Liman-von-Sanders-Krise und die Dardanellen. (..Ein Versuch)

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von hatl, 23. April 2014.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Du hast Recht. Ich sehe das italienische Agieren in den gegebenen Komplex sehr kritisch.

    Du hast Unrecht mit der Ausführung, ich sehe das italienische Verhalten aus dem heutigen Blickwinkel, wo wir andere Wert- und Moralmaßstäbe haben.

    Nein, m.E. nach war Italiens Haltung schon im Zeitalter des Imperialismus nicht wirklich die Regel. Meine Meinung.

    Zur bosnischen Annexionskrise ist hier im Forum schon sehr viel ausgeführt worden. Das möchte ich jetzt nicht alles wiederholen.
     
  2. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Wozu dann das vielfache, wiederholte Hervorheben der italien. Verantwortung...und wofür eigentlich.?

    Habe ich auch nicht behauptet oder intendiert. Und das ist der Liman-Krisen-Faden...;-)

    Umgekehrt lag das Verhalten der ÖU-Regierung mit der Annexion Bosniens weitab der etablierten und akzeptierten Großmächte-Außenpolitik während des Hochimperialismus in Europa und um Europa herum. Das hat keine der tradierten Großmächte nach 1850 mehr gewagt. Mehrfach hatte ich hier Beispiele kürzlich angeführt, siehe Tunesien, Ägypten, sogar Tripolitanien wurde nicht annektiert, Marokko wurde nach der 2. Krise von der franz. Regierung als Protektorat etabliert.
    Der I. Weltkrieg fand seinen Anfang in Bosnien, wg. der Annexion Bosniens, wg. der viele Jahrzehnte schon fortwährenden ÖU-russ. Konkurrenz auf dem Balkan.

    Na sicher tust Du dies, da Du ja den Ausgang des italien-türk. Krieges und seiner weiteren Folgen kennst und m.E. allen Ernstes den Eindruck vermittelst, dass der italienische Außenminister die weiteren Entwicklungen/Auswirkungen wie den 1. Balkankrieg exakt hellseherisch vorhersagen und vor allem eintreten sehen konnte und dennoch - oder gerade deswegen womöglich - die militärische Expansion nach Tripolitanien voran trieb. Oder was wolltest du eigentlich sagen in diesem Zusammenhang?

    M.E. ist lediglich anerkannt, dass seine Außenpolitik die Entwicklung hin zu einer militärischen Expansion und Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich in Tripolitanien bewusst förderte.

    Vielleicht kann die Liman-Sander-Krise wieder im Mittelpunkt stehen, zumindest in diesem Thread...
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Hauptstadt Russlands war Petersburg!

    Zur Erinnerung:


    Für San Giulianos Überlegungen in seinem Bericht an den König, der kaum misszuverstehen ist, habe ich einen Beleg genannt. Hast du wohl möglicherweise "übersehen".

    Das Wörtchen "exakt" habe ich nicht verwendet. Aber wenn San Giuliano schon so hellsichtig gewesen war und die möglichen Konsequenzen des italienischen Griff nach Tripolis für den Balkan gesehen hatte und dies in einen Bericht an seinen Ministerpräsidenten und König erwähnt, dann verdient dies durchaus Erwähnung.
     
  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ganz grundsätzlich, da du immer wieder dieses Verhalten am Tage legst. Wir befinden uns hier nicht in einem Klassenzimmer oder in einem Hörsaal, in dem Lehrer/Doeznt bist und deine ungelehrigen Schüler meinst permanent zurechtweisen zu müssen. Das nervt!

    Da du auf der einen Seite verlangst, beim Thema zu bleiben und und auf der anderen Seite schon wieder die Annexionskrise erwähnen musst, ein paar kleine Notizen hierzu. Es wirklich erschöpfend dazu hier im Forum geschrieben worden. Lies es dir doch einmal durch.

    Österreich-Ungarn hatte Territorium in Besitz genommen, was de facto schon Teil der Monarchie gewesen war. Es war kein brutaler Eroberungskrieg. War das mit Tripolis auch der Fall? Ich meine nicht.

    ÖU hat dem Osmanischen Reich eine Entschädigung gezahlt. Hat Italien dies getan? Ist mir nicht bekannt?

    Des Weiteren hatte ÖU den Sandshak von seinen Truppen geräumt und auf auf alle Rechte auf diese Gebiet verzichtet. Hat Italien etwas vergleichbares getan? Nein!

