Ikonoklasmus 2020

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von El Quijote, 12. Juni 2020.

  1. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Okay, El Quijote, wir haben beide jetzt unsere Standpunkte erneut dargelegt. Ich für meinen Teil sage dazu nichts mehr.
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Namhafte Vertreter von Handelsstädten beteiligten sich am Sklavenhandel, und das taten fast alle europäischen Seefahrernationen. Es stimmt aber nicht, dass Sklavenhandel im 18. Jahrhundert ein völlig normaler Geschäftszweig gewesen sei. Wer im Sklavenhandel involviert war, der hängte das nicht an die große Glocke. Wenn Pflanzer aus den nordamerikanischen Kolonien oder der Karibik wie die Tycoons aus der Familie Beckford, die Zuckerplantagen auf Jamaika besaßen, nach England reisten, durften sie keine Sklaven mitbringen oder mussten diese freilassen. Es gab in Europa verschiedene Formen von Abhängigkeit/Unfreiheit/eingeschränkten Freiheitsrechten von der Leibeigenschaft bis zur Indentured Servicy, in Westeuropa existierte die Sklaverei aber schon seit einiger Zeit nicht mehr. Es war der enorme Arbeitskräftebedarf in der Montanindustrie und in der Plantagenwirtschaft, der in der frühen Neuzeit zur Einrichtung einer rassistisch motivierten Sklaverei in Nordamerika und der Karibik führte, die es so in Europa nicht mehr gab. Sicher, Robinson Crusoe, obwohl er selbst kurzzeitig Sklave in Nordafrika war, hat keine Skrupel, illegal in den Sklavenhandel nach Brasilien einzusteigen, und bei diesem Abenteuer wird er schiffbrüchig nahe des Orinokodeltas. Solche Geschäfte waren lukrativ, nicht unüblich, aber ein etwas dubioser Handel, der in keinem besseren Ansehen stand, als die Prostitution.

    1550 fand in Valladolid eine Disputation zwischen Bartolomeo de Las Casas und dem Dominikaner Sepulveda statt. Darin ging es um die Frage, ob Indianer überhaupt eine Seele haben. Las Casas setzte sich durch, der in seiner Geschichte Neuspaniens die Massaker an der indigenen Bevölkerung geißelte. Las Casas wandte sich an Karl V. mit der Bitte Abhilfe zu schaffen. Las Casas schlug vor Afrikaner zu versklaven, distanzierte sich aber später von diesem Vorschlag. Gruppen wie die Quäker lehnten die Sklaverei strikt ab. In Nordamerika und Europa gab es Geistliche, die die Versklavung von Afrikanern durch die Bibel (Gen 9, 24-27) rechtfertigten, aber diese Interpretation war niemals unumstritten. Mit dem Boom des Sklavenhandels formierte sich noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Bewegung des Abolitionismus. Die Berichte von William Clarkson und John Wilberforce, der die Grausamkeiten des Sklavenhandels beschrieb, stießen auf ungeheures Interesse und riefen Empörung hervor. Ähnliches gilt für die Reiseberichte des Schotten Mungo Parks, der Ende des 18. Jahrhunderts Westafrika bereiste und sich gegen den arabischen Sklavenhandel wandte.

    Das 18. Jahrhundert gilt als Zeitalter der Aufklärung, und wenn sich auch eben im 18. Jahrhundert rassistische Vorstellungen auch in die wissenschaftliche Literatur einflossen und wenn der Geistliche Malthus Menschen, die nicht ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren konnten, de facto das Lebensrecht absprach, so galt doch das aufklärerische Ideal prinzipiell allen Menschen. Der Sklavenhandel war auch im 17. und 18. Jahrhundert kein Geschäft wie jedes andere. Er war enorm lukrativ, moralisch aber sehr fragwürdig, und das war auch Leuten wie Colton bewusst. Die Kritik daran wurde im letzten Drittel de s18. Jahrhunderts unüberhörbar. Und diese Kritik änderte auch die öffentliche Meinung. 1807 schaffte GB die Sklaverei in den Kolonien ab und wurde innerhalb von 15-20 Jahren zu einem Vorreiter im Kampf gegen die Sklaverei.

