Kommentare zum Aufkommen der Eisenbahn o.Ä.

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von Pocher, 11. November 2012.

  1. Pocher

    Pocher Gast

    Hallo allerseits,
    ich lese jetzt schön länger hier im Forum mit, und habe auch schon den ein oder anderen hilfreichen Beitrag gefunden. Jetzt allerdings wende ich mich direkt an euch;
    Ich schreibe momentan als Hausarbeit einen Essay zum Thema "Wirklichkeit in Verbindung mit Virtualität, und wie sich die Virtualität auf die Wirklichkeit auswirkt". Die Frage die ich behandle lautet in erster Linie ob das erhöhte Aufkommen digitaler Medien etc. direkt die Wirklichkeit beeinflusst. Als Aufhänger wollte ich gern auf Erfindungen eingehen, die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens als unnatürlich galten, heute aber einen festen Bestandteil des Lebens bilden. Ich dachte da unter Anderem an die Erfindung der Eisenbahn, oder auch der Dampfmaschine. Ich erinnere mich dass es Berichte von Ärzten u.Ä. gab, die besagen dass ein Mensch diese unglaublichen Geschwindigkeiten nicht aushalten kann. Nach Quellen von solchen Zitaten suche ich, um anschaulich darzustellen dass solche Ansichten sich radikal ändern können, und vorallem um aufzuzeigen dass es in der Vergangenheit immer wieder (anscheinend absolut undenkbare) Neuerungen gab, die rückblickend aber einen essentiellen Bestandteil der Entwicklung darstellen.

    Ps.
    Falls euch noch weitere Beispiele einfallen, wäre ich erfreut sie zu lesen. Als Erfindungen die in die gleiche Richtung gehen hatte ich Beispielsweise auch an Kleidung oder das Feuer gedacht.

    Schöne Grüße :)
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, ob das ganz in Deinem Sinn ist, aber in Peter Roseggers "Als ich noch ein Bergbauernbub war" gibt es ein Kapitel "Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß", in dem die Vorbehalte der Älteren gegen die Eisenbahn als Teufelswerk thematisiert werden.
     
  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    die Erfindung des Metronoms, welches das Chronometer und andere ungenaue Zeitmeßinstrumente in der Musik ablöste, ist eine solche: als Instrument für eine exakte und damit nicht willkürlich veränderbare Tempofixierung war u.a. Beethoven begeistert von dieser Erfindung.
    ...und seitdem plagen sich Generationen von Instrumentaleleven mit dem tickenden Ding...

    das ist gar nicht so verrückt, wie es zunächst scheint: die Wahrnehmung von Zeit, Tempo, Geschwindigkeit änderte sich während der industriellen Revolution - kulturhistorisch interessant sind ein paar Aspekte in Grete Wehmeiers Buch "prestississimo" 8obwohl manches musikwissenschaftliche darin nicht ganz korekt ist)
     
  4. michaell

    michaell Aktives Mitglied

    Interessanter Aspekt. Schon Goethe, der selbst die Eisenbahn nicht mehr erlebt hat, prägte den Ausdruck, der Geist der "modernen" Welt sei "veloziferisch".
     
  5. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Einige sinnvollen Zitate lassen sich für deine Zwecke vielleicht in Joachim Radkau, Das Zeitalter der Nervösität. Wien/ München: 1998/2000 finden.
     
  6. Pocher

    Pocher Gast

    Ich bedanke mich jetzt schonmal für alle Hinweise, ich werde mal sehen ob ich mich mit entsprechender Lektüre eindecken kann :)

    Ganz besonders inspirierend fand ich allerdings den Verweis von dekumatland auf das Metronom. Dabei finde ich die Erfindung der Uhr bzw. Zeitmessgeräte im allgemeinen noch als wesentlich bedeutsamer. Wenn man doch nurmal überlegt wie der heutige Alltag aussehen würde, wenn es keine genaueren Zeitangaben als "zur Mittagszeit" oder "bei Sonnenuntergang" gäbe. Sehr inspirierend dabei auch der Verweis auf Goethe. Ich habe einen Artikel* in der Zeit gefunden, der sehr schön beschreibt wie Goethe den Begriff veloziferisch prägte, und wie ebenso sein "Faust" davon geprägt wurde.