    Diese Idee dazu, hier Bosnien und die Herzegowina de jure für Österreich-Ungarn und dort die Zustimmung zur Lösung der Frage der Meerengen im russischen Sinne, ist auf Iswolsky zurückzuführen.

    Das italienische Handeln hatte wohl doch eine etwas andere Qualität. ÖU hatte das Osmanische Reich nicht mit seinen Streitkräften zu Lande oder/und zur See angegriffen, wie Italien dies getan hatte.

    ÖU hatte die Chance ergreifen können, Italien während des Tripoliskrieg anzugreifen oder sich für seine Neutralität bezahlen zu lassen. In etwa, das Italien 1915 getan hatte. Aber das hatte ÖU nicht getan.
     
  5. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Wohl wahr, Clark zitiert daraus, sieht dann doch zurecht noch die entscheidende Schwelle darin, dass die italien. Militärexpansion bereits sichtbar in der späteren Oktoberhälfte zum stehen kam und die Osmanische Regierung Angebote der italien. Regierung zu Friedensverhandlungen konstant ablehnte. Siehe GP 30/1, S. 173 f., Botschafter Jagow an Bethmann Hollweg am 29.10.1911.
    Erst aufgrund des militärischen Misserfolges in Libyen im Herbst, am Ende 1911, sowie der Weigerung der Osmanischen Regierung, Friedensverhandlungen aufzunehmen, kam es zum italienischen Militärausgriff/Angriff hin zum Osmanischen Kernland im Frühjahr 1912, welcher nun offenbar mit russ. Anregung, nationalistischen und anti-osmanischen Vorstellungen ein bedeutsamer Anstoß für die entsprechenden Balkanstaaten des 1. Balkankrieges darstellte.

    Wir reden aneinander vorbei. Eine Annexion war unter den anerkannten europäischen Großmächten ein no-go, seit wohl 1850. Ganz egal, welchen Status das Gebiet schon hatte.
    Daher meine mehrfachen und ausdrücklichen Hinweise auf Tunesien, Ägypten, selbst Tripolitanien. Die Vermeidung einer staatsrechtlichen Annexion eines beherrschten Gebietes, einer Region, einer Osmanischen Provinz usw. um jeden Preis, ist eines der unumstößlichen Merkmale/Forderungen zwischen den imperialen Handlungen der europ. Großmächte in und um Europa herum vor 1914. Wissenschaftlich vielfach belegt und nachweisbar. Sehr lesenswert nachvollziehbar z.B. in Dülffer, Vermiedene Kriege (1997), thematisiert wesentlich dieses, so in den Beiträgen Ein Beispiel von Gleichzeitigkeit. Militärische Eskalation und diplomatische Deeskalation in der Tuniskrise 1881 oder Finanzkrisen und Besetzung. Die Mächte und Ägypten.

    Und das war und ist ja der wissenschaftliche Anknüpfungspunkt zur Liman-Sanders-Krise und den diversen Behauptungen auch in (früheren) Beiträgen dieses Fadens, die Berliner Aministration samt KWII. hätten ein Protektorat über die Türkei angestrebt/später errichten können.
    Keines der europäischen Großmächte vor 1914 konnte im Alleingang die Installierung, Errichtung und Durchsetzung eines Protektorates in und um Europa auch nur erhoffen. Dafür gab und gibt es kein Beispiel.
    Von der militärischen Unmöglichkeit in der Türkei damals ganz abgesehen und wie ebenfalls an den Beispielen Tunesien oder Ägypten vergleichsweise gezeigt.

    Was also kann Dein mehrfacher Hinweis auf die Voraussicht möglicher Entwicklungen einer beabsichtigten italienischen Okkupation Tripolitaniens durch den ital. AA-Minister im Brief an den König vom Juli 1911 in diesem Faden zu einer wissenschaftlichen Vertiefung der Liman-Sanders-Krise und diesem Faden beitragen?
     
  6. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Meine Beiträge 310, 311, 312 und 313 haben nur ein Thema: PROTEKTORATE. Immer in Perspektive auf die angeblich möglich gewesene, oder anvisierte oder geplante oder sonst noch wie drohende, kommende, zukünftige oder absehbare Errichtung eines reichsdt. Protektorats in der Türkei/Konstantinopel etc. ausgelotet.
    Italien war nur ein Beispiel in diesem Thema, nutzbringend auch gleichzeitig dahingehend beleuchtet, dass die italien. Ansprüche auf Tripolitanien eine, wie üblich, längere Vorgeschichte kennen, in welcher u.a., ebenfalls wie üblich, der unvermeidliche Bismarck eine zeitweilig durchaus wichtige Rolle einnimmt.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Na, da stimmen wir fast überein.