    Ich muss gestehen, dass mir Colton namentlich vor dem Bildersturm unbekannt war. Ich weiß kaum etwas über die Motive, die ihn zu philanthropischen Projekten motivierten. es ist aber sehr gut möglich, und in vergleichbaren Fällen ist es belegbar, dass diese Projekte eine Art PR-Coup waren, um das durch die Kritik am Sklavenhandel angeschlagene Ansehen des Hauses aufzuwerten. Die älteste Sozialsiedlung Europas, die Fuggerei in Augsburg, verdankt ihre Existenz einem Verfahren gegen Monopolisierung- Das Projekt war enorm modern, die Siedlung ist, glaube ich, inzwischen Weltkulturerbe, und sie verschaffte Jakob Fugger Prestige, dessen Ruf allerdings extrem schlecht war nach dem niederschlagen des Bauernkrieges. Es war letztlich eine PR-Maßnahme.

    Die Sklavenrazzien in Afrika, das System einer rassistisch motivierten Sklaverei hat ganze Landstriche veröden lassen. Die sanitären Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung, Sklaven die an Diarrhöe litten, wurde Werg in den After gestreckt. Um die Besatzung bei Laune zu halten, wurde den Matrosen gestattet, Sklavinnen beschlafen zu dürfen. Die Sprache war enorm dehumanisierend. Da wurde von "big bucks" (Böcken), field hands" und "wenches" (Ludern, Schlampen, weibliche Tiere in de Jägersprache) gesprochen. Es war nicht ungewöhnlich, wenn nur die Hälfte einer Ladung lebend den Zielhafen erreichte. Zeitzeugen berichten, dass Sklavenschiffe einen so infernalischen Gestank verbreiteten, dass man sie bei günstigem Wind meilenweit roch. Wer zu schwach war, wurde einfach über Bord geworfen. Haie begleiteten Sklavenschiffe wie Schäferhunde. Die Arbeit in den Reissümpfen der Carolinas, auf den Zuckerplantagen war äußerst hart, innerhalb weniger Jahre war ein Sklave zu Tode gearbeitet. Die Lebenserwartung schwankte zwischen 3 und 5 Jahren. Wurde ein Dorf überfallen wurden kleine Kinder, Babys und Alte sofort getötet, da sie die Märsche zu den Faktoreien nicht überstehen konnten. Schätzungen schwanken zwischen 10 und 15 Millionen verschleppte Afrikaner, und das war nur ein Bruchteil der tatsächlichen Verluste. In Dörfer in denen die stärksten Männer und Frauen weggefangen wurden, wurden Ernten nicht mehr eingebracht, Überlebende, die sich ins Hinterland retten konnten, gingen oft vor Hunger zugrunde.

    Die Sklaverei und ähnliche Formen von Ausbeutung, die auch heute noch existieren, führen dazu, dass ganze Regionen verarmen. Mit Ausnahme der Leute, die daran profitieren, hat Sklaverei keinen Vorteil für niemanden, und was sie den einzigen Quellen des Reichtums, der Natur und der Arbeitskraft des Menschen antut, lässt sich deutlich aus historischen Quellen rekonstruieren. Ich finde, dieses System, das bestimmten Gruppen von Menschen das Menschsein abspricht, sie degradiert zur Ware und Fracht ist ein Schlag ins Gesicht gegen alle zivilisatorischen und emanzipatorischen Werte und Errungenschaften der Aufklärung und des Humanismus- und das war im Prinzip auch im 18. Jahrhundert der Fall. Seit über 1000 Jahren bekennt sich Europa zu den 10 Geboten, zur goldenen Regel, zur Humanität auch gegen Feinde. In einem Punkt aber stimme ich Dion zu: Das ausgehende 20. Jahrhundert und das frühe 21. haben keinen aber auch gar keinen Grund, sich früheren Zeiten moralisch überlegen zu fühlen. Statt Elfenbein und Sklaven werden heute Uran, Coltan und Diamanten im Kongo gehandelt und abgebaut, an Produktionsmethoden, Herrschaftsverhältnissen und Möglichkeiten der "Befriedung" und "Ausbeutung" hat sich vieles nur in Nuancen, aber nicht grundsätzlich geändert. Auch heute und ganz aktuell wird Menschengruppen das Menschsein abgesprochen, wird von einer "Flut", einem "Boot, das voll ist" gesprochen. Von bestimmten Menschen gibt es zu viele. Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist aber dünner besiedelt als die NL oder die BRD.

