Kannelierte Säulen

Dieses Thema im Forum "Archäologie" wurde erstellt von El Quijote, 11. September 2021.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bisher habe ich immer gedacht, Kannelierungen von Säulen dienten der Verzierung. Dass das in einigen Fällen so vorgesehen war, glaube ich auch weiterhin. Aber heute war ich in Pompei und dabei ist mir an mehreren Stellen aufgefallen, dass Säulen verputzt waren. Insbesondere solche, wo im oberen Teil Kannelierungen zu sehen waren. Und jetzt frage ich mich: wurden die Kannelierungen einfach nur genutzt, damit der Putz einen besseren Halt hätte?
    Und was kam zuerst, die unverputzten kannelierten Säulen oder die verputzten kannelierten Säulen. Also war die Verputzung früher und man stellte irgendwann fest, dass eine unverputzte kannelierte Säule doch auch ganz hübsch sei, wenn sie nur aus Mamor wäre, oder ist man einfach drauf gekommen unhübschen Säulenstein mit Putz und Fresko aufzuhübschen?
     
  2. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Eine Kannelierung trägt sicherlich zum besseren Halt des Verputzes bei. Der Schwerkraft mehr entgegenwirken würde aber eine horizontale Struktur der Unterlage (oder noch besser waffelartig, resp. unregelmäßig, um auch gegen Abrieb Halt zu geben), was der ursprünglichen Absicht als Putzunterlage m.M.n. widerspricht.

    Könnte mir vorstellen, dass die Idee zur Kannelierung aus der Schwierigkeit entstanden war, den steinernen Säulentrommeln eine regelmäßig zylindrische Form zu verleihen. Zunächst wird ja der Stein in eine Form mit nur wenigen Ecken gebracht (z.B. pentagonal) und dann die Anzahl der gleich breiten Seiten erweitert. Schließlich wird die Form rund geschliffen. Die Kannelierung kann als Weglassen des letzten Schrittes gesehen werden, wonach stattdessen die Seiten durch konkave Eintiefungen betont wurden. Frühes Beispiel: die Säulen der Tempel der Hatschepsut in Deir el-Bahri mit nur leicht konkaven Seiten.

    Verbreitet ist heute die Ansicht, der Zweck der Kanneluren sei 1. die Betonung der Höhe der Säulen gewesen und 2. das Vortäuschen einer monolithischen Beschaffenheit. Ersteres kann ich zwar als Endergebnis aber nicht als eigentlichen Grund fürs Kannelieren nachvollziehen, da griechische Tempel ansonsten nicht unbedingt durch Höhe imponieren wollten, wie dies bspw. später die Gotik tat. Letzteres wäre aber m.M.n. als Absicht gut möglich, da es das Gedenken an die Erbauer glorifizieren will.
    Eine Gemeinsamkeit der Kannelierung mit dem Verputzen wäre also die Verschleierung der Baustruktur (Fugen).(auch wenn als tatsächliche Absicht nach meinem Wissen nicht bezeugt, etwa bei Vitruv…) Insofern sehe ich die Methode eher als Alternative zum Verputz oder bei den Römern zur Inkrustation.
     
  3. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

    Hallo

    @Mashenka
    Ich glaube das hier eher eine Verschleierung der mass. Bausubstanz geplant war. Schließlich haben die griech Tempel nicht umsonst opt. Täuschungen mit einbezogen und die Kannelierung diente auch nur dem Zweck,die mass. Bauweise aufzulösen,bzw. eine "leichtere" Bauweise vorzutäuschen.


    Für eine Verputzung wären die Kanneluren wenig hilfreich. Wenn man die Kanneluren komplett durch Putz auffüllen würde,würde der Putz runterfallen,da er in der Mitte der Kanneluren dicker wäre als außen.Wenn man den Putz z.B. nur 1-2 cm komplett auf die Säule auftragen würde,wäre m.M. nach der Steg der Kanneluren die Schwachstelle für eine dauerhafte Putzaufbringung.


    mfg
    schwedenmann
     
  4. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Möglich, dass die schlankere Wirkung der Säulen beabsichtigt war. Etwa so wie bei den Frauen, die lieber vertikale als horizontale Streifen tragen. In diese Richtung geht auch Vitruvs Begründung fürs Kannelieren:
    […] strias uti stolarum rugas matronali more demiserunt.(IV,1,7)
    Demnach sollen die Kanneluren die Falten der Stolen der Matronen symbolisieren. Jedenfalls nach Vitruv, der die ursprüngliche Funktion nicht gekannt haben muss.
     
  5. Korbi

    Korbi Aktives Mitglied

    @El Quijote Interessante Frage. Ich habe das bisher nie hinterfragt. Aber mir ist auch neu, dass es verputzte kannelierte Säulen gibt. Eventuell ein stilistischer Wandel, dass man irgendwann kannelierte Säulen gebaut hat, und irgendwann war die glatte Variante in Mode?

    Morgen fliege ich nach Athen und treffe einige sehr bewanderte Archäologinnen, ich denke da werde ich mal nachfragen was die meinen. Jetzt interessiert es mich auch :)
     
  6. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    Dann müsste die Frage an die Kenner gehen: war in der griechischen Gefäßmalerei die Darstellung von Säulen mit oder ohne Kannelierung? Ich glaube mit... und auch auch in den Reliefs auf römischen Sarkophagen.
    Soweit ich weiß waren die Säulen in etruskischen Tempeln aber rund.
    Hätten die Kannelüren der Befestigung des Putzes gedient hätte man die Säulentrommeln versetzt aufeinander gesetzt.

