Ikonoklasmus 2020

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von El Quijote, 12. Juni 2020.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In etlichen deutschen Städten gibt es ja bis heute Straßennamen und Viertel, die auf die eine oder andere Art an koloniale Traditionen Deutschlands oder deutscher Länder erinnern. Landgraf Friedrich II. richtete in Wilhelmshöhe eine Art "Menschenzoo" ein, es lebten Ende des 18. Jahrhunderts einige Chinesen, "Kammermohren und -Türken und schließlich auch "schwarze Tamboure" und ihre Nachkommen, die mit hessischen Truppen aus Amerika nach Kassel kamen. Auf landgräfliche Order mussten die in einem Viertel wohnen in der Nähe wo Friedrichs Sohn Wilhelm bald darauf Schloss Wilhelmshöhe bauen ließ. Es erinnert noch eine Mulangstraße an Kassels "Chinatown", aber im öffentlichen Bewusstsein ist diese "Episode" so gut wie nicht vorhanden. Eine Mohrenstraße kenne ich nicht, nur die Mohrenapotheke in KS.

    Im Osten Kassels, in Bettenhausen gibt es noch eine sogenannte Afrika-Siedlung, "Die Afri".
    Da gibt es eine Wissmann-, Togo-, Windhuk- und Lüderitzstraße.
    Die "Afri" wurde in den 1920er Jahren gebaut, da waren das Arbeiter- und Sozialwohnungen. Die Straßennamen wurden in der NS-Zeit eingeführt. Die "Afri" ist schon irgendwie ein bisschen kultig-verrucht. Wird der Name in Kassel und Umgebung genannt, gibt es ein wissendes Raunen, denn eigentlich ist die Afrika-Siedlung seit 20-30 Jahren ein Ghetto. Manche nennen es offen ein "Assi-Viertel". Wenn nach irgendjemandem gefahndet wird, sucht man zuerst dort. Eine Bewerbung bei Kasseler Unternehmen und im Umland, die einen Absender aus dem "Afrika-Viertel" oder von nebenan, vom Lindenberg trägt, hat deutlich geringere Erfolgsaussichten.

    Der historische Hintergrund der Straßennamen der "Afri" dürfte bei den meisten Bewohnern des Viertels kaum bekannt sein, wie auch sonst die Kenntnis von historischen Zusammenhängen um Deutschlands koloniale Vergangenheit vielerorts in Nordhessen rudimentär bis nicht vorhanden sind. In der Afrika-Siedlung leben heute zum großen Teil Immigranten. In der "Afri" zu leben, zu wohnen, ist nicht unbedingt mit Vorteilen verbunden, eher ist das Gegenteil der Fall. Dennoch bin ich davon überzeugt, wenn irgendeine Initiative gegründet würde, die sich mit der kolonialen Vergangenheit und den Namensgebern der "Afrika-Siedlung" beschäftigte-von einer Iniative zur Umbenennung müsste gar nicht die Rede sein. Ich bin der festen Überzeugung, dass es ziemlich bald zu einem wütenden Protest kommen würde, dass nur ja nicht die Afrika-Siedlung umbenannt werden darf.

    Das ist doch eigentlich eine ziemlich bemerkenswerte Reaktion und eine recht eigenartige Gemengelage: Festhalten am altvertrauten, Identifikation mit einem Viertel, einem Kiez, aber durchaus auch chauvinistische Motive.
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Fällt das Verkaufen/Vermieten von Soldaten eigentlich auch unter Menschenhandel?
     
  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das kann schon leicht sein.
    Interessant finde ich dazu die Definition des UNO-Vertrags gegen den Menschenhandel Artikel 3.
    https://www.un.org/depts/german/uebereinkommen/ar55025anlage2-oebgbl.pdf

    Man könnte hier vielleicht mit "Nötigung", "Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit" argumentieren um eine "Ausbeutung" (notwendige Voraussetzung des Menschenhandels) der Person zu bewirken.
    Zu den Formen der "Ausbeutung" gehört auch die "Zwangsdienstbarkeit".
    .. Uno-Definition.

    Ich würd sagen ja, ist zu einem Teil Menschenhandel.
    (Ob die Hessen in Amerika, oder auch die bayerischen Buben beim Russlandfeldzug Napoleons.)
     