    In einer globalisierten Welt betreffen solche Zusammenhänge alle Menschen, und, so denke ich, es braucht auch keine "persönliche Betroffenheit" und "Befindlichkeit", um gegen menschenverachtende Produktionsmethoden und gegen Rassismus Partei zu ergreifen. Dazu aber braucht es Diskurs und sachliche Diskussion. Gerne auch Streit und Kontroverse.

    Um die aber sicherzustellen, waren Bildersturm und Vandalismus noch nie geeignetes Mittel, sie sind kein Mittel, und sie werden auch niemals angemessene Mittel sein.
     
  3. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Auch die Fugger profitierten als Geldgeber vom transatlantischen Sklavenhandel. In Augsburg gibt es Bestrebungen, die Fugger- und Welserstraßen umzubenennen, sowie die problematischen Verbindungen zu Sklavenhandel und Ausbeutung im Fugger- und Welser Erlebnismuseum nicht länger auszublenden.
     
  4. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Scorpio:
    Sehr guter Artikel. Dein Abschnitt "das Boot ist voll" kann ich so nicht mittragen. Aber dazu sollte man hier im Geschichtsforum nicht diskutieren, da es explosive Tagespolitik ist.

    Würdest Du die britische Vorgehensweise vollständig auf moralische Grundlage stellen? Oder gab es hierzu auch wirtschaftliche Gründe? Ohne jetzt eine Quelle zu haben, war natürlich Sklaverei für eine Kolonialmacht kontraproduktiv. Wie Du überzeugend dargelegt hast, war die Sklavenjagd für die dortige Gesellschaft verheerend. Und wenn eine Kolonialmacht aus seiner Kolonie Profit erzielen will, muss sie gegen die Sklaverei vorgehen.

    Andere Zeit, aber vergleichbare Situation. Die deutschen Kolonien in Ostafrika waren durch arabische Sklavenhändler betroffen. Diesen "Geschäften" wurde von der Kolonialmacht einen Riegel vorgeschoben. War dies moralisch bedingt oder wollte man nur sein Humankapital Mensch nicht an andere verlieren? Und ist dann ein Kolonialherr moralisch besser als ein Sklavenjäger / -händler? Für das Individuum vermutlich. Er blieb in seine Heimat. Er musste nicht in einem anderen Land schuften. Vielleicht durfte er als Einwohner Belgisch Kongos Kautschuk gewinnen.

    Ich bin ja immer am (ver-)zweifeln, ob alles wirklich schwarz/weiß oder vieles nicht eher schmutziggrau ist.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Einige Historiker differenzieren die britische Kolonialzeit in zwei Epochen, das Erste und das Zweite Empire. Das Erste Empire von 1607 - 1776 mit Schwerpunkt Nordamerika und das Zweite Empire mit Schwerpunkt indischer Subkontinent. Es gibt natürlich auch Argumente, die gegen diese Zweiteilung sprechen, wie etwas die zeitweise Überschneidung. Man war schon vor dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in Asien involviert und auch nach dem Unabhängigkeitskrieg dauerte es ja eine Weile, bis das UK seinen Anspruch auf die amerikanischen Kolonien aufgab, wie am britisch-amerikanischen Krieg 1812 - 1815 zu erkennen ist.
    Der britische Sklavenhandel war vor allem während des Ersten Empires wichtig, da hatten die Briten in Afrika noch so gut wie keine Kolonien (im engeren Sinne) in Afrika, sondern benutzten afrikanische Ressourcen (eben Sklaven), um ihre amerikanischen Kolonien aufzubauen.
    Im Durchschnitt kamen bei einer Überfahrt im Übrigen bereits 1/7 der Sklaven ums Leben.
     
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  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Natürlich war die britische Politik nicht (ausschließlich) von ethischen Überlegungen getragen, und das würden vermutlich nicht einmal die größten Anglophilen behaupten. GB leistete sich teils massive Übergriffe gegen die staatliche Souveränität anderer Staaten. Immerhin aber tat GB diesen Schritt, die erste französische Republik schaffte 1790 die Sklaverei ab, Napoleon führte sie wieder ein, da die Zuckerindustrie in Martinique und Louisiana sozusagen "systemrelevant" war, es dauerte dann bis 1848 bis die Sklaverei auch in den französischen Kolonien abgeschafft wurde.

    Die Bekämpfung des arabischen Sklavenhandels war "das" Argument für die Kolonisation in Afrika, selbst Leopold II. behauptete, dass ihn philanthropische Motive bewegten.