    Am 05.11.1911 hatte der italienische König proklamiert, das Tripolitanien und Cyrenaika ab sofort italienischer Besitz sind; obwohl der Krieg ja noch gar nicht erfolgreich abgeschlossen worden war. Es haperte eben bei den militärischen Operationen im Inneren des Landes. Man wollte schnell zum Abschluss kommen, daher auch dann auch das Friedensangebot. Es ist ja nicht unverständlich, das Konstantinopel dieses ausgeschlagen; man war ja schließlich Opfer der italienischen Aggression.
    Und dann wurde der Krieg von Italien ausgedehnt. Es war der 1.Balkankrieg, der die Regierung in Konstantinopel dazu nötigte mit Rom Frieden zu schließen.
     
  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wie Du bei anderer Gelegenheit schreibst ist es natürlich problematisch für das OR fremde Hoheitsgewässer vor der eigenen Küste zu haben.

    Aber es kommt ja noch viel dicker..
    (und ich will mal an diesem Punkt in einer Skizze weitermachen).

    1912 schmieden Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro ein Bündnis unter der Mediation Russlands. Dieses Bündnis greift Oktober an mehreren Fronten den europäischen Teil des OR an. Der Erfolg ist ungeahnt durchschlagend und Flüchtlingsströme ergießen sich nach Istanbul auf das bulgarische Truppen überraschend schnell vorrücken.

    Am 18. November besetzten Matrosen einer internationalen Flotte die Hauptstadt des OR, marschieren durch die Straßen, beschlagnahmen Gebäude und hängen dort ihre Fahnen auf. Russen, Briten, Franzosen, Deutsche, Italiener, Österreicher.
    https://dfg-viewer.de/show/?set[met...lin.de/zefys/SNP27646518-19121119-0-0-0-0.xml

    Dabei ist der Erste Balkankrieg noch keine zwei Monate alt.
    Das ohnehin schon geschwächte OR liegt fast darnieder.
    Doch soll die Leiche noch nicht gefleddert werden, und noch kämpft sie in Europa.

    Der britische Außenminister Grey schlägt vor Istanbul zur „international City“ zu machen. Der russische Widerstand verhindert (scuttle) das Projekt. Entweder unter russischer Herrschaft oder es bleibt beim Status Quo.
    Am 17. Januar 1913 ermahnen die internationalen Mächte in einer gemeinsamen Note die Führung des OR sofort alle militärischen Maßnahmen einzustellen und die durch den Krieg auferlegten Bedingungen anzunehmen.
    Der Großwesir (so eine Art Ministerpräsident) Kamil Pasha ist bereit darüber zu verhandeln.
    Dies veranlasst eine radikale Gruppe von Offizieren um Talat und Enver (später Innenminister und Kriegsminister) den Regierungssitz zu stürmen, mit vorgehaltener Waffe den Großwesir zum Rücktritt zu bewegen. Der Kriegsminister wird dabei erschossen.
    (Aksakal – The Ottoman Road to War – S.78ff)
    Dieser Coup zeigte, so Aksakal, dass keine liberale Regierung des OR solche Niederlagen überleben könne. Dies verändert auch die außenpolitische Haltung maßgeblich.
    Der Nachfolger des gestürzten Großwesirs ist Mahmud Shevket. Dieser wird am 11. Juni ermordet. (Nach englischem Wiki von einem Verwandten des beim Coup ermordeten Kriegsministers.)
    Das OR taumelt und sucht nach einer Stütze.
    Die erfolgreichen Putschisten Talat und Enver sehen diese vor allem im Deutschen Reich.

    Und damit sind wir am 'osmansichen' Vorabend der Liman-von-Sanders Krise, die sich Ende 1913 entfaltet.
    Das OR ist instabil, um das Wenigste zu sagen.
     
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Es war ja auch keine europäische Großmacht bereit dem Osmansichen Reich seine "ehrlichen Maklerdienste" anzubieten. Sir Edward Grey brachte es in einem Schreiben am 19.09.1911 an Nicholson wie folgt zum Ausdruck:
    "[...] Es wird mißlich sein, wenn Italien sich auf eine aggressive Politik einläßt und die Türken sich an uns wenden. Falls die Türken dies tun, meine ich, daß wir sie an Deutschland und Österreich als die Verbündeten Italiens verweisen müßten. Es ist überaus wichtig, daß weder wir noch Frankreich jetzt gegen Italien Partei ergreifen." (BD, Band 9.1. 1.Teilband, S.450 Dokument 231) Obwohl die Engländer schon lieber Italien als Nachbar Ägyptens hätten, als das Osmanische Reich.