    * Die beschleunigte Zeit | Feuilleton | ZEIT ONLINE
     
  7. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Vielleicht kannst du etwas mit folgenden Beurteilungen der Dampfmaschine anfangen:

    „Das beständige Ziel die stete Wirkung wissenschaftlicher Verbesserungen in den Fabriken sind philanthropisch [menschenfreundlich], denn sie streben dahin, die Arbeiter der Beschäftigung mit Gegenständen zu entheben, welche den Geist erschöpfen..., oder ihnen dauernde Anstrengungen ersparen, welche den Körper schwächten oder verkrüppeln. In geräumigen Hallen sammelt die wohltätige Kraft des Dampfes die Scharen seiner Diener um sich ...und fordert bloß Aufmerksamkeit und Gewandtheit, um kleine Fehler...schnell wiedergutzumachen...
    Das ist das Fabriksystem ..., welches bei noch weiterem Wachstum der große Beförderer und Träger der Zivilisation zu werden verspricht und England in den Stand setzen wird, zugleich mit seinem Handel das Lebensblut der Wissenschaft und Religion...Völkern zufließen zu lassen, welche noch im Dunkel leben.“
    (aus: Ure, Andrew [britischer Mediziner und Professor für Naturgeschichte und Chemie]: Das Fabrikwesen in wissenschaftlicher, moralischer und commerzieller Hinsicht.- Leipzig 1835, S. 16 – 19)

    „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeuges, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat... In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von … [ den Arbeitern ], und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt...
    Während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs äußerste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und beansprucht alle freie körperliche und geistige Tätigkeit. Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der [Qual], indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt. Aller kapitalistischen Produktion...ist es gemeinsam, dass nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet...“
    (aus: Marx, Karl: Das Kapital, Bd1, Stuttgart 1914 (Hamburg 1867), S. 366, 396)

    „Eine Maschine macht oft die Arbeit von tausend Menschen entbehrlich und bringt den Gewinn, den sonst alle diese Arbeiter teilen, in die Hände eines einzigen. Mit jeder abermaligen Vervollkommnung einer Maschine werden neue Familien brotlos; jede neuerbaute Dampfmaschine vermehrt die Zahl der Bettler, und es steht zu erwarten, dass sich bald alles Vermögen in den Händen einiger tausend Familien befindet und der übrige Teil des Volkes als Bettler in ihre Dienstbarkeit geraten werden...“
    (aus einer Kölner Zeitung im Jahr 1820, in: Christmann, Helmut: Technikgeschichte; Düsseldorf 1987, S. 32)

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    „Ich fand überhaupt etwas Geschäftiges, unbeschreiblich Belebtes, Häusliches, Friedliches in dem ganzen Zustand einer solchen Webstube...
    Das überhandnehmende Maschinenwesen... ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter...“
    aus: Goethe, Johann Wolfgang von: Wanderjahre, 3.Buch, 5. Und 13. Kapitel

    Sehr aufschlussreich und anschaulich finde ich auch den Bericht einer englischen Dame beim Anblick der Eisenbahn um 1830 herum.
     
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  8. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Die gleiche Assoziation hatte ich auch, las dann aber bei Ratkau: "Seitdem das Thema 'Zeit' unter Historikern in Mode gekommen ist, hat man zwar schon seit dem späten Mittelalter, seit dem Aufkommen städtischer Rathau- und Turmuhren, einen Prozeß zunehmender Zeitdisziplin bahauptet, aber diese Uhren waren jahrhundertelang sehr ungenau und besaßen mehr symbolischen und praktischen Wert. Eine erste große Wende kam im 19. Jahrhundert mit den Fabrikuhren und den EIsenbahnfahrplänen. Aber noch damals war die Taschenuhr mit der vergoldeten Kette mehr ein behäbig am Bauch getragenes Statussymbol als ein ELement der Hetze. [...] Erst am Ende des 19. Jahrhunderts kam eine permanente Kontrolle des Arbeitstempos auf." (S.24 f) (Kurz darauf folgt dann ein Zitat Musils zu einem "lausigen Gefühl von tierischer Arbeitssamkeit")
     
  9. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    was die Wahrnehmung von Zeit betrifft:
    -- Turner thematisiert bildlich Geschwindigkeit in einem seiner Gemälde, ein thematisches Novum in der Malerei: "Regen, Dampf und Geschwindigkeit" 1844
    Regen, Dampf, Geschwindigkeit
    -- Mälzels Metronom wird ab Beethoven zunehmend in der Musik eingesetzt, und zwar um Tempi festzulegen, was einer gewissen Auslegungswillkür der zuvor gebräuchlichen Tempobezeichnungen duchaus den Garaus machen sollte; Meilensteine der Musikgeschichte wie Chopins Etüden, Wagners Tannhäuserouvertüre lagen mit fest fixierten erstaunlich raschen [sic] Tempi vor (Mozart beschwerte sich noch über das prestississimo)
    -- die Wahrnehmung der Geschwindigkeit durch die sich ständig fortentwickelnde - d.h. schneller (!) werdende - Eisenbahn ist in der Literatur zur Genüge dargestellt

    immer präzisere Zeiteinteilung und auch "wirtschaftliches / gewinnoptimierendes" Zeitmanagement lassen sich nicht aus dem 19. Jh. wegdiskutieren, ja im Fall der berühmten Geräuschmusik Wagners im Rheingold (die den Niebelungenrhythmus hämmernden Ambosse) wird dieser nun streng zeitlich organisierte Arbeitsrhythmus musikalisch dargestellt
     
