Hitlers Interviews ?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Karl100, 27. Dezember 2019.

  1. Karl100

    Karl100 Neues Mitglied

    Hallo Forumer,

    zunächst, da ich hier neu bin, möchte ich mich (Jahrgang 1964) kurz als in dem Sinne Geschichts-Laie vorstellen, der sich seit etwa 2013 verstärkt für die Geschichte des III. Reiches und des Zweiten Weltkriegs interessiert - nicht zuletzt auch durch die auffallend vielen - und anscheinend zunehmenden - TV-Dokumentationen und Sendungen die in den letzten Jahren zu diesem Thema zu sehen waren.

    Nun,
    schon seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage, ob ggf. journalistische Interviews mit Hitler überliefert sind ?

    Denn Aussagen von Hitler in Interviews konnten ja durchaus authentischer bzw. weniger manipuliert sein als in seinen Reden oder Büchern.

    Bei der Recherche stieß ich dann auf "vrt.be" auf folgendes:
    >>...eine Sammlung von 16 Interviews, die Adolf Hitler einmal ausländischen Journalisten gegeben hat. Die Interviews wurden von dem französischen Historiker Eric Branca gebündelt, der auch für die Interpretation verantwortlich ist.
    Die Interviews mit Adolf Hitler fanden zwischen 1923 und 1940 für Magazine wie The American Monthly, die New York Times, Daily Mirror, Le Matin und sogar das amerikanisch-jüdische Magazin The Jewish Criterion statt. Der flämische Historiker Frank Seberechts fügt dem Buch ein Kapitel hinzu, in dem er die Aufmerksamkeit erörtert, die die belgische Presse dem damals aufkommenden Hitler-Phänomen widmete.<<


    Leider war aber sonst nichts konkretes zu diesen Interviews weiter zu finden.
    Möglicherweise bin ich dabei auch auf irgendein Fake hereingefallen.

    Deshalb die Frage,
    ist an diesen (16) Interviews was dran und weiß jemand evt. wo diese zu finden sind ?
    oder
    gibt es noch weiteres/anderes Material zu diesem Thema bzw. sind ggf. auch Interviews mit deutschen Journalisten überliefert ?


    Besten Dank im Voraus für hilfreiche Antworten.


    Gruß
    Karl
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Gewagte These. Vermutlich wäre die gegenteilige These näher an der Realität.

    1. Sein zentrales Denken hat Hitler in "Mein Kampf" offen gelegt. Die zentralen Themen bzw Aussagen sind später in den "Tischgesprächen" variiert worden. In diesem Kontext kann man einen "authentischen" Hitler rekonstruieren. Sicherlich nicht in Interviews mit der ausländischen Presse!

    2. Gerade gegenüber der ausländischen Presse war es lange Zeit notwendig - sicherlich bis ca. 1938 - die außenpolitischen Interessen von Hitler durch Hitler bzw. Goebbels respektive durch das AA - Neurath und dann Ribbentrop - zu verschleiern. Deutlich wird das in den Interviews, die Hitler im Oktober 1930 dem Daily Mail gab und sich als Patriot hinstellte, der friedlich die Lasten des VV und des Young Plans für Deutschland mindern möchte (Ulrich: Hitler, Vol. I, Kap 9 Dark Star Rising, Pos. 4813) Es ließen sich weitere Beispiele anführen.

    Das hing zum einen mit den Zielen und der parallelen Aufrüstung zusammen. Während dieses "Fensters der Verwundbarkeit" sich als "Friedensengel" mit moderaten Forderungen nach Korrektur des VV hingestellt.

    Interessant ist vor allem, wie deutlich die Darstellung von Hitler gegenüber dem Ausland abwich von den Zielen, die gegenüber der WM-Führung bereits klar benannt worden sind. Und im Rahmen des Vierjahresplanes auch manifest als Aufrüstungsprogramm in die Realität umgesetzt worden ist.