    Scorpio gefällt das.
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Mirabeau hat diese Frage bejaht, und die Subsidienverträge im Unabhängigkeitskrieg wurde teilweise schon von Zeitgenossen kritisiert. Die Bewertung des Soldatenhandels deutscher Fürsten fällt auch heute keineswegs einhellig aus unter Historikern und ist letztlich eine Frage des persönlichen Standpunktes.
    Immerhin aber verstieß es nicht gegen Reichsgesetze und war eine weitgeübte Praxis des Militärwesens.

    Ein Großteil der hessischen Truppen war durchaus unfreiwillig und unter verschiedenen Graden von Zwang zum Militärdienst genötigt worden.

    Immerhin aber wurden die Soldaten für ihre Tätigkeit bezahlt, sie verloren nicht ihren Rechtsstatus. Ein Großteil der eingesetzten Truppen waren stehende Regimenter, de facto Berufssoldaten. Es gab durchaus, vor allem zu Beginn, Freiwillige, und es wurden für die damalige Zeit durchaus attraktive Summen an Sold und Handgeld in harter Währung an Soldaten ausgezahlt. Mag der "Freiwilligkeit" zuweilen nachgeholfen worden sein, mögen auch viele unfreiwillig gedient haben, die meisten hatten doch eine förmliche Kapitulation unterzeichnet und sich formal legal für den Kriegseinsatz verpflichtet.
    Soldaten waren weder rechtlos, noch ehrlos- es erforderte eines eigenen Rituals der Ehrlichmachung, wenn Angehörige sogenannter unehrlicher Berufe in ein Regiment aufgenommen wurden.

    Bei aller (berechtigten) Kritik an diesen Praktiken, aller Polemik gegen die "verkauften Hessen"waren es doch Welten, in denen sich Söldner und Sklaven rechtlich, sozial usw. unterschieden.

    Soldaten waren nicht Eigentum eines Besitzers. Manche Hessen fühlten sich als Kriegsgefangene schlechter, als bei den Türken behandelt. Viele der Tamboure, die zu den Hessen flüchteten, waren vorher Sklaven gewesen, man mag die menschliche Menagerie des Landgrafen kritisch betrachten, aber der Dienst als durchaus geachteter Tambour in der Armee Serenessimus war für diese Veteranen eine Verbesserung der persönlichen Lebensverhältnisse.
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im Königreich Westphalen wurden beeindruckende neue Rechte eingeführt, damit waren freilich auch Pflichten wie die Wehrpflicht verbunden. Natürlich sind eine Menge Bayern, Hessen, Niedersachsen, Thüringer, etc. in Kriegen ums Leben gekommen, die nicht die ihren waren. Aber Menschenhandel?

    Sie waren zwar oft unfreiwillig im Einsatz, aber nicht unbezahlt unter Abzug sämtlicher Menschenrechte.
     
  6. hatl

    hatl Premiummitglied

    Nicht einfach zu sagen.
    Wenn mich der Napoleon vom Fürsten zum König macht und ich ihm dafür 30.000 Buben als Soldaten gebe mit denen er schließlich nach Russland zieht und nur 3.000 zurückbringt, dann kann man das schon als Menschenhandel sehen.
    Es sei denn, die Soldaten zogen ohne Zwang oder absichtliche Täuschung in den Krieg.
    Ich weiß es nicht. Es ist wohl eine Grauzone.
     
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Es ist wohl wie die Abgrenzung zwischen Zwangsarbeit und Wehrpflicht. Auch im Rahmen der Wehrpflicht werden Menschen zu Leistungen gezwungen, ohne dass sie als Zwangsarbeit gilt.

    Dass ein Souverän über seine Truppen verfügt, ist nichts Ungewöhnliches, auch nicht, dass er sie anderen Mächten zur Verfügung stellt. [Das kommt auch heute noch vor. Dass heutzutage (im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten) primär oft kleinere und/oder arme Länder wie die Fidschi-Inseln oder Bangladesch Soldaten für internationale Friedensmissionen stellen, liegt nicht daran, dass ihnen der Weltfrieden ein ganz besonderes Anliegen wäre, sondern an den UN-Mitteln, die dabei fließen. Als "Menschenhandel" wird das offenkundig nicht gewertet. Ich will damit zwar nicht Friedensmissionen mit Napoleons Angriffskriegen vergleichen, aber im zugrundeliegenden Prinzip - Zurverfügungstellung von nicht unbedingt freiwillig dienenden Soldaten für landesfremde Zwecke gegen eine Gegenleistung - sehe ich durchaus Parallelen.]
    Ich will das nicht verteidigen, aber als Menschenhandel kann man es, glaube ich, nicht bezeichnen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Mai 2021
    Scorpio gefällt das.
  8. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Zu spurlos verschwundenen Gebäuden Mou-Langs gehörte auch eine Moschee mit zwei Mineretten und Kuppel bzw- die barocke Kulisse einer Moschee. Da diese Moschee komplett aus Holz gebaut war, verfiel sie schon nach wenigen Jahrzehnten nach ihrer Errichtung. DIe Moschee wurde 1760 erbaut und irgendwann um 1820 wurden letzte Reste abgetragen. Anders als anderes Gebäude in Leichtbauweise im "Chinesendorf" wurde die Moschee nicht durch einen Steinbau ersetzt.
    Die Zusammenstellung chinesischen Gebäuden, mit einer Moschee, Afro-Amerianern ist natürlich der reinste Orientalismus - Hauptsache Exotik.

