Interpretation "Der hessische Landbote"

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von hoppa_hi, 19. Dezember 2005.

  1. hoppa_hi

    hoppa_hi Neues Mitglied

    Hallo!!
    Ich braüchte mal ganz dringend die Forderung und die Sichtweise der Autors aus diesem Text... Mir sind leider nur ein paar Forderungen eingefallen und die Sichtweise wird mir nicht ganz deutlich...
    Bitte lest euch den text durch, wär euch echt dankbar´!!



    [FONT=Verdana, sans-serif]Was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind Alle; die Ordner im Staat sind die Gesetze, durch welche das Wohl Aller gesichert wird, und die aus dem Wohl Aller hervor gehen sollen. - Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700,000 Menschen bezahlen dafür 6 Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ordnung leben heißt hungern und geschunden werden.
    Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht haben, und die wachen, diese Ordnung zu erhalten? Das ist die Großherzogliche Regierung. Die Regierung wird gebildet von dem Großherzog und seinen obersten Beamten. Die anderen Beamten sind Männer, die von der Regierung berufen werden, um jene Ordnung in kraft zu erhalten. Ihre Anzahl ist Legion: Staatsräte und Regierungsräte, Landräte und Kreisräte, Geistliche Räte und Schulräte, Finanzräte und Forsträte u.s.w. mit allem ihrem Heer von Sekretären u.s.w. Das Volk ist ihre Herde, sie sind seine Hirten, Melker und Schinder; sie haben die Häute der Bauern an, der Raub der Armen ist in ihrem Hause; die Tränen der Witwen und Waisen sind das Schmalz auf ihren Gesichtern; sie herrschen frei und ermahnen das Volk zur Knechtschaft. Ihnen gebt ihr 6,000,000 fl. Abgaben; sie haben dafür die Mühe, euch zu regieren; d.h. sich von euch füttern zu lassen und euch eure Menschen- und Bürgerrechte zu rauben. Sehet was die Ernte eures Schweißes ist.
    Für das Ministerium des Innern und der Gerechtigkeitspflege werden bezahlt 1,110,607 Gulden. Dafür habt ihr einen Wust von Gesetzen, zusammengehäuft aus willkürlichen Verordnungen aller Jahrhunderte, meist geschrieben in einer fremden Sprache. Der Unsinn aller vorigen Geschlechter hat sich darin auf euch vererbt, der Druck, unter dem sie erlagen, sich auf euch fortgewälzt. Das Gesetz ist das Eigentum einer unbedeutenden Klasse von Vornehmen und Gelehrten, die sich durch ihr eignes Machwerk die Herrschaft zuspricht. Diese Gerechtigkeit ist nur ein Mittel, euch in Ordnung zu halten, damit man euch bequemer schinde; sie spricht nach Gesetzen, die ihr nicht versteht, nach Grundsätzen, von denen ihr nichts wißt, Urteile, von denen ihr nichts begreift. Unbestechlich ist sie, weil sie sich gerade teuer genug bezahlen läßt, um keine Bestechung zu brauchen. Aber die meisten ihrer Diener sind der Regierung mit Haut und Haar verkauft. Ihre Ruhestühle stehen auf einem Geldhaufen von 461,373 Gulden (so viel betragen die Ausgaben für die Gerichtshöfe und die Kriminalkosten). Die Fräcke, Stöcke und Säbel ihrer unverletzlichen Diener sind mit dem Silber von 197,502 Gulden beschlagen (so viel kostet die Polizei überhaupt, die Gendarmerie u.s.w.). Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten. Jeden Schritt zu ihr müßt ihr mit Silber pflastern, und mit Armut und Erniedrigung erkauft ihr ihre Sprüche. Denkt an das Stempelpapier, denkt an euer Bücken in den Amtsstuben, und euer Wachestehen vor denselben. Denkt an eure Sporteln für Schreiber und Gerichtsdiener. Ihr dürft euren Nachbarn verklagen, der euch eine Kartoffel stiehlt; aber klagt einmal über den Diebstahl, der von Staatswegen unter dem Namen von Abgabe und Steuern jeden Tag an eurem Eigentum begangen wird, damit eine Legion unnützer Beamten sich von eurem Schweiße mästen: klagt einmal, daß ihr der Willkür einiger Fettwänste überlassen seid und das diese Willkür Gesetz heißt, klagt, daß ihr die Ackergäule des Staates seid, klagt über eure verlorne Menschenrechte: Wo sind Gerichtshöfe, die eure Klage annehmen, wo die Richter, die rechtsprächen? - Die Ketten eurer Vogelsberger Mitbürger, die man nach Rokkenburg schleppte, werden euch Antwort geben.
    Und will endlich ein Richter oder ein andrer Beamte von den Wenigen, welchen das recht und das gemeine Wohl lieber ist, als ihr Bauch und der Mammon, ein Volksrat und kein Volksschinder sein, so wird er von den obersten Räten des Fürsten selber geschunden.[/FONT]
     
