Kalenderbauten-Definition und Funktion

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von zaphodB., 4. Juli 2020.

  1. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Das Thema Kalenderbauten taucht ja immer mal wieder in Diskussionen auf
    Daher wäre es an der Zeit mal einen Grundsatzthread dazu zu eröffen ,insbesondere zur Klärung folgender Fragen:

    Wie definieren sich Kalenderbauten ?
    Welche Arten gibt es ?
    Sinn und Zweck von Kalenderbauten ?
    Wer hat Kalenderbauten errichtet und welche gesellschaftlichen Voraussetzungen mussten dafür vorliegen.?

    '
     
  2. PeterWestfale

    PeterWestfale Mitglied

    Es sind Bauten, die in irgendeiner Weise bestimmte Zeitpunkte (im Jahreslauf) "ablesbar" machen. Es kann sich theoretisch um das "Lesen" des Standes der Sonne, des Mondes, der Planeten und der Sterne handeln.

    Als erster Start ist die Wikipedia Seite geeignet. Allerdings ist die sehr spärlich.
    Kalenderbauten – Wikipedia

    Mir leuchten zwei Verwendungen ein: Landwirtschaftliche Termine und Religion.

    Es muss Experten für die Astronomie gegeben haben. Und kundige Bauleute.
     
  3. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Zur Definition gibt es m-E, schon Probleme
    Nicht jedes nach den Haupthimmelsrichtungen ausgerichtetes Bauwerk ist ein Kalenderbau auch wenn zufällig durch die Ausrichtung bedingt bestimmte Kalenderdaten angezeigt werden
    M.E. ist ein Kalenderbau dadurch definiert, dass er u.a. in der Absicht errichtet wurde, Kalenderdaten anzuzeigen.
    Die weitere Frage die sich in dem Zusammenhang stellt ist, ob man Bauten dazu zählt, die nur ein bestimmtes Datum anzeigen (wie Abu Simbel oder die Chapelle St Jean in C0mps s.Arturby)
     
  4. PeterWestfale

    PeterWestfale Mitglied

    Ja, das leuchtet mir ein. Deine Definition erscheint mir korrekter. (Wobei es vielleicht manchmal strittig ist, ob diese Absicht beim Bau bestand.)
     
    pelzer gefällt das.
  5. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Die meisten Dis. gehen um vermutetet Kalenderbauten ohne schriftliche Belege oder aus der Frühzeit ohne überlieferte oder verstehbare Schriftkultur. Daher die vielen Dis. über vermutete/unterstellte 'Absichten'.

    Beispiel aus späterer Zeit: Recht viele Kirchbauten waren beispielsweise mit dem Chor (der Krypta) geostet - an den/um die Tag-und-Nachtgleichen im Frühjahr und Herbst schien die Sonne bei Aufgang eindrucksvoll besonders bei frühen/einfachen Chören mit nur einem Ost-Fenster in die Mitte des Chores, ebenso bei entsprechenden Krypten. Ohne Hintergrundkenntnisse könnte man womöglich einen 'Kalenderhintergrund' vermuten.
     
    Ravenik gefällt das.
  6. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    dass viele Kirchbauten mit dem Chor geostet waren mag auch am Weltverständnis des Mittelalters liegen
    Betrachtet man sich mittelalterliche Weltkarten wie Ebsdorf oder Hereford so fällt auf dass diese i.d. R. geostet statt genordet sind und oben. ,also im Osten das Paradies eingezeichnet ist
    Die Kirchen wären somit am vermeintlichen Ort des Paradieses ausgerichtet
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das weißt du, das weiß Andreas. Ein Archäologe einer außerirdischen Kultur, die in 7000 Jahren die irdische Zivilisation ausgräbt und vom Christentum nie gehört hat, weiß das nicht. Die außerdirdische Zivilisation stellt nur fest, dass regelmäßig die kreuzförmigen Gebäude, in denen man sehr häufig auch Kreuze findet, manchmal mit einer angenagelten Männerfigur, zumindest während einer bestimmten Periode und in einem bestimmten geographischen Raum nach Osten ausgerichtet sind. Auch eine Frauenfigur mit Blumen wird immer wieder gezeigt. Offenbar ein matriarchaler Kult, bei dem Männer gekreuzigt wurden. Das Männeropfer erhielt sich, wohingegen irgendwann die Sitte, die kreuzförmigen Tempel nach Osten auszurichten, aufgegeben wurde.
     
