Kurden im Byzantinischen Reich

Dieses Thema im Forum "Das Byzantinische Reich" wurde erstellt von Arsacides, 18. November 2011.

  1. Arsacides

    Arsacides Neues Mitglied

    Wieder einmal eine etwas sehr fachspezifische Fragestellung mit persönlichem Bezug von mir. Und zwar würde ich gerne wissen, wie denn das Verhältnis zwischen den christlichen Byzantinern einerseits und den jesidisch/zoroastrisch/christlich/jüdischen Kurden andererseits aussah? Während aus späteren Jahrhunderten fast ausschliesslich Konflikte der Kurden mit anderen islamischen Mächten überliefert sind (bis in die Gegenwart hinein), fand ich bisher keinerlei Quellen über das Zusammenleben unter oströmischer Flagge. Daher würde ich mich über jedwede Information sehr freuen. Gab es viele Konflikte oder herrschte eher Ruhe in diesem ostanatolisch - mesopotamischen Gebiet? Wie wurden dort Steuern eingetrieben? Haben Kurden auch Karriere in Byzanz gemacht? Wie war die oströmische Sicht auf sie, gibt es Darstellungen, Berichte von Statthaltern einzelner Gebiete? Gab es einen gemeinsamen Kampf gegen die arabischen Invasoren? Wie war das Verhältnis zwischen Armeniern, Georgiern und Kurden?

    Ich glaube, das sind erstmal genug Fragen. :)
     
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  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wenn du über das Verhältnis zwischen Byzanz und den Kurden nichts erfahren konntest, so mag das an der politischen Situation der Kurden liegen. Machtpolitisch hatten sie als staatlich nicht organisierte Bergstämme kein Gewicht, sodass wenig Veranlassung bestand, sie in Quellen zu erwähnen.

    Die Geschichte der Kurden gewinnt erst mit dem Aufstieg des Islams in der ersten Hälfte des 7. Jh. klarere Konturen. Die muslimischen Araber führten ihre Eroberungszüge auch Richtung Norden (Irak, Persien), doch gehörte Kurdistan zu diesem Zeitpunkt - freilich nicht unter diesem Namen - vor allem zur Einflusssphäre des persischen Sassanidenreichs und nur zu einem geringen Teil zu Byzanz. Später wurden die Siedlungsgebiete der Kurden dem rasch expandierenden islamisch-arabischen Reich angegliedert und mit der Zurücknahme der byzantinischen Ostgrenze gerieten die Kurden völlig aus dem Blickwinkel von Byzanz.

    Die Araber haben die wirtschaftlichen Strukturen der kurdischen Bergstämme und insbesondere ihre nomadische Lebensform kaum beeinträchtigt. Arabische Geografen, die ab dem 9./10. Jh. Informationen zu den Namen und Verbreitungsgebieten kurdischer Stämme liefern, bezeichneten kurdische Nomaden und Halbnomaden als al-Akrad (Sing. al-Kurd). Ihre Angaben sind spärlich und zu dieser Zeit befanden sich jegliche kurdischen Siedlungsgebiete längst außerhalb der Grenzen des Byzantinischen Reichs.
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Sieh' Dir einmal diesen Mann an: Theophobos - Wikipedia, the free encyclopedia
     
  4. Arsacides

    Arsacides Neues Mitglied

    Zunächst einmal sei euch beiden für die Teilnahme und Informationen gedankt! :)

    Allerdings muss ich bei ein paar Punkten nachhaken:

    Natürlich war ihre politische Bedeutung bescheiden. Deswegen hatte ich auf Quellen byzantinischer Chronisten gehofft, die einige Informationen zusammengetragen haben könnten, aus der Intention heraus, diese Stämme, die auch ihr Reich bewohnten, zu erforschen.




    Eingeläutet wird der Verlust Kleinasiens an die Seldschuken mit Mantzikert 1071 (heute Malazgirt), dass mitten im "traditionellen" Kurdengebiet liegt. Daher nehme ich an, dass alles östlich davon erst recht zu Byzanz gehört haben muss, also ein relativ grosses Gebiet Ostanatoliens, dass auch heute noch fast geschlossen von Kurden besiedelt wird.





    Die Kurden als zum grössten Teil Bergvolk sind nicht für ihre nomadische Lebensform bekannt, da das gebirgige Umfeld Ost - und Südostanatoliens dies nicht zuliess (und auch heute nicht zulässt - wir sprechen hier von einem Gebiet, in dem es praktisch keine römischen Strassen gibt, und DAS will was heissen), daher begann hier Ackerbau und Viehzucht vergleichsweise sehr früh. Dass die Araber diese Lebensweise nicht störten mag sein, aber die religiösen Differenzen wogen schwer. Während Christen und Juden mit der Kopfsteuer davonkamen, ging man rigoros gegen Zoroastrier und Jesiden vor, beide Gruppen retteten sich durch Isolation und Auswanderung, die Zahl der Gläubigen auf einen winzigen Bruchteil gesunken. Den Widerstand der Kurden stelle ich mir äusserst hartnäckig vor, zumal beispielsweise von den Daylamiten (den Vorfahren der Zaza), einem vergleichsweise kleinem Volk bereits heftiger Widerstand überliefert sein soll - analog dazu habe ich meine Zweifel, ob die Bekehrung der Kurden einfacher gewesen ist.
     