    Die einzelnen Punkte der Veränderung lassen sich deutlich an den Protokollen zu zentralen Konferenzen verdeutlichen. Hilfreich ist da vor allem das Buch von Michalka zur Deutschen Geschichte. 1933-1945, Dokumente zur Innen- und Außenpolitik. In diesen Dokumenten redet Hitler "Tacheles" und benennt präzise Ziele, aber sicherlich nicht gegenüber der ausländischen Presse.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2019
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  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Hallo Karl

    Vielleicht hilft dir dieser Artikel etwas weiter:

    An Interview with Hitler, August 17, 1932 on JSTOR

    Das dürfte es tendenziell jedenfalls einmal recht unwahrscheinlich machen, dass es eine größere Menge an Interviews mit Hitler persönlich gibt, ohne die Authentizität der besagten 16 Interviews dezidiert in Zweifel ziehen zu wollen.

    Mit Quellenverweis versehen, lies sich ad hoc dieses Interview hier finden:

    (GES,P) Am 17.Januar 1935 gibt Hitler dem englischen Journalisten Ward Price ein Interview

    Was den Inhalt anbegeht, naja, da deuten Passagen wie
    recht deutlich an, dass wenig mehr aus der Sache herauszuholen sein wird, als Nebelkerzen. Was den Wert als Quellen zum Thema von Hitlers Gedanken und Politik angeht, hatte sich @thanepower ja bereits dahingehend geäußert, dass derlei Aussagen im Widerspruch zu dem stehen, was Hitler an anderer Stelle äußerte und was dann auch materiell tatsächlich passierte.
    Dem möchte ich in aller Form zustimmen.
    Da dürften die von Hitler verfassten schriftlichen Äußerungen, im besonderen diejenigen im "zweiten Buch" (Hitlers Zweites Buch – Wikipedia ) aufschlussreicher sein, zumal dessen Veröffentlichung dann ja nicht ohne trifftigen Grund unterblieb.

    Edit:
    Auch hier scheint sich etwas zu finden:
    1923 Interview with Adolf Hitler
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2019
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hinzuzufügen wäre, dass die ohne H.s Wissen von Bormann in Auftrag gegebenen Protokolle von Hitlers Tischgesprächen (Thanepower spricht sie in seinem Beitrag schon an) wahrscheinlich die ungefiltertste Quelle H.s Denken sind, die wir kennen. Bormann ließ diese aufzeichnen, weil H. ein fauler Hund war, ein Langschläfer, der ungern früh aufstand und Bormann als sein Sekretär fällte im Grunde eine ganze Menge Entscheidungen auf Basis dieser Geheimprotokolle. Das waren zum Teil wirre Dialoge, die H. z.B. vor seiner Köchin oder seinem Chaufeur hielt.
    Aber wann und wo ist ungefiltert schon klar?
     
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  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich wäre mir da nicht so sicher.

    Institut für Zeitgeschichte: Januarheft 2019
     
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  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Als Ergänzung zu ElQ würde ich anführen, dass die authentischte Quelle wohl die stenographischen Mitschnitte sind, die wir haben. Da wird Hitler und die Beteiligten bis zum 27.04.1945 (S. 733ff) wörtlich zitiert (vgl. Heiber & Glantz

    Heiber, Helmut; Glantz, David M. (2004): Hitler and his generals. Military conferences, 1942-1945 : The first stenographic records of the military situation conferences - from Stalingrad to Berlin. New York, N.Y.: Enigma.

    Dass in der NS-Forschung aus dem Kopf rekonstruierte Protokolle eine Rolle spielen und immer wieder Gegenstand heftiger Kontroversen sind, ist nicht neu. Wie man leicht am "Schmudt-Protokoll" nachvollziehen kann.

    Aus der simplen Behauptung im Klappentext zu den Tischgesprächen werde ich nicht schlau. Welche Aussagen sollen da gemeint sein, die er nicht getroffen hätte. Es wäre schön, wenn bei Skepsis ein wenig konstruktiver Licht in diese Skepsis gebracht wird

    "Die Notizen enthalten Aussagen, die Hitler höchstwahrscheinlich nie getroffen hat. Historikerinnen und Historiker, die diese Texte zitieren, zitieren nicht Hitler, sondern die Autoren dieser Notizen."

    Dann sollte man das präzise an einer Reihe von Beispielen mal verdeutlichen, was gemeint ist.

