Informationsmonopol in Dritten Reich

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Sebastian, 2. April 2020.

  1. Sebastian

    Sebastian Neues Mitglied

    Guten Tag,

    was mich interessieren würde ist, in wie weit das Dritte Reich in den 30ern und später im 2. Weltkrieg ein Informationsmonopol aufbauen konnte. Klar ist, dass die deutsche Presse und der Reichsrundfunk staatlich gelenkt war.

    Weiß jemand von euch,

    1. in wie weit in den 30ern oder vielleicht noch während des 2. WK in Deutschland die Auslandspresse erhältlich war und ggf. wo (Fernbahnhöfe ?)

    2. in den 30ern konnte ja bereits der Kurzwellenrundfunk und Langwelle mit sehr großen Reichweiten empfangen werden. Eine Strafbarkeit trat erst mit Beginn des 2. WK ein (Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen). Waren solche Weltempfänger oder zumindest Radios mit Langwelle leicht erhältlich?

    3. unterhalb der allgemein ausgerichteten Berichterstattung: Waren während der Nazidiktatur Auslandsreisen der Bürger für individuelle Informationen und Eindrücke möglich ? Ich weiß von einer seit RK Brüning geltenden Devisenbewirtschaftungsverordnung, die Auslandsreisen ganz erheblich erschwerte, sofern man nicht über ausländische Devisen oder Einkünfte verfügte. Brauchte man aber in den 30ern z.B. ein Ausreisevisum oder reichte ein einfacher Reisepass ?

    Die Fragen sind vielleicht ein wenig speziell. Aber vielleicht kann sie ein Forumsmitglied beantworten.

    Danke
    Sebastian
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    "Informationsmonopol" und "staatlich gelenkt" ist eine nette Verharmlosung der realen Vorgänge. Evans (The Coming...) zitiert die Erwartungshaltung von Göring (15.03.1933) an die Journalisten: "You are to know not only what is happening, but also the government`s view of it and how you can convey that to the people most effectively."

    In der Realität der NS-Machtübernahme bedeutete es, dass sämtliche Träger von Kultur und Information sukzessive gleichgeschaltet wurden und erhielten den Auftrag im Rahmen eines totalitären Systems eine einzige Sicht ideologisch zu verankern.

    Der Erfolg oder Nichterfolg der totalitären Gleichschaltung der NS-Gesellschaft wurde im Rahmen der "Meldungen aus dem Reich" durch die SS bereitgestellt. Das Abhören von Feindsendern war dabei mit der Todesstrafe bedroht. (Sösemann, S. 139)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Meldungen_aus_dem_Reich

    Im Prinzip konzentrierte sich die "Gleichschaltung" nach 1933 auf den Bereich Presse, Rundfunk, Kunst und Film (vgl. die Darstellung bei Longerich). Die Olympischen Spiele mögen eine temporäre Ausnahme beim Zugang von Auslandspresse gebildet haben.

    Es erfolgte eine Gleichschaltung der Presse im Rahmen des Schriftleitergesetzes. Das betraf die direkte "Säuberung" unter rassistischen Gesichtspunkten und unter politischen. Gleichzeitig wurden Publikationen im Rahmen der Holding des "Ehret Verlags" unter Amman zusammengeführt. Bis zum Ende des NS-System wurde eine Konzentration von ca. 80 Prozent in direktem Besitz durch die NSDAP erreicht.

    https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/283118/ns-schriftleitergesetz

    Generell wird in der Darstellung zur Gleichschaltung allerdings auch betont, dass die Uniformität der Botschaften nur die eine Seite war. Im Hintergrund erfolgten massive Machtkämpfe und inhaltliche Variationen der NS-Ideologie.

    Über den "Volksempfänger" und "Hörergemeinschaften" wurde das Radio ein weiteres wichtiges Medium gerade in der ideologischen Vorbereitung und der ideologischen Deutung des Kriegsverlaufs.

    Die Frage der Kunst und der "entarteten Kunst" ist ein weiterer Punkt der Gleichschaltung.