  8. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Wir hatten das Thema ja bereits in einigen anderen Threads.
    Ich sehe vor allem ein logisches Problem.
    Bei einem Kalenderbau wird davon ausgegangen, dass ich diesen errichte, um ein oder mehrere Daten im Jahr anzuzeigen, die ich sonst nicht wüsste, "besonders wichtige" Daten wie den Termin der Aussaat oder ähnliches.
    Logischerweise muss ich aber in der Lage sein, solch ein Datum einfacher zu ermitteln, sonst könnte ich ja das Bauwerk nicht errichten. Und normalerweise reichen ja auch ein paar in den Boden gesteckte Stöcke völlig aus.
    Warum also sollte ich jahrzehntelang an einem Bauwerk bauen, das nur den Zweck hat etwas anzuzeigen, was ich sowieso schon weiß? Das ergibt wenig Sinn.

    Da liegt die Vermutung nahe, dass die Bauwerke eine andere Funktion hatten und die Kalenderfunktion nur ein zusätzliches "Gimmick" war, nicht der eigentliche Zweck.
     
  9. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Zumindest in schriftlosen Zeiten ging es wohl eher um für alle sichtbare, tradierbare Fixierung oder Erreichung bestimmter Daten, die sowohl kultische/religiöse/praktische Funktionen für eine Gemeinschaft hatte. Vermutlich nur sehr wenige besaßen ausreichende und dauerhafte Kenntnisse über den Zusammenhang bestimmter Konstellationen mit bestimmten Zeitpunkten.
    Die weit bis ins 19. Jh. produzierten Kalenderjahrbücher mit den Aussaattagen nach dem Mondstand (in den Tierkreiszeichen) für die gemeine Landbevölkerung zeigt dies, meine ich, hinreichend.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Sonne geht jeden Tag auf und jeden Tag unter. Trotzdem gab es im Alten Ägypten ein Ritual, wonach der Pharao dafür sorgen musste, dass die Sonne jeden Tag auf und unter ginge. Insofern ist zumindest vorstellbar, dass zwar das Wissen um die Tage vorhanden war, dass aber für ein kultisches Ritual man einen entsprechend ausgebauten Ort brauchte. Die gotischen Kathedralen sind auch nicht notwendig für eine Eucharistie-Feier und dennoch hat man sie gebaut. Sie machen den Rahmen feierlicher (und die Gläubigen - aber auch das irdische Personal! - kleiner). Insofern sehe ich da nicht unbedingt denselben Widerspruch wie du. Dass die Spätneolithiker und Frühbronzezeitler Kalenderbauten brauchten, um zu wissen, wann sie zu säen und wann sie zu ernten hatten, wie man das manchmal liest, ist natürlich abwegig. Aber vielleicht brauchten sie die Bauten, um die Sonne zu bitten, zu richtigen Zeit zu scheinen. Keiner hat was davon, wenn die Sonne in der Wachstumsphase den Acker verbrennt und in der Erntephase das Getreide plattgeregnet wird, während der Schnitter mit den Füßen im matschigen Löss versinkt.
     
    andreassolar gefällt das.
  11. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Immerhin verschwand die Sonne jeden Tag hinter dem Horizont...phasenweise auch noch wesentlich früher am Tag, verbunden mit einem späteren Erscheinen am anderen Horizontabschnitt, in Kombination mit einem merklich kühleren oder gar richtig kalten Klima. Ganz zu schweigen von den seltenen, aber sicherlich (nicht nur) in frühgeschichtlichen Zeiten stark wahrgenommenen, wohl rätselhaften Finsternissen...
     

Diese Seite empfehlen