    Eine derartige Zusammenfassung der Ergebnisse von Nilsson finde ich wenig hilfreich, zumal Picker bereits in seiner Einleitung auf die Natur der Aufzeichnungen der "Tischgespräche" hingewiesen hat.

    "Indeed, Nilsson conclusively exposes this myth, and now rightly concludes that we cannot quote the Table Talk as the words of Hitler, but as words put into his mouth by a variety of editors, loosely based on things he might have said, or that they wanted or thought him to have said."

    https://www.richardcarrier.info/archives/15035
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2019
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nilsson bringt selbstverständlich einige Beispiele, ich greife eines heraus (21. September 1941):

    „Der Führer fragte Frank, wie sich die Tschechen zu dem Zusammenbruch Rußlands einstellten. Erst jetzt wird ihnen ganz klar werden, daß es aus ihrem jetzigen Zustand kein Entrinnen mehr gibt. Solange war der Gedanke an das große Rußland, die Mutter aller Slawen, immer noch die große Hoffnung. Der Führer kam dann auf Jugenderinnerungen zu sprechen, und bezeichnete die Tschechen als die fanatischsten Anhänger des Panslawismus. [...]" (Version Koeppen)
    Hier stellt Hitler eine Frage an SS-Gruppenführer Karl Hermann Frank aus Prag; die nächsten beiden Sätze dürften wohl Franks Antwort auf diese Frage darzustellen; diese Antwort kommentiert Hitler nun mit Jugenderinnerungen (die allerdings, den Ausführungen Nilssons zufolge, kaum zutreffen können). Dieser Zusammenhang fehlt in der Version Heim ("Monologe"), da steht folgendes als angeblicher Hitler-Ausspruch:

    „Am meisten betroffen von dem Untergang des Bolschewismus werden die Tschechen sein. Sie haben zweifellos immer in stiller Hoffnung nach der ,Mutter Rußland ̔ gesehen."


     
  8. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Im Eingangsposting wird wohl auf dieses neu erschienene Buch Bezug genommen: KVK-Volltitel
     
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  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ich persönlich kann da im Kern wenig gravierende Unterschiede erkennen. In beiden Fällen wurde aus dem Kopf zentrale Aussagen formuliert, die den Kern seiner Gedankenwelt wiedergeben. Nicht wörtlich aber wohl sinngemäß.

    In diesem Sinne formuliert Picker, dass Hitler in der Art der Aufzeichnungen seine Gedankengänge "prägnant und einwandfrei" wiedergegeben fand. Wie immer der Wahrheitsgehalt von Picker zu bewerten ist.

    Sicherlich ist es gut, die unterschiedlichen Fassungen zu "kreuzvalidieren". Und in dieser Quellenkritik kann man wohl den sinnvollsten Ansatz erkennen.

    Ansonsten sind die von mir angeführten stenographischen Protokolle authentische wörtliche Äußerungen und wäre jederzeit brauchbar, die Tischgespräche inhaltlich zu "validieren, sofern ähnliche Themen angesprochen worden sind.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2019
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der Unterschied ist, dass im einen Fall das Zitat eher Frank zuzuweisen ist (oder sollte Hitler seine Frage an Frank gleich selber beantwortet haben?), im anderen Fall Hitler.
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Dieser Aussage würde ich nach wie vor zustimmen. Dieses vor allem auch vor dem Hintergrund der Eingangsfrage nach einen "authentischen" Hitler - also einem Hitler in seinen realen Weltanschauungen -, die diese Zusammenstellung von Picker als ein Teil eines Puzzle ermöglicht.

    Zumal Picker methodisch ja offenlegt wie er gearbeitet hat, wie diese Aufzeichnungen durch ihn und durch die Einsicht in andere Dokumenten zustande gekommen sind.