  5. Afkpu

    Afkpu Aktives Mitglied

    Mir kommt es oft so vor, als sei im oströmischen Reich hier eine Verhaltensweise der vorherigen römischen Geschichte übernommen worden, einzelne Gentes in und außerhalb des Reiches interessieren nicht weiter, es sei denn sie stellen eine riesige Bedrohung dar, und selbst dann wird ihre Beschreibung eher stilistisch ausgeschlachtet als unbedingt wissenschaftlich akkurat gehalten zu werden (nicht in jedem Fall), dies ist sehr interessant zu sehen an den vielen unterschiedlich gefärbten Volksteilen im römischen Hispanien, für deren genauere Beschreibung, zumindest die derer im zentralen Hochland sich die Römer nicht besonders interessierten.
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Schon im 8. Jh. lagen die Siedlungsgebiete der Kurden innerhalb des arabischen Kalifenreichs, denn die Araber hatten bereits Armenien, Georgien, Aserbeidschan und den Norden Mesopotamiens erobert. Die byzantinische Grenze verlief zu dieser Zeit auf dem Gebirgskamm des Taurus und erstreckte sich von Tarsus am Mittelmeer entlang des Westlichen Euphrat bis zum heutigen Batumi am Schwarzen Meer.

    Schon zu diesem Zeitpunkt befand sich Kurdistan - das im 12. Jh. in der Chronik des Matthias von Edessa erstmals so benannt wurde - außerhalb der Grenzen von Byzanz. Als die Seldschuken 1071 nach der Schlacht bei Manzikert Kleinasien eroberten, lag Kurdistan schon rund 250 Jahre im arabisch-muslimiechen Machtbereich.

    Es kann also nicht verwundern, dass byzantinische Quellen die nomadisch und halbnomadisch lebenden Kurden nicht zur Kenntnis nahmen, ganz abgesehen davon, dass sie im Mächtespiel Vorderasiens nicht die geringste Rolle spielten.

    Im Mittelalter waren Kurden Nomaden oder Halbnomaden, worüber u.a. arabische Quellen berichten:

     
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  7. Arsacides

    Arsacides Neues Mitglied


    Dann würde ich sagen, dass es spätestens nach der Islamisierung der Kurden grob fahrlässig von den Byzantinern gewesen ist, sich nicht im Geringsten über sie zu informieren. Schliesslich hätten sie eine Gefahr darstellen und Expansionsbedürfnisse haben können (erst im Nachhinein zeigt sich, dass dies nicht der Fall war).




    Die Quellenangabe hinterlässt bei mir aber nur noch mehr Fragen:

    1.) Sind diese, wie du auch angefügt hast, spärlich und somit zweifelhaft, ob in ihren Aussagen repräsentativ, da ja andere Sichten nicht geschildert oder erhalten geblieben sind. Möglicherweise hat es nur ein oder wenige Aspekte in die heutige Zeit geschafft.

    2.) "In grosser Zahl in ganz Persien verbreitet" macht mich ebenfalls skeptisch. Zwar gibt es auch einen iranischen Teil Kurdistans, doch ist dieser an Grösse und Bevölkerungsanzahl nicht mit den anderen zu vergleichen, z.B. mit dem türkischen. Möglich wären spätere Massenmigrationen, oder aber die Kurden blieben dort und sind heute mittlerweile Schiiten. Da diese jedoch einen kleinen Anteil innerhalb des kurdischen Volkes stellen, bezweifle ich auch das.

    Ich sehe schon, alles in allem ein kaum erforschtes Gebiet, was ich sehr schade finde.
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Moment, dass sie laut Dieter in den byzantinischen Quellen praktisch ignoriert wurden, bedeutet nicht, dass sich die Byzantiner nicht über sie informiert hätten. Zumindest die an ihr Siedlungsgebiet angrenzenden Themen hatten bestimmt ein Auge auf ihre Nachbarn. Aber die Spionageberichte und internen Schreiben von Beamten und Armeekreisen, in denen sie dann vermutlich erwähnt wurden, waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Erhalten sind uns vor allem für die Öffentlichkeit oder zumindest die Gelehrten bestimmte literarische Werke, und deren Autoren interessierten sich offenbar nicht sonderlich für die Kurden.
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Byzantiner haben diese "Gefahr" sicher richtig eingeschätzt. Von einem wenig aggressiven Hirtenvolk ging für sie keine Gefahr aus.

    Stämme, von denen keine Gefahr ausgeht, und die wie die Kurden des Mittelalters relativ friedlich mit ihren Schaf- und Ziegenherden durch ihr Bergland zogen, sind den Chronisten meist keine oder kaum eine Erwähnung wert. Und da die Kurden weder eine städtische Zivilisaion schufen noch eine bedrohliche Heeresmacht gegen ihre Nachbarn aufboten, werden sie in zeitgenössischen Quellen nur am Rande erwähnt.

    Wie und ob sich die Siedlungsgebiete der Kurden im Mittelalter verschoben, lässt angesichts fehlender Quellen - sowohl schriftliche als auch archäologische - nicht mehr exakt sagen. Das Zentrum lag vermutlich wie auch heute zwischen Dyarbakir sowie dem Van- und Urmia-See. Damit war das Gebiet seit dem 8. Jh. Teil des Kalifenreichs, später des Reichs der Seldschuken, des Reichs der mongolischen Ilchane und am Ausgang des Mittelalters geteilt zwischen dem safawidischen Persien und dem Osmanischen Reich.
     
  10. tercon_m

    tercon_m Neues Mitglied

    Was natürlich die Kurden, oder das kurdische Siedlungsgebiet uninteressant macht, sind die Gebiete die sie bewohnt haben. Denn die unwegsamen Gebirge, waren nicht sehr interessant. Die Kurden werden als kämpferische Bergbewohner beschrieben, gemäss altgriechischen Quellen.
     
  11. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Freilich nur falls sie mit den antiken Karduchen identisch sind, was umstritten ist.
     

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