    Die einzigen hessischen Soldaten, die wirklich Opfer von Menschenhandel waren, waren sicherlich die schwarzen Tamboure.

    Kritisch muss man vor allem das geringe Alter der Trommler sehen. In Amerika setzten die Hessen vor allem Jugendiche unter 14 als Trommler oder auch als Pferdeknechte oder Trossjungen ein.
    Von viel Freiwilligkeit würde ich da nicht ausgehen.
    Entflohene Sklaven befanden sich in einer Zwangslage. Bei den Hessen als Trommler anfangen, wäre da sicherlich eine schnelle Lösung, um nicht zu verhungern oder gehängt zu werden. Entflohene Sklaven befanden sich in einer Zwangslage. Das geringe Alter der "Rekruten" spricht vielleicht auch gegen die Behauptung, dass es sich um entflohene Sklaven handelte. Ich würde eher vermuten, dass diese Jungs von den Hessen gekauft, befreit oder geraubt wurden.
    Neben den Jungen gab es bei den Hessen aber auch schwarze Mädchen im Tross. Wofür die wohl zuständig waren?
    Wenige Afro-Hessen war auch Füsseliere, also bei den kämpfenden Truppen. Dafür war sicherlich eine Mindestgröße und das damit verbundene Alter erforderlich. Der Krieg in Amerika dauerte lang genug um erwachsen und ein richtiger Soldaten zu werden. Das man lang genug überlebt, ist natürlich die Voraussetzung.
    Ob sie befreite oder entflohene Sklaven oder frei geborene Schwarze waren ist auch eigentlich auch egal. Das Gerücht, dass die Hessen entflohene Sklaven einsetzen, war jedenfalls in der Welt. Und damit befand sich jeder afrohessische Veteran in Amerika in der Gefahr als mutmaßlich entflohener Sklaven versklavt zu werden.
    Ob jene Afro-Hessen nach dem Krieg wirklich freiwilllig ins ferne Kassel gereist sind, ist dahin gestellt. Die meisten Afro-Amerikaner, die im Unabhängigkeitskrieg auf Britischer Seite gekämpft hatten, mussten jedenfalls die Vereinigten Staaten verlassen, hatten also nur die Wahl zwischen britischen Gebieten in Kanada und der Karabik oder im Fall der Afro-Hessen eben auch Kassel.

    Sehr interessant hierzu:
    https://www.revolutionarywarjournal...n-american-slaves-in-the-american-revolution/
    Auf den zeitgenössischen Abbildungen erkennt man auch gut, dass der Trommler einen Kopf kleinen als die echten Soldaten ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Mai 2021
  9. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Es gibt Historiker (Jürgen Zimmerer, Philipp Osten), die eine Umbenennung des Robert-Koch-Instituts fordern, weil sein Namensgeber in der Kolonialzeit in Afrika für seine Forschung „über Leichen ging“ – siehe Man muss das RKI umbenennen.

    Aber es gibt auch Stimmen dagegen: In der SZ-Ausgabe vom 12./13.5.2021 sagte der Historiker Christoph Gradmann, dass die Vergangenheit nicht verschwindet, wenn wir sie verurteilen: Er plädiert für die Erhaltung des Namens.

