Hitlers Machtergreifung

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Yarenm, 12. Mai 2013.

  1. Yarenm

    Yarenm Neues Mitglied

  2. swie

    swie Aktives Mitglied

    Also mir gefällt, was Du da geschrieben hast. Erwähnen würde ich noch die enormen Anstrengungen zur Wiederbelebung der Wirtschaft durch massive Vergabe staatlicher Aufträge, vergleichbar mit der Krisenbewältigung in den USA und Schweden. Dies führte zu einer schnellen und starken Reduzierung der Arbeitslosigkeit und einem nicht zu verachtenden Anstieg des des Pro-Kopf-Einkommens. Ferner gab es noch allerhand weitere Maßnahmen, wie etwa ein Verbot der Zwangsversteigerung von Bauernhöfen, die sich seit einem bestimmten Zeitraum im Familienbesitz befanden (Reichserbhofgesetz), oder die Schaffung von Festpreisen für Getreide (Gesetz zur Sicherung der Getreidepreise vom 26. September 1933 und die Verordnung über Preise für Getreide vom 29. September 1933). All dies half entscheidend dabei die Masse der Bevölkerung für die neue nationalsozialistische Regierung zu gewinnen.
    Darf ich fragen welche Schulform Du in welcher Klassenstufe besuchst?
     
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Den Hinweis zu den Stichworten zu Hitlers Machtergreifung teile ich.

    Hierzu aber eine Bemerkung:

    Du sprichst richtigerweise ("all dies half...") die zeitgenössische Wahrnehmung an, auch gestützt durch die NS-Propaganda zum Wirtschaftsaufschwung. Das betrifft die Gewinnung der Massenloyalität für den Nationalsozialismus (Götz Aly).


    Das "NS-Wirtschaftswunder" wird aber in der neueren Literatur hinsichtlich der Ursachen sehr differenziert gesehen, hinsichtlich der tatsächlichen Auswirkungen der "Rüstungskonjunktur" bzw. der Unterscheidung von "normalem" (anderen Ländern vergleichbarem) industriellen Aufschwung 1933/35 und den Arbeitsmarkt- und Einkommenswirkungen der Staatsausgaben im Dritten Reich. Bei den Vergleichen sind die Ausgabenprogramme problematisch: USA und Schweden waren nicht auf eine Rüstungskonjunktur gestützt, auch wiesen sie keine vergleichbaren Maßnahmen wie die im NS mit Wirkung auf das Arbeitskräftepotenzial auf (Wehrpflicht, Arbeitsdienst, Frauen, etc.)

    Siehe zB hier:
    http://www.geschichtsforum.de/f39/gab-es-ein-ns-wirtschaftswunder-oder-nicht-26738/
    http://www.geschichtsforum.de/f153/der-unzerr-ttbare-deutsche-mythos-autobahn-41772/
    http://www.geschichtsforum.de/f66/wirtschaft-deutschland-1933-39-a-15521/

    Wenn man die Wirtschaftserfolge iVm Hitlers Machtsicherung erwähnt, kann man (vorsichtig) diese gewonnene Massenloyalität durch die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage ansprechen, inkl. Propaganda und Zurechnung des Aufschwungs zugunsten des NS-Regimes.
    Die Ursachendiskussion ist dagegen komplex.
     
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  4. swie

    swie Aktives Mitglied

    Ja, darauf zielte mein Beitrag. Es ging mir darum festzustellen, dass die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik erfolgreich in der Krisenbewältigung war, was dann auch eine große Popularität und Zustimmung bei der Bevölkerung mit sich brachte. Natürlich handelte es sich um einen vordergründigen Aufschwung, das Reich verschuldete sich ja z.B. aufgrund der massiven staatlichen Bauprogramme ungemein, und der Außenhandel sank rapide. Die Vergabe von Krediten an Länder und Gemeinden geschah natürlich auf Pump. Aber ich weiß nicht inwieweit die Bevölkerung über diesen Sachverhalt aufgeklärt war, und in den sechs Jahren vor dem Krieg brachte diese Wirtschaftspolitik unbestreitbare Vorteile mit sich, wenn ich die Zahlen jetzt richtig im Kopf habe stieg das Pro-Kopf-Einkommen von knapp 4.000 US-Dollar im Jahr 1930 auf über 5.000 US-Dollar 1939. Schon vor Einsetzen der offenen Aufrüstung und der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 war die Arbeitslosenzahl von fast fünf Millionen auf zweieinhalb Millionen abgesunken. Diese Statistik ist natürlich geschönt durch den RAD, aber zumindest hatten die jungen Leute etwas zu tun und erhielten eine geringe Entlohnung, anstatt mit leeren Taschen und leeren Mägen auf der Straße zu sitzen.

