König Leopold II. und der Kongo-Freistaat

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Arne, 13. November 2005.

  1. Arne

    Arne Premiummitglied

    Gestern lief bei ARTE ein Fernsehbericht über die Kolonialgeschichte des Kongo unter dem Titel "Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod". Ein Anlaß hier einen Thread zu eröffnen um auf eine herausragend grausame Epoche aufmerksam zu machen, die Anfang des 20.Jahrhunderts zur Gründung der ersten Menschenrechtsorganisation geführt hat.

    König Leopold II gelang es die lange ersehnte Kolonie für Belgien durch Vorspielung humanitärer Interessen zu gewinnen, auch in dem er den umstrittenen Forscher und Schriftsteller Henry Morton Stanley für seine Zwecke einspann. Die europäischen Großmächte legten ihm 1885 auf der Berliner Kongo-Konferenz das Land in die Hände.
    In der Folge wurde der Kongo und seine Bevölkerung in unvergleichlicher Härte wirtschaftlich ausgebeutet, die auch bei anderen Kolonialstaaten Abscheu und Entsetzen verursachten.
    Der Kongo war lange Zeit das Hauptgewinnungsgebiet für Kautschuk, das für die Motorisierung Europas (Autoreifen) gebraucht wurde. In einer immer perfekter ausgeklügelten Weise wurden Konzessionen für den Kautschukabbau vergeben, bei dem alle unteren Ebenen Gewinn machten, der König aber 50% des Gewinns für sich beanspruchte.
    Ganze Völkerschaften wurde zum Kautschuksammeln befohlen. Reihenweise Stämme versklavt und Dörfer niedergebrannt. Erst wurden Mindestabgaben vorgegeben und bei Nichterreichen die Sammler erschossen oder verstümmelt, später die Frauen als Geiseln genommen, die die Männer erst wiederbekamen, wenn genug Kautschuk an den Sammelstellen abgegeben wurden.

    Die belgischen Soldaten bekamen abgezählte Munition und als Beweis, daß sie die Patronen auch "richtig" verbrauchten, mußten sie lange Zeit für jede Partone eine rechte Hand oder einen Kopf abgeben. Körbeweise wurden Hände geräuchert um sie bis zur Abgabe zu konservieren. Die Militärberichte zählen mehrere abgebrannte und niedergemetzelte Dörfer pro Tag auf!

    Als den Soldaten vorgeworfen wurde, sie brächten zu viele Frauen- und Kinderhände, würden also keine Männer bekämpfen, brachten sie Männer um, schnitten ihnen die Genitalien ab und brachten diese zu den weißen Offizieren um ihre "Tüchtigkeit" zu demonstrieren.
    Gefangene mußten sich hintereinander aufstellen, um beim Erschießen nur eine Kugel "zu verbrauchen".

    Erste Berichte von Missionaren über die Massaker führten zu Presseberichten, einer Untersuchung des englischen Konsul Casement, einer Untersuchungskommission 1904 und schließlich zu der Gründung der Congo Reform association unter Edmund Dene Morel, einem Zeitungsherausgeber, dem größten Gegner Leopolds.

    Auf internationalen Druck verkaufte Leopold schließlich 1908 den Kongo an den Staat Belgien. Ein Jahr später starb er. Als sein Sarg gegen seinen Willen im Rahmen eines Staatsbegräbnis durch die Straßen Brüssels gezogen wurde, buhte die Menge den Toten aus.

    In der Zeit von 1880 bis 1920 verlor der Kongo ungefähr die Hälfte seiner Bevölkerung: 10 Millionen Tote in 40 Jahren!

    Nachspiel: Im ersten Weltkrieg (Belgien "nutzte" nun den Kongo), wurden die Gegner der belgischen Herrschaft in Verbindung mit dem deutschen Kriegsgegner gebracht und als Verräter beschimpft, Leopold weitestgehend reabilitiert und mit Denkmälern geehrt.