    Bei den Europäern gab es keine Sklaverei, da hieß so etwas Zwangsarbeit, lief aber im Grunde auf das Gleiche hinaus.
    Viele Araber hielten die Einstellung der Europäer für bigott, es war nicht einmal ein Menschenalter her, da konnten die Europäer von "schwarzem Elfenbein" gar nicht genug bekommen. Als der Scramble for Africa" begann, war der amerikanische Bürgerkrieg gerade ein paar Jahre früher beendet worden, in Brasilien und auf Kuba existierte die Sklaverei noch (bis 1888 bzw. 1890). Fairerweise ist auch zu sagen, dass viele Sklaven durch Konversion zum Islam oder Freikauf die Freiheit zurückgewinnen konnten. Tibbu Tip, der größte Sklavenhändler Ostafrikas war Sohn einer schwarzen Sklavin. Er begleitete gegen Zahlung von 1000 Dollar Stanley bei seiner zweiten Exspedition. Zeitweise war er de facto Gouverneur des oberen Kongo, und auch die Deutschen arbeiteten anfangs noch mit ihm zusammen.

    Mir ging es als ich das Beispiel Großbritanniens erwähnte, vor allem darum, gegen die These zu argumentieren, dass Sklavenhandel völlig normal und ein anerkanntes Geschäftsmodell war- Das war er freilich irgendwo schon, aber Kritik daran wurde schon im 18. Jahrhundert geübt, und diese Kritik war gegen Ende des 18. Jahrhunderts so unüberhörbar geworden, dass sie sich nicht länger ignorieren ließ.
     
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  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Eigentlich waren die Briten im Krieg von 1812-15 eher in der Defensive. Als Kriegsgrund beriefen sich die USA auf die völkerrechtswidrige Zwangsrekrutierung von amerikanischen Seeleuten. Bei Trafalgar waren eine ganze Reihe amerikanischer Seeleute auf britischer Seite dabei.

    Diese Zwangsrekrutierungen waren aber durchaus auch ein vorgeschobener Grund, einige "Falken" wie Andrew Jackson hielten die Gelegenheit für günstig, die britische Provinz Ontario zu annektieren. GB war durch die napoleonischen Kriege in Europa gebunden, und in Indien hatten die Briten mit Mühe den Marathenaufstand niedergeschlagen. GB wäre beim besten Willen gar nicht in der Lage gewesen, die USA zurückzuerobern und wieder in das Empire zu integrieren. Das hatte im Unabhängigkeitskrieg nicht geklappt und war 1812-15 erst recht nicht erfolgversprechend, zumal die jungen USA durch den Louisiana Purchase von 1803 ihr Territorium verdoppelt hatten.
     
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  8. Pausanias

    Pausanias Mitglied

    Inwiefern verbietet der Dekalog Sklaverei? Ich kann kein Hebräisch, aber einige Übersetzungen verwenden statt des lutherischen Knecht Sklave, z. B. die Einheitsübersetzung: "Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren."
    Man kann die Zehn Gebote als Begründung für Sklaverei hernehmen, nicht aber zur Ablehnung.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Dekalog verbietet nicht Sklaven zu halten. Aber er verbietet
    - zu töten
    - das Gut seines Nächsten zu begehren.
    Sprich: Du kannst als Jude oder als Christ (auch der biblische Jesus spricht sich m.W. nicht für Sklavenbefreiung aus) Sklaven besitzen, aber freie Menschen zusammenzutreiben, sie zu töten und ihnen die Freiheit zu nehmen, ist damit nicht abgegolten.
     
  10. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Wenn wir hier schon Bibelexegese betreiben, möchte ich mal einwerfen, dass sich in großem Stil am Sklavenhandel zu bereichern nichts anderes als Dienst gegenüber dem "Mammon" ist und nach Matthäus 6,24, somit eine Gott ignorierende und somit verächtlich machende Handlung ist:

    Mammon – Wikipedia

    Vom Dienst an Gott zu lassen um dem Mammon dienen zu können, könnte man daher für sehr unchristlich, geradezu ketzerisch betrachten.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Um die geht es mir nicht. Wir geht es darum, dass der Sklavenhandel damit, dass er "normal" war (das war er ohne Zweifel) relativiert wurde. Ich habe mich gehen diese Relativierung gewehrt und darauf hingewiesen, dass mit Goldener Regel und Dekalog das Unrecht des Versklavens zu allen Zeiten hätte einem Christen als Unrecht erkennbar sein müssen. Mal abgesehen davon natürlich, dass man Fehler korrigieren kann etc. pp. (Aufsockelung usw.usf.).
     
