Ist der neue Dünkirchen-Film eine rassistische Brexit-Fantasy?

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von El Quijote, 2. August 2017.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eigentlich verwunderlich, dass es erst jetzt 2017 eine Verfilmung der Ereignisse von Dünkirchen 1940 gibt, bietet sich der Stoff doch für ein (Anti?-)Kriegsdrama gerade zu an. Oder gab es eine frühere? (Btw, warum nicht mal die dänische Heldentat von 1943 verfilmen?)
    Jedenfalls wird dem Film von Christopher Nolan nun in der engl. Presse vorgehalten, dass es sich um eine rassistische Brexitphantasie handele.

    Why the lack of Indian and African faces in Dunkirk matters (Sunny Singh)
     
  2. corto

    corto Aktives Mitglied

    es wurde schon ein paar mal Verfilmt, hatte doch auch jemand hier im Forum im Dünkirchen Thread erwähnt...

    z.b.
    https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCnkirchen,_2._Juni_1940

    ich werde mir den neuen Film wohl am Wochenende ansehen, aber außer einer Bewertung der Militärtechnik dürft ihr da von mir kein Urteil erwarten ;)
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. August 2017
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Da gibt es meines Wissens schon drei Filme. Auf die Titel komme ich gerade nicht. In einem ist es aber nur der Hintergrund, wenn ich mich recht erinnere. Frag mich jetzt nicht nach den Titeln. Beeindruckt hat mich keiner. Und ich wollte mir den jetzigen auch nicht im Kino ansehen.

    Zu der Einschätzung will ich mich nicht äußern, bevor ich ihn irgendwann gesehen habe.
     
  4. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Es gab schon mal eine Verfilmung "Weekend at Dunkirk" bzw. "Week-end at Zuytcote" (französischer Titel) mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle aus dem Jahr 1964. Ich erinnere ich nicht mehr supergut daran, aber es geht um die Schicksale von 2-3 Soldaten, die durch das Chaos irren, und von denen sich einer (Belmondo) in eine Frau verliebt. Kein ganz typischer Kriegsfilm und er versprüht viel existentialistisches Flair, auch haben die porträtierten Soldaten bereits Antihelden-Züge. Unterbewertet und durchaus sehenswert.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wenn man mal von dem Dünkirchen-Thema abstrahiert, ist der "Rassismus"-Vorwurf in Form einer westzentrierten Sicht auf den 2. Weltkrieg (und die Kampagnen) doch ein alter Hut.

    Seit Jahrzehnten wird auf die Anteile und auch die Opfer der Staaten oder Weltregionen hingewiesen, die Großbritannien und Frankreich militärisch unterstützten, etwa der indische oder afrikanische Beitrag in Westeuropa, Nordafrika, Südeuropa, oder in Südostasien.

    Ob die Zentrierung nun Ausdruck von Rassismus ist, kann man wohl in Zweifel ziehen. Dass würde nun auch eine bewusste Auslassung unterstellen.
     
  6. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Stimmt alles. Es bleibt aber die Frage, warum die Cast-Managerin nicht ein paar koloniale Gesichter untergemischt hat. Sind wahrscheinlich auch nicht schwerer aufzutreiben oder teurer als Cockney-Comparsen.

    Long Story Short: Dunkirk ist ein sinematografisch stinklangweiliger Streifen, passend zum Brexit, und m. E. durch Auslassungen rassistisch genug für die aktuelle politischen Debatte in GB
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Um welche dänische Heldentat von 1943 handelt es sich?

    Ist damit die Rettung der dänischen Juden gemeint?
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Kommt drauf an, worauf man abfährt.

    Im Auto habe ich diese Kritik gehört:
    Neuer Kriegsfilm: "Dunkirk" - Jenseits von Patriotismus und Heldentum
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Genau das meinte ich: Eine breite zivilgesellschaftlich gestützte Rettungsaktion, die durchaus auch anders hätte ausgehen können.

    Da offenbart Hartwig Tegeler eine völlig andere Sicht auf den Film als Sunny Singh. Während Singh den Film als historisch defizitär beschreibt, findet Tegeler den Film dramaturgisch gelungen und attestiert Nolan ein gewisses Geschick im Umgang mit gesetzten Standards, die man nicht toppen sondern allenfalls kopieren kann (namentlich Spielbergs Saving Private Ryan).
     
  10. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Nun, ein Spielfilm ist ja auch keine Dokumentation.

    Bei dem Thema ist dann auch die Frage, wie bewusst sich die Filmemacher der Problematik waren. Und ob sie auf bestimmte Einheiten festgelegt waren.
     
  11. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Also laut Tante Wiki begannen die Dreharbeiten gut fünf Wochen vor der Brexit-Wahl. Daher verstehe ich nicht, was der Brexit damit zu tun haben soll.

    Der Rassismus durch anders in Filmen gezeigten Verhältnissen im Vergleich zur Realität ist an vielen Stellen aufgefallen, meist nicht wegen politischer Anschauungen sondern aus reinen Geschäftsinteressen.

    P.S. In der Serie M.A.S.H. ist es anders herum: In den ersten Folgen taucht ein schwarzer Arzt auf bis bekannt wurde, dass im Koreakrieg keine farbigen Ärzte gedient haben. Daraufhin verschwand die Rolle...
     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Brexit ist ja nicht 2016 plötzlich aus dem Nichts gekommen, bereits 2013 wurde das Referendum geplant, seit Ende 2015 wurde das Procedere festgelegt. 2016 stand bis zum Stattfinden des Referendums im Sommer ganz im Zeichen des Brexit. Der Vorwurf Sunny Singhs, dass der Film brexiteer-friendly sei, mag daher stammen, dass Nigel Farrage den Film gelobt hat, aber die Beobachtung, die sie im Film selbst macht, ist ja, dass nicht nur die ethnische Heterogenität der britischen Truppen nicht abgebildet sondern auch die Evakuierung französischer Truppen in Dünkirchen unterschagen wird.

