Jüdisches Leben und Pogrome im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von thanepower, 12. März 2021.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    600. Jahrestag der „Wiener Gesera“. Ein Massaker an den Jüdinnen und Juden der Stadt. Auch im Österreich der Frühen Neuzeit grassierte der Judenhass. Er gipfelte in der „Wiener Gesera“ – einem Pogrom auf Geheiß Herzog Albrechts V., das am 12. März 1421 mit der Verbrennung von etwa 200 Jüdinnen und Juden vor den Toren Wiens endete.

    600. Jahrestag der "Wiener Gesera" - Brutales Massaker an den Jüdinnen und Juden der Stadt

    Oder das Pogrom an den Juden in Erfurt im Jahr 1349.

    Geschichte der Juden in Erfurt
     
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  2. schaf

    schaf Mitglied

    Im Mittelalter wurden trotzige Nichtchristen üblicherweise getötet. Warum wurden nicht alle Juden getötet ?
     
  3. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Jüdisches Leben in Deutschland...
    Dieses Jahr 2021 -> 1.700 Jahre.
    Und in Erfurt beginnt dies im 12. Jahrhundert.

    Beginn im 12. Jahrhundert, ihre Auflösung anlässlich des Pestpogrom 1349, Wiederansiedlung ab 1354, Aufkündigung des Judenschutzes 1453.
    Und dann erst im 19. Jahrhundert bildete sich wieder eine jüdische Gemeinde anlässlich der Besetzung der Franzosen 1803 – 1806 von Erfurt.

    Den Opfern im Holocaust wurde über die Stadt verteilt Gedenknadeln errichtet. Derzeit 8 Stück,

    Seit Mai vorigen Jahres kann man auch einen virtuellen Rundgang durch die >Alte Synagoge von Erfurt< machen.

    https://juedisches-leben.erfurt.de/jl/de/service/mediathek/panoramen/129996.html

    Alte Synagoge in der Waagegasse in mitten der historischen Altstadt.

    Wer mal etwas mehr über diese Gasse wissen möchte:

    https://www.thueringen.info/erfurt-waagegasse.html
     
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  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wir neigen dazu, Juden in Dtld./Europa immer durch die Opfer-Brille (gemeint ist hier Juden als ewige Opfer) zu betrachten (ausgenommen Antisemiten). Jüdische Geschichte findet irgendwie immer nur als Geschichte der Pogrome statt. Antijüdische Gesetzgebung der Westgotenkönige, Pogrome während des Ersten Kreuzzuges, Pogrome während der Pest, Spanische Inquisition, Christlich-Soziale (Arbeiter-)Partei, NS-Zeit. Wir vergessen aber gerne, dass es dazwischen immer auch lange Phasen eines friedlichen Zusammenlebens gab, ohne dass das einen durchgängig existenten Antijudaismus relativieren soll. Wir sollten das Judentum weniger durch die Opfer-Brille betrachten sondern die Existenz des europäischen Judentums auch stärker abseits der unfriedvollen Episoden betrachten, ohne aber dabei zu vergessen, dass die europäischen Juden immer von Verfolgung bedroht waren. Aber jüdisches Leben in Europa ist weitaus mehr, als eine Geschichte der Verfolgung und Bedrohung.
     
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  5. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Ist es nicht so, dass man sich heutzutage scheut, über die vielen außerordentlich beeindruckenden Leistungen von Juden in Europa nachzudenken, weil man alles fürchtet, was für eine Sonderrolle von oder der Juden sprechen könnte, außer der als Verfolgte?
     
  6. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nö.
     
  7. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Das erinnert mich an Ein ganz gewöhnlicher Jude (Film) , wo Ben Becker sich in einem 90-minütigen Dialog unter anderem damit auseinandersetzt.
     
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  8. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Ach so?
    Na dann.
     
  9. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

    Hallo

    @schaf
    Quellen dafür ?

    @EQ
    Wir neigen dazu, Juden in Dtld./Europa immer durch die Opfer-Brille (gemeint ist hier Juden als ewige Opfer) zu betrachten (ausgenommen Antisemiten). Jüdische Geschichte findet irgendwie immer nur als Geschichte der Pogrome statt. Antijüdische Gesetzgebung der Westgotenkönige, Pogrome während des Ersten Kreuzzuges, Pogrome während der Pest, Spanische Inquisition, Christlich-Soziale (Arbeiter-)Partei, NS-Zeit.

    Ich weiß das das eher provozierend und nat. von dir auch deshalb verkürzt formuliert wurde. Ich widerspreche dem aber das das allgemein so gesehen wird.
    Wenn mal das 20.Jh wegläßt,weiß eigentlich jeder,welche Leistungen und Verdienste die juden für die europ. Literatur,,Philosphie, Musik und für die universitäten erbracht haben. Juden waren auch im MA anerkannt, hatten hohe Posten in Verwaltungen inne,traten gar als Diplomaten in Erscheinung.

    mfg
    schwedenmann
     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Pogrome waren ja auch im Mittelalter keineswegs die Regel, sondern eher eine Ausnahmeerscheinung. Karl der Große stellte Juden als Kammerknechte unter seinen Schutz, und als der Mob während des Ersten Kreuzzugs über die jüdischen Gemeinden von Worms und Speyer herfiel, waren die Juden nicht vogelfrei, sondern standen unter dem Schutz des Bischofs, der freilich nicht über die Macht verfügte, sie dann auch tatsächlich schützen zu können.

