Juden in der NS Zeit

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Jane Eyre, 16. Juni 2012.

  1. Jane Eyre

    Jane Eyre Neues Mitglied

    Welche Rechte wurden den Juden und anderen ethnischen Gruppen (oder einfach Nichtarien) im laufe des dritten Reiches abgesprochen?
    (schon klar so ziemlich alle, aber ich würde gerne wissen wann welches Recht...)
     
  2. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Angefangen mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (April 1933, § 3), welches "Nichtarier" aus dem Beamtenberuf verdrängte über das Recht der freien Partnerwahl (Rassegesetze 1935) sukzessive alle Rechte, ein normales Leben zu führen. Die Rechte z.B. eine Parkbank zu benutzen, ins Kino zu gehen, auf dem Bürgersteig zu laufen, ohne Stern in der Öffentlichkeit aufzutreten, ein Geschäft zu führen, das Recht der Freizügigkeit (erste Ghettoisierung in sogenannten "Judenhäusern") etc. wurden alle nach und nach entzogen, die meisten nach der Reichspogromnacht 1938.
     
  4. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Vielleicht hilft dir folgende Übersicht:

    "Maßnahmen/Gesetze gegen Juden im "Dritten Reich" (1933-1943)
    1933 - 1. April: Boykott jüdischer Geschäfte
    - 14. Juli: Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit / das Gesetz richtet sich gegen die Ostjuden.
    1935 - Mai-August: Boykottpropaganda gegen Juden - gewaltsame Ausschreitungen in verschiedenen Städten - lokale Verbote untersagen den Juden den Zutritt zu Kinos, Schwimmbädern, Parkanlagen, Gaststätten
    - 6. August: jüdische Künstler werden im Reichsverband jüdischer Kulturschaffender zwangserfasst
    - 15. September: auf dem NSDAP-"Parteitag der Freiheit" werden die Nürnberger Gesetze verkündet, Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre
    1936 - 24. März: keine staatlichen Beihilfen mehr für kinderreiche Familien
    - 2.Juli: durch Runderlass des Reichserziehungsministeriums werden Sonderklassen für jüdische Schüler an öffentlichen Schulen gebildet
    1938 - 26. April: Anmeldung jüdischen Vermögens über 5000 RM
    - 19. Mai: 1. Verord. zum Personenstandsgesetz; frühere Zugehörigkeit zur jüd. Religion ist zu vermerken
    - 9. Juni: Zerstörung der Münchener Synagoge
    - 15. Juni: Juniaktion: ca. 1500 jüdische Bürger werden, da sie als vorbestraft gelten (auch Verkehrsdelikt) verhaftet und in Konzentrationslager verbracht
    - Juni: Juden und Nichtjuden müssen in Krankenhäusern getrennt werden
    - 23. Juli: Einführung einer mit J versehenen Kennkarte für Juden; gilt ab 01.01.1939
    - 10. August: Zerstörung der Synagoge in Nürnberg
    - 17. August: Juden müssen ab 01.01.1939 den zusätzlichen Vornamen Sara bzw. Israel annehmen. Reichserziehungsminister Rust lässt die gesamte jüdische und hebräische Literatur… erfassen
    - 5. Oktober: 17000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit werden ausgewiesen … - 9. November: Judenpogrome der sog. Reichskristallnacht
    - 10.November: jüdische Zeitungen werden verboten [außer dem] offizielle Jüdische Nachrichtenblatt
    - 12. November: Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen; als Sühneleistung müssen die Juden 1 Milliarde RM zahlen
    - 21. November: Judenvermögensabgabe wird bei einem Freibetrag von 5000 RM auf 20% des Vermögens festgesetzt
    - 3. Dezember: Führerscheine und Kraftfahrzeugzulassungen von Juden werden eingezogen
    - 12.Dezember: Beschränkungen bei der Ausfuhr von Wertsachen und Devisen bei der Auswanderung
    - 28.Dezember: Judenbann; Verbot des Besuchs bestimmter öffentlicher Einrichtungen
    1939 - 1. Januar: Verbot aller jüdischen Organisationen
    - 24. Januar: Reichszentrale für jüdische Auswanderung geschaffen; Leiter wird der Chef der Sicherheitspolizei Heydrich
    - 21. Februar: Juden müssen Schmuck und Edelmetalle abliefern
    - 4. März: arbeitslose Juden werden zu Zwangsarbeiten verpflichtet
    - 1. September: Beginn des 2. Weltkrieges; Ausgangsbeschränkung für Juden ab 20 bzw. 21 Uhr… - 2./17. Oktober: erste Deportationen von Juden aus Österreich und dem Protektorat Böhmen und Mähren nach Polen
    - 19. Oktober: als Sühneleistung wird die Vermögensabgabe der Juden von 20% auf 25% erhöht
    1940 - 12./13.Februar: erste Deportationen von Juden aus dem Reichsgebiet … nach Lublin [KZ]
    - Juni / August: Madagaskar-Plan der Deutschlandabteilung des Auswärtigen Amtes, die europäischen Juden auf die Insel zu deportieren
    - 22./23. Oktober: Juden aus Baden, Saarpfalz und Elsass werden ins unbesetzte Frankreich deportiert… - 24. Dezember: Juden müssen neben der Einkommenssteuer noch eine 15%ige Sozialausgleichsabgabe entrichten
    1941 - 7. Januar: Juden müssen Sondersteuer in Höhe von 15% entrichten
    - 7. März: Juden werden zur Zwangsarbeit herangezogen
    - 1. September: Juden ab dem sechsten Lebensjahr müssen den gelben Stern tragen
    - 1.Oktober: Verbot der Auswanderung jüdischer Staatsbürger aus dem Reich
    - 14. Oktober: Befehl zur Deportation von Juden aus dem Reichsgebiet… - 25. Nov.: deportierten Juden wird die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt; Besitz verfällt dem Reich
    - 30. November: 10.000 deutsche und einheimische Juden bei Riga erschossen
    1942 - 20. Januar: Wannensee-Konferenz in Berlin; Maßnahmen zur „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen
    - 13. März: erste Transporte von Juden aus Deutschland und Westeuropa auch nach Auschwitz
    - Juni: Beginn der Massenvergasungen in Auschwitz-Birkenau; Deportation nach Theresienstadt
    - 5. Oktober: Himmler befiehlt die Deportation aller Juden aus KZs im Reich nach Auschwitz
    1943 - 27. Februar: Juden aus Berliner Rüstungsfirmen nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert
    - 30. April: Juden wird die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen
    - 19. Juni: Reichspropagandaminister Göbbels erklärt Berlin für „judenrein“
    - 1. Juli: Juden in Dtld verlieren Rechtsschutz durch die Justiz und unterstehen nur noch der Polizei

