Liberalismus, liberale Opposition

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Gast, 28. Oktober 2010.

  1. Gast

    Gast Gast

    Meine Frage:
    Hallo zusammen,
    zu einer Hausaufgabe muss ich zunächst den Liberalismus erklären und später erläutern warum die "liberale" Opposition (steht so mit Anführungszeichen) ihre Forderung nicht mit Worten wie Demokratie oder demokratisch umschrieben hat.

    Wenn jemand mal über meine Ansätze schauen könnte, ob ich den zweiten Teil der Frage richtig verstanden habe, wäre ich sehr dankbar.

    Meine Ideen:
    Ich denke mir, dass die liberale Opposition die Worte Demokratie oder demokratisch nicht verwendet hat, weil ...

    - ... es eine zunächst bürgerlich-liberale Forderung der liberalen Bürger war, die dem Proletariat gegenüberstand.
    - ...sich dieser Liberalismus an der Interessenlage des Besitzbürgertums orientiert hat.
    - ... weil die Allgemeingültigkeit bestimmter Grundrechte in Verbindung mit dem Entwicklungstand des Volkes gebracht wird.
    - ...weil Liberalismus zwar Freiheit für jeden bezwecken soll, was jedoch nicht die materielle Gleichheit für jeden bedeutet.


    Bin ich da in etwa auf dem richtigen Weg? Hat jemand noch Anregungen oder Tipps? Vielen Dank!
     
  2. Odysseus

    Odysseus Neues Mitglied

    Um welchen Zeitraum handelt es sich hier? Vormärz? Deutsches Kaiserreich?

    Da es hier um Begriffe geht, sollten diese erst einmal definiert werden: Was bedeuteten die Worte liberal und demokratisch im relevanten Zeitraum?
    Zum Beispiel ist mir nicht klar, was Demokratie mit materieller Gleichheit zu tun hat. Aber ich lasse mich da gern aufklären.
     
  3. Cliomara

    Cliomara Aktives Mitglied

    Hallo,

    deine Fragestellungen finde ich nicht so ganz abwegig.

    Bereits im Vormärz vertieften sich die Gegensätze zwischen Liberalen und Demokraten.

    Liberale setzten sich für eine geschriebene Verfassung mit Gewaltenteilung, Grundrechten und Ministerverantwortlichkeit ein. Der deutsche Liberalismus im 19. Jahrhundert hatte zur Demokratie als Regierungsform ein ambivalentes Verhältnis. Er strebte eine konstitutionelle Monarchie an, die ja dem König immer noch wichtige Rechte zubilligte. Entschiedene Verfechter der Volkssouveränität waren die Liberalen nicht. Im Vormärz lehnten sie das allgemeine Wahlrecht ab. Sie traten dafür ein, Tagelöhner oder die Bezieher von Armenunterstützung vom aktiven und passiven Wahlrecht auszuschließen. Das Wahlrecht war für sie ein Ehrenrecht; nur wer durch die Zahlung von Steuern zum Funktionieren des Gemeinwesens beitrug, sollte wählen dürfen.

    Dabei strebten die Liberalen eine Mittelschichtsgesellschaft an, die dem Tagelöhner Aufstiegschancen ermöglichen sollte. Dein Argument, die Liberalen wären am Besitzbürgertum orientiert gewesen, ist in meinen Augen nicht ganz richtig. Wie mein Vorredner bereits andeutete: den Liberalismus in Deutschland gibt es nicht. Liberale im Großherzogtum Baden haben zum Teil andere Forderungen als Liberale in Preußen oder in Schleswig-Holstein.

    1867 kommt es in Preußen zur Gründung der Nationalliberalen Partei. Damit beginnt die Spaltung zwischen Links- und Rechtsliberalen, die in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung der FDP überwunden wird.

    Die Nationalliberalen unterstützen die Politik Bismarcks und wollen das neu zu gründende Deutsche Reich zu einer echten konstitutionellen Monarchie formen. Aber auch hier ist von Volkssouveränität und Demokratie nicht die Rede.

    Die Linksliberalen drängen strikter auf die Einhaltung rechtsstaatlicher Regelungen und die Wahrung der Rechte der Volksvertretung, aber selbst eine parlamentarische Monarchie schließen sie bis 1914 aus.

    Lange Zeit lehnen sie staatliche Sozialpolitik ab und plädieren für genossenschaftliche Regelungen. Mit den liberalen Gewerkvereinen gehört der Linksliberalismus zu den Gründungsvätern der deutschen Gewerkschaftsbewegung - weiß man das heute noch in der FDP? Die Linksliberalen glauben lange, dass die Selbstheilungskräfte des Marktes jedem eine Chance geben. Als erste linksliberale Partei unterstützt die Freisinnige Vereinigung die Sozialgesetzgebung Bismarcks.

    Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges bekennt die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) sich zur Demokratie und sieht zwischen der Herrschaft der Mehrheit und der Freiheit des Individuums keine Gegensätze mehr.

    Wie gesagt: Ich habe mich jetzt schwerpunktmäßig zum 19. Jahrhundert geäußert. Ich kann nur davor warnen, den Liberalismus mit dem Besitzbürgertum gleichzusetzen. Die Liberalen bemühten sich auch um Stimmen aus der Arbeiterschaft. Aber ihr Modell eines gesellschaftlichen Aufstiegs durch individuelle und genossenschaftliche Selbsthilfe konnte sich im Vergleich zur christlichen Soziallehre, die vom Zentrum vertreten wurde oder dem sozialistischen "Zukunftsstaat" der SPD nicht durchsetzen.

    Viele Grüße

    cliomara
     

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