  2. Easy Rider

    Easy Rider Neues Mitglied

    Die Sichtweise dürfte eigentlich relativ klar sein. Georg Büchner und Dr. Friedrich Ludwig Weidig waren gegen die restaurativen Kräfte, die in Hessen herrschten, sie wollte eine Verfassung haben, wie sie in der Wiener Schlussakte, Art. 13 vorgesehen war.
    Sie versuchten nun die Bevölkerung, besser gesagt das Bildungsbürgertum, denn an dieses war der Hessische Landbote gerichtet, mit sehr ausdrucksstarken Worten aufzurütteln. Sie belegen das alles mit den genauen Zahlen und führen die exakten Staatsaufgaben auf.

    Aber vll wäre es besser wen du mal aufführst, welche Punkte du schon hast.
    Wenn du nähere Informationen zu Weidig haben willst, benutze folgenden Link:
    http://www.weidigschule.de/weidig.htm
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Dezember 2005
  3. hoppa_hi

    hoppa_hi Neues Mitglied

    Danke, hat mir sehr geholfen...
    Aber was meinste? Wenn dieser Text in einer Klausur auftaucht, braüchte man doch garnichts über Weidig schreiben oder? Der wird ja nirgends ausdrücklich erwähnt...
     
  4. Mercy

    Mercy unvergessen

    Für die Entstehungsgeschichte der überlieferten Fassungen sind einige Anmerkungen zu Weidig sicher nicht falsch:

    Die Flugschrift wurde in dem hier wiedergegebenen Wortlaut Ende Juli 1834 auf einer geheimen Presse des Buchhändlers Karl Prellerin Offenbach gedruckt. Wie der von Ludwig Weidig stammende Titel "Der Hessische Landbote. Erste Botschaft" erkennen läßt, war sie ursprünglich als Anfang einer Folge von Flugblättern geplant.
    Die Büchnersche Originalfassung ist nicht erhalten. In der von Weidig durch Streichungen, Formulierungsänderungen und Hinzufügungen hergestellten Druckfassung sind dessen Zusätze, soweit sie ermittelbar sind, durch Kursivdruck gekennzeichnet.
    Eine zweite, von Weidig nochmals bearbeitete, politisch noch stärker entschärfte Ausgabe der Flugschrift wurde im November 1834 in Marburg gedruckt.

    http://www.glasnost.de/hist/allgemein/buechner.html
     
  5. hoppa_hi

    hoppa_hi Neues Mitglied

    was für forderungen entzieht ihr denn aus dem Text?
     
  6. Mercy

    Mercy unvergessen

    Na die gehen doch klar aus deinem Textauszug hervor.
    Jedem Fragesatz folgen die Forderungen auf dem Fuß.
    etc.
     