    So fatal auch Pogrome wie die von Worms und Speyer sein mochten, als noch einschneidender erwiesen sich Ausweisungsdekrete. Ralf M. hat auf das Beispiel von Erfurt verwiesen. 1453 verlor die jüdische Gemeinde Erfurts ihren urbanen Lebensraum, und das änderte sich dann wohl erst wieder mit der Judenemanzipation im Königreich Westphalen, als Juden erstmals voll- und gleichberechtigte Bürger wurden. Pogrome waren relativ selten, Juden standen in der Regel unter dem Schutz der Landesherren, die sich diesen Schutz freilich teuer bezahlen ließen. Städte, die Juden duldeten, wiesen ihnen besondere Viertel und Gassen zu, Straßennamen wie die Jüdenstraße in Göttingen erinnern noch daran. Der Schutz der Obrigkeit schützte aber nicht gegen Erpressungen der Obrigkeit selbst. Während der über 1000jährigen Geschichte der Juden in Deutschland oder besser in den deutschen Ländern, waren es nur wenige Jahre, in denen Juden tatsächlich im ihr Leben fürchten mussten. Der Humanismus und die Aufklärung, die Haskala, sie wurden auch von Juden geprägt, Juden nahmen am öffentlichen Leben teil und lebten zwar nicht immer harmonisch, den weitaus größeren Teil dieser 1500 Jahre aber im durchaus friedlichen Miteinander mit ihren christlichen Nachbarn. Seit dem 19. Jahrhundert nahmen Juden Familiennamen an, und Namen wie Oppenheimer, Warburg, Frankfurter, Maynzer und wie sie alle hießen, belegen, dass Juden sich als Teil der "deutschen Nation" verstanden und viele glühende Patrioten wurden.

    Die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland, in Europa war nicht eine Geschichte der Pogrome, es gäbe ein holzschnittartiges Bild, wollte man sie darauf reduzieren. Wenn es in der mehr als 1000 Jahre alten Geschichte der Juden in Deutschland und Europa nur wenige Jahre waren, in denen Juden um ihr Leben fürchten mussten, so waren es auch wenige Jahre, in denen Juden nicht um ihren Besitz fürchten mussten, in denen ihnen nicht in die Tasche gelangt wurde, in denen sie nicht weniger Rechte, als Christen hatten, in denen sie nicht von bestimmten Berufen ausgeschlossen waren. Noch weniger Jahre waren es, in denen Juden die vollen Bürgerrechte genossen, gleichberechtigte Bürger waren.
     
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  11. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Mal abgesehen von den Juden:
    Wenn ich mich nicht irre, waren die systematischen Zwangsbekehrungen von Muslimen auf der iberischen Halbinsel ein Phänomen nicht des Mittelalters, sondern der Neuzeit.
    Und auch in Süditalien hielt sich eine muslimische Bevölkerung noch Jahrhunderte nach dem Ende des Emirats von Sizilien:
    Christen und Muslime im nördlichen Apulien (Capitanata) im 13. Jahrhundert | Spätmittelalterliche Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der Einwand ist im Prinzip berechtigt. Dennoch nicht ganz korrekt, auch bezogen auf das GF. Die Rolle jüdischer Intellektueller für die "Aufklärung" war immer ein Thema. Besonders auch im Hinblikc auf die Situation in Russland und ihrer Rolle als "linke Intellekktuelle". Ebenso wurde im Kontext von Benajmin auch die Bedeutung von Intellektuellen mit einem jüdischen Glauben angesprochen. Wie beispielsweise im Fall von Adorno.

    Dennoch ist es die Bedeutung der Diaspora, in dem jüdisches Leben in Europa teilweise stattfand, dass man sie am "Rande der Gesellschaft" verortete und prädestiniert als Projektionsfläche für Feindbilder zu agieren.

    Josef Schuster - "In vielen Schulbüchern werden Juden ausschließlich als Opfer präsentiert."

    Dabei liegt mit dem Buch von Abrahams eine Beschreibung vor, die viele Facetten des jüdischen Lebens im Mittelalter berührt. Jenseits einer einseitigen Zuordnung der "Opferrolle".

    Abrahams, Israel (1896): Jewish life in the middle ages. 1. Aufl. New York: Macmillan.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. März 2021
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Aussage ist falsch. Vor allem das üblicherweise.

    Das Judentum spielte für das Christentum eine wichtige Rolle. In der christlichen Theologie galten seit Augustinus (und im Prinzip galt das bis zum Zweiten Vaticanum, also bis in die 1960er Jahre) die Juden als (unfreiwillige) Zeugen für die Wahrheit der christlichen Botschaft. Die Verfolgung von Juden war somit mit der augustinisch geprägten christlichen (zumindest aber mit der katholischen) Theologie unvereinbar.
     
