Kaiser Friedrich III., Deutschlands liberale Hoffnung?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Annika, 19. Januar 2013.

  1. Annika

    Annika Neues Mitglied

    Hey ihr alle! :winke:

    Ich muss in den nächsten Wochen eine GFS mit der Leitfrage: "Was wäre gewesen, wenn Friedrich iii länger gelebt hätte?" halten. Nun wollte ich euch fragen, was ihr denkt, was passiert (oder auch nicht) wäre? War er wirklich am Ende noch genauso "liberal", wie in seinen jungen Jahren? Hätte sich etwas in der Zukunft geändert, oder nicht?

    Freue mich schon auf eure Meinungen, und wenn ihr gute Links zum Thema kennt, könnt ihr sie gerne auch posten. ;)

    Gruß
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Zunächst mal möchte ich dich auf die Konvenion aufmerksam machen, dass Ordnungszahlen mit einem Punkt geschrieben werden und außerdem lateinische Zahlen immer als Großbuchstaben (oder Kapitälchen).

    Die Frage würde also korrekt lauten: "Was wäre gewesen, wenn Friedrich III. länger gelebt hätte?"

    Dann zu Beantwortung deiner Frage. Wir können uns sicher sein, dass, wenn der 99-Tage-Kaiser länger gelebt hätte, die Geschichte anders verlaufen wäre. Wie dieser andere Verlauf ausgesehen hätte, wissen wir naturgemäß nicht. Ob vielleicht sogar der erste Weltkrieg hätte verhindert werden können oder sich eine andere Mächtekonstellation ergeben hätte ist unmöglich zu beantworten. Nur so viel ist sicher: Auch wenn Friedrich länger gelebt hätte, hätte er sich in der Konstellation bewegt mit den innen- und außenpolitischen Faktoren, die auch sein Sohn zu meistern hatte. Es ist ja nicht so, das Friedrich oder Wilhelm wirklich über dem Geschehen standen und es ohne selber gelenkt zu werden lenkten, sondern mitten im System drin waren, wenn auch mit einem sehr großen Spielraum. Vielleicht hätte er einige grundlegend andere Entscheidungen getroffen als sein Sohn, die Frage ist, ob er diese auch hätte durchsetzen können.

    Etwas anderes ist die Frage, so wie sie in der ÜS steht, ob er wirklich Dtlds. liberale Hoffnung gewesen wäre. Diese Frage ließe sich schon eher beantworten.
     
  3. Thristan

    Thristan Neues Mitglied

    Ich denke der Dreh- und Angelpunkt wäre ein Bündnis oder eine Kooperation mit England gewesen, was aber wegen der wilhelminischen Flottenrüstung unmöglich wurde. Mit einer schonenden Haltung gegenüber den Briten wäre schon viel Sprengstoff aus dem Konflikt genommen worden.

    Ob Friedrich III. dann wirklich so liberal war vage ich zu bezweifeln, jedenfalls trug er ebenfalls die Verantwortung für die "Erziehung" seines Sohnes. Warum flüchtete sich Wilhelm II. in seine kostümierte, militaristische Traumwelt, wenn nicht die Liebe und Anerkennung seiner Eltern fehlte?

    Die Franzosen wären wohl nach der Demütigung 1870/71 ohnehin nicht zu gewinnen gewesen und gegenüber dem russischen Zarenreich ist wohl auch eher Skeptik angebracht (Slawische Frage auf dem Balkan).
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    An der politischen Einstellung des Sohnes die des Vaters auszumachen halte ich für methodisch ungünstig. Wie viele Kinder haben, unabhängig wie liebevoll das Elternhaus und wie innig das familiäre Verhältnis war, eine völlig andere Auffassung von einigen Dingen, als ihre Eltern?

    Nein, zu einer Beurteilung Friedrichs können wir allein seine Absichtserklärungen, seine Taten und ggf. sein Testament (sofern er darin eine politische Agenda hinterlassen haben sollte) heranziehen.
     
  5. Thristan

    Thristan Neues Mitglied

    @El Quijote

    Naja, das sieht die olle Bibel aber anders :scheinheilig:

    "Setzt entweder einen guten Baum, so wird die Frucht gut; oder setzt einen faulen Baum, so wird die Frucht faul. Denn an der Frucht erkennt man den Baum." Matthaeus 12:33


    Vielleicht werde ich langsam alt....
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ganz klar: Es ist eine falsche Annahme, das unter der Herrschaft von Kaiser Friedrich III. ein liberales Deutschland mit entsprechender parlamentarischer Verfassung zustande gekommen wäre. Friedrich III. war Knetmasse in den Händen seiner Ehefrau Victoria und Bismarck hat ihn als tumben Tor abqualifiziert. Beredte Auskunft dazu erteilen die Tagebücher von Friedrich, die von Winfried Baumgart jüngst herausgegeben worden sind.