  7. Easy Rider

    Easy Rider Neues Mitglied

    Also für mich wäre es ein Unding Weidig im zusammenhang mit dem Landboten nicht zu erwähnen. Er war es doch, der der Schrift den letzten Schliff gegeben hat. In Bezug auf den hessischen Landboten schätze ich Weidig sogar noch wichtiger als Büchner ein, vll ist mein Blick in dieser Hinsicht auch etwas getrübt, immerhin komme ich aus der Stadt, in der Weidig lange Zeit gewirkt hat und an ihm kommt man einfach nicht vorbei, wenn man in Butzbach auf die Schule geht.

    Hier hast du noch ein paar Links
    http://gutenberg.spiegel.de/buechner/landbote/landbote.htm (der hilft vll am meisten)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ludwig_Weidig
    http://gutenberg.spiegel.de/buechner/landbote/landbote.htm
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Dezember 2005
  8. kimiicewoman

    kimiicewoman Neues Mitglied

    Hessischer Landbote

    Hallo,bräuchte bitte Hilfe. Es geht darum,dass ich begründen soll,warum die Verfassung von 1849 nicht "als leeres Stroh,woraus die Fürsten die Körner für sich herausgeklopft" hätten, bezeichnen kann.

    Kann mir da bitte jemand helfen?
    Vielen Dank
    Nati
     
  9. Josephine

    Josephine Neues Mitglied

    Du meinst den Hessischen Landboten von Georg Büchner?
     
  10. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Ja, in genau dem steht das Zitat. Weil der aber 1834 erschien, bezieht es sich nicht auf die 1849er, sondern die im Zusammenhang mit den sog. "Befreiungskriegen" geschaffenen und später wieder eingeschränkten Verfassungen.
    Den Versuch, es auch auf die 1849er anzuwenden, kann man aber machen. Ob mit Recht, das soll kimiicewoman klären. Nicht gerade einfach Gegenargumente zu finden.:grübel:
     
  11. Gast

    Gast Gast

    Georg Büchner & der Hessische Landbote

    Hallo liebe Community,

    Ich beschäftige mich zur Zeit mit Revolutionären unter anderen mit Georg Büchner der wohl mit dem Hessischen Landbote das wichtigste Dokument der Vormärzzeit schrieb.

    Doch meine Frage ist warum er gescheitert ist, warum hatte seine Revolution keinen Erfolg?

    Meiner Ansicht nach liegt es daran das er schrieb und damals das gemeine Volk nicht lesen konnte. Was denkt ihr?
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es gab schon eine gewisse Volksbildung. Nur sah die Schule damals anders aus.
    Du meinst, dass er nicht alle Menschen erreichen konnte? Wie verbreitet war denn überhaupt "Der Hessische Landbote"? Ich las bis jetzt eher von einer geringen Auflage von weniger als 2000 Exemplaren.
     
  13. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    Analphabetismus als alleinigen Grund finde ich unzulänglich. Wie @ Brissotin ja schon gesagt hat, stellt sich ja die Frage nach der Verbreitung des Hessischen Landboten. Und selbst wenn die Auflage höher war und mehr Leute erreichen konnte- sei's nun durch Vorlesen, selbst lesen oder Nacherzählungen- bedeutet das noch nicht, daß die Addressaten auch wirklich bei einer Revolution mitmachen wollen. Da gibt es tausende kleinere und größere Gründe es nicht zu tun, selbst wenn man der Sache eigentlich zustimmt. Da wäre die Furcht vor Repressalien, mögliche Ausfälle beim Lebensunterhalt etc. Also, meines Erachtens nach ist die Annahme das mangelnde Bildung verantwortlich ist, zu einfach.
     