  14. Beaker

    Beaker Aktives Mitglied

    Habe nur ich den Eindruck, daß die Frage nicht so harmlos ist, wie sie daher kommt? Wenn man sich die Beiträge von diesem schaf mal über die Fäden ansieht, dann hat man den Eindruck, daß es nur der Pelz ist, unter dem ein ganz anderes Tier mit ~Angeln steckt!
     
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  15. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Blöde Frage - blöde Antwort: Es wurden im Mittelalter nicht alle Juden geötet weil auch nicht alle Nichtchristen getötet wurden - die Litauer z.B. überlebten als Heiden bis weit ins Spätmittelalter und wurden - plakativ vereinfacht - nur Christen, weil ihr König sich taufen liess , als er Polen "erheiratete".
    Im Übrigen: Die Mehrzahl der im Mittelalter Verfolgten und Hingerichteten waren weder Juden noch Nichtchristen sondern Ketzer und - im Gefolge davon - Hexen. (Ich meine jetzt die "mittelalterichen" Hexen bis ca. 1550 und nicht die Neuzeitlichen).
    Ansonsten habe ich den gleichen Eindruck wie Beaker: Da wird bewusst eine dummdreiste faschistoide Frage (an deren Beantwortung kein Interesse besteht) gestellt um rumzuklönen, dass man mit den Juden viel toleranter verfahren sei und dafür alle Heiden (Ur-Germanen ?) ausgerottet habe oder so ähnlichen Schwachsinn. "Fragen" nach diesem Muster werden in vielen Foren getellt.
     
  16. schaf

    schaf Mitglied

    Litauerkriege des Deutschen Ordens
    "Die maßgeblichen Würdenträger des Ordens beobachteten diese politische Entwicklung mit wachsender Skepsis. Jogailas Thronbesteigung als Wladyslaw II. in Verbindung mit der nun einsetzenden Christianisierung Litauens[23] stellte den Deutschen Orden vor ideologische und militärische Probleme. Eine gewaltsame Missionierung von Heiden war seine offizielle Legitimation, wie es in den vergangenen Dekaden stets verkündet wurde. Deshalb stellte der Orden die im Zuge der polnisch-litauischen Union einsetzende Christianisierung Litauens weiterhin in Frage. Man berief sich darauf, dass diese Missionierung in Form von Massentaufen vollzogen wurde, so dass eine „wirkliche Bekehrung zum guten Glauben Jesu“ seitens der Litauer unwahrscheinlich blieb. Auf Ersuchen von Vytautas und Jogailas erließ Papst Bonifatius IX. 1403 eine Bulle, in der dem Orden untersagt wurde, gegen Litauen Krieg zu führen."
    '
    Gewalt'-sam bedeutet genau das.
    Getauft ist formal christlich. Der wirkliche Glaube wird sich schon einstellen. Das Beispiel zieht nicht weil die militärische
    Missionierung versucht wurde und nur wegen der militärischen Stärke der Litauer erfolglos blieb.

    Es gab keine heidnischen Tempel im christlichen Abendland. Jüdische Gotteshäuser gab es. Die Erklärung von El Quijote wird schon stimmen und die offizielle Begründung gewesen sein.
    Das Alte Testament ist ein Teil der Bibel und ich denke, allein deshalb war das Verhältnis zwischen Christen und Juden nicht eindeutig feindlich oder freundlich. Über diesen Komplex sind sicher schon mehrere Bücher geschrieben worden und jeder "kurze" Gedanke der sich durch einen Satz ausdrücken lässt, wurde schon oft gedacht.
    S. Freud schrieb, die Christen hätten an die Auserwähltheit der Juden geglaubt und bringt ein Beispiel. Wenn in einem Land Aufruhen sind dann schrecken sie vor der Ermordung eines Engländers zurück denn sie wissen, falls ein Engländer getötet wird, schickt das Empire Kriegsschiffe. Seine anderen Erklärungen sind mir zu kompliziert.
    Der Mann Moses und die monotheistische Religion

    (Alles was einem vom Staat - letztlich ja gewaltsam- eingeimpft werden soll, stimmt erstmal nicht.)
     
  17. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Das hat dem Orden aber nichts genützt weil dieser nach der Niederlage von Tannenberg gegen die christlich gewordenen Litauer nur noch ums Überleben kämpfte. Du könntest den Wikipedia ruhig weiterlesen.
    Und dann, wenn schon Wikipedia, kannst Du dir auch diesen Artikel zu Gemüte führen:
    Antijudaismus
    Zitat daraus: "Damals populäre Prediger wie Berthold von Regensburg und Konrad von Würzburg setzten Juden und Ketzer gleich"

    Es wurde hier in diesem Beispiel von keinem Staat irgendetwas gewaltsam eingeimpft - es handelt sich vielmehr um einen Krieg und um Auseinandersetzungen zwischen den "Staaten" des Deutschritterordens und dem Grossfürstentum Litauen.
    Und eine heimliche Weltregierung schlachtet Kinder für ihre Unsterblichkeit ...
    Und die Erde ist eine Scheibe ...
     
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