    Und das vor allem im Gegensatz zu den irreführenden Aussagen und Selbstdarstellungen von Hitler gegenüber der internationalen Presse, wie im Fall von Rothary Reynolds oder des aristokratischen Ward Price und dem Londoner "Daily Mail" sowie dem französischen Kriegsveteran Jean Goy (1934), der das Interview im "Le Matin" veröffentlichte (vgl. Ulrich und Shirer, Kap 9 First Steps). Die als "konservative Presse" nur zu gerne bereit war, jeden Bären, den Hitler ihr aufband, für bare Münze zu halten. Also dass Hitler keinerlei kriegerische Absichten verfolgen würde. Trotz kritischer und gegenteiliger Einschätzungen von Hitler`s Zielen wie beispielsweise durch T. Mann (vgl. Ulrich)

    Und sofern man sich die stenografischen Mitschnitte der Unterhaltungen von Hitler im FHQ ansieht, bekommt man einen Eindruck wie schlicht und klischeehaft dort über Situationen und Menschen geurteilt wurde. Gerade und auch von Hitler und es zeigt auch wie stark er Situationen im Kontext der Vergangenheit - also den WW2 mit Bezug auf den WW1 - betrachtet hat (wie beispielsweise die Frage der Zuteilung von Artilleriemunition) (Heiber & Glantz, S. 647 ff zum 27.01.1945)

    Und es sei daran erinnert, dass via einer inhaltsanalytischen Studie gezeigt worden ist, dass sich Hitler in seinen Formulierungen und Ansichten im Rahmen der "Tischgespräche" auf die politische Sozialisation während seiner Wiener Zeit bezog. Die Vergangenheit also ein permanenter Bezugspunkt für Hitler war, seine Ansichten durch eigenes Erleben zu validieren.

    Heiber, Helmut; Glantz, David M. (2004): Hitler and his generals. Military conferences, 1942-1945 : The first stenographic records of the military situation conferences - from Stalingrad to Berlin. New York, N.Y.: Enigma.
    Shirer, William L. (1998): The rise and fall of the Third Reich. A history of Nazi Germany. London: Arrow Books.
    Ullrich, Volker (2013): Adolf Hitler. Biographie, Bd. 1. Die Jahre des Aufstiegs 1889 - 1939. 2 Bände. Frankfurt am Main: S. Fischer.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2019
  12. Karl100

    Karl100 Neues Mitglied


    In folgendem Interview, welches Hitler George Sylvester Viereck 1923 in München gab
    1923 Interview with Adolf Hitler
    und das 1932 neu in "Liberty" veröffentlicht wurde äußerte sich Hitler jedoch sehr wenig verschleiert zu außenpolitischen Interessen und konkret zum Thema

    Ost-Ausdehnung:
    >>
    HITLER: Wir müssen unsere Kolonien behalten und uns nach Osten ausdehnen. Dort war
    eine Zeit, in der wir die Weltherrschaft mit England teilen konnten. Jetzt können wir
    unsere verkrampften Glieder nur nach Osten strecken . ...<<

    Bolschewismus-Bekämpfung
    >>
    HITLER: Wenn ich das Kommando über Deutschland übernehme, werde ich die Tributzahlung im Ausland beenden und den Bolschewismus zu Hause. Der Bolschewismus ist unsere größte Bedrohung. Töte den Bolschewismus in Deutschland und Sie bringen 70 Millionen Menschen wieder an die Macht<<

    Dabei liegt die Vermutung nahe, dass zwischen der von Hitler geplanten Ost-Ausdehnung und der Bolschewismus-Bekämpfung zu Hause bei ihm ein zwangsläufiger Zusammenhang bestand.

    Nach den bisher hier genannten Interviews mag die eingangs zitierte Verschleierung der außenpolitischen Interessen für die Interviews nach 1933 mehrheitlich zutreffen.
    Das o. g. Interview von 1923 zeigt, dass die Interviews vor 1933 in der Hinsicht möglicherweise aufschlussreicher sein könnten.
     
  13. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    In welcher Hinsicht aufschlussreicher?

    Sicher, das Interview ist in dieser Hinsicht etwas offener. Nur sprach da 1923 im Gegensatz zu 1933 kein im Amt befindlicher Staatsmann oder auch nur eine Figur, die annähernd darauf hoffen konnte dahin einmal zu gelangen.