    Literatur:
    Adam Hochschild -Schatten über dem Kongo, Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1999
    http://www.perlentaucher.de/buch/643.html

    Wikipedia-Artikel über König Leopold II. von Belgien
    http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_II._(Belgien)

    Zur Sendung:
    http://www.waldportal.org/aktuell/tvtipps/one.tv/?entry=page.date.tv.200511112
     
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  2. SRuehlow

    SRuehlow Neues Mitglied

    Brutale Ausbeutung Leopolds im Belgisch-Kongo

    Unlängst habe ich ein Buch über das belgische Kolonialreich im Kongo gelesen. Dort wurde geschildert, dass Leopold die kongolesische Konlonie als Privateigentum betrachtete, dass es nicht Eigentum des Königreich Belgiens war. Das fand ich so interessant, dass ich mich eingehender mit der Kolonie Kongo auseinander gesetzt habe.
    Der Autor beschrieb den wirtschaftlichen Wandel der Zeit um 1880-1910 in Belgien und Europa und deren enormen Hunger nach Kautschuk und Naturgummi. Durch Krieg und Rüstung, sowie durch die aufkommende Verbreitung des Gummis, die neueste Erfindungen möglich gemacht hatten, wurden riesige Mengen der Resourse verbraucht und der Bedarf steigerte sich täglich, bis es fast nicht mehr zu bekommen war. Dank des belgischen Königs aber, der den Kongo als seinen Privatbesitz betrachtete, gelang es, die immensen Beträge an Kautschuk für Europa sicher zu stellen. Doch unter welchen Umständen wurde das kostbare Naturprodukt gewonnen? Die Kongolesen wurden unter brutalsten Methoden gezwungen, in den Dschungel zu gehen, und den Kautschuk zu ernten. Am Anfang waren die Pflanzen noch einfach aufzufinden, da man traditionelle Verarbeitung dieses Produktes vor Ankunft der Europäer kaum gekannt hatte. Männer und Frauen konnten die Erträge leicht einbringen, bis nach und nach immer größere Strecken in den Dschungel zurückgelegt werden mussten. Die abzuliefernden Raten stiegen und immer mehr Zwangsarbeiter litten unter den schrecklichen Umständen, die unter der Sammlung des Kautschuk entstanden. Der Dschungel war mit Krankheiten durchzogen, denen nicht nur die Europäer erlagen. Kopfgeldjäger und wilde Tiere sorgten dafür, dass viele Leute umkamen. Wurde jemand wärend des Sammelns durch ein Tier verletzt oder brach er sich ein Bein, war er so gut wie tot. Malaria und andere Tropenkrankheiten, wie die Schlafkrankheit, forderten hohe Tributraten.

    Die traditionelle Weise der Gewinnung, genau wie beim Gummibaum, ist, die Pflanze an der Rinde anzuritzen und den Saft in ein Auffanggefäß laufen zu lassen. Dies bringt aber nur wenig Erträge ein und man braucht viele Pflanzen, um die erforderliche Menge zusammen zu bringen. Dabei wird aber die Pflanze geschont und nicht ausgebeutet. Um die hohen Anforderungen zu erfüllen schnitten die Arbeiter die Pflanzenliane einfach ab und quetschten sie aus. Dadurch war aber der Zugang zum Kautschuk zerstört, da die Liane Jahrzehnte wachsen muss, um überhaupt eine kleine Menge des Safts liefern zu können. Das Töten der Kautschukpflanze war durch das belgische Kolonialamt strengstens verboten. Regelmäßig wurden schärfste Strafen verteilt, um dem Umtrieb der aussterbenden Pflanze, den die Arbeiter kamen mit ständig wachsenden Abgaben kaum nach, Herr zu werden. Wurde jemand erwischt, der eine Pfalnze tötete oder die erforderliche Menge nach gegebener Zeit nicht ablieferte, wurde er mit Rutenhieben aus Nilpferdleder bestraft. Diese Bestrafung waren so hart und brutal, dass den Leuten nach der Bestrafung, das Fleisch in Fetzen vom Rücken hing oder sie verbluteten, wenn sie nicht schon unter den 100 Hieben, die keine Seltenheit waren, verstarben. Überlebte jemand diese Strafe, vernarbten die Wunden auf dem Rücken so stark, dass er nur noch gebeugt gehen konnte. Um zusätzliche Schmerzen zu bereiten, streute man den Deliquenten Salz in die Wunden. Die belgischen Kolonialbeamten zogen sich leicht aus der Affäre, indem sie eine Truppe Einheimischer als Beobachter und Strafausüber bestimmten, was den Hass untereinander in der kongolesischen Bevölkerung nur noch verstärkte.
    Nachdem die ständige Nachfage an Kautschuk gestiegen war, langte es den Behörden nicht mehr, dass man die Fehltritte und Missernten der Zwangsarbeiter mit Rutenhieben bestrafte. Man griff zu härteren Methoden: Man hieb ihnen die Hand mit einer Machete ab und glühte sie mit einem Eisen aus. Somit sollten die Leute angetrieben werden, die geforderte Menge an Kautschuk einzufahren. Die Leute sollten so eine "Lektion" erhalten und konnten wieder in den Dschungel geschickt werden, mit einer Hand... Die Strafe machte auch nicht vor Angehörigen und Kindern halt. Konnte ein Vater die Menge Kautschuk nicht erbringen oder weigerte er sich, zurück in den Dschungel zu gehen, oder verschwand er, kam nicht innerhalb der Zeit zurück oder líeferte nur 100 Gramm weniger ab, wurde seinem Kind die Hand abgeschlagen.