    Definitionen einiger Begriffe aus der Zeitleiste
    Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935
    Das Gesetz bestimmte, dass nur "Träger deutschen oder artverwandten Blutes " Staatsbürger sein könnten. Juden konnten daher keine Staatsbürger sein. Weiter verbot das Gesetz die Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden. Dies wurde als "Rassenschande" bezeichnet. Bereits bestehende Ehen wurden in der Regel wieder annulliert.

    Reichskristallnacht vom 9./10.November 1938
    Als Vergeltung gedachtes Pogrom nach der Ermordung des Legationsrates an der deutschen Botschaft in Paris. Das Attentat wurde durch einen 17jährigen Juden verübt. Mehrere hundert Synagogen, über 8000 jüdische Geschäfte und zahllose Wohnungen wurden zerstört. Darüber hinaus wurden 30000 Juden in Konzentrationslager verbracht und allen deutschen Juden eine "Sühneleistung" in Höhe von einer Milliarde RM auferlegt.

    Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 in Berlin
    Auf dieser Konferenz wurde über die Endlösung der Judenfrage, d.h. über die Vernichtung entschieden. Geplant wurden die Aktionen vom Reichssicherheitshauptamt und mit anderen Ministerien abgesprochen. Die Juden wurden von Westen nach Osten in Durchgangsghettos gebracht und schließlich vergast. Halbjuden hatten die "Wahl", sich sterilisieren zu lassen oder deportiert zu werden."

