Kriegseinschätzung nach dem ersten Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von achiMZ, 23. Juli 2018.

  1. achiMZ

    achiMZ Neues Mitglied

    Hallo zusammen!

    Ich beschäftige mich gerade mit der Geschichte eines alten Wohnhaues. Dieses wurde um 1893 gebaut und hat neben baulichen Änderungen auch zahlreiche Bewohner hinter sich. Ich weiß noch nicht so Recht wie man hier am besten vorgeht und habe nun erst mal alles genommen was mir in die Hände viel. So war ich im Stadtarchiv und konnte auch da ein paar Akten sichten. In den Akten ist um 1919 die Rede von "Kriegseinschätzung". Der Besitzer bittet die Stadt um "eine Kriegseinschätzung im abgekürzten Schätzungsverfahren".


    Jetzt suche ich nach Informationen wie so etwas von statten ging und was da im Schadensfall bezahlt wurde. Interessant wäre auch wo man so etwas dokumentiert hatte. Im Stadtarchiv findet man dazu nix.


    Schon mal vielen Dank für die Hilfe!


    Viele Grüße

    achiM
     
  2. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Das heutige deutsche Staatsgebiet war von Kriegsschäden im 1. Weltkrieg kaum betroffen. Feindliche Truppen standen kurzzeitig in Ostpreußen (russische Soldaten). Schäden gab es durch feindliche Luftangriffe. Karlsruhe zum Beispiel war davon mehrfach betroffen

    https://www.swr.de/geschichte-des-s...4/did=15719460/nid=15448514/j5fmah/index.html

    Die damaligen Flugzeuge hatten jedoch nur eine begrenzte Reichweite. Daher sollten weiter weg von der Westgrenze keine Luftangriffe erfolgt sein.

    Ich könnte mir daher auch eine andere Ursache für diese "Kriegseinschätzung" vorstellen. Eventuell mussten Hauseigentümer eine Umlage bezahlen um nach den verlorenen Krieg für die immensen Folgekosten zum Teil aufzukommen. So etwas hatten wir auch nach dem 2. Weltkrieg. Dort findet man Infos unter dem Begriff Lastenausgleich.

    Ich habe vor drei Jahren für einen Zeitungsartikel auch die Geschichte des Hauses recherchiert, in welchem ich eine Wohnung habe. Das Haus stammt aus dem Jahr 1876. Eine vorzügliche Quelle war das Adressbuch der Stadt Karlsruhe. In früheren Jahren wurde sowohl der Eigentümer des Hauses ausgewiesen als auch der Haushaltsvorstand der Bewohner. Und dies wird je Wohnung mitgeteilt. Daher kann man gut sehen, wie sich die soziale Struktur von solch einem Mehrfamilienhaus entwickelt hat. Denn jedes Jahr kam ein neues Buch heraus. Da wird dann aus dem Hoftanzlehrer des großherzoglichen Hofes nach der Kaiserzeit der Betreiber einer Tanzschule. Oder der Eisenbahnbeamte wird dann irgendwann als Pensionär ausgewiesen. Frauen werden nur erwähnt, wenn kein Mann im Haushalt lebt. Wenn dann eine Tanzlehrerwitwe gleichen Namens als Bewohnerin der Wohnung des Tanzlehrers genannt wird, dann haben wir einen Todesfall.

    Das Haus hatte drei Wohnungen und Gesellen-/Hausmädchenzimmer unterm Dach. Ganz spannend in meinem Fall war, dass in der Bauphase viel mehr Männer als Hausbewohner gemeldet waren als Wohnungen im Haus waren. Diese hatten dann auch Berufe, welche im Wirtschaftsaufschwung nach dem deutsch-französischen Krieg stark gefragt waren - Bau und Handwerk. Da lässt sich die Wohnungsnot in den boomenden Städten greifen. Die Städte wuchsen durch Zuzug aus dem ländlichen Raum stark. Französische Reparationen strömten ins Land. Und da teilten sich auch mehrere Männer wohl eine Baracke auf dem Baugrundstück.
     
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Es geht vermutlich nicht um Schäden, sondern um die Anwendbarkeit des abgekürzten Schätzungsverfahrens für Versicherungswerte (Brandversicherungswerte) von Gebäuden.

    Ein abgekürztes Schätzungsverfahren war (zB auch bei Bemessung von Pachten oder Erbauseinandersetzungen) unter besonderen Umständen zulässig, vermutlich hier als Anwendungsfall und "Kriegseinschätzung" bezeichnet.
     
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  4. achiMZ

    achiMZ Neues Mitglied

    Hallo zusammen und vielen Dank für eure Antworten! Für mich klang das halt so als hatte man damals eine Beschädigung durch Kriegshandlungen zu verzeichnen und wollte dies melden.

    @flavius-sterius Danke für den Tipp mit den Adressbüchern. Da habe ich aus dem einen oder anderen Jahr schon welche. Das ist zwar eine etwas mühselige Angelegenheit aber schon mal eine Mögliche Quelle!

    @silesia Die Erneuerung einer Brandakte ist auch in den Archivunterlagen zu finden. Da muss ich mal schauen ob das mit dem Datum überein kommt. Der Besitzer hatte dies wegen baulicher Veränderungen beantragt.
     

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