Hohe Anzahl ziviler Opfer während des siebenjährigen Krieges

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von schaf, 11. Oktober 2020.

  1. schaf

    schaf Mitglied

    Die hohe Anzahl ziviler Opfer in Preussen wundert mich und ich kann dazu nichts finden ?
    Starben sie infolge des "kleinen Krieges" an Seuchen und Hunger oder wurden sie zum Grossen Teil direkt getötet ?
    Was geschah zur Unterstützung der Zivilbevölkerung ?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Welche Zahlen liegen Dir vor?

    Welche Literatur / Quellen liegen denen zugrunde?

    Im Prinzip handelte es sich um einen "Kabinettskrieg", der gemessen am 30 jährigen Krieg m.W. die Zivilbevölkerung nicht direkt betraf und auch nicht treffen sollte.
     
  3. schaf

    schaf Mitglied

    Siebenjähriger Krieg – Wikipedia
    "Schlüsselt man die Zahlen der gefallenen Kriegsteilnehmer nach einzelnen Nationen auf, so ergeben sich für Preußen 180.000....Hingegen lagen die Zahlen für die nicht kämpfenden Beteiligten oder die Zivilbevölkerung etwa für Preußen bei 320.000 Menschen"
    Für Preussen immerhin mehr zivile Opfer als getötete Soldaten.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bei Hinze "Die Bevölkerung Preußens im 17. und 18. Jahrhunder ....(S. 282 ff in "Moderne Preußische Geschichte") werden eine Reihe von Faktoren genannt, die sich auf die Bevölkerung ausgewirkt haben. Mangelnde Hygiene, Krankheiten, kriegsbedingte Migration etc..

    Der Abgang an Bevölkerung entspricht aber auch teilweise einem Abgang an Soldaten, da ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung (ca. 3,5 %) in der Armee diente und so auch teilweise den Bevölkerungsrückgang erklärt.

    Gleichzeitig wirkte sich der Dienst in der Armee massiv auf die Landwirtschaft aus und die Folge war teilweise eine mangelhafte Versorgung.

    Bei Kunisch "Friedrich der Große" (S. 465 ff) wird ein Rückgang der Bevölkerung von 300.000 bis 400.000 berichtet. FdG geht selber von einem Rückgang von ca. 500.000 aus.

    Als Ursache nennt er, dass zahlreiche Dörfer in Schutt und Asche gelegt wurde und Städte, beispielsweise besonders hart "Küstrin", verwüstet wurden.

    FdG beauftragte Brenckendorff, die am schlimmsten betroffenen Provinzen zu bereisen und einen Bericht über die Schäden zu erstatten.

    Als Ergebnis des Bericht beabsichtigte FdG (vgl. u.a. das "Politische Testament") eine "tiefgreifende Sozialreform" zu initieren, um u.a. die Agrarordnung zu verändern (Stichwort Aufhebung der Leibeigenschaft, der Schollenbindung und Erbuntertänigkeit etc.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Oktober 2020
  5. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Du könntest ja mal die in den Fußnoten 38 und 39 zum Wikipediaartikel angeführten Texte lesen.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @Liborius Nein, diese Verweise sind absolut nicht zielführend. Die FN 38 ist lediglich eingeschränkt hilfreich, weil die Verluste, über die Duffy auf S. 329 referiert, militärischer Natur sind. Das entspricht einem Abgang von 3,5 Prozent der Bevölkerung (vgl. 4)

    Die FN 39, die auf Stellner verweist, ist ein toter Link. Mag sein, dass User mit besserem Zugang zu Datenbanken das entsprechende Buch / Pdf finden können. Für mich war es nicht zugänglich, mit vertretbarem Aufwand.
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In einem Briefwechsel zwischen Friedrich Nikolai und Lessing wird der Krieg mit keiner Zeile erwähnt, und ähnliche Beispiele wird man sicher anführen können. Dass Krieg geführt wurde, merkten Zivilisten dann natürlich doch, indem sie höhere Steuern und Kontributionen bezahlen mussten und schlimmstenfalls mit Einquartierungen von Militär rechnen mussten. Die Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts waren keine Kriege mehr gegen Land und Leute, solche massiven Übergriffe gegen Zivilisten hat es im Verlauf des 18. Jahrhunderts nicht mehr gegeben, und im Großen und Ganzen wird man konstatieren können, dass Kriegsgesetze selten in der Militärgeschichte "zivilisierter" angewendet wurden, als im 18. Jahrhundert. Es wechselte wohl die eine oder andere Provinz den Besitzer, die Bevölkerung blieb aber, sie wurde in der Regel nicht vertrieben und kehrte, wo sie vor Kampfhandlungen geflüchtet war zurück.

    Die Erfahrungen, die man mit unzuverlässiger oder gar plündernder, marodierender Soldateska im Dreißigjährigen Krieg gemacht hatte, waren prägend, selten in der Militärgeschichte hat man auch die "Gemeinen" einer so strengen, ja brutalen Disziplinierung unterworfen wie in den Armeen des 18. Jahrhunderts.

    Trotzdem war im Verlauf von großen Kriegen Dem Spanischen Erbfolgekrieg, dem Großen Nordischen Krieg und im Siebenjährigen Krieg ein Verwilderung der Kriegsgebräuche zu beobachten.

    Hessen hat im Siebenjährigen Krieg sehr viel zu leiden gehabt. Marburg und Kassel wurden beide ein gutes Dutzend mal erobert, verloren, zurückerobert. Die Armee stand in britischem Sold an der Weser oder am Rhein, und die französischen wie alliierten Truppen gingen recht rücksichtslos vor. Der Kommandant des deutschen Regiments Nassau, der seit 1759 sich in der Festung Ziegenhain verschanzte, ließ von den umliegenden Dörfern alles Salz beschlagnahmen und die Kontributionen waren drückend. Nicht viel besser trieb es die alliierte Armee, die den Bauern die Vorräte wegnahmen. Einen besonders schlechten Ruf hatten britische Truppen der "Legion Britannique". Ein hessischer General Schlüter ließ 1760 Stadt und Festung Ziegenhain mit 1.500 Schuß Brandbomben. Die Franzosen konnte er nicht zur Aufgabe zwingen, zerstörte aber über 50% der historischen Altstadt. Die große Freifläche um den Paradeplatz neben der heutigen JVA Schwalmstadt ist ein Relikt aus dieser Zeit. Die Fläche wurde nie wieder bebaut, obwohl Landgraf Friedrich II. kostenloses Bauholz bereitstellte.
     
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  8. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Am stärksten litten unter dem Siebenjährigen Krieg mWn Sachsen und Mecklenburg, die, von Preußen besetzt, blutig ausgepresst wurden, um an Geld und Rekruten zu kommen. Ich müsste es nachlesen, aber meiner Erinnerung nach erreichten die Schäden in Mecklenburg Ausmaße, die denen des 2. Wk. entsprachen. Das lag, wie gesagt, nicht an Kampfhandlungen, sondern an der Erpressung von Kontributionen, der Jagd nach neuem Menschenmaterial für die Armee, der Münzverschlechterung, und den Folgen dieser Maßnahmen wie Flucht der Bevölkerung, Zusammenburch der Wirtschaft, brachliegenden Felden etc pp.
     
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