Lebendig begraben! Zu Friederike Kempner

Jacobum

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Für meinen, ähem... Beitrag Nr. 2.000 :yes: , ähem... habe ich mir ein ganz besonderes Thema rausgesucht:

Im 19. Jahrhundert gab es ein interessantes Massenphänomen, genannt Taphephobie, die “Angst, lebendig begraben zu werden”.

Unter den bekanntesten Personen, die darunter litten, zählten Edgar Allen Poe und Hans-Christian Andersen.

Poe rutschte einmal in einer Kneipe betrunken hinter eine Holzverschalung, die nur seitlich eine Öffnung hatte. Als er erwachte, sah er über sich nur Holz und geriet in Panik. “Lebendig begraben!” Er begann fürchterlich zu schreien und um sich zu schlagen, bis ihn die Wirtsleute fanden und herauszogen. Diese Erfahrung hat seine Ängste natürlich weiter geschürt und fand ihren Niederschlag in Kurzgeschichten wie The Fall of the House of Usher“ (“Der Untergang des Hauses Ascher, 1839) oder “The Premature Burial” (“Lebendig begraben”, 1850).

Es ist zu vermuten, dass diese und ähnliche Geschichten (wie auch das Gedicht “Lebendig begraben” von Gottfried Keller) zum Anstieg der Taphephobie beigetragen haben.

Hans-Christian Andersen, dem wir so schöne Märchen wie “Das hässliche Entlein” und “Die kleine Meerjungfrau” verdanken, hat verfügt, dass ihm nach seinem Ableben - um ja nicht lebendig begraben zu werden - zur Sicherheit die Pulsadern aufzuschneiden seien.

Erfinder, die Mechanismen ersonnen hatten, mit denen sich Scheintote im Sarg bemerkbar machen konnten (mittels Signalhörner, Klingelzügen usw.) verdienten gut an der allgemeinen Furcht.

In Deutschland lebte von 1828 - 1904 die Schriftstellerin Friederike Kempner. Auch sie griff das Thema immer wieder in ihren Werken auf. Um ein irrtümliches Lebendbegraben zu verhindern, schlug sie vor, die Errichtung von Leichenhäusern zur Pflicht zu machen. Dort sollten Verstorbene 3 Tage ruhen, dann war die Feststellung des Todes einwandfrei möglich (Totenstarre, Leichenflecken usw.). Sie war natürlich Mitglied in der “Deutschen Anti-Scheintot-Liga”.

Bereits 1792 war in Weimar (u.a. auf Betreiben Goethes) das erste Leichenhaus in Deutschland errichtet worden. Nun, gut hundert Jahre später, sollte ihrer Meinung nach die Einrichtung vorgeschrieben werden.

Friederike Kempner schrieb viele Briefe an Politiker, Prominente, sogar an den Kaiser, und stellte ihre Idee vor.

Leider hatte sie einen großen Nachteil: Sie war im ganzen Land bekannt (um nicht zu sagen: berüchtigt) als Meisterin der unfreiwilligen Komik. In ihren ernst gemeinten Gedichten schlug sie einen erwürdigen, erhabenen Ton an und rutschte dann abrupt ins Komische ab.

Beispiel:

Über ihre Kritiker:
“Wie den Dichter ihr auch ankläfft,
Nie ihr ihn doch tödlich trefft.
Schnell er steiget auf den Baum,
Träumt daselbst den schönsten Traum.“

oder:

„Ob auch Köter bellen
Und mir Fallen stellen,
Ich kümm’re mich drum nicht
Und mach’ ein hübsch’ Gedicht!“



Zum Thema Fleiß:

“Willst gelangen du zum Ziele,
Wohlverdienten Preis gewinnen,
Muß der Schweiß herunterrinnen
Von der Decke bis zur Diele!“
(Ich stelle mir das mal bildlich vor…)


Über Kepler:

„Ein ganzes Blatt der Weltgeschichte
Du hast es vollgemacht!“


An die Darwinisten:

„Ach von Affen? Ja von Affen!
Geht mir weg mit eurem Licht,
Gott hat mich als Mensch geschaffen,
Und von Affen stamm’ ich nicht!“


Und natürlich die schauerliche Ballade „Vom scheintoten Kind“, das lebendig begraben wurde („Endlich stirbt das Kind. Froh die Engel sind.“), nachzulesen unter http://user.aol.com/hutschi/kempner.htm. Dort stehen auch weitere Werke von ihr, wie das berühmte „Lass uns wandern, lass uns schiffen!“


Sie war das, was man heute „echt peinlich“ nennt. Immerhin stammte sie "aus gutem Hause". Sobald ein neues Buch von ihr auf den Markt kam, rückte die Familie aus, um alle verfügbaren Exemplare aufzukaufen und zu vernichten. Für Verlage und Buchhändler natürlich ein gutes Geschäft!


