Karl der Kühne

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Donnersberg, 5. November 2008.

  1. Donnersberg

    Donnersberg Gesperrt

    Karl der Kühne (1433 bis 1477) war der letzte der der großen Herzöge von Burgund. 1467 trat er seine Regentschaft an. Unter seiner Herrschaft erreichte das Herzogtum den Höhepunkt seines Ansehens. Es erstreckte sich von der Nordsee und der flandrischen Küste über das Herzogtum Luxemburg bis nach Lothringen und an die Schweizer Grenze.

    Karl strebte nach der Königskrone und schien 1473 bei einem Treffen mit dem deutschen Kaiser Friedrich III. kurz vor dem Ziel zu stehen. Doch der Habsburger brach die Verhandlungen plötzlich ab und verließ heimlich Trier.
    Ein Jahr darauf mischte sich Karl wieder in die Reichspolitik ein und belagerte vergeblich Neuss.
    Als einer der mächtigsten Fürsten in Europa ließ er sich in einen Krieg mit den Eidgenossen verwickeln. 1476 musste er zwei schwere Niederlagen bei Grandson und Murten hinnehmen. Im Januar 1477 verlor er bei Nancy Schlacht und Leben.

    Wie konnte es dazu kommen, dass Karl sein Land in einen Krieg führte, der die Großmachtrolle von Burgund beendete? Welche Chance hatte denn überhaupt ein Staat, der zwischen dem aufstrebenden Frankreich und dem mächtigen Deutschen Reich lag? Worin besteht die Bedeutung des letzten Burgunderherzogs? Und welche Fehler hat er zwischen 1475 und 1477 gemacht?

    Mich würde es freuen, wenn wir hier zu einer Diskussion kämen. Den bloßen Austausch von Hinweisen auf Links im Internet halte ich für wenig sinnvoll.

    Zum Schluss noch für Interessierte zwei Literaturhinweise:

    Klaus Schelle, Karl der Kühne. Burgund zwischen Lilienbanner und Reichsadler, Stuttgart 1977.

    Joseph Calmette, Die großen Herzöge von Burgund, München 1963.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. November 2008
  2. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Zumindest die ohnehin schon tief belasteten Verhältnise zum König von Frankreich dürften die Ambitionen Karls auf eine Krone nicht einfacher gestalltet haben. Wenn überhaupt wäre ein "Königreich Burgund" nur in den Territorien Karls die im HRR lagen zu realisieren gewesen sein, zumindest bezweifle ich es das König Ludwig XI. von Frankreich seine Lehnshoheit über bedeutende Territorien wie Flandern und Burgund (Herzogtum) freiwillig zugunsten eines neuen souveränen Staates verzichtet hätte.
     
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  3. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Das lässt sich offenbar sehr zäh an, ähnlich wie beim - zeitlich vorgelagerten - Thema http://www.geschichtsforum.de/f44/burgund-der-vernachl-ssigte-sohn-11393/. Es liegt vielleicht daran, dass Burgund mit seinem letzten Herzog so abrupt aus der Geschichte verschwand.

    Fragen dieser Art führen leicht in eine Sackgasse, z. B. weil Karls Motive nicht zweifelsfrei bestimmt werden können - Karl XII. von Schweden könnte man als "verwandten" Fall nehmen. Ob es der Mut der Verzweiflung war, d. h. die Befürchtung, präventiv tätig werden zu müssen, ehe das "künstliche" Reich mit seinen weit auseinanderliegenden Territorien zwischen den großen Mühlsteinen zerrieben wird? Welche Thesen gibt es denn dazu?

    Die schöne Ausstellung 2008 in Bern (2009 in Brügge) ist jedenfalls sehr gelobt worden: http://www.geschichtsforum.de/f79/karl-der-k-hne-ausstellung-bern-20712/.
     
  4. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Hier wird Maria von Burgund ? Wikipedia als das einzige Kind Karls des Kühnen bezeichnet und was mich überrascht hat, sie soll von allen Ständen als Landesherrin akzeptiert worden sein. Sie starb mit 25 Jahren nach einem Sturz vom Pferd und da sie einen Habsburger geheiratet hatte, fiel Burgund an Habsburg, ihr Sohn Phillipp der Schöne wurde aber König der Niederlande.
    Sie regierte nur 5 Jahre als sehr junge Frau und so frage ich mich, wer waren ihre Berater, wie kam sie zu der Entscheidung den Habsburger aus politischen Gründen zu heiraten, wo doch ihr Vater versucht hatte, Burgund als 3. unabhängiges Gebiet zu verteidigen? Hätte sie nicht jemanden heiraten können, der die Autonomie ihres Erbes durch eine neutrale Herkunft besser sicherstellen konnte?
    Wie funktionierte diese politische Heiraterei?
    Über diese Zeit im heutigen Benelux weiß ich leider sehr wenig, eine Frau mit Erbrechten an der Regierung finde ich aber immer spannend, deshalb möchte ich soviel wie möglich über das Leben der Maria von Burgund, ihrer Eltern und ihrer Kinder erfahren.
     
  5. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 27. April 2009
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  6. Saladin

    Saladin Neues Mitglied

    Schade, dass diese Diskussion so harzig läuft... Ich finde das Thema eigentlich reizvoll. Kann mich schwach erinnern, irgendwo mal gelesen zu haben, dass Karl mit seinem Königsanspruch an die Tradition des rudolfingischen Königreichs Burgund (bis 1032) anknüpfen wollte und auch seine Propaganda darauf ausgerichtet habe. Weiss jemand mehr?