    Ausschnitt aus:
    http://www.h.shuttle.de/h/gym-lehrte/projekte/comenius/erleben/judenverfolgung/#link2
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juni 2012
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  5. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Bis in die fünfziger Jahre herrschte die Meinung vor, dass an dieser Konferenz der Beschluss gefasst wurde, die europäischen Juden zu ermorden. Diese Auffassung ist aber falsch, wie die neuere Forschung heute weiss. Der Mord an den europäischen Juden begann schon vor der Wannsee-Konferenz.

    Entstehungsgeschichte der „Endlösung“

    Mordaktionen im besetzten Russland. Vor dem Angriff auf die Sowjetunion wurden vier Einsatzgruppen aufgestellt. Auftrag: Ermordung sowjetischer Funktionäre und Ermordung der in Russland lebenden Juden.

    22.6.1941 Operation Barbarossa

    Polen
    Oktober und November 1941 wurden zwei kleine Vernichtungslager errichtet. Tötung durch Motorabgasen.
    Im KZ Belzec wurden Gaskammern errichtet. Vernichtungslager für die Juden der Distrikte Lublin und Lemburg

    Chelmno, umgebaute Gaswagen. Erster Einsatz 8.12.1941

    Und in Auschwitz wurden ab dem 3.9. erste Versuche mit Zyklon B unternommen, an russischen Kriegsgefangenen

    Diese Beispiele aus der Sowjetunion und Polen zeigen deutlich, dass eine Entscheidung im Hinblick auf den Massenmord zumindest an sowjetischen Juden bereits 1941 gefallen sein muss.

    Dann der Blick auf die Teilnehmer der Konferenz: Dieses Gremium konnte keine solchen Entscheidungen treffen. Die ranghöchsten anwesenden Vertreter der zivilen Behörden waren auf der Ebene der Staatssekretäre anzusiedeln, die der SD und SS waren Chef der Hauptämter. Wäre an dieser Konferenz tatsächlich der Entscheid zur Endlösung der Judenfrage gefällt worden, dann hätte Hitler als Reichskanzler, die Minister und Himmler als Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei anwesend sein müssen.

    - Hitlers Führungsstiel war es nicht grundsätzliche Entscheidungen im Kollektiv und nach einer ausführlichen Diskussionsrunde zu treffen.

    Die Frage lautet also: Wenn der Massenmord bereits ausgeführt wurde, was geschah dann am 20. Januar 1942 am Grossen Wannsee?

    Herbst 1941

    Hitler und Himmler stellen die Weichen zur Deportation der Juden aus den europäischen Machtbereich.

    Sept. 1941
    Juden aus dem Grossdeutschen Reich und der Tschechoslowakei sollten nach Osten deportiert werden. Frankreich gab die Zusage, dass sobald es die Transportkapazitäten zuliessen, die franz. Juden deportiert werden.

    Okt. 1941

    Zusage Hitlers an die slowakische Staatsführung den Transport zu übernehmen.

    15.10.1941 Deportationen der deutschen, luxemburgischen, österreichischen und tschechischen Juden.
    Ziele waren Lodz, Minsk, Kaunas, Riga und für die tschechischen Juden liess Heydrich ein Ghetto in Theresienstadt einrichten.

    Betroffen waren zwischen dem 15.Oktober 1941 bis Januar 1942 52 000 Menschen, mehrere Tausend wurden bereits vor Beginn der Konferenz ermordet.

    Probleme:
    Aus der Sicht der Täter gab es in dieser Zeit massive Behinderungen bei der Definition, Registrierung und finanzieller Ausbeutung der Opfer, Einsammlung, Verschleppung und Einquartierung.


    Die Deportationen vom November und Dezember 1941 nach Minsk, Kowno und Riga brachten für die Planer unvorhersehbare Schwierigkeiten:

    - Der Generalkommissar für Weissruthenien Wilhelm Kube beschwerte sich nach einem Inspektionsbesuch im Minsker Ghetto, dass sich unter den Mitte November aus Berlin, Bremen, Brünn, Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg verschleppten Juden auch Personen befanden, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatten oder deren Verwandte in der Wehrmacht waren. Hier waren bei der Organisation der Transporte durch die örtlichen Gestapo stellen fälschlicherweise Personen deportiert worden, die nach den Richtlinien des RSHA zunächst verschont werden sollten. Aber nicht nur in den Zielorten erhoben sich solche Proteste, auch in den Heimatstädten der Verschleppten versuchten die Arbeitsämter, Rüstungsinspektionen und nicht zuletzt die Betriebe, die Arbeitsjuden von der Liste streichen zu lassen.