Natürlich wurde eine solche Dame belächelt. Dennoch gelang es ihr, die öffentliche Meinung ein wenig zu verändern. Ihre Idee von den Leichenhäusern fand immer mehr Anklang und Zustimmung. Sogar Alexander v. Humboldt und Kaiser Wilhelm I. zollten ihr Respekt.


So war es kein Wunder, dass in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Leichenhäuser allgemeine Einrichtungen wurden.


Friederike Kempner war übrigens auch Mitglied im „Deutschen Einäscherungsverein“. Wohl nach dem Motto „Sicher ist sicher!“.


Heute kennen nur wenige ihren Namen. Manchen ist ihr Spitzname „Der schlesische Schwan“ geläufig. Ihre Bücher sind kaum zu erhalten. Ihr Engagement zur Errichtung von Leichenhäusern ist so gut wie vergessen.


Zum Schluss von ihr das Gedicht vom müden Wanderer:


„Der müde Wand’rer sitzt am Steg,
Vorüber eilet der Fluß,
Am Ufer lehnend, die Hände gekreuzt
Und badet den müden Fuß.

Die Hände so braun, und braun ist der Fuß,
Noch brauner ist das Gesicht.
Wo kam er nur her, der müde Gesell’?
– Wahrhaftig, ich weiß es nicht.“


Gruß

Jacobum
 
Bei dem Thema darf der ergreifende Vierzeiler nicht fehlen:

Und er schlief und schlief so lange,
Daß ihn keine Macht mehr weckte -
Unsichtbar beim Grabgesange
Sich der Totgeglaubte streckte.
 
Und natürlich das Gedicht vom Totenwurm (!)

Während dort der Wolkensturm
Über Meer und Länder fährt,
Pickt ganz leis’ der Totenwurm:
Wer ihn wohl das Picken lehrt?
 
Ein interessantes Detail, auf das ich bei meinen Recherchen gestoßen bin:

Friederike Kempner hat sich bereits zum 17. Geburtstag ein Leichenhaus für den Garten gewünscht. Ihre Eltern haben ihr diesen etwas seltsamen Wunsch erfüllt.

Meine jüngste Tochter ist kürzlich 17 geworden. Wenn ich mir vorstelle, dass sie sich ein Leichenhaus gewünscht hätte...

Zum Schluss ein Kurzgedicht des "Schlesischen Schwans" zur Macht der Musik:

Der Räuber liegt am Strande.
Er lauschet den Akkorden,
Er ist nicht mehr imstande
´nen Menschen zu ermorden.


Gruß

Jacobum
 
Leider kenne ich die Friederike Kempermann nicht......

....aber die schauerliche Vorstellung, bei lebendigem Leib begraben zu werden, löst auch noch heute Ängste aus, zum Beispiel bei mir .....

und ich schäme mich nicht mal dafür.....
 
In einem anderen Gedicht läßt Friederike einen wackeren Krieger wehklagen:

Es hört ein wackrer Kriegersmann
Sich dies Geschichtchen einmal an,
Dem Tod könnt’ er in’s Antlitz sehn,
Doch jetzt im Aug’ ihm Tränen stehn.

Ein Leichenhaus, ein Leichenhaus!
Ruft er aus vollem Halse aus.
Wir wollen nicht auf bloßen Schein
Beseitigt und begraben sein!

Wir wollen, alle Wetter auch,
Nicht halten an dem dummen Brauch,
Daß man mit uns zur Grube rennt,
Als wenn man’s nicht erwarten könnt!

Für Tote haben Gelder wir,
Und um Lebend’ge handelt’s hier!
Man sühnt wohl solche Grausamkeit
Nicht mehr in alle Ewigkeit.

Für Tänzer gibt es Raum und Zeit –
Oh, tiefbetörte Menschlichkeit.
Ihr alle seid so schlecht als blind,
Solang’ nicht Leichenhäuser sind!

http://www.br-online.de/wissen-bildung/kalenderblatt/druckversion/2002/prkb20020307.html


Auch ihr Neffe Alfred fürchtet noch Jahre später die durchschlagende Wirkung ihrer Werke. Um als Theaterkritiker in der literarischen Szene Deutschlands landen zu können, nennt er sich vorsichtshalber Alfred Kerr – und wird berühmt.
Aber war es wirklich nötig, seine Tante, so gschamig zu verleugnen? Den „schlesischen Schwan“, der an die wohltuende Wirkung seiner Worte glaubte....irgendwie ja auch zu Recht.


Der Räuber liegt am Strande.
Er lauschet den Akkorden,
Er ist nicht mehr imstande
´nen Menschen zu ermorden.

http://www.br-online.de/wissen-bildung/kalenderblatt/druckversion/2004/prkb20040625.html

Kerr war – entgegen einiger Vermutungen aus der damaligen Zeit – nicht Neffe der bekannten Dichterin Friederike Kempner.

