dieses findet sich kopfstehend, als Fensterpartie mit Pflanzen und Zeug, im Bad durchs Schlüsselloch an die trüben Kacheln projeziert.
    (Es entspricht meiner Gewohnheit im Dunkel des herabgelassenen Rollos ein morgendliches Bad zu nehmen.)

    Man kann davon ausgehen, dass frühe Bauten keinen Rollo hatten, jedoch insgesamt recht dunkel waren, auch Ritzen und Löcher aufwiesen, und deshalb eine Lochkamera vergleichsweise häufig darstellten.

    P.S. Dion
    Da haben sich unsere Beiträge überschnitten, und wärst Du nicht aus München, ich hätte fast vermutet, dass Du einer aus unserer Firma bist. :winke:
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. März 2015

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