    - Die Deportationen nach Kowno war eine Improvisation weil das eigentliche Ziel Riga noch keinen Platz hatte. Die knapp 5 000 Verschleppten aus Berlin, Breslau, Frankfurt/Main, München und Wien wurden am 25. und am 29. November 1941 von den Einsatzkommando 3 in der Festungsgräben des Forts IX in Kowno erschossen. In der Stadt Riga schliesslich befand sich bereits ein Ghetto mit ca. 30 000 lettischen Juden, die am 30. Nov. und am 8. Dez, nur deshalb in den Wäldern um Riga erschossen wurden, um die ankommenden Transporte Platz zu machen. Ein Transport von etwa 1000 Menschen aus Berlin kam genau zu diesem Zeitpunkt in Riga an und auch diese Juden wurden gleich erschossen. Hier muss man davon ausgehen, dass die Erschiessungen nicht zentral geregelt wurden. Denn es gibt eine Telefonnotiz von Himmler vom selben Tag darauf steht: Berliner Juden nicht liquidieren. Auch wurden die Erschiessungen in Riga von der Bevölkerung wahrgenommen worden. Und es gab Proteste.

    Diese Schwierigkeiten waren der entscheidende Grund für die Sitzung am Wannsee. Denn zwischen den Planungen in Berlin und den Realitäten an Ort bestanden grosse Diskrepanzen.

    Quellen:

    Haus der Wannsee-Konferenz
    Zukunft braucht Erinnerung

    Literatur:

    Katalog zur Ausstellung:
    Berlin 2006, ISBN 3-9808517-4-5
    (Druckhaus Jütte-Messedruck Leipzig).

    Die Entfesselung der Endlösung

    Hannah Arendt
    Eichmann in Jerusalem
    Ein Bericht von der Banalität des Bösen
     
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  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied



    Wie gesagt, beim Treffen in der Wannseevilla lief die Vernichtung der Juden bereits auf vollen Touren. Himmlers Tötungsspezialist in Lettland Dr. Rudolf Lange konnte Estland bereits als "Judenrein" bezeichnen, und in der SU hattten die Einsatzgruppen bereits 1 Millionen Juden und Roma ermordet. Es galt die Zustimmung und Mithilfe von Behörden einzuholen und sicherzustellen, und es mussten Dienststellen informiert und die "Evakuierung" der Juden organisiert werden. Die Massenerschießungen belasteten nicht nur die Täter, durch den Frost konnten keine Massengräber ausgehoben und die Spuren nicht genügend beseitigt werden. Vor allem wer war überhaupt ein Jude und wie sollte mit "Mischlingen 1. oder 2. Grades verfahren werden.
     
  7. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Das ist das Unfassbare an der Wannsee-Konferenz (zumindest für mich): Dort wurde von hochrangigen Beamten & Militärs auf Grund der bisherigen Erfahrungen im Massenmorden ganz sachlich und konret überlegt, wie man eine noch größere Zahl Menschen möglichst effektiv "vernichten" könne, ohne das Moral, Kriegsanstrengungen etc. allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ein Meilenstein an absoluter Gefühlskälte in der Mescnhheitsgeschichte...

    Zu den Rechten, die jüdischen Menschen abgesprochen wurde, wurde schon viel gesagt. Von mir noch der Hinweis, dass Ausgrenzung und Entrechtung "der Juden" schon Anfang der 20er Jahre propagiert wurde; vgl hierzu das 25-Punkte-Programm der NSdAP von 1920. Die Politik, die ab 1933 praktiziert wurde, war also lange vorher angekündigt worden.
     
  8. michaell

    michaell Aktives Mitglied

    Man kann da noch weiter zurückgehen; schon 1912 propagierte der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Claß, in seinem unter dem Pseudonym 'Daniel Frymann' veröffentlichtem Buch "Wenn ich der Kaiser wär'" Maßnahmen, die den Ausschluß der Juden vom öffentlichen Leben in Deutschland zum Ziel hatten.
     

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