    Naja, wie Du schon schriebst existieren diesbezüglich bereits mehrere Themen im Forum. Ich möchte daher nicht zu weit ausholen, und zu der Fragestellung Yarenms abschließend sagen: Die wirtschaftlichen Erfolge, teils fußend auf Verstößen gegen internationale Gepflogenheiten, teils auf Pump finanziert und teils durch effektive Maßnahmen herbeigeführt, haben Hitlers Macht und die der NSDAP jedenfalls gefestigt, und unter der Bevölkerung großen Zuspruch hervorgerufen.
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Mythos von der erfolgreichen Wirtschafts- und Finanzpolitik der NSDAP - fokussiert auf Adolf Hitler - ist unausrottbar. Ohne den Krieg wäre das Großdeutsche Reich binnen kurzem pleite gewesen, denn bekanntlich war alles auf Pump finanziert. Bei der Rüstungs- und Bauspirale war 1939 das Ende der Fahnenstange erreicht.
     
  6. swie

    swie Aktives Mitglied

    Bei der Saarlandwahl 1935 hätten nicht über 90% der Stimmberechtigten für Deutschland votiert, wenn sie die wirtschaftliche Lage im Reich als so desolat und morsch erachtet hätten. Die linken Parteien vermochten kaum mehr als 8% der Wähler für sich und ein autonomes Saarland zu mobilisieren. Mir geht es ja darum festzustellen, dass die Deutschen damals die wirtschaftlichen Vorteile für sich sahen. Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik war in den 1930er Jahren vordergründig erfolgreich. Wer vor 1933 mit 12, 15 oder 18 Mark Arbeitslosengeld auskommen musste wird sich überglücklich geschätzt haben, endlich wieder in Lohn und Brot zu stehen. Das fällt natürlich auf die Regierung zurück, die Propaganda tat ihr Übriges. Mir ist bewusst dass diese Schuldenpolitik die Finanzen des Reiches innerlich ausgehöhlt hat, aber der normale Durchschnittsbürger wird davon nicht allzuviel gewusst haben, und sich vielleicht auch gar nicht dafür interessiert haben. Die Bauern konnten ihre überschuldeten Höfe halten und erhielten wieder ordentliche Preise für ihre Güter. Die Industriearbeiter fanden wieder Arbeit, und ihr Stellenwert in der Gesellschaft wurde durch Parolen wie "Arbeit adelt" und einen eigenen Feiertag gehoben.

    Die ursprüngliche Fragestellung war ja jene, welche Maßnahmen Hitlers Machtübernahme (Und auch Machtsicherung) ermöglicht haben. Die wirtschaftliche Komponente spielte den Nationalsozialisten da definitiv in die Hände. Dass dabei nur von der Wand bis zur Tapete gedacht worden war ist mir klar.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Situation war schon vor dem Krieg wirtschaftlich sehr angespannt. Durch den "Anschluss" galten die erste Hälfte des Vierjahresplanes, 1936 bis 1940, als endgültig gesichert. Es war aber klar, das die Devisen und Rohstoffe der Alpenrepublik nicht lange vorhalten würden.

    Die begehrlichen, ganz klar auch ökonomisch motiviert, wurden auf die Tschechoslowakei geworfen. Die Sudetengebieten waren in hohen Maße industrialisiert. So würde für die deutsche Wirtschaft nicht zu verachtende Zugänge in der Chemischen Industrie, Leder-, Nahrungs- und Großmittelindustrie, Bekleidung- und Schuhindustrie, Gas-, Wasser- und Elektrizitätserzeugung zu verbuchen. Gerade bei der Textilindustrie würde ein Zuwachs, der das fünffache des Zuwachses an Bevölkerung ausmacht, zu verzeichnen sein. Das waren für Hitler "gute" Gründe, sich der Sudetendeutschen anzunehmen.


    Volkmann, Ökonomie und Expansion, Aufsatz " Die Eingliederung der Sudetengebiete und Böhmen und Mähren in das Deutsche Reich
     
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  8. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Es ist bestimmt unbedeutend und nebensächlich, aber das Wort "Machtergreifung" ist ein nationalsozialistischer Propagandabegriff, den man – natürlich – benutzen kann. Aber man sollte ihn auch durch Gänsefüßchen als Propagandabegriff kennzeichnen.