    Ich schätze, auch in diesem Forum werden Meinungen ähnlich auseinandergehen.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Im Grunde genommen handelt es sich ja bei Gradmann um einen Fehler, wenn er meint, die Vergangenheit würde der Vergessenheit anheimfallen, wenn man dem RKI den Namen nehmen würde, weil Robert Kochs afrikanische Forschungen (Zwangsbehandlung von Einheimischen mit hochdosierten Arsenika im damaligen Deutsch-Ostafrika, i.e. Tanzania) schon damals anrüchig waren. Im Reich hätte er sie nicht durchführen können. Es ist eben im Gegenteil so, dass seine Expedition 1906/07 jenseits von Spezialisten für Kolonial- oder Medizingeschichte kaum bekannt ist, es kann also gar nicht sein, dass da etwas in Vergessenheit geriete, was eh niemandem bewusst ist und Kochs Leistung,
    1882 den Tuberkulose-Erreger entdeckt und dafür 1905 den Nobelpreis erhaltebn zu haben, wird dadurch auch nicht geschmälert.
    Es würde im Gegenteil, einen erklecklichen Mangel an Geschichtsbewusstsein seitens Professor Gradmanns offenbaren, wenn er den Vorbildcharakter, den so eine Institutsbenennung hat, völlig außer Acht ließe. Aber vielleicht spielt er hier auch nur den Advocatus Diaboli, damit die Diskussion breitere Kreise zieht. Eine Benennung ist gewissermaßen auch eine Art der Verehrung und da verehrt die medizinische Welt einen Rassisten, der die Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas für seine medizinischen Versuche hergenommen hat.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    mdr; 7. März 2019:

    Henryk Jankowski galt als Solidarność-Legende, doch er soll jahrelang Kinder missbraucht haben. Der Fall bewegt ganz Polen seit Monaten und ganz besonders, seitdem Aktivisten das Denkmal des Priesters in Danzig vom Sockel gestürzt hatten. Mit ihrer Aktion wollten sie gegen den Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema Missbrauch protestieren. [...]

    [​IMG]

    [...]
    Nach entsprechenden Medienberichten Ende 2018 war im Februar das Denkmal in einer nächtlichen Aktion vom Sockel gestürzt worden.

    Das Video [...] zeigt, wie drei Männer in der Nacht zum 21. Februar ein Seil um den Hals der Skulptur legen, den Sockel freilegen und dann so lange ziehen, bis das Denkmal umfällt. Damit es nicht beschädigt oder gar zerstört wird, hatten die Aktivisten zuvor alte Autoreifen ausgelegt. Sie "wollten den falschen und abscheulichen Mythos von Henryk Jankowski" und nicht das Denkmal als solches zerstören, erklärten die Männer.

    Das am Boden liegende Denkmal umwickeln sie mit dem Gewand eines Ministranten und in die Hand legen sie der Statue eine Kinderunterhose - als Symbol für die Mädchen und Jungen, die Jankowski sexuell belästigt und missbraucht haben soll. [...]

    Dass sie sich ausgerechnet das Denkmal des Solidarność-Pfarrers ausgesucht haben, kommt nicht von ungefähr. Jankowski war im Jahr 1980 als Beichtvater des Danziger Streikführers und späteren polnischen Staatspräsidenten Lech Wałęsa bekannt geworden. Auch wegen dieser Funktion galt Jankowski lange Zeit als moralische Instanz im Land.

    Danzig beschließt Abriss des Denkmals für Priester Jankowski | MDR.DE
     
  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ulysses Grants Vater war bekennender Abolitionist, sein Schwiegervater besaß allerdings einige Sklaven, und Grant gelangte über die Familie seiner Frau in den Besitz eines Sklaven namens mit dem er einige Zeit ein Stück Land bearbeitete, dass seinem Schwiegervater gehörte. Mit diesem Sklaven reiste er nach St. Louis. Er hätte ihn dort für 1000 $ verkaufen können, statt dessen ließ er ihn frei. Er selbst nahm kurz darauf einen Job als Geldwechsler an. Grant hatte bevor er als Kommandeur im Bürgerkrieg eine bemerkenswerte Karriere machte, sich in vielerlei Jobs versucht und war dabei oft auf die Nase gefallen, und er hatte auch Probleme mit Alkohol. Als er seinen einzigen Sklaven freiließ, war er finanziell wirklich nicht auf Rosen gebettet. Er hatte um die gleiche Zeit mal seine Uhr verpfänden müssen, um Weihnachtsgeschenke für seine Familie kaufen zu können. Zeitweise hatte er auf finanzielle Hilfe seines Vaters zurückgreifen müssen, der es allerdings zur Bedingung machte, dass er von Missouri nach Ohio zurückkehrte, da in Missouri Sklaverei erlaubt war.
     
    Riothamus und Shinigami gefällt das.

Diese Seite empfehlen