Sie hatte dennoch einen literarischen Großneffen, den Lyriker Hans Davidsohn, den unter diesem Namen wohl niemand kennt. Ich fürchte fast, daß er auch unter seinem Pseudonym Jakob van Hoddis kaum mehr bekannt ist.

Zurück zu Kerr.
Fast zu einem Trauma wurde für Kerr die Tatsache, daß er von Kritikern wegen seines ursprünglichen Namens und seiner Breslauer Herkunft immer dann mit seiner vermeintlichen "Tante" Friederike Kempner in Verbindung gebracht wurde, wenn andere Argumente fehlten.
Als ihn eines Tages auch Bert Brecht auf diese Weise anzugreifen versuchte, antwortete Kerr im "Berliner Tageblatt" in Versen:

... Gute Tante, schlummre selig,
Gute Tante, schlummre brav.
Leider Gottes scheuchen schmählich
Meine Gegner Dir den Schlaf.

Auf dem Friedhof und Gebeinfeld
Weckt dich manchmal Yyyya-Schrein -
Wenn dem Esel sonst nichts einfällt,
fällt ihm meine Tante ein.

http://ourworld.compuserve.com/homepages/andreas_s/kemp7.htm
 
Mich würde mal interessieren, ob Robert Kempner, der stellvertretende US-Chefankläger der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, mit Friederike Kempner verwandt war.

Weiß das jemand?

Gruß

Jacobum
 
Dafür spricht nichts:

Robert Kempner war das älteste von drei Kindern des Wissenschaftlerehepaares Walter Kempner (1869-1920) und Lydia Rabinowitsch-Kempner (1871-1935), der zweiten deutschen und ersten Berliner Professorin. Roberts Taufpate war Robert Koch, an dessen Institut für Infektionskrankheiten sich die Eltern kennenlernten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_W._Kempner
 
Dafür spricht nichts...


In einer Arbeit über Friederike Kempner ist der Hinweis zu lesen, wonach ihre Nichte Doris (die Tochter von Friederikes Schwester) mit einem Dr. Walter Kempner verwandt war.

Ich weiß nur nicht, ob dieser Walter mit dem Vater des Nürnberger Chefanklägers identisch ist.

Gruß

Jacobum
 
Danke für die Anregung und die damit verbundene Suche in meinem etwas vergrabenen Bücherschrank: ich fand es tatsächlich: ein Reclamheft Ausgabe 1986 Verlag Reclam Leipzig, herausgegeben von Horst Drescher mit dem schönen Titel "Das Leben ist ein Gedicht" (dem kann ich nur zustimmen) und ebenso schönen Federzeichnungen. Den Gedichten vorangestellt ist ein (ich denke, imaginäres) Interview mit dem Herausgeber.

Und wenn ich mir das Portrait F.K. auf der Titelseite so ansehe, kann ich kaum glauben, dass sie sich für ensthafte Dinge einsetzen konnte: der Schalk springt förmlich aus dem Gesicht, aus dem Bild. :scheinheilig:

Letzte Mahnung
Von den Sternen fiel ich nieder
Und verwinde nie den Fall,
Aber meine Hohelieder
Ziehen klangvoll durch das All!

Und wenn ich dereinst 'mal sterbe,
Mahnet euch der Musen Chor:
Nicht enthaltet dieses Erbe
Euren Nachkommen vor!
 
Kürzlich, als es so furchtbar geschneit hat, habe ich einen Waldspaziergang gemacht.

Da fiel mir doch gleich Friederike Kempner ein:

Es schneit im Wald
Unheimlich kalt,
Ein Mann versinkt im Schnee;
Sein Ach, sein Weh,
Verhallet bald
Im tiefen Wald.

Hier übrigens ein Bild der Dame: friederike-kempner.jpg
 
Wer hat eigentlich verbreitet, dass dieser subtile Nonsens-Humor "unfreiwillig" sei ? Ihr Pech war vielleicht einfach, dass sie für "Pardon":devil: zu früh lebte.

Vielleicht sollte man sich aber auch nicht, wenn man politisch engagiert und zu allem Überfluss noch jüdisch, weiblich und privilegiert ist, einen Humor erlauben, den niemand versteht oder verstehen will. Sonst läuft man eben Gefahr, ins Lächerliche gezogen und damit quasi lebendig begraben zu werden.:still:
 
ich habe vage in Erinnerung, dass es sich bei untenstehenden Zeilen um eine – wahrscheinlich zeitgenössische – Friederike-Kemper-Parodie handeln könnte. Sie ist mir allerdings nicht mehr wörtlich geläufig, allfällige Ungenauigkeiten bitte ich zu entschuldigen.

An einen Metzger
Ich suchte eine Hand –
und fand nur vier Finger.
 
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