  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich würde vor allem unterstreichen, dass man vielleicht loyal aus Tradition war.
    Oft genug kam es vor, dass Landeskinder, wie sehr sie auch von ihrem ehemaligen Landesherren gebeutelt worden waren, zur Waffe griffen, um dann einen Eindringling zu vertreiben und um ihren eigenen Leuteschinder wieder zu bekommen.
    Heute kann man das aus unserer Perspektive des Menschen des 21. Jh. vielleicht nicht mehr ganz nachvollziehen. Aber damals spielten Religion und Anhänglichkeit an eine überkommene Ordnung eine weit größere Rolle, nicht zuletzt für die Landbevölkerung, die eher noch traditioneller dachte. Viele Revolutionäre, die eben just aus den Städten stammten, konnten diese konservativen Ansichten des Landvolkes sowieso nie begreifen.
     
  15. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Ich finde, deine Ausgangsfrage ist nicht korrekt. Wieso kommst du darauf, dass Büchner gescheitert sei? (Und was meinst du eigentlich mit "seine" Revolution?).
    Der Vormärz, sowohl der literarische als auch der politische, mündeten schließlich in der März-Revolution von 1848. Wenn das kein Erfolg ist?!
    Und dazu haben Büchner, Hauptmann, Heine u.a. kräftig beigetragen.
     
  16. Gast

    Gast Gast

    Vielen dank für eure Antworten.

    Es geht mir garnicht daran zu zweifeln das Georg Büchner viel für die Demokratie getan hat sondern viel mehr darum warum es so wenig Resonaz von Seiten der Bevölkerung gab.

    Sehr verwunderlich da ja erst 2 Jahre davor das Hambacher Fest war und nach der Juli Revolution 1830 in Frankreich sowie so Europa im "Revolutionsfieber" war.
     
  17. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zum Hambacher Fest gingen ja auch Interessierte von Nah und Fern. Das war ja auch nicht wirklich repräsentativ für die gesamtdeutsche Bevölkerung.:winke:
     
  18. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Mindestens so wichtig war, dass die Verbreitung massiv behindert und die Verbreiter brutal verfolgt wurden.
    Wie das zuging: Der Hessische Landbote ? Wikipedia
    Damals konnte man noch nicht einfach schreiben, verbreiten und lesen, was man wollte.
     
  19. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Resonanz gab es schon, diejenigen Bauern, die den hessischen Landboten trotz allen Widrikeiten zu lesen bekamen lieferten die Flugschriften brav bei der Polizei ab.

    Einer der Anlässe, waurm Büchner den Landboten schrieb war ja u.a. das Massaker von Södel, also die militärische und außerst brutale Niederschlagung eines Bauernaufstandes. Nachdem sich Büchner lediglich vier Jahre später an eben genau diese Bauern wendet und sie mit seiner Schrift erneut zu einer Revolution aufruft und sogar noch auf Södel verweist, finde ich es nicht sonderlich verwunderlich, dass es eben zu keinem Aufstand kam. Zum einen dürften die Folgen der letzten Aktion noch sehr präsent im kollektiven Gedächtnis vorhanden und damit eine gewisse Vorsicht einer der Hauptmotivatoren gewesen sein. Zum anderen erweitert Büchner den "Gegnerkreis" auch noch direkt um das Bürgertum, welches die aufständische Landbevölkerung bei Södel mehr oder minder verraten oder zumindest im Stich gelassen hat. Welche Aussichten auf Erfolg hätte den so eine bäuerliche Revolte überhaupt gehabt? Wie schon mehrfach erwähnt, möchte ich auch nochmal unterstreichen, dass es nicht an den "ugebildeten Landeiern" lag, dass nichts passiert ist. Ich finde es sogar rational, dass es auf Grundlage des Landboten zu keinen Aufständen kam.
     
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  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht war Büchner mit seiner Schrift auch noch ein bisschen zu früh, sie mutete ja beinahe materialistisch-frühsozialistisch an, wenn er mit der "Magenfrage" argumentiert. Seine revolutionären Zeitgenossen waren noch in aufklärerischem Gedankengut verhaftet, wandten sich eher an bürgerliches, als an "proletarisches" Publikum. Da ging es noch nicht um soziale Probleme, sondern um Demokratie und Pressefreiheit. Das will Büchner auch, aber er geht darüber noch weit hinaus.
     

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