    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich die Grafen von Savoyen, die im 10./11. Jhdt. bereits eine enorm wichtige Stütze der rudolfingischen Herrschaft waren, auf die Seite Karls schlugen. Gut bekommen ist ihnen das allerdings nicht...
     
  7. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Klaus Schelle notiert in seiner Karl-Biographie (S. 153), dass "es leider an präzisen Aufzeichnungen über den Gang der Geheimverhandlungen (fehlt)", die Karl zwischen 30.9. und 24.11.1473 in Trier mit Kaiser Friedrich III. geführt hat (vgl. auch Die Macht des Königs: Herrschaft in ... - Google Buchsuche). Möglicherweise scheiterte das Ganze an überzogenen Forderungen Karls (Kaiser Maximilian I.: Das Reich ... - Google Buchsuche).

    Schelle weist des weiteren auf eine Rede hin, die Karl wenig später, im Februar 1474, in Dijon gehalten hat und worin dieser Bezug nimmt auf das "alte Königreich Burgund, welches die Herren von Frankreich lange Zeit sich widerrechtlich angeeignet hatten und es zum Herzogtum gemacht haben, was alle Untertanen nur zu bedauern haben" (S. 160).
     
  8. Saladin

    Saladin Neues Mitglied

    Nun ja, Trier wäre auch ein etwas seltsamer Krönungsort füre einen burgundischen König. Traditionell liessen sich die Rudolfinger in der Abtei von St. Maurice (im Wallis, Schweiz) krönen. Dieser Ort war wohl mit Bedacht gewählt, konnte man so doch symbolisch eine Verbindung zum spätantiken/frühmittelalterlichen Königreich der Burgunder herstellen, für dessen Herrscher (v.a. Sigismund) St. Maurice ein zentraler Ort war.

    Im Falle Rudolfs III. wird als Krönungsort die Kathedrale von Lausanne angegeben. Beim Wechsel ans Reich (1032/33) erfolgte die erste Königserhebung Konrads II. in Payerne, eine zweite Krönung im Folgejahr in Genf. Heinrich III. wurde in Solthurn zum burgundischen König gekrönt (gehörte damals zum burgundischen Kerngebiet). Weitere Krönungen sind meines Wissens nur für Friedrich I. und Karl IV. überliefert - beide in Arles.
     
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  9. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Ich vermute, dass das für Karl ein nachrangiger Gesichtspunkt gewesen ist - die Krönungsvorbereitungen waren ja auch schon sehr weit gediehen. Darüber hinaus hatte sich der Schwerpunkt des Reiches sowieso in den reichen Norden verlagert.

    Zur Krönung an sich hast Du recht - Karl IV. war 1365 der letzte, der sich (in Arles) krönen ließ.
     
  10. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Zur Trier-Diskussion :Trier war deshalb als Verhandlungsort (nicht Krönungsort) gewählt worden,weil es Sitz des Erzkanzlers für Frankreich und das Arelat war.Da saßen also die Außenpolitik-Spezialisten des Reiches für Burgund und Frankreich.

    Die Intention Karls war ein auch de jure unabhängiger Staat und damit auch pro forma eine Gleichstellung mit den regierenden Häusern.De facto bestand diese Unabhängigkeit ja bereits,wobei Burgund hier nicht nur vom französisch-englischen sondern auch erheblich vom beginnenden habsburgisch -französischen Gegensatz profitiert. hatte.
    Und die Frage ist hierbei m.E. nicht, ob Ludwig XI. von Frankreich freiwillig auf seine Lehnshoheit über bedeutende Territorien wie Flandern und Burgund (Herzogtum) zugunsten eines neuen souveränen Staates verzichtet hätte ,sondern ob er im Falle einer Unterstützung Burgunds durch das Reich überhaupt die Macht gehabt hätte , diese Gebiete noch für sich zu reklamieren.
    Als unausgesprochenes Fernziel könnte ein Reich nach Art des lotharischen Karolingerreiches gesehen werden.
    Dazu passt auch das Ausgreifen über die burgundischen Stammlande hinaus auf Lothringen ,den Sundgau und das Elsaß sowie den Niederrhein und die Kontakte zu den pfälzischen Wittelsbachern.
    Burgund hatte sich nämlich neben den Savoyern auch um die Unterstützung maßgeblicher Reichsfürsten wie z.B. der Pfälzer Kurfürsten zu sichern versucht (zumindest ga es eine Zeit lang rege Kontakte zwischen beiden Höfen) wohl mit dem Ziel , sich von der habsburgischen Unterstützung unabhängig zu machen.
    Dieses Bestreben sowie die Bedrohung frier Reichsstädte und habsburgischer Stammgebiete am Oberrhein könnte ein Grund für den Abbruch der Trierer Verhandlungen gewesen sein.
    Spielt man den Gedanken einer vertieften burgundisch-wittelsbachischen Mesalliance weiter, so wäre hier imWesten des HRR ein Machtgebilde entstanden,daß auch die Stellung der Habsburger im Reich ernsthaft hätte bedrohen können.
    Der entscheidende Fehler Karls war es wohl, sein übereiltes Vorgehen in diesem Punkt sowie, die Unterschätzung der Kampfkraft der Schweizer. Hinzu kamen taktische Fehler insbesondere in der letzten Schlacht.
     

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