  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Sklaverei lässt sich überzeugend durch die Grundlagen des Christentums kaum rechtfertigen. Eine ganze Reihe von Geistlichen tat es aber trotzdem, und viele bekannte Abolitionisten wie Lloyd Garrison, Harriet Beecher-Stowe und Frederick Douglass kritisierten heftig die Praxis vieler Kirchen, die die Sklaverei nicht nur duldeten, sondern sie ausdrücklich für kompatibel mit der Bibel erklärten.

    Sklavenhalter in den USA beriefen sich dabei auf Genesis 9, 25 (1. Mose 9, 18-29) und diese Bibelstelle wurde noch in den 1980er Jahren von den Nachfahren der Buren zitiert, die damit die Rassentrennung in Südafrika religiös begründeten.
    Für die weniger bibelfesten Forianer hier noch einmal eine Erläuterung: In der zitierten Bibelstelle geht es darum, dass Noah sich betrinkt und nackt in seinem Zelt liegt. Noahs Sohn Ham bemerkt das und erzählt es seinen Brüdern Sem und Japhet, die Noah zudecken. Als Noah aus dem Tran erwacht, erzählen ihm seine Söhne die Begebenheit, worauf Noah seinen Sohn und seinen Enkel verflucht (Gen 9, 25):

    "Verflucht sei Kanaan, und er sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte. und er sprach weiter:
    Gelobt sei der Herr, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Knecht!
    Gott breite Japhet aus und lasse ihn wohnen in den Zelten Sems und Kanaan sei sein Knecht!

    When Noah awaked from his wine and found out, what his son had done to him, he said:
    "Cursed be Canaan the lowest of slaves will he be to his brothers. He also said:
    Praise be to the Lord, the God of Shem
    May Canaan be the slave of Shem!
    May God extend Japhets territory,
    May Japhet live in the tents of Shem,
    And may Canaan be the slave of Japhet.

    Der Abolitionist Frederick Douglass greift das Thema in der ersten seiner drei Autobiographien auf stellt ironisch die Frage wie die Bibel die zahlreichen Fälle beurteilt, in denen ein Sklavenhalter nicht nur Besitzer, sondern auch Vater einiger seiner Sklaven ist. Frederick Douglass selbst verdankte seine Existenz einem nicht ganz freiwilligen Seitensprung seiner Mutter Harriet Jacobs mit Aaron Anthony, der eine Position als "Aufseher der Aufseher" des 13. Gouverneurs von Maryland, Eduard Lloyd bekleidete.
    Auch Lloyd hatte Nachkommen mit einigen seiner Sklavinnen. In seiner letzten Autobiographie "The Life and Times of Frederick Douglass" erwähnt er das Schicksal des Kutschers William Wilkes. Dieser war ein Sohn des Colonel Lloyd mit einer sehr geschätzten Sklavin, die noch auf einer von Lloyds Plantagen lebte. Wilkes sah seinem Vater sehr ähnlich, vor allem hatte er ein frappierende Ähnlichkeit mit seinem Halbbruder Murray Lloyd. Murray hasste daher Wilkes bis aufs Blut und lag seinem Vater ständig in den Ohren, er solle Wilkes verkaufen. Schließlich hatte Murray Erfolg, und der Kutscher sollte verkauft werden. Vorher aber sollte er noch ausgepeitscht werden. Das geschah auch, aber anscheinend nicht in wirklich befriedigender Weise. Wilkes empfing einige Hiebe und bekam danach von seinem Vater eine goldene Uhr geschenkt. Der Kutscher wurde gefesselt und Austin Woolfolk überstellt, einem damals bekannten Sklavenhändler. Bei der Auktion geschah dann aber etwas eigenartiges: Wilkes bot selbst für sich, überbot alle Kaufinteressenten und blieb danach in Baltimore wohnen.

    Natürlich wurde viel gemunkelt, woher Wilkes das Geld hatte, und man glaubte, dass es von seinem Vater Eduard Lloyd stammte. Wie Douglass später herausfand, stammte das Geld aber nicht von ihm. Wilkes hatte viele Freunde unter prominenten Freigelassenen in Baltimore. Diese liehen ihm das Geld für den Freikauf.