    Zu ergänzen wäre dann die sehr wichtige Funktion des Films, der ebenfalls Stereotype liefern sollte, an denen sich die NS-Ideologie orientieren kann.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Der_große_König

    In diesem Sinne war die Gleichschaltung in ihren Zielen "totalitär, in ihren Maßnahmen komplex und in ihrer unbedingten Durchsetzung begleitet durch eine massive Repression. Und hat im Ergebnis eine Gesellschaft erzeugt, die teils aktiv teils passiv in ihrer Mehrheit bis zum Schluss dem NS-Regime gegenüber eine gewisse Form von Solidarität und "Treue" empfanden.

    Obwohl es auch Personen gab, die "Feindsender" hörten.

    Longerich, Peter (1992): Nationalsozialistische Propaganda. In: Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke und Hans-Adolf Jacobsen (Hg.): Deutschland 1933-45. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Düsseldorf: Droste , S. 291–314.
    Sösemann, Bernd (2002): Propaganda und Öffentlichkeit in der "Volksgemeinschaft". In: Bernd Sösemann (Hg.): Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Einführung und Überblick. Stuttgart: Deutsche Verlags Anstalt, S. 114–154.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. April 2020
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  3. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Der nachfolgende Link zu WIKI relativiert dies.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Verordnung_über_außerordentliche_Rundfunkmaßnahmen

    Demnach wurde nur selten nach Kriegsbeginn September 1939 wirklich jemand wegen das Hören von "Feindsendern" zu Tode verurteilt.
    Spannend finde ich die Vorgeschichte. Göbbels wollte hier schon früh restriktive Maßnahmen gegen das Abhören ausländischer Sender. Noch 1937 hat Hitler jedoch - nach dem Wiki-Link - entsprechende Vorschriften verhindert.

    Wobei man natürlich auch die Sprachbarriere beachten muss. Attraktiv war hier sicherlich bis 1938 das Abhören österreichischer Rundfunknachrichten. Nach dem Anschluss von Österreich 1938 verblieb als neutrale Quelle in deutscher Sprache noch Radio Beromünster aus der Schweiz.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Radio_Beromünster

    Zeitungen in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg mussten für die Deutschen lesbar sein. Daher konnten die allermeisten Menschen mit einer dänischen, schwedischen oder finnischen Zeitung wenig anfangen. Auch eine italiensische oder tschechische Zeitung konnte kaum einen Erkenntnisgewinn bringen.
    Rühmliche Ausnahme war da sicherlich das https://de.wikipedia.org/wiki/Prager_Tagblatt , da dieses auf deutsch erschien. Inwieweit man die im Deutschen Reich kaufen konnte, weiß ich leider nicht.
    Eine andere Sichtweise hätte die https://de.wikipedia.org/wiki/Prager_Presse
    geboten. Jedoch war diese nach innen zur Beeinflussung der deutschen Minderheit in der CSR gedacht.
     
  4. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Spontan fällt mir hier noch der deutschsprachige Service der BBC ein.
     
  5. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Die BBC war nun ein "Feindsender" im eigentlichen Sinne. Der deutschsprachige Dienst diente schon dazu, den deutschen Hörer (aus Sicht der Nazis) negativ zu beeinflussen. Ich habe gerade mal ein Buch von Janusz Piekalkiewicz durchgeblättert. In dessen Chronlogien zum 2. Weltkrieg stellt er zu Beginn einer Periode Nachrichten des BBC, Radio Beromünster und des deutschen Senders voran. Da wurde auch von den Briten nach Kriegsbeginn gelogen und verbogen. Das war bei den Schweizern nicht so der Fall. Dort gab es das Problem, dass die oft nicht wussten, was wirklich passiert war. Wie heißt es so schön: das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit.
     
  6. Sebastian

    Sebastian Neues Mitglied

    Vielen Dank für die Antwort. Wie ist natürlich klar, dass die deutsche Presse staatlich gelenkt war, schon durch das Schriftleitergesetz, Reichsschrifttumkammer usw.