    Doch durch den rigosen Raubbau an der Naturpflanze waren die größten Bestände des Kongos schon abgeerntet und ausgestorben. Man schickte nun die Arbeiter immer weiter in den Dschungel und so konnte eine Ernte mitunter mehrere Wochen oder Monate dauern. In dieser Zeit nahm man seine Verwandten in Haft, denn man wollte verhindern, dass die Arbeiter in andere Kolonien verschwanden.
    Proteste gegen den König und seine Kolonialpolitik wurden immer lauter. Große Aktivistenverbände schlossen sich zusammen und man sammelt Geld und Gebete für die armen "schwarzen" Kinder, die ausgebeutet wurden. Hauptprotestort war immer wieder England, die sich zum Ziel gemacht hatten, die Sklaverei abzuschaffen, obwohl sie eigene Kolonien unterhielten. Leopold verschwendete seinen Gewinn aus dem Kongo in die imposanten Schlösser in Belgien oder der Kolonialhauptstadt Leopoldsville. Zahlungen und Reparationsforderungen von Seiten der kongolesischen Bevölkerung hat man bis heute zurück gewiesen...
     
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  3. Arne

    Arne Premiummitglied

    Die belgische Doku "Weisser König, roter Kautschuk, schwarzer Tod" über die Ausbeutung des Kongo unter Leopold II. , die ca. 10. Millionen Opfer kostete, wird am 10.Mai.2006 auf ARTE um 20.40 Uhr wiederholt. Beeindruckend und unbedingt sehenswert!
     
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  4. IMAGINE

    IMAGINE Neues Mitglied

    Abend

    In diesem Zusammenhang möchte ich Tim und Struppi, genauer den Band "Tim im Kongo" erwähnen. Dieser Comic, gezeichnet vom belgischen Zeichner Hergé, veranschaulicht auf beispielhafte Weise die Sicht auf die schwarzen Bewohner des Kongos aus mancher belgischer (europäischer) Warte. Ob Hergé nur die für seine Zeit durchaus gängigen Sichtweisen übernahm,oder bewusst ein Bild kreierte lasse ich offen, tendiere aber zu erstem.
    Man findet darin vor allem folgende Attribute, welchen den Schwarzen zugewiesen werden: Faul, dumm, technologisch Rückständig, medizinisch rückständig, unfähig die Sprache zu sprechen, feige, Unfähig zur Selbsthilfe. etc.
    Finde es echt spannend den Comic aus dieser Perspektive zu lesen, mir war das logischerweise als Kind nei ins Auge gestochen. Darin liegt/lag gerade ja der Trick bei der ganzen Sache. Die derartige Darstellung der "Anderen" diente somit als praktische Rechtfertigung für die europäische Herrschaft und brutalste Vorgehensweise. Und die ganze Welt schaute zu.