    Die Begründung im optischen Eindruck zur Verschleierung der horizontalen Fugen und vor allem zur gesteigerten Lichtbrechung, also in der Homogenisierung des in der Sonne leuchtenden Baukörpers, erscheint mir wesentlich schlüssiger.
     
  7. Korbi

    Korbi Aktives Mitglied

    Bin leider erst heute dazu gekommen. Also.

    Erstens, Säulen wurden gerne komplett verputzt, wie man in Pompeji schön sehen kann, weil man sie angemalt hat. Farbe hält auf dem porösen Stein der Säulen nicht, daher der Putz. Dabei gibt es auch die Variante, bei der nur der untere Teil der Säule (1/3 - 1/2) rund ist für Putz und Malerei - Säulentrommeln, die sowieso glatt rund sein sollten, mit Kanneluren zu versehen war den großen Aufwand nicht wert, es spielte keine Rolle für den Halt - und der obere Teil kanneliert.

    Die Säulen, bei denen unter dem Putz Kanneluren zu finden sind, sind einfach deutlich älter. In älteren Häusern findet mit der Zeit oft ein Stilwechsel statt, bei dem eben vorher gezielt freie kannelierte Säulen gerne verputzt und angemalt werden, ganz oder teilweise. Das ist einfacher und günstiger als extra eine neue, glatte Säule einzusetzen.
     
  8. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Falls deine Überlegung zu einem Modetrend stimmen sollte, zwei mir bekannte Bauwerke aus hadrianischer Zeit haben unkannellierte Säulen, das Pantheon und das Teatro Marittimo der Hadriansvilla. Vielleicht hat sich in der frühen Kaiserzeit ja ein stilistischer Wandel vollzogen, und in Pompeji wurde mittels Putz geglättet was zuvor gerippt gestaltet war. Ist allerdings pure Spekulation, denn von römischer Architekturgeschichte habe ich ganz wenig bis keinen Dunst.
     
  9. Korbi

    Korbi Aktives Mitglied

    Ja genau, das ist ja was ich gestern geschrieben habe was die zwei Expertinnen meinten, mit denen ich geredet habe. Was du noch als meine Vermutung zitierst wurde bestätigt.

    Und ich glaube auch, dass die glatten Säulen der beiden von dir genannten Gebäude stilistische Gründe haben, schließlich fallen sie beide (in ihrer finalen Form) in die gleiche Zeit. Bei den glatten Säulen handelte es sich wohl um einen Stil, der in früher flavischer Zeit aufkam und bis zu Hadrian anhielt. Das passt zu Pompeji, wo 79 bereits viel überarbeitet wurde. An öffentlichen Bauten findet man glatte Säulen bereits vor Hadrian am Kolosseum (Halbsäulen), am Templum Pacis, am Ludus Magnus, am Stadion des Domitian, am Titusbogen (Halbsäulen) und an der Domus Flavia (kein Anspruch auf Vollständigkeit).

    Es kann sich aber nur um eine zwar nicht Rand-, aber Nebenerscheinung gehandelt haben. Denn gleichzeitig wurde auch mit klassisch kannelierten Säulen weitergebaut, zum Beispiel der Tempel des Divus Vespasianus und Titus auf dem Forum Romanum und Randgebäude am Forum Transitorium.
    Zumindest verdrängte der zwischenzeitliche Stil nicht den traditionellen.

    Um das ganze abzuschließen: Bisher haben wir nur von Rom und Mittelitalien gesprochen. Interessant wäre jetzt die Ausbreitung glatter Säulen, dafür kenne ich aber die Architektur am Rand viel zu wenig. Wäre was für einen provinzialrömischen Archäologen, aber da haben wir keinen hier, oder?
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich danke für die bisherigen Gedanken und Anregungen, dass ich derzeit nicht mitdiskutiere und auch noch keine Fotos hochgeladen habe, liegt nicht an Desinteressse, sondern an Zeitmangel und dass der Schlaf auf Reisen seinen Tribut früher einfordert, als zuhause.
     
  11. aquilifer

    aquilifer Aktives Mitglied

    Na, du warst doch in Athen, dann kannst du die Sache dir schon fast selbst beantworten, wenn du an den richtigen Bauwerken aufmerksam vorbeigelaufen bist, z. B. an der Fassade der Hadriansbibliothek mit unkannelierten Säulen aus karystischem Marmor von Euboia und teilkannelierten Säulen aus pentelischem Marmor [n.b. Teilkannelierungen gibt es seit hellenistischer Zeit, z. B. an der Attalos-Stoa]. Was fällt auf an den Säulen (und das gilt auch für die genannten stadtrömischen Exemplare)?

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    Zur Ausgangsfrage: Ohne Bild ist es tatsächlich schwierig zu beantworten, was jetzt in dem konkreten Fall passiert ist. Aber: Kanneluren sind ein rein ästhetisches Phänomen. Tatsächlich wird in aller Regel ausschließlich besonders poröses und deshalb witterungsanfälliges Gestein wie eben die italienischen Tuffe in der Architektur mit einer Putz-/Stuckschicht versehen, mit der dann auch die Detailwiedergabe der Ornamentik erfolgen kann. S. unten in Rom, Tempio di via delle Botteghe Oscure (1. Jh. v. Chr.), man beachte auch den Ausarbeitungszustand der korinthischen Kapitelle (alles aus Peperin, sog. lapis Albanus).

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    schwedenmann und Korbi gefällt das.

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