  10. corto

    corto Aktives Mitglied

    Hallo,

    es gab doch auch noch die Aussage des deutschen Kaisers, das Automobil wäre nur eine vorübergehende Erscheindung und würde wieder vom Pferd abgelöst.

    mmn durch die heute allgegenwärtige Verwendung von Autos eine krasse Fehleinschätzung.
     
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Meines Wissens hat Wilhelm II. diese Einschätzung revidiert und ein Auto angekauft, wobei er sich auf dem Rücksitz eine Vorrichtung anbringen ließ, mit der er Gas geben konnte. Der AVD versuchte ihn als Schirmherr zu gewinnen.
     
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  12. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Ich bin oftmals erstaunt über das geringe Maß an Vorstellungsvermögen meiner Zeitgenossen (und mir selbst) in Bezug auf zukünftige technische - oder andere - Entwicklungen. Die Vorstellung davon wird stark vom derzeit Bestehenden abgeleitet, entsprechend engstirnig fallen auch die Kommentare bzgl. der vermuteten zukünftigen Realität aus.

    Als Anfang der 70er Jahre die ersten Taschenrechner herauskamen, habe ich mal versucht, den PC als deren zukünftige Verpaarung mit dem Fernseher & der Schreibmaschine mit Freunden zu diskutieren, erntete aber größtenteils Unverständnis.

    In dem Moment aber, wo man erste iBeispiele in der Hand halten kann, gewöhnt man sich sehr schnell daran und kann nicht mehr nachvollziehen, wie man über diese Geräte vor deren Realisierung gedacht hat.

    Man sollte solch eine Untersuchung *Vorstellung einer virtuellen Sache - Umgang mit derselben nach Realisierung - Vergleich der Vorausschau in der Vergangenheit mit der gegenwärtigen Beurteilung* vielleicht einmal systematisch betreiben, ich glaube es wäre interessant.
     
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  13. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Diesen Spruch hört man öfters zitiert, Fakt ist jedoch dass Willi zwo nicht nur sich einen ganzen automobilen Fuhrpark zulegte, sondern sich in seinen Schlössern Telefon und elektrisches Licht installieren und in Potsdam einen Bahnhof nahe am neuen Palais anlegen liess. Fortschrittfeindlich bzw. der Technik abgeneigt, war er nicht.
     
  14. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    und die Hupe seines Automobils tutete das Donnermotiv aus dem Rheingold (Heda, heda hedo) in schönstem C-dur: g-c-g-e-g-c

    bedenkt man, welche Akribie beim "Prinzenspielzeug" (das Festungsmodell im Park von Sansoussi) angewendet wurde (u.a. verkleinerte Panzerturmmodelle von Krupp), dass der Ausbau von Metz, Helgoland, Istein, Posen, Feste KW II im Elsass zu modernsten Festungen höchste kaiserliche Order war (und diese Anlagen verbauten hightech ihrer Zeit), zeigt sich immenses Interesse an technischen Neuheiten; auch der Flottenausbau belegt das.
     
  15. Stephan2

    Stephan2 Gesperrt

    Ein weiteres, kleines Detail für Wilhlems technisches Interesse und die manchmal verschlungenen Pfade technischer Entwicklungen:

    aus J. A. DE JONGE Wilhelm II. , Seite 53.
     
  16. beetle

    beetle Aktives Mitglied

    Hier ein Link über bekannte Fehleinschätzungen:

    SPASSPOST = SPAPO, Fehleinschtzungen renommierter Experten oder Institutionen

    Weitere Irrmeinungen:

    "Es gibt nichts Neues mehr. Alles, was man erfinden kann, ist
    schon erfunden worden."
    Charles H. Duell, US-Patentamt 1899

    "Tut mir leid, aber ich kann mir beim besten Willen nicht
    vorstellen, was U-Boote im Krieg bewirken könnten - außer, dass
    sie ihre Besatzungen dem Erstickungstode aussetzen."
    H. G. Wells, Schriftsteller, 1901



    Ein frühes (1876) internes
    Papier der Western Union zum Thema Telefon:
    "Dieses Telefon hat einfach zu viele Mängel, als dass man es für
    Zwecke der Kommunikation einsetzen könnte. Das Gerät ist wertlos
    für uns."
     

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