    1923 sind das zum einen die Worte eines radikalen Phantasten, dem man zu dem Zeitpunkt vielleicht "zu gute" halten konnte, wie tausende andere den Ausgang des Krieges nicht verkraftet zu haben und im geistigen Dilirium etwas wirr daher zu reden.
    Zumal die Orientierung auf die Jolonien, zu der am Anfang ja noch die Rede ist, sich auch mit der späteren programmatischen Einstellung beißt.
    Kolonien behalten, keine Reparationen, kein "Bolschewismus", Ausdehnung nach Osten (sofern das zunächst mal das Baltikum meint, hebt sich in der Zusammenstellung ja kaum von der Programmatik der Alldeutschen und Annexionisten des Weltkrieges ab.
     
  14. Karl100

    Karl100 Neues Mitglied

    Aufschlussreicher evt. hinsichtlich authentischer Aussagen aufgrund der doch gegebenen Spontanität
    der Interview-Situtation.

    Aus heutiger Sicht, klar. Allerdings stellte der Interviewer ihm definitiv Fragen eines potentiell zukünftigen Machthabers.

    Zitat aus dem Interview:
    >>VIERECK: Im Gegensatz zu einigen deutschen Militaristen bevorzugen Sie kein Bündnis mit
    Soviet Russland?
    (Hier wich Hitler der Frage aus und wich ihr ein zweites Mal aus,
    Vom Liberty Magazine gebeten, auf eine Erklärung von Leo Trotzki zu antworten
    Sowjetischer Kriegsminister - dass seine Machtübernahme zum Tod führen würde
    Konflikt zwischen einem von Deutschland geführten Europa und Sowjetrußland. Hitler (wich auch hier aus) diskutierte dann
    die unwahrscheinliche Aussicht, seine Prinzipien mit anderen politischen Parteien...<<

    Für mich eher deutliche Anzeichen, dass hier kein wirrer Phantast gesprochen hat.
     
  15. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Schauen wir mal:

    Das mag schon sein. Nur wenn man solche Fragen einem dahergelaufenen Hanswurst stellt, dessen Anhängerschaft sich auf ein paar tausend Hanseln in München belief, der weder eine höhrer Schulbildung besitzt, noch sonst irgendwann einmal näheren Kontakt mit den Staatsgeschäften oder den damit zusammenhängenden Sachzwängen hatte, sind die Antworten eben auch so einzuschätzen.
    An der Stelle wiederhole ich mich gerne, dass hätte so 1:1 auch an jedem deutschnationalen Stammtisch im verrauchten Hinterzimmer einer beliebigen Gastwirtschaft geäußert werden können.
    Das hebt Hitler in dieser Form kaum vom Typus des wilhelminischen Annexionisten ab, der sich mit der Niederlage im Weltkrieg nicht abfinden konnte.
    Das zu diesem Zeitpunkt als feste kalkulierte und realisierbare politische Absicht Hitlers anzusprechen und mit dem was dann nach 1939 kam, ist mMn doch sehr aus der ex-post-Perspektive betrachtet.

    Insofern verstehe ich nach wie vor das Anliegen nicht ganz.
    Natürlich lässt das Interview von 1923 einigermaßen tief blicken, was einige Grundintentionen betrifft, aber das umfasst nichts, was nicht auch aus "Mein Kampf" nach Lektüre herauszuholen gewesen wäre.
    1923 war aber eben auch vor der Festlegung der reorganisierten NSDAP in Richtung Scheinlegalität und wie gesagt, noch vor einem Zeitpunkt, wo Hitler sich vor größeren Wählergruppen oder dem Ausland in seiner Politik rechtfertigen musste.
    Insofern konnte er sich zu dem Zeitpunkt einen offensiveren Ton leisten, gleichzeitig musste niemand das Gesagte besonders ernst nehmen. Das gestaltete sich ab den späten 1920er Jahren etwas anders.
     
  16. Karl100

    Karl100 Neues Mitglied

    @Shinigami

    Fazit: (off-topic)
    Offenbar gab es zur damaligen Zeit! sehr große Unterschiede bei der Beurteilung von Hitler:

    Die einen (z.B. Leo Trotzki, sowj. Kriegsminister s. o. ) sahen in ihm für den denkbaren Fall der Machtübernahme eine akute europäische Kriegsgefahr gegenüber Sowj.Russland.

    Die anderen sahen in ihm schlicht einen unbedeutenden dahergelaufenen Hanswurst der wirr daherredet.