    Wer sich weiter dafür intressiert findet einerseits einen Artikel im NEtz: http://parapluie.de/archiv/afrika/tim/

    Andererseits schreibt Volker Berghan in "Europa im Zeitalter der Weltkriege, Die Entfesselung und Entgrenzung der GEwalt" (Fischer Verlag) einiges über den guten Leopold.
     
  5. Kalli

    Kalli Neues Mitglied

    Also, ich bin selbst Belgier, habe morgen meine Geschichtsprüfung (ABitur) und interessiere mich aus gegebenen Gründen natürlich für das Thema. :D

    Das ganze erscheint mir ziemlich logisch, wenn man es mit ein wenig Hintergrundwissen betrachtet. Nur ein Frage bleibt offen: Warum kommt es zu Protesten, wenn doch die gängige europäische Haltung widergespiegelt wurde?

    Wäre nett, wenn ihr mir hierauf antworten könntet
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Proteste richteten sich ja nicht gegen den Kolonialismus als "Einrichtung" oder gegen die Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung Afrikas, die Proteste richteten sich gegen die Bestialitäten der belgischen Kolonialtruppen, von denen vor allem englische Misssionare berichteten.
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Der Kongofreistaat, das sollte man einwenden, wurde erst 1908 belgische Kolonie, vorher war es im Grunde eine Privatdomäne Leopold II mit eigener Armee und Flagge. Der Kongostaat wurde auf der Berliner Kongokonkurrenz ausdrücklich als Staat anerkannt. Offiziell wurde natürlich der Sklavenhandel im Kongo abgeschafft und der erwähnte Henry Morton Stanley lobt in seinem Buch ""The Congo" die Errungenschaften des Kongostaates bei der Ausrottung der Sklaverei in den höchsten Tönen. Tatsächlich aber legalisierte man arabische Sklavenhändler, untersagte ihnen die Sklavenrazzien alten Stils- das Menschenmaterial wurde anderweitig benötigt- gestattete ihnen aber den Elfenbeinhandel, mit dem Resultat, daß ganze Landstriche verödeten und nicht nur die Menschen, sondern auch die Elefanten ausgerottet wurden.
    Am Oberlauf des Kongos machte man Tibbu Tib, den berüchtigsten Sklavenhändler Ostafrikas zum Gouverneur! Es war Praxis dieser Elfenbein- und Sklavenhändler alle Einwohner eines überfallenen Dorfes zu töten und die Kinder zu Militärsklaven und zukünftigen Elfenbeinjägern abzurichten.
    Henry Morton Stanley war ein überaus harter, ja brutaler Mensch, manchmal wurde es aber offenbar selbst ihm zuviel:
    "Jedes Pfund Elfenbein hat das Leben eines Menschen gekostet, für 5 Pfund wird eine Hütte niedergebrannt, für zwei Stoßzähne ein ganzes Dorf zerstört. Für zwanzig Zähne ist die Vernichtung eines ganzen Distrikts, samt Pflanzungen und Dörfern gezahlt worden". (Stanley, "Through Darkest Afrika" Im dunkelsten Afrika, Aufsuchung, Rettung und rückzugs Emin Paschas 1891 S. 224 ff.)
    Stanley bezog sich dabei zwar nicht auf die Zustände im Kongo, sondern auf die Praktiken arabischer Sklavenhändler, doch es nimmt sich wirklich nicht viel.
    Ersetzt man Elfenbein, Gummi und Sklaven durch Coltan, Uran und Diamanten, hat sich an der Ausbeutung Afrikas eigentlich kaum etwas geändert, und die Zustände unterscheiden sich in Nuancen, aber nicht grundsätzlich.
     
  8. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Nach Lektüre des Buches von Hochschild möchte ich folgendes ergänzen bzw. richtig stellen:

    1. König Leopold hatte sich öffentlich stets als Wohltäter stilisiert. Es ginge ihm eben NUR um die Befreiung der Bevölkerung, um die wissenschaftliche Erforschung und die Überbringung der zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften. Mit diesem Bild, ja diesem Anspruch, den "Wilden" das Licht der Zivilisation zu bringen, zogen ja nahezu alle Kolonialmächte und Missionare aus. Nur gab es zum einen in anderen europ. Ländern eine Rechenschaftspflicht, zum anderen wurden die Handels- und Machtinteressen nicht geleugnet. Leopold hingegen hatte niemandem Rechenschaft abzulegen, und bestritt stets, dass er aus seinem "humanitärem Engagement" Kapital schlagen würde.