    Da sieht man mal, wie sich die NS-Ideologie teilweise auch heute noch (zumindest sprachlich) durchsetzt, wenn wir von Reichskristallnacht und Machtergreifung als legitime und neutrale Wörter reden.
     
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  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wir reden da aneinander vorbei.:winke:

    Es ging nicht um die Propaganda oder die Wahrnehmung der Bevölkerung, dem NS die wirtschaftliche Erholung zuzuschreiben, sondern es wird inzwischen in der Forschung (siehe links in den Themen), dass es Maßnahmen des NS waren, die diese Erholung bewirkt haben. Es ging also um ökonomische Wirkungsketten, die in Deinem Beitrag einer "erfolgreichen NS-Wirtschaftspolitik" zugeschrieben werden. Das ist zu einfach. Richtig ist allerdings, dass weitere Maßnahmen im NS den Arbeitsmarkt ausgedünnt haben.
     
  10. swie

    swie Aktives Mitglied

    Der Anschluss Österreichs soll bis zu 782 Millionen Reichsmark an Devisen erbracht haben, davon bis zu 250 Millionen Reichsmark Auslandsvermögen in Form von Wertpapieren und Bankguthaben, die schnellstens verschachert wurden. Nicht weniger bedeutend waren auch die tschechoslowakischen Goldbestände, derer 6,3 Tonnen im Werte von 17,6 Millionen Reichsmark beim Einmarsch 1939 durch ein Sonderkommando der Reichsbank sichergestellt wurden. Bereits eine Woche zuvor hatte die tschechoslowakische Nationalbank auf starken Druck aus Deutschland ihr Depot in der Schweiz im Wert von 40,5 Millionen Reichsmark an die Reichsbank überschrieben. Gold im Werte von 4,4 Millionen Reichsmark war ferner bereits beim Anschluss des Sudetenlandes "eingesackt" worden. Hinzu kamen noch Bankguthaben und Wertpapiere der tschechoslowakischen Staates, sowie die Vermögen enteigneter Juden in diesen Ländern.

    Quelle: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2003/1 - Neue Ergebnisse zum NS-Aufschwung

    Also sind auch die kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolge 1933-1939 größtenteils nicht der nationalsozialistischen Politik zuzuschreiben?
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Richtig. Das ist Ergebnis von historischen Konjunkturanalysen 1932/35. Die 1933 einsetzende Erholung wird als industriegetrieben beschrieben. Maßnahmen des NS griffen zu der Zeit noch überhaupt nicht, weder Bau- noch Rüstungsprogramme. Dem liegen auch vergleichende Betrachtungen zu weiteren Ländern zugrunde. Die Rüstungskonjunktur schloss sich erst später an. Hinzu kamen allerdings die "Arbeitsmarktmaßnahmen" des NS, um Angebot von Markt zu nehmen.

    Die ältere Forschung hatte diese Effekte nicht detailliert untersucht.
     
  12. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Da ich noch etwas Fachliches beizutragen habe:

    Vom Stil her bestimmt verbesserungswürdig, fehlen aber noch einige wichtige Aussagen, die doch angebracht wären: Zuerst mal wird Hitler "zum" Reichskanzler ernannt.

    Reichspräsident von Hindenburg ernannte Hitler zum Reichskanzler des fünften Präsidialkabinetts (nach Brüning I/II, von Papen, von Schleicher). Die Präsidialkabinette hatten weder eine Mehrheit noch eine stabile Machtbasis im Reichstag und hielten somit auch keine 4 Jahre (die verfassungsmäßige Dauer einer Legislaturperiode) durch.

    Die Kommunisten wurden nicht nur ins KZ "gesteckt" (sehr unsachlich). Sie wurden auch als politische Gegner systematisch verfolgt, standgerichtlich erschossen oder verbannt, wobei viele Kommunisten auch das Land qua Flucht verließen.

    Zwar erreicht die NSDAP bei den Reichstagswahlen im März '33 keine absolute Mehrheit (sondern nur eine einfache), aber durch Koalition mit der rechtsradikalen DNVP hatte Hitler knapp 52 % der Sitze hinter sich und damit die absolute Mehrheit. Für das Ermächtigungsgesetz als ein die Verfassung veränderndes Gesetz brauchte Hitler aber eine 2/3-Mehrheit, die er durch Zentrum, DDP, teilweise auch die DVP, DNVP und NSDAP erhielt. Die KPD, die noch einige Wählerstimmen erhalten hatte, war nicht mehr im Reichstag vertreten (aus genannten Gründen).