    (ich habe mich noch nicht entscheiden können) ;-)
     
  17. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das ist, meine ich, aber separat von einander zu betrachten.

    Wenn Trotzki in seiner Funktion als Volkskomissar für Kriegswesen hier eine Kriegsgefahr sehen wollte, ist das sicherlich auch vor dem Hintergrund der diversen Interventionen im Verlauf des russischen Bürgerkriegs zu sehen und vor der (leicht paranoiden) Einschätzung diverser führender Bolschewiki, dass "die kapitalistischen Mächte", bei erster sich bietender Gelegenheit versuchen würden, die Sowjetunion zu beseitigen und dort ein bürgerliches oder gar aristokratisches Regime zu reinstallieren.
    Solche Ideen unterstellte nicht nur Trotzki, sondern auch Lenin, im späteren Verlauf auch Stalin und diverse andere, nicht nur Hitler, sondern etwa auch Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

    Gerade auch vor dem Hintergrund der gerade aufgelegten Rapallo-Politik, nachdem sich die Sowjetunion mit der deutschen Politik einigermaßen arrangiert hatte, konnte von sowjetischer Seite ein Putsch der radikalen Rechten in Deutschland kaum anderes, als schlimme Befürchtungen wecken.

    Ob aber ein Trotzki anno 1923 in Hitler mehr sah, als einen handelsüblichen rechtsradikalen Annexionisten, geht daraus nicht hervor.
    Nach der Erfahrung die die Bolschewiki im ersten Weltkrieg und in Brest-Litowsk gemacht hatten, war bereits die Konfrontation mit solchen, so lange diese einigermaßen freie Hand hatten eine existenzielle Bedrohung für das, was dann später die Sowjetunion werden sollte.
     
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  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In der Einleitung zu den „Tischgesprächen“ versichert Picker, dass seine auf Erinnerung und kurzen Notizen beruhenden Darstellungen der Tischgespräche einen realistischen Eindruck der Situation und der Gedankenwelt von Hitler vermitteln würden. Als Beleg führt er eine Reihe von „Gutachten“ von Personen an, die ebenfalls Teilnehmer gewesen sind. Das erscheint soweit durchaus plausible.

    Es ist eine spannende Frage, was ein „authentischer Hitler“ sein könnte. Da wir ihn – wie andere Personen der Historie – nur noch aus „Überlieferungen“ rekonstruieren können, stellt sich die Frage nach der Einordnung.

    Ist also die Darstellung der Tischgespräche ein objektiver „authentischer Hitler“, ist es durch die selektive Aufbereitung - weil durch die "Brille" des Protokollanten aufgezeichnet - ein subjektiver „authentischer Hitler“ oder wird durch die „Tischgespräche“ ein Hitler aufbereitet wie die Nachwelt ihn sehen sollte, also ein manipuliertes "Image".

    Einen Zugang zur Beantwortung kann nur gewonnen werden durch die kritische Aufbereitung der „Tischgespräche“, die insgesamt ja deutlich umfangreicher sind wie die Auswahl bei Picker.

    https://archive.org/stream/HitlerTableTalk/Hitler TableTalk_djvu.txt

    Bei der Frage nach dem authentischen Hitler treffen wir auf das Problem, dass unbewußte Inhalte in Form von Vorurteilen etc. kommuniziert werden. Interessanter sind die Äußerungen, die bewußt Vorstellungen, Werte und Analysen seiner Umgebung mitteilen sollen. Diese zum Teil basierend auf realen Werten und Glaubensüberzeugungen und zum Teil als erwünschte Inhalte, die er auf sich attribuiert. Die dritte Kategorie betrifft den sehr breiten Raum der politischen Kommunikation, über die sich Hitler als charismatischer Führer inszeniert hatte und bewußt versuchte im großen Stil die Öffentlichkeit zu manipulieren (vgl. Herbst).

    Die Unterscheidung bzw. die Decodierung der unterschiedlichen Ebenen zwischen einer objektiv angenommenen wahrhaftigen Persönlichkeit von Hitler und dem Demagogen Hitler obliegt einer interdisziplinären Betrachtung.

