Inzest-Ekel: Anerzogen oder Instinkt?

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von El Quijote, 18. Mai 2020.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hallo,

    Harari diskutiert in seiner kurzen Geschichte der Menschheit ein Thema, bei dem es um die intimeren zwischenmenschlichen Beziehungen in der Steinzeit geht. Er macht ein Panorama von zwei wiederstreitenden Gruppen unter Eveolutionspsychologen aus, von denen die einen propragieren, dass die Kernfamilie (Vater, Mutter und so viele Kinder, wie man im Notfall tragen kann) die natürliche Daseinsform des HSS sei, wohingegen es andere gebe, die von einer Ur-Kommune (so jedenfalls Hararis deutscher Text) ausgingen, wo jeder mit jedem usw. Für beides fehlen archäologische Belege und Harari weist darauf hin, dass ethnologische Betrachtung wildbeutender Völker problematisch sei, da es heute kein Volk mehr gebe, was nicht zumindest mittelbar Kontakt zu einer agraisch oder industriell geprägten Gesellschaft habe. Es gebe aber durchaus Völker, wo die schwangere Frau - während der Schwangerschaft! - mit so vielen Männern wie möglich schlafe (zumindest mit denen, denen sie positive Eigenschaften zuordnet), damit das Kind eben möglichst viele der interessanten Eigenschaften mitbekomme: vom besten Fährtenleser, vom geschicktesten Werkzeugbauer, vom unterhaltsamsten Geschichtenerzähler, vom mutigsten Krieger, vom cleversten Strategen...

    Zum Inzest äußert sich Harari zwar nicht, aber irgendwie bin ich von dem einen Thema auf dieses gekommen.

    Vor einigen Jahren ging die Geschichte eines Pärchens durch die Schlagzeilen der Regenbogenpresse: Ein junger Mann lernte ein junges Mädchen kennen, die beiden verliebten sich und bekamen ein Kind. Es stellte sich heraus: Die beiden Eltern, die ich noch nie zuvor gesehen hatten, waren Geschwister. Bis hierher einfach ein tragischer Fall. Doch dann wurde es krimminell: Die beiden konnten nicht voneinander lassen und setzten noch mindestens ein weiteres Kind in die Welt.

    Die Menschen scheinen ziemlich früh spitzgekriegt zu haben, dass dem Inzest die Gefahr zugrundeliegt, dass Kinder Erbkrankheiten bekommen (auch, wenn ihnen biologisch die Erklräung dafür fehlte) bzw. dass es häufiger zu Behinderungen kam. Jedenfalls wird der Inzest ja bereits in der Bibel und wahrscheinlich auch in älteren Quellen, vielleicht auch solchen, aus denen sich die Bibel bedient, etwa des Codex Hammurabi verboten (Leviticus).

    Auch der Oidipus-Mythos erzählt ja vom Inzest und davon, dass man seinem Schicksal nicht entgehen kann. Oidipos wird von seinen Eltern weggegeben, weil das Orakel Vatermord und Beischlaf mit der Mutter vorhersagt. Als Erwachsener erfährt Oidipos von dem Orakel und verlässt den Hof seiner Adoptiveltern, nicht wissend, dass es seine Adoptiveltern sind, trifft auf seinen leiblichen Vater, den er als solchen nicht erkennt, tötet diesen und nimmt seine nun verwitwete leibliche Mutter zur Frau und zeugt mit dieser Kinder. Bei der Auflösung kommt es zu Selbstmorden und Selbstverstümmelungen.

    Es gab also früh das Tabu des Inzest. Was ich mich aber frage: Ist es anerzogen oder angeboren? Bzw. ist der Konflikt zwischen Jungen und Mädchen in jüngeren Altersstufen, wo Jungs bzw. Mädchen "ihh" sind, notwendig, damit eng Verwandte als Sexualpartner voneinander lassen?
     
  2. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Sigmund Freud würde wohl von gesellschaftlichem Tabu sprechen, das dem natürlichen Trieb zu Insezest unterdrückt.

    Ich habe mich gefragt: Was machen denn die Affen?

    Offenbar ist es auch im Tierreich unüblich, Partner innerhalb enger Verwandter zu suchen.

    Der Anthropologe Edward Westermarck soll bereits vor 100 Jahren von einer vererbten Abneigung zum Inzest ausgegangen sein. Das wird durch neure Forschungen bestätigt:

    Null Bock auf Inzucht
     
  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ich erinnere mich dunkel davon gelesen zu haben, dass es statistisch sehr unwahrscheinlich ist, dass Menschen, die als junge Kinder gemeinsam aufwachsen, später sexuelle Beziehungen mtieinander anstreben. War glaub ich aus israelische Kibbuzim mit weitgehender gemeinsamer Kindererziehung.

