Karl XII. (Schweden)

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Eagle, 6. Juni 2012.

  1. WAvSchlippenb.

    WAvSchlippenb. Neues Mitglied

    Das eine hängt doch mit dem anderen sehr eng zusammen. Hier geht es um eine Prioritätensetzung. Eher dienten die Befestigungen jenseits der Ostsee zur Verteidigung des Kernlandes als umgekehrt. Selbst der totale Verlust einer Enklave war leichter zu verkraften, als ein Stich in das geographische, politische und ökonomische Herz Schwedens.


    Das ist korrekt. Allerdings sehe ich in der natürlichen geographischen Beschaffenheit Preußens einen noch größeren Nachteil. Im Gegensatz zur skandinavischen Halbinsel ist das preußische Gebiet für die Militärs der angrenzenden Großmächte vergleichsweise leicht erreichbar gewesen. Es gab kein natürliches Hindernis, welches mit der Ostsee vor Schweden oder dem Ärmelkanal vor England vergleichbar gewesen wäre. Das damalige preußische Staatsgebiet stellte außerdem überwiegend reinstes Flachland dar. Es gab keine Gebirge (außer im Süden Schlesiens). Das alles ist für eine Verteidigung sehr ungünstig.

    Nur dass es zu diesem Zeitpunkt für Schweden nur noch wenige Gebiete jenseits der Ostsee zu verteidigen gab: Livland und Ingermanland sind schon zuvor komplett an Russland gefallen. Und die schwedische Enklave um Stettin war vergleichsweise klein und deren Verlust bei weitem nicht so schwerwiegend.

    Außerdem: Unmittelbar nach dieser Niederlage zur See vor Rügen 1712 und auch in den nächsten sechs Jahren ist keine echte Invasion in Skandinavien erfolgt. Auch wenn dies zum Teil diplomatische Gründe hat (die zunehmende Zerstrittenheit der antischwedischen Koalition), so zeigt es dennoch eindrucksvoll, dass die Ostsee als Barriere immer noch funktionierte und den wichtigsten Teil Schwedens vor Angriffen schützte.

    Dieser Vorteil wiegt weitaus mehr als die von dir betonte Tatsache, dass die Ostsee nach dem Verlust der schwedischen Seeherrschaft den Nachschub in die kleinen noch verbliebenen schwedische Enklaven erschwerte.

    Weitaus spektakulärer war eine Winteroffensive des schwedischen Königs Karl X. Gustav, welcher es von der dänischen Halbinsel Jütland aus schaffte, den kleinen vereisten und sogar den großen, ebenfalls zugefrorenen Belt zu überqueren und Letzterer ist viel breiter, als die Meerenge zwischen Rügen und dem Festland.

    Ein Winter schließt auch größere, strategische Feldzüge keineswegs aus.

    Nein, die Russen waren den Schweden auch in der Schlacht bei Lesnaja numerisch weit überlegen und konnten den Sieg nur deshalb davon tragen, weil sich Lewenhaupts Nachschubeinheiten nicht rechtzeitig mit der schwedischen Hauptstreitmacht Karls vereinigen konnten. Einen direkten Angriff auf diese Hauptarmee wagte der Zar zu diesem Zeitpunkt trotz seiner deutlichen, jedoch in seinen Augen bei weitem nicht ausreichenden russischen Überzahl noch gar nicht. Also konzentrierten sich die Russen auf die viel schwächeren, nachrückenden Einheiten, welche schließlich bei Lesnaja aufgerieben wurden.

    Es gab keine einzige offene Feldschlacht in diesem gesamten Krieg, in welchem die Schweden von einem numerisch gleichen oder gar weniger zahlreichen Gegner geschlagen worden wären. Umgekehrt hat Schweden sehr viele Schlachten gegen weit überlegene Feinde gewonnen.

