Industrielle Revolution vom Protestantismus geprägt?

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Saphira, 23. März 2006.

  1. Saphira

    Saphira Gast

    Hallo ihr Lieben,

    ich hab da eine sehr wichtige Frage: Wie schon der Überschrift zu entnehmen ist, geht es um die Industrielle Revolution. Ich schreibe gerade an einer wissenschaftlichen Arbeit und da kam in mir der Gedanke hoch, ob in der I. R. nicht auch das Christentum, speziell der Protestantismus eine tragende Rolle spielte. Max Weber schrieb in seinem Buch (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus) darüber, aber es ist sehr schwierig zu lesen und es ganz durchzuarbeiten wäre unmöglich, da ich an einen Termin gebunden bin.
    Wenn ihr Ideen oder über ganz konkretes Wissen verfügt, teilt es mir bitte mit. Mir liegt sehr viel daran, nicht nur wegen der Arbeit, sondern auch aus Interesse.

    Vielen lieben Dank
    Saphira
     
  2. SRuehlow

    SRuehlow Neues Mitglied

    Ich meine mich daran zu erinnern, dass es verschiedene Auffassungen des Protestantismus zu geben scheint. Mir fällt das konkret das Beispeil der Quäker ein, die nachdem sie mit ihrer religiösen Meinung in Europa angeeckt waren, ihre Zuflucht in der neuen Welt gesucht haben. Ich glaube, dass sie nach dem Prinzip handeln, dass nur der von Gott geliebt wird, der auch Erfolg hat. Dies geschieht nicht aus Egoismus oder Eigenantrieb, sondern aus der Absicherung heraus, sich und die Familie, darüber die Gemeinschaft finanziell versorgen zu können. Ebenso leben und handeln die Mormonen... aber leider erklärt das nicht, warum die Industrielle Revolution den Protestantismus gefördert hat, oder umgekehrt...
     
  3. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Hallo auch! Mit konkretem Wissen kann ich nicht dienen. Auch scheint mir diesbezüglich ein vages Herumgooglen nicht erfolgversprechend.

    Ich lege einfach mal meine Gedanken offen.

    Deine Frage beeinhaltet zwei Komponenten. Die eine - offensichtliche - lautet: Welchen Beitrag hatte das Christentum an der IR? Die zweite, unterschwellige, lautet: Ist es Zufall, dass die IR von den christlichen Ländern (und darunter vornehmlich den Protestantischen) ausging und vorangetrieben wurde? Da könnte man ins Blaue hinein schon einige Dinge ansprechen.

    Ich nenne aber noch einen dritten Denkansatz: Inwiefern hat der Geist der Aufklärung sowohl die Glaubensvorstellungen verändert, wie auch die IR möglich gemacht? Dieser scheint mir durchaus plausibel. Damit entferne ich mich ein Wenig von einem kausalen Zusammenhang zwischen IR und Protestantismus, bzw. führe beide "Entwicklungen" eher auf eine gemeinsame Ursache zurück.
     
  4. Penseo

    Penseo Neues Mitglied

    Es gibt in der Tat verschiedene protestantische Bewegungen. Die Mormonen würde ich nicht dazu zählen.
    Wenn Protestantismus als Abkehr von der römisch- katholischen Kirche verstanden wird, gehört eben neben der evangelisch- lutherischen auch die anglikanische sowie die calvinistisch reformierte Kirche dazu.
    Daneben existieren aber auch noch kleinere "Freikirchen" wie Methodisten.
    Nicht alle protestantischen Glaubensrichtungen sind dem technischen Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ( als Extremfall die Amish, aber auch die Methodisten).

    Wenn man nun den Zusammenhang zwischen industrieller Revolution und dem vorherrschenden Glauben herstellt, meint man in der Regel aber nur die anglikanische, lutherische und calvinistische Kirche.
     
  5. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Man sollte einmal das Pferd vom Schwanz her aufzäumen und die Frage stellen, was für eine Geisteshaltung benötigt wird, um eine Industrielle Revolution hervorzubringen .

    Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Deutschland zwar eines der ersten Länder war - aber eben nicht das erste - in dem diese "ausbrach", andererseits die Deutschen in Amerika nie zu den Tycoons à la Rockefeller, Vanderbilt (oder Al Capone ?) usw. aufstiegen. Die Deutschen galten eher als "bieder" :zunge:. Ich glaube also, dass die IR nicht in Deutschland ihren Ursprung hätte nehmen können, sondern des Vorbilds der Engländer bedurfte.

    Hier zeigt sich in meinen Augen, dass weder "die Europäer" noch "die Protestanten" die gesuchte Unität sind, sondern eher andere Soziotope, in denen eine geeignete Überzeugung entstehen konnte; diese stand natürlich in einem Kontinuum mit der kulturellen religiösen Herkunft.
     
  6. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    als Vorreiter der kapitalistischen Geisteshaltung gilt Adam SMith mit seinem Werk "der Wohlstand der Nationen".
    Religiöse Ursprünge sieht man im Calvinismus (insbesondere in der Prädestinationslehre).
    Da die IR durch das Bürgertum getragen wurde ist die (bereits von Pope genannte) Aufklärung und der Liberalismus entscheidend.
    kennst du schon den Wikipediaartikel?:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_protestantische_Ethik_und_der_'Geist'_des_Kapitalismus
     
  7. Saphira

    Saphira Gast

    ich bin euch unendlich dankbar. Diese schönen Denkanstöße haben bei mir einiges ins Rollen gebracht :)
    Was mich total an euch fasziniert ist die Tatsache, dass jemand "in Not" ist und ihr sofort helft (eigentlich ohne, dass ihr etwas davon habt). Das ist sehr lobenswert von euch.
    Nocheinmal vielen Dank!!
    Saphira

    P.S.: aber ich hoffe, dass ihr noch weiter postet, wenn euch was einfällt ;-)
     
  8. Mercy

    Mercy unvergessen

    Zunächst sieht nicht "man" sondern Max Weber die religiösen Ursprünge im u.a. Calvinismus.
    Folgt man Max Weber, dann ist der Liberalismus eine Frucht der protestantischen Ethik.

    Da sind die entscheidenden Punkte ja genannt:
    Die protestantische Ethik entwickelt sich nach Weber aus zwei entscheidenden Ideen. Zum einen aus Luthers Reformation. Daraus entfaltet sich, unter dem Einfluss Calvins, die innerweltliche Askese, die einen konstitutiven Bestandteil des „modernen kapitalistischen Geistes“ bildet...
     
  9. Renard

    Renard Mitglied

    Andererseits muß man natürlich sehen, daß bei den Katholiken seit dem 4. Jahrhundert die Habsucht, und bis heute die Habgier, zu den 7 Todsünden gehört. Und im Vergleich dazu fördert die Prädestinationslehre der Calvinisten wesentlich stärker das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg.

    Auf der Homepage von Prof Dr. Roland Geitmann http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/geitmann/ gibt es eine interessante Zusammenstellung über die Haltung der Kirche zum Zins und damit der Voraussetzung für die Entwicklung eines funktionierenden Geldwesens im Rahmen eines Vortrages.

    Ob man die überproportionale Aktivität der Minderheit der Hugenotten im Wirtschaftsleben Frankreichs vor ihrer Vertreibung allein auf ihre Religion zurückführen kann, halte ich für fraglich. Aber natürlich sorgt der Status als z.T. unterdrückte bzw. verfolgte Minderheit wie z.B. bei den puritanischen Calvinisten nach der Testakte im Jahr 1763, in dem nun auch sie wie die Katholiken von staatlichen Ämtern ausgeschlossen sind, besonders im privatwirtschaftlichen Bereich aktiv zu sein (Laut Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Calvinisten).
     
