Kasachen

Dieses Thema im Forum "Das Mongolenreich" wurde erstellt von Hurvinek, 9. August 2008.

  1. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Auf RTL II habe ich den Film "Musa der Krieger" gesehen. In dem sehr schönen Film (was man bei RTL II eigentlich nicht vermutet) ist mir eine Sache aufgefallen:

    Der Film spielte Ende des 14. Jahrhunderts. Irgendwo in der Wüste waren turkstämmige Personen zu sehen, die dann ein einziges Mal mit "Kasachen" von den Film-Koreanern benannt wurden.
    Beim rumgoogeln fand ich ein Forum, wo man denn Dshingis Khan auch noch als Vorfahr-Kasache oder zumindest als Assimilations-Kasache/Assimilations-Mongole bezeichnet, da angeblich die Vorfahren der Kasachen in der Mongolei siedelten.
    Die Quellen sollen chinesische Bücher sein, in denen von Wusun, Keli und Naiman als kasachische Stammesnamen die Rede ist.

    Was ist von diesen "kasachischen" Stämmen vor den Mongolen zu halten? Wikipedia hält sich bedeckt über die Zeit vor 1400. Die nennt neben den Naiman nur noch die Kimek.
     
  2. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Ja, ein schöner Film, der mal ein bischen realistischere Kampfszenen hat, nicht immer das "Rumgefliege"... ;)

    Im Orient war es üblich, zwecks Steigerung des Prestige, oder zur Legitimation des Machtanspruchs, sich möglichst lange und "heroische" Stammbäume auszudenken oder geradezubiegen, wenn sie denn wenigstens teilweise den hist. Tatsachen entsprachen.

    So beriefen sich einige Herrscher auf Dschingis Chan, oder auch dann, wenn sie vielleicht mal eine Tochter eines Nachfolgers von Dschingis ehelichten, oder auch ganz fiktiv. Muss also nichts heißen.

    Abgesehen von Dynastiengründern ist es bei den meisten Turkvölkern so wie bei den meisten Reiternomaden Zentralasiens, es sind oft äußerst "fluide" Konföderationen mit häufiger Mehrsprachigkeit und Multiethnizität.

    Bei den Kasachen/Kazakhen lässt sich folgendes kurz festhalten:

    "Ethnonym und Ethnogenese: Die Kazakhen sind aus verschiedenen Schichten nomadischer Stämme unterschiedlichen Ursprungs zusammengesetzt, die zwischen dem 10. und 16. Jhdt. in die Kazakhen-Steppe kamen. Sie bestehen aus den folgenden Schichten:

    * im 10. und 11. Jhdt. kamen die türkischen Stämme (Usun, Qipcaq (Kiptschaken), Qarluq (Karluken))
    * im 12. Jhdt. ein mongolischer Stamm (die Kara Kitay oder Ktay)
    * im 13. Jhdt. weitere mongolische Stämme (Mayman, Ming, Mangyt, Tangut und Dulat)
    * im 15. und 16. Jhdt. türkisierte mongolische Stämme (Kanyly und Argyn)

    Die heutigen Kazakhen, die ursprünglich Teil der von Abul Xair gebildeten Konföderation gewesen waren, spalten sich unter dem Namen Kazakh im 15. Jhdt. ab. Im Verlauf des 15. und 16. Jhdt. kam es zur Bildung dreier kazakhischer Konföderationen:

    1) die Ulu/ Uli Jüz/ Züz im östlichen und südöstlichen Kazakhstan (Semircheye)
    2) die Orta Jüz: primär in Zentral-Kazakhstan
    3) die Kici/ Kisi Jüz in W-Kazakhstan.

    Die Bukey Horde, die Anfang des 19. Jhdt. entstand
    Den drei kazakh. Horden (Jüz) gelang es nie eine politische Einheit zu bilden. Auch heute sind die einzelnen Jüz nach wie vor in eine Reihe von Stämmen gegliedert, wobei die Mittlere Horde die zahlenmäßig stärkste Gruppe darstellt. Die einzelnen Stämme sind in Klans gegliedert, die wiederum in Untergruppen gespalten sind. Auch heute sind die Klans und Subklans noch im Bewusstsein der Kazakhen verankert. Vor des Oktober-Revolution waren die meisten Kazakhen Nomaden. In den 1930iger Jahren wurden sie einer brutalen Sesshaftmachung unterzogen."