    Es ist zum einen ein Zugang über die psychologische Analyse von Schriften oder Reden möglich, die versuchen, seine Gedankenwelt zu beschreiben und zu erklären. Zum anderen kann durch eine soziologische Analyse der Kontext beleuchtet werden, in dem Äußerungen vorgenommen worden sind. Und in beiden Fällen können Entwicklungslinien, Konsistenzen und Veränderungen in der Art der Kommunikation aufgezeigt werden.

    Und vor allem können und müssen diese Entwicklungen in den historischen Zusammenhang der Ereignisse sinnvoll integriert werden.

    Der Zugang zum authentischen Hitler läßt sich somit kaum durch „Tischgespräche“ oder Interviews oder andere isolierte Quellen alleine gewinnen, sondern nur durch einen ausgesprochen komplexen Zugang zu vielen Dokumenten. Und da verfügen wir nicht erst seit Pölkings`s „Wer war Hitler?“ über eine Vielzahl hervorragender Hitler Biographien von Fest, Kershaw, Longerich oder Ulrich, die ein komplexes Bild seines Denkens zeigen und das durch eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen dokumentiert haben.

    Versucht man vor dem Hintergrund des Gesagten eine Einordnung der „Tischgespräche“ oder analog auch z.B. der „Gespräche mit Hitler“ von Rauschning, dann spiegeln die Tischgespräche m.E. die „Atmosphäre“ wieder, die geherrscht hat. Insofern sind sie auch ein wichtiges Dokument, um den zunehmenden „Selbstbetrug“ willfähriger Paladine zu dokumentieren, den ein extremer Egomane wie Hitler erzwungen har (vgl. z.B. Zelle).

    Die Tischgespräche sind aber auch kritisch zu lesen, da sie im Kontext einer generellen Exkulpationsstrategie: „Hitler wars!“, standen. Angeführt durch die Publikation von Halder „Hitler als Feldherr“ von 1949.

    Es wäre somit ein sinnvolles Unterfangen, die „Tischgespräche“, ähnlich wie im Falle von „Mein Kampf“ in ihrer Gesamtheit (vgl. Link) komplett kritisch kommentiert herauszugeben. Im günstigsten Fall ergeben sich daraus Einsichten, die die bisherigen hervorragenden Hitler-Biographien an einzelnen Punkten ergänzen oder korrigieren können.

    Insgesamt kann man aber heute sicherlich festhalten, dass wir ein Verständnis von Hitler und seiner Zeit besitzen, das die Rekonstruktion eines „authentischen Hitlers“ sehr gut geleistet hat.

    Insofern wäre "Karl100" auf diese Biographien zu verweisen, um einen authentischen Hitler kennen zu lernen und nicht auf das zufällige Lesen x-beliebiger und zufälliger Interviews, Reden etc.

    Herbst, Ludolf (2011): Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Frankfurt, M.: Fischer Taschenbuch Verlag
    Picker, Henry (1999): Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier.. Berlin: Ullstein
    Rauschning, Hermann (1973): Gespräche mit Hitler. Zürich: Europaverlag.
    Zelle, Karl-Günter (2017): Mit Hitler im Gespräch. Blenden – überzeugen – wüten. Paderborn: Ferdinand Schöningh.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Dezember 2019
  19. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Das schließt sich garnicht gegenseitig aus. Ganz im Gegenteil. Gerade weil er ein Stammtischgroßmaul mit einem verqueren und wirren Weltbild war, hätte ihm keinesfalls politische Macht übertragen werden dürfen, die ihn dann tatsächlich zu einer Gefahr für den Frieden (nicht nur mit der Sowjetuion) und die Menschenrechte machte.

    Ein Interview eines kritischen Journalisten hätte theoretisch die Friedens- und Rechtsstaatslippenbekenntnisse als taktische Vernebelungen der tatsächlichen mörderischen Absichten entlarven können. Obwohl es damals noch keine Live-Interviews und Polit-Talks gab, scheuten aber die Nazi-Größen wie auch heutige Diktatoren Gespräche, deren Verlauf sie nicht kontrollieren konnten.

    Seit dem 1.9.39 bedarf es keiner Entlarvung des "wahren Hitlers" mehr und was den Rassismus und den Umgang mit den Menschenrechten angeht schon seit 1933.
     
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