    Zur Kindheit von Wilhem II. empfehle ich Röhle, Wilhelm II. Die Jugend des Kaisers.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das ist aber nicht auf die Vater-Sohn-Beziehung gemünzt, oder?
     
  9. Thristan

    Thristan Neues Mitglied

    @Sepiola
    Gemeint war, dass man zu den Hinterlassenschaften Friedrichs III. auch seinen seelisch zertrümmerten Sohn zählen kann.

    Jedenfalls fand das wunderliche Verhalten Wilhelms II. schon von seinen Zeitgenossen ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit.
     
  10. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Und daran sind die Eltern Wilhems schuld?
     
  11. Thristan

    Thristan Neues Mitglied

    Seine Mutter soll sich bitterlich über seinen Arm geäußert haben.

    @Turgot

    Mir ist schon klar worauf du hinaus willst, aber selbst wenn ich jemanden delegiere, mein Kind zu erziehen (was wohl im Adel die übliche Vorgehensweise war), kann ich mich trotzdem nicht aus der Verantwortung stehlen.

    Stell die vor Wilhelm II. wäre nicht preußischer Thronfolger, sondern ein Bauernsohn gewesen. Da würde man schon die Verantwortung bei den Eltern suchen.

    Abschließend fällt mir noch ein gutes Film-Zitat (nicht historisch, aber gut) aus dem Film Gladiator ein:

    (Richard Harris als Mark Aurel, Joaquin Phoenix als Commodus) - Mark Aurel zu Commodus: ...Deine Fehler als Sohn, sind mein Versagen als Vater!
     
  12. excideuil

    excideuil unvergessen

    Na, ja, ein Bauernsohn hat wohl eher keinen Erzieher, daher ist das ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. :winke:

    Aber so ganz unwichtig ist der Einfluß von Erziehern auf Thronfolger nicht, ich erinnere nur einmal an das Beispiel La Harpe - Alexander I. von Rußland.

    Grüße
    excideuil
     
  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Wenn jemand ganz entscheidend Einfluß auf die Charakterbildung von Wilhelm II. hatte, dann war es wohl Dr. Georg Ernst Hinzpeter. Dieser Herr wurde zum "Zivil"-Erzieher Wilhem ernannt. Hinzpeter ist durch den britischen Diplomaten Sir Robert Morier, seit 1866 gesandter in Darmstadt, beim Kronprinzenpaar ins Gespräch gekommen.

    Hinzpeters Charakterbild aus dem November 1874 über Wilhelm spricht schon Bände:

    "Die Trivialität oder Unreife Seines Geschmacks frappirt mich immer wieder von Neuem; wenn man Ihn und Er sich gehn läßt, richtet Er Sich mit erschreckender Regelmäßigkeit auf kleine und unbedeutende Dinge und freut sich an ihnen. Es wäre ungerecht, nicht anerkennen zu wollen, daß der Prinz sich nicht viel Mühe giebt, fleißig arbeitet, auch einen gewissen erfolg in der Schule erzielt, aber das eigentlich ernste Streben, das Ihn meiner Meinung nach erfüllen sollte, fehlt Ihm gänzlich, fehlt Ihm bis zum Verständnis dafür. Alles was geschieht, ist noch frucht künstlicher Disziplin, würde dieser albald verschwinden, und ist im Grunde also nichts werth. Seine Selbstgenügsamkeit hemmt Seine Entwicklung in bekagenswerther Weise; wäre Seine Intelligenz sehr stark, würde sie Ihn fördern., da sie das nicht ist, muß sie ihm schaden; sie hilft Ihm den kleinsten Erfolg zu mächtigen Proportionen aufzublasen und den eklatansten Mißerfolg auf ein Minum von Bedeutung zu reduziren. Aeußerliche Pflichterfüllung genügt da, um Ihn mit Stolz auf Seine Leistungen zu erfüllen und jdedes zerstören solcher Illusionen empfindet Er sehr schwer und meist als großes Unrecht."

    Klar war, das Victoria Wilhem nach ihren eigenen Idealen, die nicht gerade anspruchlos waren, formen wollte und glücklichn war sie über seine Behinderung auch nicht.

    Röhl, Wilhem II. Die Jugend des Kaisers
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Januar 2013

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