    Zu Tabus, sozialen Geboten wie Exogamie und anderen kulturellen Geschichten würde ich anmerken, dass es wahrscheinlich ist, dass es hier sehr vielfältig zugegangen ist. Sowohl zeitgleich zu i-einem bestimmten Zeitpunkt, und über evolutionäre Zeiträume hinweg sowieso. Allerdings ist die Inzestvermeidung eine biologisch weit verbreitete Sache, da kann es durchaus universelle Merkmale geben, die alle Menschen teilen, vielleicht auch mit Verwandten im Tierreich.
     
  4. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Aus dem oben verlinkten Artikel dazu:

    "In Israel wurden Kinder bis vor kurzem in Kibbuzim aufgezogen. Jungen und Mädchen lebten von Geburt an Tag und Nacht in einem kommunalen Kinderhaus. Nach Westermarck müßten die Kinder eine „natürliche Aversion gegen sexuelle Kontakte“ untereinander entwickeln. Und genau dies fand der israelische Anthropologe Joseph Shepher in einer Studie mit 3000 Ehepaaren. Kinder, die ihr Windel- und Vorschulalter gemeinsam im Kibbuz verbrachten, heirateten sich auch später, nach ihren Kibbuzjahren, nicht."
     
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  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    @El Quijote
    das ist wahrscheinlich eine richtig schwierige Frage.
    Immerhin fußt ja das stammesgeschichtliche Erfolgskonzept Sexualität auf die Entfaltung genetischer Vielfalt, ohne sich des Zufalls der Mutation bedienen zu müssen.
    Den letzterer erfordert ja eine rasend schnelle Vermehrung und damit auch eine sehr kurze Lebensdauer nebst geringer Komplexität, wie etwa bei Bakterien.
    Man könnte also annehmen, dass mit der Entwicklung immer ausdifferenzierter Organismen sich auch Strategien zur Vermeidung von Rückwärtsentwicklungen herausgebildet haben sollten.


    Das betrifft sozial lebende Tiere (mehr, als etwa eine Spinne, deren individuelle Fortpflanzungswahrscheinlichkeit so gering ist, dass man das Männchen im Sinne des Nachwuchses auch gleich verspeisen kann.)

    Z.B. Hyänen: Biologie: Damenwahl verhindert Inzucht bei Hyänen
    Oder man denke an Elefanten. Da besteht die soziale Einheit nur aus Weibchen, während die Bullen von Weibchenherde zu Weibchenherde stromern, und damit wirksam der Gefahr der Inzucht begegnen.
    Nicht ganz so erfolgreich waren die Habsburger, von den Wittelsbachern zu schweigen,

    Eine genetische Komponente des Inzesttabus im Spiel des Lebens kann man begründet vermuten.
    Auch bei uns.
    Die Möglichkeiten der kulturellen Evolution gehen darüber hinaus, und man kann sich fragen, ob diese nicht etwa geeignet sein können, das Gegenteil zu bewirken. Nämlich das Inzesttabu zu brechen.
    (Ebenso wie andere Tabus)
    ................„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“


    (P.S.: genau das mag ich an dem Buch von Harari.
    Er stellt spielerisch, doch kompetent, Vertrautes auf den Kopf; ohne einen falschen Zungenschlag.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Mai 2020
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  6. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Wie bei Mäusen sollen Pheromone auch beim Menschen als Inzestschranke fungieren:
    »Der genetisch determinierte Eigengeruch des Menschen ist in den Haupthistokompatibilitätskomplex gekoppelt und beeinflusst Partnerwahl und Inzestschranke.« (P. Berlit {Hrg.}, Klinische Neurologie, 2006, S. 361; @ Google Books)

    Die Hemmung erfolgt anscheinend bei sehr ähnlichem Eigengeruch:
    »Ebenfalls eng mit dem H.[Haupthistokompatibilitaetskomplex] gekoppelt ist der Eigengeruch eines Individuums. Je näher verwandt zwei Individuen sind, desto ähnlicher ist der Eigengeruch. So können eineiige Zwillinge selbst von speziell trainierten Tieren nicht mehr aufgrund ihres Eigengeruchs unterschieden werden. MHC-assoziierte Gerüche beeinflussen die Mutter-Kind-Bindung, die Partnerwahl, die Inzestschranke und die Fehlgeburtenrate.« (»Haupthistokompatibilitätskomplex«, Spektrum.)
     
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  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  8. Clemens64

    Clemens64 Neues Mitglied

    Dass es Inzestschranken gibt, die nichts mit kulturellen Normen zu tun haben, spürt, würde ich denken, im Allgemeinen jeder, der Geschwister hat. In Musils Mann ohne Eigenschaften kommt es zu einer Art Liebesbeziehung zwischen Geschwistern, ich vermute, dass er das nicht geschrieben hätte, wenn er kein Einzelkind gewesen wäre.

    Der Weg über den Eigengeruch hört sich überzeugend an, allerdings kann es das nicht alleine sein, denn einen Eigengeruch von Kibbuzkindern gibt es wohl nicht.
     

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