    2. König Leopold war womöglich einer der geschicktesten PR-Strategen seiner Zeit. Er wusste, wessen Einfluss er sich sichern musste, um sein Regime etablieren und aufrecht erhalten zu können. Am 22. April 1884 erwirkte er die Anerkennung des Congo Free State durch die Vereinigten Staaten, und auf der Berliner Konferenz im selben Jahr erhielt er die Anerkennung der anderen Kolonialmächte. Sein verdecktes Netz von Agenten und Lobbyisten - inklusive belgische Staatsdiener (er war ja Staatsoberhaupt!) - wirkte in Öffentlichkeit, Gesellschaft und Politik. Z.B. lag in den Abteilen der zunehmend beliebten und exklusiven europäischen Schlafwagenlinien "Wagon-Lits" ein Magazin aus, welches "Die Wahrheit über den Kongo" versprach. Welche "Wahrheit" das war, erklärt sich heute von selbst: Leopold war Anteilseigner an der Eisenbahngesellschaft ...

    3. Der Protest kam hauptsächlich von drei Individuen. Ersterer war ein afro-amerikanischer Sonderling namens George Washington Williams. Eine bemerkenswerte Persönlichkeit, doch leider starb er bereits 1891. Anfangs noch begeistert von der Idee der Zivilisierung Afrikas, war er schockiert über das, was er dort tatsächlich vorfand.
    Die beiden anderen Protagonisten waren Edmund D. Morel und Roger Casement, die die intellektuelle Spitze der Bewegung bilden würden.

    Morel war junger Angestellter der englischen Schifffahrtsgesellschaft, welche den Seeverkehr mit dem Kongo betrieb. Er wunderte sich, dass die Schiffe voll mit Elfenbein und Gummi in Antwerpen eintrafen, dann aber mit nur Proviant, Ausrüstung und militärischen Gütern - also ohne Tauschwaren -wieder zurückfuhren. Seine Vermutung, dass der Reichtum von den Einheimischen herausgepresst wurde, bestätigte Casement, der im Auftrag der britischen Regierung einen Bericht über den Kongo verfasst hatte und vor Ort zu eben der selben Schlussfolgerung gelangte.

    In Form dieser beiden Personen tritt eben auch der Geist jener Zeit zutage. Während Morel sich eigentlich stets nur gegen das spezifische System im Kongo aussprach, wurde Casement (im zunehmenden Bewußtsein seiner irischer Abstammung) radikaler. Er sah das Grundübel in der Fremdbestimmung an sich - und das war damals gemeingefährlich. Weder die Politik, noch die Öffentlichkeit waren dafür zu gewinnen, Kolonialismus als Verbrechen anzuerkennen. So warb er während des 1. Weltkriegs in Deutschland für die Befreiung Irlands, landete mit einem Boot an der irischen Küste, wurde festgenommen und schließlich trotz vieler Gnadenersuche als Landesverräter hingerichtet. Leopolds Hintermänner hatten wohl auch hier die Finger im Spiel - fast ein Jahrzehnt nach dessen Tod.

    Morel wurde ebenfalls während des Krieges (er sprach sich gegen ihn aus) unter fadenscheinigen Umständen in England inhaftiert, um ihn irgendwie zum Schweigen bringen zu können, schaffte es aber nach dem Krieg ins Abgeordnetenhaus gewählt zu werden.

