Liebesmessen im/in der italo-span. SpätMA/Renaissance

El Quijote

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"@El Quijote
Ui. Erotische Messen sind aber nun wirklich eine Neuigkeit. Weißt du mehr darüber?"

Bei den erotischen Messen, den so genannten Misas de Amor, handelt es sich um Gedichtzyklen in denen die einzelnen Bestandteile der Heiligen Messe zu erotischen Gedichten umgearbeitet wurden. Dies war am neapolitanischen Hof Alfons' des Großmütigen (aus dem Hause Trastámara, König von Aragón, Valencia, den Balearen und Sardinien sowie Sizilien und Neapel) eine Mode, also in den 1440er und 1450ern.
Späteren Zeiten missfielen die Misas de Amor, so ist z.B. eine Misa de Amor von dem am neapolitanischen Hofe dienenden kastilischen Ritter Suero de Rivera in drei von vier PrachtHSS vernichtet worden (José Carlos Rovira: Humanistas y poetas en la corte napolitana de Alfonso el Magnánimo, Alicante 1990, S. 70).
In einer HS is sogar vermerkt: "tria folia sequentia fuerunt sublata, quia contineba(n)t impios versus cuiusdam Sueri de RIbera de una Missa de Amor" - Drei aufeinanderer folgende Blätter wurden beseitigt, welche unfromme Verse von einer erotischen Messe eines gewissen Suero de Rivera enthielten."
José Carlos Rovira ordnet die erotischen Messen in eine aus Spanien stammende parodistische Tradition ein.

Hier das Agnus Dei aus der erotischen Messe des Suero e Rivera:

"Cordero de Dios de Venus"
- dezían los desamados -
"Tú que pones los cuidados
quítalos que sean menos:
pues tienes poder mundano
¡Oh señor tan soberano
Miserere nobis!"
"Cordero de Dios de Venus"
- te suplican los amados -
"Tú que pones los cuidados
plégate nunca ser menos
de los que somos agora
cada cual con su señora
dona nobis pacem.

"Lamm Gottes der Venus"
- sprachen die Ungeliebten -
"du, welche die Vorsicht sähst,
nimm sie weg, damit weniger von ihr da ist
denn du hast weltliche Macht."
"Oh Herr höchster Herr
Miserere nobis [erbarme dich unser]!"
"Lamm Gottes der Venus"
- die Geliebten flehen dich an -
"du, welche die Vorsicht sähst,
lass dich nie bezwingen
von denen die wir heute sind
jedem einzelnen mit seiner Dame
dona nobis pacem [Gib uns (deinen) Frieden]
 
Versteh ich dich richtig? An diesen Messen nahmen also Liebes-, nicht Ehepaare teil? :grübel:
 
Versteh ich dich richtig?

Nein!

An diesen Messen nahmen also Liebes-, nicht Ehepaare teil? :grübel:

Es handelt sich um Liebesgedichte, welche den Gebeten im Ablauf einer Messe nachgeahmt sind. Bzw. es sind die glossierten Gebete selbst: Glaubensbekenntnis, Gloria, Lesung, Evangelium, Credo, Präfation, Sanctus-Ruf, Agnus Dei, Schlussgebet. Autoren dieser erotischen Messen waren neben dem schon erwähnten Suero de Ribera auch Juan de Dueñas, der ebenfalls am Hof Alfonsos wirkte, der Arcipreste (Erzpriester) de la Hita (Juan Ruiz), der schon ca. 100 Jahre zuvor eine erotische Messe, oder zumindest einene Vorläufer verfasste, Juan Rodríguez del Padrón, Francisco Villalpando, Garci Sánchez, Mossen Gaçul und andere.
Der Literaturwissenschaftler Rovira spricht von "lenguaje religioso con finalidad erótica", also von religiöser Sprache mit erotischer Absicht.
 
Der Literaturwissenschaftler Rovira spricht von "lenguaje religioso con finalidad erótica", also von religiöser Sprache mit erotischer Absicht.

Ein interessantes Thema - schade, dass ich die überwiegend italienisch-spanische Literatur zu den "Misas" nicht lesen kann.:cry:
Einen kleinen (englischen) Überblick gibt "Medieval Iberia". [1]

Eine zentrale Frage für den Kulturhistoriker wäre wohl: Wie konnte sich an einem bestimmten Ort für eine bestimmte Zeit diese Art von Literatur entfalten? Lag das ausschließlich an der "Großmut" von König Alfons und an dessen humanistischen Grundüberzeugungen?

@ Caro1
Zu Deiner Frage nach der "fleischlichen" Komponente nur der Hinweis, dass der Begriff "Liebesmesse" (love mass) natürlich auch in anderen Zusammenhängen auftaucht, z.B. bei Satanisten.


[1] Medieval Iberia: an encyclopedia - Google Bücher
 
Ich glaube, ich hab zu dem Thema noch das ein oder andere Verständnisproblem… Nach jschmidts Link bezieht sich die Bezeichnung "Misa de Amor" nur auf zwei Werke sowie ein vierzeiliges Textfragment. Das dort ebenfalls erwähnte dritte Werk von Núñez scheint wohl weniger gottesdienstliche Gebete nachzuahmen, sondern bezieht sich auf ein Horarium, warum ordnet man es denn dann trotzdem den Misas de Amor zu?

Gibt es denn entsprechende italienische Beispiele? Mir ist spontan keins eingefallen, ich hab jetzt auch mal ein bisschen rumgeblättert dabei allerdings nichts gefunden. Nichts desto trotz kommt mir das hier zitierte Agnus Dei irgendwie "bekannt" vor, ich kanns nur grad absolut nicht zuordnen.

Ebenfalls "überzogen" finde ich die spätere Verurteilung, die bis hin zu einer Vernichtung von Texten führt. Verglichen mit dem was bspw. im Decamerone so zu lesen ist, ist zumindest das Agnus Dei harmlos. Warst du um unsere Tugend besorgt @ElQ, oder gibts dafür andere Gründe? Weil ich grad beim Decamerone bin: dort gibt es zwar auch die religiöse Sprache mit erotischer Absicht, allerdings nicht in dieser offensichtlichen Einordung in einen lithurgischen Zusammenhang.
 
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