    Und auf die Geschichte der Kazakhen bezogen:

    "V.3.11.2. Die Kazakhen:
    Die Kazakhen stammen von türkischen und mongolischen Stämmen ab, die sich in dem Gebiet niederließen, das heute den Namen Kazakhstan trägt. Ausgangspunkt für die rezenten Kazakhen ist die „Weiße Horde“, die auf Dschingis Khan´s Enkel Orda zurückgeht, der Mitte des 13.Jhdt. eine von der Goldenen Horde quasi unabhängige politische Einheit gründete, welche die Region am unteren Syr Darja und dem Alatau-Gebirge beherrschte. Der Weißen Horde gelang es bald sich der Semirechye (dem Siebenstromland) und eines großen Teils Ost-Turkestans zu bemächtigen. Auf die Weiße Horde folgten zwei neue Kräfte: die Usbeken und die Nogaier. Die Usbeken begannen mit der Eroberung der südlichen Regionen. Es kam zu vielfältigen Auseinandersetzungen, die einen Teil der späteren Kazakhen dazu bewegte das Gebiet zu verlassen. Sie wanderten nach Südosten in das Khanat von Mogolistan, das nun eine selbstständige politische Einheit war, die von mongolischen Khanen regiert wurde. Die Bevölkerung bestand aber auch hier mehrheitlich aus Turkvölkern, u.a. einer großen Anzahl von Kirghisen. 1465 n.Chr. kamen auch zwei Prinzen der Weißen Horde, Dschani Bek und Girey, nach Mogolistan. Sie brachten eine Vielzahl ihrer Anhänger, meist Türken, mit. Der Khan von Mogolistan gab ihnen Land, am Chu- und am Talass-Fluss. Dies wurde dann der Kern des Staates, der als kazakhisches Khanat bekannt wurde und im späten 15.Jhdt. mächtig genug wurde um seinen Herrschaftsbereich bis zur Dascht-i-Kipchak auszudehnen, die ursprünglich im Besitz der Usbeken gewesen war. Anfang des 16. Jhdt. wurde die Mehrheit der kazakhischen Stämme unter einem Herrscher vereinigt, Kasim. Nach Kasim Khan´s Tod gab es aber wieder viele Konflikte. Der kazakhische Staat begann wieder auseinander zu fallen. Nun kam es zu einem Influx von Stämmen aus der Nogai-Horde, die sich selbst in Auflösung befand. Im 17. Jhdt. gab es eine ziemliche Spaltung der Macht aus der drei unabhängige kazakhische Horden hervorgingen:
    1) Die Große Horde in der Semirecheye
    2) Die Kleine Horde zwischen dem Aralsee und dem Kaspischen Meer
    3) Die Mittlere Horde in der zentralen Steppenregion.
    Während des 19.Jahrhunderts kam es zur endgültige Konversion der Kazakhen zum Islam, wobei Russland einen Anteil hatte. Der Islam hatte sich unter den sesshaften Gemeinden der Kazakhen im 7. bis 9. Jhdt. etabliert. Der kazakhische Stammesadel wurde während des 16.Jhdt. muslimisch, großteils unter dem Einfluss der Nogaier, die sich den Kazakhen in dieser Periode angeschlossen hatten. Das Gros der Nomaden blieb aber unbeeinflusst von der neuen Religion. Erst unter dem Druck der russischen Regierung und den energischen Missionierungen von Seiten der Tataren, konvertierten sie schließlich zum Islam. Die Russen hofften, dass der Islam zivilisatorisch auf die Nomaden wirken würde und die Stämme zu einer Einheit führen wurde, was wiederum die russische Kontrolle über sie erleichtern würde."

    Aus:
    http://www.univie.ac.at/ksa/html/inh/stud/studmate_files/zentralas_0607/GesamtversionNewZas1_7.pdf

    Auch mit einem kurzen Überblick, welche wichtigsten Dynastien Zentralasien zu der Zeit beherrschten (so etwa ab S. 65).

    Hier erfährst du dann noch ein wenig mehr, aber auch nicht zuuu ausführlich, wer sich alles in Zentralasien tummelte:

    The New Islamic Dynasties: A ... - Google Book Search

    Viel Spass.
     