    Deswegen bezog sich ja meine Frage auf ausländische Presseerzeugnisse, die im Ausland verlegt wurden aber möglicherweise auch in Deutschland erhältlich waren, z.B britische oder französische Zeitungen, wie die Times
     
  7. Sebastian

    Sebastian Neues Mitglied

    Die Sprachbarrieren ist sicher ein valider Punkt. Dennoch muss es ja auch damals eine bessere Gesellschaft der feinen und kultivierten Stände gegeben haben, die dem Französischen und Englischen mächtig waren. Diese Kreise konnten ja eventuell sogar als Meinungsmultiplikatoren bedeutend sein.

    mich interessieren nicht so sehr die deutschsprachigen Dienste ausländischer Sender, die ja auch mit einer bestimmten Intention errichtet wurde, sondern in wie weit genuin ausländische Programme genutzt werden konnten und genutzt wurden.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. In der Masse der Bevölkerung wurde keine ausländische Presse genutzt. Und deswegen ist die Frage danach letztlich in einem totalitären Staat für die "Meinungsbildung" völlig irrelevant. Eine abweichende Meinung von der offiziellen zu äußern unterlag der sozialen Kontrolle und man lief Gefahr denunziert zu werden.

    In der Retrospektive erkennt man die Strukturen des NS-Systems und sein Repressionspotential besser. Aus der immanenten Perspektive eines Autors von 1941, der noch keinen Einblick in den NS-Genozid im Rahmen des Holocaust hatte und auch noch nicht den Vernichtungskrieg in der UdSSR kannte, war das NS-System "lediglich" ein sehr gut funktionierendes autokratisches System, wie in der einflußreichen Darstellung von Werner ersichtlich. Und auch die Botschafter aus England Henderson (Failure of a Mission) hat bis zu seiner Abberufung die Dimension des NS-Systems nicht erkennen wollen oder können.

    Will sagen, dass bis 1939 die Distanz zwischen dem NS-System und den westlichen Ländern nicht in der Schärfe ausgeprägt war und somit der Bedarf des NS-Systems nach Durchsetzung seiner Sicht noch nicht den absolute Imperativ hatte.

    Werner, Max (1941): Battle for the world. The strategy and the diplomacy of the second world War. Unter Mitarbeit von Translated by Heinz and Ruth Norden. London: V. Gollancz Ltd.

    2. Es gab historisch abgrenzbar drei relevante Perioden mit unterschiedlichen Zugängen zu ausländischen Presseerzeugnissen
    - Die Vorkriegszeit mit eingeschränkter Möglichkeit für "Spezialisten" ausländische Presse zu lesen, wie im AA oder manche Wirtschaftsfachleute im Umfeld von Ministerien, Unternehmen, Banken oder auch im akademischen Bereich. Schellenberg, Canaris und Co hatten sicherlich auch Zugänge. Die Botschaften und das Personal sind ebenfalls mit den entsprechenden Presseerzeugnissen versorgt worden.
    - temporäre Lockerung während der Olympischen Spiele, um Weltoffenheit zu demonstrieren, allerdings beschränkt auf die Phase um 1936
    - Kriegsphase, in der die Nutzung weiter eingeschränkt war und bei Nichtbeachtung der rechtlichen Auflagen lebensgefährlich werden konnte.

    3. Um eine kritische Sicht auf die Entwicklung im NS-System zu bewahren, reichte der Wille zum eigenständigen Denken aus. Das kann man am Beispiel von Kellner und seinem Tagebuch deutlich erkennen, der die NS-Presse kritisch las, die jedem zugänglichen Berichte von "Fronturlaubern" sich anhörte und kritische Fragen stellte. Sehr lesenswert.

    Kellner, Friedrich (2013): "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne". Tagebücher 1939-1945. Göttingen: Wallstein.