    Frederick Douglass schrieb, dass es viele Sklaven gäbe, deren Vater zugleich ihr Herr sei und dass diese Sklaven es oft schwer hatten und den Hass ihrer Herrin auf sich zogen, da sie eine ständige Erinnerung an Seitensprünge des Herrn darstellten. Die amerikanische Sklaverei sei für die Sklavenhalter sowohl profitabel als auch vergnüglich. Sie gestatte Sklavenhaltern Ehebruch mit Sklavinnen zu begehen, und solche Ehebrüche vermehrten noch dazu den Besitz des Sklavenhalters.
     
  13. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Die Empörung über den Rassismus früherer Tage kennt offenbar keine Grenzen: Jetzt geht es sogar den Vögeln an den Kragen – sie werden umgetauft.

    Aber deswegen melde ich mich hier nicht wieder zu Wort, sondern wegen eines Denkers, der großes Ansehen genießt – und doch ein Rassist war: Immanuel Kant. Er hat neben seinem kategorischen Imperativ auch Solches geschrieben - Zitat: Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit die Rasse der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.

    Muss oder soll man nun Kant wegen solcher Sätze vom Sockel stürzen?

    Oder haben wir mit Umbenennungen von Vögeln, Straßen und Dingen, die z.B. das Wort Mohr enthalten, schon genug getan, um uns von der Schande zu erlösen, die unsere Vorfahren zu verantworten haben?

    PS: Eigentlich müsste ich das in einen Thread mit Namen „Ikonoklasmus 2021“ (Forum Neuzeit) schreiben, aber vielleicht geht das auch hier; wenn nicht, bitte verschieben und dem Thread einen besseren Titel geben.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Von den umgetauften Vögeln wird keiner einen psychologischen Schaden dadurch erleiden, dass es ihm mittels Namensänderung "an den Kragen" geht. Es wird auch niemand Schaden nehmen, wenn man Kants Rassismus mal zum Thema macht. Außer vielleicht ein paar Alte Weiße Männer (die auch jung oder Frauen sein können).
     
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  15. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht ob man gleich jeden vom Sockel stürzen muss, nur weil er mal unliebsames geschrieben hat, sofern das ohne direkte, greifbare Folgen geblieben ist, aber es gibt jedenfalls Anlass, diese Person dann nochmal neu zu bewerten, nachdem man sich diese Dinge nochmal genau angesehen hat.

    Ich würde allerdings meinen, dass dann auch insgesammt etwas vom Thema abgeht, einfach weil das bei Kant keine direkten, greifbaren physisch nachteiligen Folgen für irgendjemanden hatte, im Gegensatz zu Kalibern wie Colston.
     
  16. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Jetzt war natürlich Kant kein Slavenhändler und auch nicht indirekt am Sklavenhandel beteiligt, aber gleichzeitig hat er mit seiner Sicht auf andere "Rassen"* als intellektuelle Autorität durchaus Vorbildcharakter, die auch wiederum spätere Generationen beeinflußt hat. Gleichzeitig war aber auch Kant ein Kind seiner Zeit und war auch von früheren und zeitgenössischen Geisteshaltungen beeinflußt.

    Gleiches gilt auch für die antijüdischen Aussagen von Martin Luther, die dann später von Antisemiten verwendet worden sind. Insbesondere im Dritten Reich wurden diese Aussagen propagandistisch im Dienste des staatlichen Antisemitismus benutzt.


    Aber man muß nicht erst im 16. oder 18. Jh. nach problematischen Aussagen von Theologen oder Philosophen suchen, sondern es gibt auch von Karl Marx und Hannah Arendt Aussagen zum Rassismus, die einen üblen Beigeschmack haben. In der politischen Kabarettsendung "Die Anstalt" vom ZDF vom 14. Juli 2020 wurden einige dieser Aussagen vorgestellt: Die Anstalt vom 14. Juli 2020 (ab Zeitindex 23:30 min)

    Im dazugehörigen Faktencheck werden diese mit Quellen und Zusammenhang dargestellt: https://www.zdf.de/assets/faktencheck-14-juli-2020-100~original?cb=1595812890973 (PDF-Download beginnt sofort)

    Ansonsten bin ich aber durchaus der Meinung, dass man den Rassismus, der von den vorgenannten Persönlichkeiten vertreten wurde, thematisieren sollte. Ob man Kant oder von ihren Denkmalsockeln stürzen soll, ist eine andere Frage.


    *ich bin mir der Problematik dieses Begriffes "Rasse"durchaus bewußt und verwende ihn im zeitgenenössischen Kontext.​
     

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