    Dass insbesondere die russische Geschichtstradition die taktischen Meisterleistungen der Gegenseite relativieren und möglichst klein reden will, liegt auf der Hand. Ebenfalls bekannt ist die Tatsache, dass der russische Zar Peter ein sehr prahlerischer Selbstdarsteller war und eine Propaganda um seine Person forcierte (was Karl XII. mit sich selbst nie getan hat und sich auch nicht selbst lobte). Auch die sehr einseitige prorussische Geschichtsschreibung in der Sowjetunion, welche auch in ihren Satellitenstaaten im Ostblock verordnet war, verwundert keinen. Und Findeisen kritisiert sehr deutlich die Tatsache, wie einseitig sich sowjetische Historiker auf russische Dokumente stützten und dabei die schwedischen Quellen so gut wie gar nicht berücksichtigen, obwohl gerade Schweden schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine für damalige Zeit hochentwickelte Administration hatte und auch sowohl die Vielfalt wie auch die Qualität der schwedischen Quellen bereits aus dieser Zeit ungleich höher ist. Die Ursache liegt auch darin, dass Schweden durch die Reformation schon frühzeitig einen viel höheren Anteil an Lese- und Schreibkundigen in seiner Bevölkerung hatte, als etwa die katholischen Länder in Mittel- und Südeuropa. Von Russland ganz zu schweigen.

    Schweden erstellte bereits in der frühen Neuzeit detailierte Verzeichnisse über den Ort und Zeitpunkt der Rekrutierung und des Todes von einfachen schwedischen Soldaten, was auf russischer Seite überhaupt nicht erfasst wurde.

    Findeisen berichtet, dass Karl XII. im Frühsommer 1708 etwa 70 000 Mann zur Verfügung hatte. Dem standen etwa 100 000 russische Soldaten gegenüber. Und die schwedische Armee hat schon bei viel ungünstigeren Kräfteverhältnissen entscheidende Siege errungen.

    Man muss sich vor Augen halten, dass zum damaligen Zeitpunkt noch keine Millionenheere rekrutiert wurden. Dieser Umstand gab auch einem bevölkerungsarmen Land wie Schweden viel größere Chancen.

    Eine Eroberung Moskaus wäre nicht unwahrscheinlich gewesen, wenn Lewenhaupts Einheiten rechtzeitig hinzugestossen wären. Wahrscheinlich würde Peter weiterhin Widerstand leisten. Doch alleine die psychologische Wirkung einer Einnahme Moskaus wäre enorm und da Russland ohnehin schon zu diesem Zeitpunkt von Aufständen erschüttert war und das osmanische Reich schon damals durchaus Sympathien für Schweden hatte, wäre es womöglich auch zu einem totalen Sieg über den Zaren samt seiner Gefangennahme gekommen.

    Eine andere Frage ist natürlich, ob die schwedischen Einheiten alleine dazu in der Lage wären, ein so großes Land dauerhaft zu okkupieren. Dies kann bezweifelt werden. Allerdings wären die Schweden zu jenem Zeitpunkt nicht mehr alleine da, sondern hätten die Möglichkeit gehabt, sich die Eroberung mit anderen Mächten zu teilen.

    Fraglich auch, ob Karl XII. selbst an einer dauerhaften Annektion interessiert war. Dem schwedischen König ging es mehr um die "Bestrafung" jener Aggressoren, welche Schweden seit dem Jahre 1700 einfach überfielen.

    Militärisch gesehen hat Karl XII. den Krieg gegen August II. komplett gewonnen. Und tatsächlich war der polnisch-sächsiche Herrscher von den vielen Niederlagen dermaßen geschwächt, dass seine Einheiten in der Spätphase des großen nordischen Krieges kaum noch eine Rolle spielten. Das gleiche Schicksal drohte auch dem russischen Zaren, wobei hier auch noch die hohe Pforte auf schwedischer Seite hätte eingreifen können. Hinzu kamen aufständische Ukrainer.
     
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  2. kowalski

    kowalski Neues Mitglied

    Was neues zu dem Thema, wenn auch aus sächsischer Sicht:

    Alexander Querengässer: Die Armee Augusts des Starken im Nordischen Krieg.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 29. Oktober 2013
  3. kowalski

    kowalski Neues Mitglied

    Kleiner Nachtrag:

    Ich habe das Buch mittlerweile durch. Die Illustrationen sind recht gut gelungen, auch gibt es einige eher seltene Gemälde zu sehen, so zur Schlacht an der Düna.
    Das Buch schildert den Verlauf des Krieges und zu Beginn, zwischendrin und danach die jeweiligen Heeresreorganisationen der sächsischen Armee. Dabei wird nicht nur auf strukturelle Veränderungen, sondern auch sehr intensiv auf das Rekrutierungswesen und die Versorgung der Armee eingegangen.
    Abgesehen vom manchmal mangelhaften Lektorat ein wirklich gelunger Band. Ich wünsche mir eigentlich mehr deutche Literatur zum Großen Nordischen Krieg.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Oktober 2013

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