    4. Die erneute Bezugnahme auf "staatlich gelenkt" zeigt mir persönlich, dass Du Dich mit der Praxis der Herrschaftsdurchsetzung im NS-System nicht beschäftigt hast. Für dieses System ist das Konstrukt des "totalitären Staates" herausgearbeitet worden (vgl. dazu beispielsweise die Beiträge in Geyer, Fitzpatrick und Kershaw nd Lewin)

    Die Lenkung ist "nur" das eine, die Kontrolle und die Durchsetzung einer staatliche Ideologie in einem totalitären Staat ist qualitativ etwas neues gewesen.

    Geyer, Michael; Fitzpatrick, Sheila (Hg.) (2009): Beyond totalitarianism. Stalinism and Nazism compared. Cambridge, New York: Cambridge Univ. Press.
    Kershaw, Ian; Lewin, Moshe (Hg.) (1997): Stalinism and Nazism. Dictatorships in comparison. Cambridge, New York: Cambridge University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. April 2020
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  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Um das zu ergänzen: Auch an den Universitäten konnte kein Prof sich mehr ausreichend offen äußern, der NSDStB hatte bereits vor 1933 die Machtpositionen in der Studentenschaft besetzt, die universitäre Selbstverwaltung beendet und übte Druck auf jüdische und nicht systemtreue Dozenten aus. Also mit ca. 50 % ns-affiner Kommilitonen mit der offenen Aufforderung systemkritische Dozenten zu denunzieren, ließ sicherlich auch solche Dozenten verstummen, die vielleicht als Philologen noch am ehesten ausländische Presse konsumierten. Spätestens mit den Plünderungen der Bibliotheken rund um die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, dürfte auch dem letzten Optimisten klar geworden sein, dass er besser die Klappe hielt, wenn er seine Adressaten nicht genauestens kannte.
     
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  10. Sebastian

    Sebastian Neues Mitglied

    Danke nochmals für die Antworten. Au Deine Antwort bezogen, dass in der Vorkriegszeit vielleicht bis auf die Zeit der Olympiade nur Spezialisten Zugang zur Auslandspresse hatten, folgere ich also, dass die Auslandspresse ohne weiteres in Deutschland auch an Bahnhofskiosken usw nicht erhältlich war.

    weiß Du vielleicht auch etwas über die individuelle Möglichkeit von Auslandsreisen? Danke
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Sorry nein.
     
  12. hatl

    hatl Premiummitglied

    Der Volksempfänger hatte LW und MW.
    Er ist zwar nur ein "Einkreiser" oder auch Geradausempfänger.
    Doch ein solcher Empfänger ist nicht per se unempfindlicher als ein Superhet wie er sich nach dem Krieg durchsetzte.

    Man muss den Einkreiser halt nur sorgfältig "kitzeln" und ist dauernd am Fummeln, wenn man an einem fernen Sender dranbleiben will.
    Und die Reichweite hängt stark von Jahres und -Tageszeit ab.
    Die MW erwacht erst nach Einbruch der Dunkelheit.
    Sehr entscheidend ist die Antenne und deren Kopplung.
    Der Volksempfänger bietet mehrere Kopplungen an. Antennen zu dieser Zeit sind alles Mögliche. Vom Stück Draht bis zum Wasserrohr (das funktioniert tatsächlich)
    Also einen "Weltempfänger" braucht es nicht, und gibt es auch nicht.

    Nachdem es mir selbst mit einem Detektorempfänger gelungen ist Radio Kaliningrad zu empfangen (nicht in den 30ern),
    würde ich mal sagen, dass für den Volksempfänger, mit guter Antenne, der BBC-Empfang keine besondere Herausforderung war. ...an späten Abendstunden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. April 2020
  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    Noch eine Anmerkung: Die "Langwelle" heißt so, weil die Welle lang ist, nicht jedoch Distanz die sie überbrücken kann.
     
  14. Sebastian

    Sebastian Neues Mitglied

    Lieber hatl, vielen Dank für die super Antwort. Die Bodenwelle der Lw breitet sich doch immerhin bis ca 1000 km aus. Es gibt halt keine Reflexion an der Ionosphäre bei beider kw . Kw Empfänger gab es also so gut wie gar nicht oder
     

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