    Ich denke, diese Biographien zeigen exemplarisch auf, warum die Protestbewegung scheitern musste. Nicht nur, weil Leopold über politisches Geschick und unvorstellbare Ressoucen und Einflussmittel verfügte, sondern weil die humanitäre "Sache" an sich einfach zu vielen Menschen gefährlich werden konnte. Der Kongo hatte ja kein Monopol auf exzessive Gewalt, Landraub oder Verelendung der Einheimischen. Es waren Erscheinungen, die in nahezu jeder Kolonie zutage traten. Und Leopold wusste damit zu spielen: viele von ihm bezahlte Zeitungsartikel wiesen auf Greuel in britischen, französischen oder deutschen Kolonien hin. Und unisono sprachen alle europäischen Mächte davon, dass dies Randerscheinungen seinen, um böswilligen Herrschern und barbarischen Eigenheiten dort beizukommen, damit Zivilisation sich ausbreiten könne.

    Wie unbequem der Kongoprotest selbst der so "liebevollen" Britischen Kolonialmacht war, zeigt sich gerade in der Beseitigung ihrer beiden Hauptakteure während des Krieges. Solange der Finger nur auf die anderen zeigte, wurde der Protest toleriert. Kritik am eigenen System war gefährlich. Ebenso erging es Brazza, der die französische Kongo-Kolonie für Frankreich in Besitz nahm. Bei seiner Rückkehr von einer offiziellen Mission zu den "franzöischen Zuständen" im der Kolonie, verstarb er und erhielt ein Heldenbegräbnis. Sein Bericht wurde aber nie veröffentlicht.

    Hoffe, dass der lange Text jetzt nicht allzu langweilig war. :)
     
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  9. Impartial

    Impartial Neues Mitglied

    Auch wenn ich (mit meinem ersten Beitrag) einen lange "begrabenen" Thread wieder hervorhole, so möchte ich mir doch zwei Literatur-Empfehlungen nicht verkneifen:

    Als eine der besten Monographien über die Geschichte des sogenannten Freistaats Kongo gilt ohne Zweifel seit über 10 Jahren:

    Adam Hochschild: King Leopold's Ghost: A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa (1998; Neuausgabe 2006, ISBN 0-330-49233-0)
    Dieses Werk ist auch auf Deutsch erhältlich:
    Adam Hochschild: Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen (2000, ISBN 3-608-91973-2)


    Wie wenig sich seitdem in dieser Region wirklich geändert hat (es haben zwar die Machthaber gewechselt, die Methoden der Ausbeutung und Unterdrückung sind aber weitestgehend gleich geblieben) zeigt ein recht aktuelles Werk, das die Solo-Reise des britischen Journalisten Tim Butcher entlang des Kongo in den Fußstapfen von Henry Morton Stanley beschreibt, der wiederum seinerzeit den verschollenen Afrika-Forscher und Missionar David Livingstone aufspürte und den Kongo für Leopold II. von Belgien erforschte:

    Tim Butcher: Blood River: A Journey to Africa's Broken Heart (2007, ISBN: 0-099-49428-0)
    Auch dieses Werk ist auf Deutsch erhältlich:
    Tim Butcher: Blood River: Ins dunkle Herz des Kongo (2008, ISBN: 3-894-05862-5)


    Mein einziger echter Kritikpunkt an Butchers Buch: er sieht den Kongo als ein Symbol für Afrika als einen "gescheiterten Kontinent" (in Anlehnung an die Bezeichnung "failed state" für gescheiterte Staaten, z. B. Somalia). Viele afrikanische Staaten haben sich aber deutlich besser entwickelt als der Kongo, und haben es ganz sicher, auch unter objektiven Gesichtspunkten, nicht verdient, mit dem Kongo in einen Topf geworfen zu werden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. April 2010
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  10. Diesel

    Diesel Neues Mitglied

    Hallo,

    ich bin auf der suche nach Lektüre ,dass die Demokratische Republik Kongo aus Wirtschaftlicher Sicht zeigt.

    Ausgangsthese könnte Vorteile/Nachteile der globalen Wirtschaftseingriffe in der Demkratischen Republik Kongo.

    Andere informationsquellen wären auch sehr hilfreich.

    Danke im vorraus
     
  11. steffen04

    steffen04 Gesperrt

  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Auch mit besonderem Fokus auf die ökonomischen Beziehungen vom Kongo zu Belgien:

    Guy Vanthemsche: Belgium and the Congo, 1885–1980, 2012
     

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