Je suis d'Allemagne

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von Simplicius, 20. Oktober 2012.

  1. Simplicius

    Simplicius Aktives Mitglied

    Ich habe kürzlich das Lied "Je suis d'Allemagne" von Johannes Stokem, einem Frankoflamen, gefunden.

    Der Text lautet:

    Kann vielleicht jemand, der des Mittelfranzösischen mächtig ist oder die persönliche Geschichte Johannes' kennt, das Lied etwas interpretieren? Im Internet finde ich nichts darüber. Und dass jemand aus Deutschland sein und gleichzeitig aus der Bretagne kommen soll (obwohl Johannes vermutlich in Lüttich geboren wurde und mit der Bretagne so viel zu tun hat wie Pol Pot), tja, irgendwie kapier ich das nicht. ;)

    (Falls ich nicht auf das YouTube-Video verlinken darf, bitte ich die Moderatoren, den Verweis zu löschen!)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 21. Oktober 2012
  2. zoka

    zoka Neues Mitglied

    Man weiß ja nicht, wo Stokem geboren wurde (der Name sagt lediglich, dass seine Familie aus Stockheim stammt). In Lüttich hatte er jedenfalls als Sänger gewirkt. Sein Bezug zur Bretagne muss auch nicht unbedingt der Geburtsort sein - er sagt nur, dass er von dort komme (wie ich das “viegne” interpretiere). Möglich wäre auch, dass er in der Bretagne mal gekämpft, oder gesungen hatte...

    Vermute aber viel eher, dass sich “Bretagne” einfach nur wegen dem hübschen Reim zum “Allemagne” anbot, und es Stokem durchaus bewusst war, dass ihn am Hofe von Beatrix niemand mit geografischen Spitzfindigkeiten plagen werde.
     
  3. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Nun ja, an der deutsch-franzoesischen Sprachgrenze, wo Luettich liegt, gab es damals wie heute Menschen, die an der Grenze zwischen der deutsch-nierlaendischen und der franzoesischen (=? bretonischen) Kultur und Sprache stehen. Aus Sicht eines Zuhoerers aus Ungarn - wo Stockem wirkte - mag die genaue Benennung dieser beiden Ethnien nicht im Vordergrund gestanden haben, eher der Reim und das Bild, das sich der Zuhoerer (unzulaenglicher Weise) von den geografischen Gegebenheiten macht.

    Ein Zeitgenosse von Stockem, Francois Villon, hat ebenfalls Gedichte verfasst, in denen die Korrektetheit der historischen und geographischen Zusammenhaenge nicht das Hauptanliegen war.
     
  4. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Lüttich (Liège) liegt zwar an der Sprachgrenze, aber auf der frankophonen Seite. Gleichzeitig war es als Fürstbistum Lüttich ? Wikipedia Teil des HRR, so dass sicherlich auch das Deutsche eine gewisse Rolle spielte. Als "Franko-Flame" war Stokem sicherlich von beiden Sprachen geprägt.

    Die Bretagne war allerdings zu Lebzeiten von Stokem (lt. Wiki: ca. 1445 - 1487 - Johannes Stokem ? Wikipedia) noch ein von Frankreich unabhängiges Herzogtum. Erst 1532 wurde die Bretagne an das Königreich Frankreich angegliedert. Französischsprachig war die Bretagne auch nicht. Dort sprach (und spricht man heute teilweise auch noch) Bretonisch, eine keltische Sprache, die mit dem Französischen nichts zu tun hat.






    ich übersetze den Text:

    Als ich den Text gelesen habe (ohne allerdings Kenntnisse des Mittelfranzösischen zu haben), dachte ich mir, dass vielleicht der Text ähnlich wie bei heutigen Popsongs keine große Bedeutung haben mag. Möglicherweise verweist der Text auch auf die Situation eines Fremdsprachigen (sei er nun aus Deutschland oder der Bretagne), der ohne seine Eltern, Geschwister und Verwandte in der Fremde lebt.

    Das Remschema lautet: ABAB CCB ABAB

    Übrigens klang das Lied auf Youtube sehr schön.
     
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  5. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Da möchte ich was einwerfen. Unabhängig war die Bretagne nicht, sie war ein Lehen der französischen Krone spätestens seit der Regierungszeit Philipps II. Augustus (1179-1223), der dort seinen kapetingischen Vetter Peter Mauclerc als Herzog eingesetzt hatte. Zuvor hatte schon Herzog Arthur I. (ein Plantagenet) dem König gehuldigt. Und davor waren die bretonischen Grafen und Herzöge Vasallen der Karolinger und der Normannenherzöge. Die Bretagne hatte bis 1532 einen Status den man mit "autonom" besser charakterisiert. Durch die Ehe seiner letzten Erbin wurde das Herzogtum dann gänzlich der Krondomäne eingegliedert.

    Auch war die Bretagne sprachlich schon im Mittelalter nicht durchgehend homogen. Der Osten um Nantes und Rennes war französischsprachig während der Westen noch Bretonisch sprach. Diese Sprachgrenze, der flämisch-wallonischen im heutigen Belgien nicht unähnlich, spiegelte sich im bretonischen Erbfolgekrieg im 14. Jahrhundert wieder, wo beide Hälften unterschiedliche Prätendenten favorisierten.
     
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