  10. Mercy

    Mercy unvergessen

    Das ist in diesem Zusammenhang erstens irrelevant, um diese Zeit gab es die Kirche und keine Konfessionen, zweitens handelte es ich damals um 8 Todsünden, von einem griechischen Theologen postuliert.
    Papst Gregor I. (590-604) sprach dann von 7 Todsünden.

    Der Ansatz führt kaum weiter.
     
  11. Penseo

    Penseo Neues Mitglied

    Max Weber weist aber ausdrücklich darauf hin, dass es wirtschaftliche Entwicklungen unabhängig von der Religion überall auf der Welt gegeben hat.
    Auch die Entwicklung von Kalkulationsmethoden und Rentabilitätsgedanken gab es überall. Desweiteren weist er darauf hin, dass die menschlliche Gier und Raffsucht ebenfalls überall verbreitet ist.

    Ihm liegt mehr daran, dass spezifische der industriellen Revolution auf die Religion zurückzuführen. Und das ist, so wie ich es verstehe eben die rationale Kombination aller dieser wirtschaftlichen Überlegungen mit dem technischen Fortschritt, um eben noch mehr Gewinn zu erzielen, sich nicht mit dem zu begnügen, was man bsiher schon verdient hat.
    Und dieser Haltung bedarf es eben nicht nur beim Unternehmer, sondern auch beim Arbeiter. Er bringt das Beispiel der arbeitenden Frauen, bei denen lediglich protestantische Mädchen von der Möglichkeit, mehr zu verdienen Gebrauch machten, während die anderen unwillig wären und sich mit dem bisher Erreichten begnügten. ( er spricht von Chancen, dieses durchzusetzen)
    Er sieht die Ursache dafür in der Erziehung, die Wert auf das Vermitteln socher rationaler Überlegungen legt.

    Und um noch einmal auf Max Weber zurückzukommen: er selbst schreibt, dass auch eine genetische Disposition nicht auszuschliessen, aber eben niemals nachweisbar sein dürfte.


    PS: Für eine wissenschaftliche Arbeit werden aber einige Wikipedia- Artikel nicht ausreichen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. März 2006
  12. ning

    ning Gesperrt

    "Es ist gottgefällig, Besitz zu haben,"
    Dein Gedanke ist goldrichtig. Das ist jetzt kein Gottesurteil (;)) sondern mich beschäftigt selbiger unbescheidener Gedanke seit sehr langer Zeit...

    Wie der Egoismus (der verzeihbare Gründe wie den Anspruch auf Anteil an Geld und Macht = Wohlstand hat) die Spiritualität "unserer" damaligen kathol. "Religion" ausgehöhlt hat, das begann mit dem pragmatischen Martin Luther (die verfeinerten Vorläufer der humanistischen Riege mal außen vor gelassen), dem idealisten Münzer und auch mit den fanatischen Bösewichtern von schweizerisch-französischem und englischem Boden aus.
    Dabei war die Machtzentralisierung in Richtung Absolutismus (Ausgang durhcaus schon im Laufe des 14. Jhdt.) und die rasch folgende brutale Unterdrückung (auf Jahrhunderte!) der bäuerlichen Befreiungsbestrebungen (Kulminations- und Endpunkt im deutsche Raum der Bauernkrieg 1525) der Anlass und doch nur das Mittel zum Zweck:
    Die industrialisierung hat uns den heutigen Wohlstand verschafft, Wohlstand, den nur viele Schultern und Köpfe und Hände schaffen konnten, Wohlstand, der zuvor ein ->entfesseltes Bürgertum<- benötigt hat, dass von keiner röm.-kathol- Adelsclique mehr bevormundet werden konnte und dem "Schicksalsdenken, jenes, das von Gott geleitet wird" ins Gesicht lachte.

    Salt Lake City und die Bankendichte in Calvins Heimatstadt sind beispielsweise das Ende vom Lied.:cool:
     
  13. Penseo

    Penseo Neues Mitglied

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