  3. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    @Lynxxx, dafür kannst du ausnahmensweise nix, weil so in deiner Quelle. Vielleicht auch nur missverständlich formuliert. So wie es da steht, ist es ja wohl kaum gewesen. Der Zar hätte doch russisch-orthodox missionieren lassen. Außerdem heisst es doch immer, der Islam missioniert nicht. :confused:
     
  4. hyokkose

    hyokkose Gast

  5. Hurvinek

    Hurvinek Gast

  6. Turandokht

    Turandokht Aktives Mitglied

    Hallo,
    wenn ich auch mitmachen darf ..........

    Nein, zumindest nicht als Stammesbezeichnung. Die Konföderation der Kasachen unter diesem Namen entstand erst im 15. Jh. - so wie es auch in dem Skript (S. 93) steht.
    Den Begriff "qazaq" gab es aber schon vorher. Bedeutet so was wie Herumtreiber/Vagabund. Verwendet wurde das Wort aber zunächst nur für einzelne Personen, die ohne Stamm herumzogen. Es kam bei den Turko-Mongolen sehr häufig vor, daß (junge) Männer sich aus verschiedensten, häufig politischen Gründen von ihren Stämmen lösten und auf eigene Faust versuchten, sich ein Territorium und Anhänger zu verschaffen. Dschingis Khan hat z.B. so angefangen und auch Timur; viele andere sind gescheitert. Solche Leute wurden eben qazaq = Kasachen genannt.
     
  7. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Dann stimmt der Begriff Kasache im Film auch. Die benannten Kasachen können in der Oase als simple "Besucher" gedeutet werden. Als Volksstamm oder Nationalität wird dieser kurze Filmauftritt sicherlich nicht gereichen.
    Vielen Dank.
     
  8. askan

    askan Neues Mitglied

    Zitat:"Es kam bei den Turko-Mongolen sehr häufig vor, daß (junge) Männer sich aus verschiedensten, häufig politischen Gründen von ihren Stämmen lösten und auf eigene Faust versuchten, sich ein Territorium und Anhänger zu verschaffen."

    Ja, das gab es in anderen Kulturkreisen auch, in Nordeuropa nannte man die junge Männer die sich auf den Weg machten, bzw durch die Buchten (Vik) vagabundierten, Wikinger.
     
  9. Ein sehr gelungener Film,war zuerst skeptisch aber gute Szenen.
    Eine Frage:Hatten Kaszachen mit den Oghuz Türken zu tun? bzw kam es zu vermischungen.???
     
  10. Turandokht

    Turandokht Aktives Mitglied

    Das ist schon deshalb schwer zu beantworten, weil der Name "Oghuz" spätestens im Zuge der Mongoleninvasion verschwindet. Die Oghuz wurden von da an als Turkmenen bezeichnet. Allerdings sind beide Bezeichnungen wiederum nur Sammelbegriffe für verschiedene Türkstämme oder -abteilungen, und was damals Türkmen hieß, muß mit heutigen Turkmenen noch lange nichts zu tun haben.
    Ein Teil der Oghuz blieb jedenfalls im Gebiet zwischen Kaspischem Meer und Aralsee, wo sie später, als die Föderation der Kasachen entstand (15. Jh.) sicher auch _irgendwie_ in Kontakt mit denen gekommen sind.
    Meiner Erfahrung nach hat es wenig Sinn, den Verwicklungen um die verschiedenen Turkstämme im einzelnen nachzugehen. Da hat sich ständig was umgruppiert, umbenannt, aufgespaltet, zusammengeschlossen. Stammesbezeichnungen tauchen plötzlich irgendwo wieder auf, obwohl der früher so genannte Stamm längst verschwunden zu sein scheint. Namen sind Schall und Rauch ........... Es war für die Angehörigen der Turkvölker auch längst nicht so wichtig, wie sie _tatsächlich_ zusammengehörten. Man konstruierte auch gern mal eine fiktive Verwandtschaft, um politische Bindungen zu stärken.
    Die Sowjets haben viel zur Ethnogenese gemacht, aber man kommt da halt nicht besonders weit.
     
    2 Person(en) gefällt das.
  11. Ich habe den Film auch erst vor kurzem gesehen.

    Die Kleidung und alles sonst der in dem Film als Kasachen benannten Personen sind nicht Kasachisch. Mehr Phantasie - Orientalisch.

    Und heute leben immer noch Kasachen im Westen der Mongolei.
     

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