    Legendär ist die Rede Otto Wels' (SPD) gegen die Ermächtigungsgesetze, weshalb Hitler die Mehrheit zur Annahme des Ermächtigungsgesetzes ohne die SPD begründen musste.

    Ob die liberalen Parteien an einer Zugrunderichtung der allgemeinen demokratischen Ordnung wirklich interessiert waren, ob die Parteien Angst vor einem Schicksal à la KPD hatte, ob man hoffte, dass Hitler sein Versprechen einlösen würde und nach den festgeschriebenen vier Jahren den "Thron" räumen würde und eine gesicherte demokratische Ordnung und stabile politische Verhältnisse zurücklassen würde oder ob man hoffte, dass die NSDAP aufgrund parteiinterner Konflikte (z. B. Hitler vs. Röhm) eine Spaltung erleben und somit unschädlich gemacht werden würde (also nach dem Motto "wir haben eine schwere Zeit vor uns, aber dafür wird nachher alles besser sein"), kann man aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig sagen, da vor allem die psychologischen Momente nicht mehr nachzuvllziehen und zu komplex sind.

    Dass Hitler 2 von 3 Gewalten "in der Hand" (auch unsauber) hatte, stimmt zwar, fasst die Geschehnisse aber zu eng. Reichspräsident von Hindenburg starb 1934 und so vereinigte Hitler die Ämter des Reichspräsidenten und -kanzlers auf seine Person und nahm den Titel "Reichskanzler und Führer" an.

    Noch immer stand ihm aber jemand im Wege, um an die uneingeschränkte Macht zu gelangen: Ernst Röhm, SA-Führer, der Hitlers Autorität ähnlich wie Gregor Strasser anzweifelte (oder zumindest für Hitler gefährlich werden konnte), musste ausgeschaltet werden, was Hitler mittels des von ihm inszenierten Röhm-Putsches auch schaffte.

    Die Stichpunkte, die du zur Ideologie (vor allem Rassismus und Antisemitismus/Antijudaismus) hast, sind zwar soweit richtig, haben aber mit der "Machtergreifung" Hitlers eher wenig zu tun, da die Rassenpolitik Folge der Führerschaft und Diktatur Hitlers war und nicht zu derselben beigetragen hat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2013
  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Hindenburg lag im Sommer 1934 auf seinen Gut Neudeck in Ostpreußen im Sterben. Noch vor seinem Tode, am 01.August 1934, beschloss das Reichskabinett, also auch unter Zustimmung des Reichswehrministers v. Blomberg, das "Gesetz über das Staatsoberhaupt des deutschen Reiches", welches die Vereinigung der Ämter Reichskanzler und Reichspräsident vorsah. Damit hatte Blomberg die Reichswehr/Wehrmacht Hitler ausgeliefert gehabt und das ohne Not.

    Durch den "Anschluss" und die damit erbeuteten Rohstoff- und Devisenvorräte war die Planung für das Jahr 1938 gerettet.

    Ein weiterer interessanter Aspekt des "Anschlusses" war, dass das Deutsche Reich territorial nunmehr in dem südosteuropäischen Raum hineinragte. Damit ließen sich Handelsbeziehungen zu den Staaten des Donauraumes besser ausgestalten. Allerdings muss auch beachtet werden, das eine vermehrter Import an Lebensmitteln erforderlich wurde. Unter dem Strich, brachte der "Anschluss" nur kurzfristige Entlastung und es musste weiter expandiert werden.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Guter Hinweis auf die "Gleichschaltung" der Reichswehr als letzte, potenziell ernstzunehmende Gegenmacht im NS-Staat.

    Domarus/Bullock nehmen an, dass diese formelle Unterwerfung der Wehrmacht unter Hitler Blombergs Gegenleistung für die Beseitigung der von der Wehrmacht argwöhnisch betrachteten SA-Spitze im s.g. "Röhm-Putsch" gewesen sei.
    http://www.geschichtsforum.de/423660-post12.html
    Das soll so auf der Schiffsreise auf dem Panzerschiff "Deutschland" im Frühjahr 1934 besprochen worden sein.
     

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