    Das Drehbuch allerdings wurde bereits seit den 1990ern entwickelt, als Brexit noch kein Thema war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. August 2017
  13. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Genau darauf zielte mein Kommentar. Das Blabla von Farage interessiert da nicht.
     
  14. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Ich empfinde es letztlich als deutlich rassistischer wenn heutzutage in jeder noch so unwichtigen Serie der "Quoten-Farbige" auftaucht, der natürlich keine tragende Rolle spielt, immer nur ein Side-kick ist, aber der p.c. dienen soll.
     
  15. corto

    corto Aktives Mitglied

    Es geht meiner Meinung nach bei diesen "da muss noch ein Schwarzer, eine Asiatin und ein Nerd mit bei" einzig und allein um Zielgruppenoptimierung.

    Bei historischen Stoffen ist das natürlich anders zu bewerten und auch zu kritisieren wenn der Eindruck erweckt wird eine Ethnie hätte nichts beigetragen oder erlitten.

    beliebt war ja auch in den 60er/70er Jahren das amerikanische Kriegsfilme immer damit endeten das der amerikanische Held bzw die US-Army die Schlacht gewinnt.

    der Film Hamburger Hill, der die Schlacht um Hügel 937 zeigt, verschweigt beispielsweise das die finale Erstürmung durch die südvietnamesischen Trupper erfolgte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. August 2017
  16. ervie

    ervie Gast

    Also ich schließe mich da euch an, dass das Brexit-Argument sehr weit her geholt ist - es dient bestenfalls als irgendeine makabre Symbolik.

    Was historische Spielfilme und ihre Authentizität betrifft, wissen wir doch alle, das bestenfalls die Story nach "wahren Ereignissen" erzählt wird - die Wahrheit fällt doch oft der Dramaturgie zum Opfer. Beispiele hierfür gibt es viele: Braveheart, Troja, oben aufgeführt Hamburger Hill.

    Die Intention von Singh ist glaub ich eine andere. Indien kämpft noch immer mit Großbritannien um Entschädigungen aus dem Zweiten Weltkrieg und deshalb kritisiert sie auf sehr scharfe Weise - Rassismus - diesen Spielfilm und macht auf die doch sehr bedeutende Rolle der indischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg aufmerksam.
     
  17. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Bei allem Respekt, ihr liegt da falsch.

    Dunkirk ist nicht wegen Brexit producet worden. Aber das ein Film über ein England, dass sich von Kontinent zurück zieht, gerade jetzt Erfolg hat, passt so sehr in die politische Landschaft, dass keiner die Brexit-Parallele ausblenden kann.

    Der Film beschreibt ja nicht die krachende Niederlage des Empire, nicht das Scheitern des Appeasement, nicht den Verrat an den Franzosen Er bastelt aus einer verzweifelten Rettungsaktion die Botschaft: "Sobald ihr es über den Kanal geschafft habt, seid ihr sicher".

    Mein persönlicher Kommentar: Großer Gott was fürn Scheins

    PS: ein paar koloniale Gesichter hätten den Plot nicht gerettet. Aber ihm auch nicht geschadet
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. August 2017
  18. ervie

    ervie Gast

    Wäre der Film gerade wegen des Brexits gedreht worden, würde das ganz witzige Verschwörungstheorien geben. Aber die Symbolik "Flucht aus Europa vor Deutschland" gibt es halt her.
    Darüber könnte sich schön diskutieren lassen, inwiefern diesen Faktoren zuzustimmen sind - aber das ist hier nicht Thema. Deine Botschaft stimmt im Kern allerdings.

    Allerdings spielt dein letzter Kommentar
    der Autorin gerade in die Hände, denn das kritisiert sie ja und ist Ausgangspunkt dieser Diskussion, soweit ich das verstanden habe.
    Eben diese Fokussierung auf westliche Stereotypen und weißen Männern und dieser dann wohl willkürlichen, qutoenmäßigen Installation von anderen zeigt den Rassismus. Die Hauptprotagonisten sind alles weiße Westliche, während die anderen bestenfalls bedeutungslose Randerscheinungen sind. Und indem du auch nur "paar koloniale Gesichter" erwähnst, nimmst du diesen schon ihre Souveränität.
     
  19. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ...o-t...
    ...würde man diesem die Hauptrolle in einem "das Leben des Caesar, Arminius, Karl d.Gr., Napoleon oder Stauffenberg Spielfilm" zuweisen, hätte man ebenfalls ein (hm) wunderliche Situation...
    --- o-t ---
    ich frage mich, ob evtl. Mailers Roman "die Nackten und die Toten" ebenfalls 8wenn nicht brexistisch so doch rassistisch sein könnte?...
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. August 2017
  20. corto

    corto Aktives Mitglied

    Ich gehe jede Wette, das wenn man viele kolonial-Gesichter (was für ein Wort !?) im Film untergebracht hätte, wir jetzt hier darüber sinnieren würden inwieweit es ein Film über die Flüchtlinge in Calais und anderso ist - die ja auch über den Kanal nach England wollen.
     

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