    Das Lavieren Italiens zwischen den Blöcken machte sich hier für Rom bezahlt.

    Bekanntermaßen hatte ja Sasonow den Italienern empfohlen, den Krieg auszudehnen, da Konstantinopel dies aufgrund der gewachsenen Zuversicht wegen der Erfolge in Tripolitanien das italienische Friedensangebot abgelehnt hatte.

    Der russischen Regierung war der Krieg nicht unwillkommen. Am 12.Oktober 1911 unterbreitete Tscharykow, das war der russische Botschafter in Konstantinopel, den Osmanen das Angebot eines Freundschaftsvertrages. "Man wollte bei der Aufrechterhaltung des gegenwärten Regimes am Bosporus und den Dardanellen ihre wirksame Unterstützung leihen und diese auch auf die anliegenden Gebiete ausdehnen." (Schöllgen, Imerialismus)
    Im Gegenzug war der russischen Flotte freie Durchfahrt durch die Meerengen zu gewähren.

    Nunmehr war eine Lage eingetreten, die Bismarck hellsichtig vor vielem Jahren vorausgesehen hatte. "Wenn Rußland sich für ausreichend gerüstet halten wird, wozu eine ausreichend Stärke der Flotte im Schwarzen Meer gehört, so wird, denke ich mir, das Petersburger Cabinet, ähnlich wie in dem Vertrag von Unkiar-i-Skelessi 1833 verfahren, dem Sultan anbieten, ihm seine Stellung in Constantinopel und den verbliebenen Provinzen zu garantieren, wenn er Rußland den Schlüssel zum russischen Hause, d.h.zum Schwarzen Meere, in der Gestalt eines russischen Verschlusses des Bosporus gewährt. (Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, S.418).

    Berlin war jedenfalls bereit den Russen keine Steine in den Weg zu legen. Bethmann und Kiderlen wollten den eingeleiteten Prozess mit dem Abkommen von Potsdam nicht gefährden. Es ging hier u.a. um die Bagdadbahn. Insgeheim hoffte man vielleicht auch darauf, wie so oft vergeblich, die Triple Entente über diese Frage auseinander zu manövrieren.

    Das es im Oktober 1912 es zu einen Frieden kam, war auch das Verdienst des deutschen Botschafters Wangenheim zu danken.
     
  10. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Es ist nicht, so das Konstantinopel keinerlei Informationen auf die italienischen Absichten hatte, aber man setzte eben auf Berlin und Wien. Und dort gab man sich zuversichtlich, den Krieg verhindern zu können. (Geiss, Der lange Weg in die Katastrophe, S.194)

    Konstantinopel war allerdings im September gerade mit der Niederschlagung des Augstandes in Jemen beschäftigt.

    Am 29.Septermber 1911, der Tag an dem Italien dem Osmanischen Reich den Krieg erklärte, erhielt Aehrenthal Besuch vom italienische Botschafter; dem Herzog von Avarna.

    Der Herzog teilt zunächst mit, dass Rom bereit sei den Dreibundvertrag unverändert in aller Stille zu verlängern. Nicht ungeschickt das Vorgehen.

    Als nächstes erfuhr Aehrenthal dann, das die italienische Regierung nunmehr die tripolitanische Frage einer Lösung zu überführen wird.

    Am 29.0. sprach auch Grey mit den italienischen Botschafter. Sir Edward brachte zum Ausdruck, „Doch die völlige und gewaltsame Annexion von Tripolis sein ein äußerster Schritt, der für andere Mächte indirekt sehr mißliche Folgen haben könne, unter anderem für uns selbst, die wir so viel mohammedanische Untertanen hätten. Ich hoffe daher, die italienische Regierung werde die Dinge so zu wenden wissen, daß die Unannehmlichkeit für andere Mächte so weit als möglich beschränkt werde.“ (BD, Band 9/1 1.Teilband, Dokumente 251, S466 f).

    Die Londoner Presse sah das italienische Ausgreifen sehr kritisch vor allem nach dem brutalen, pogromartigen Agieren der italienischen Landstreitkräfte, die wahllos Araber hinrichteten. Die Italiener waren wütend, das diese sich auf Seiten der Türken stellten.

    Unter dem Datum des 01.Oktober 1911 berichtet Rodd, der englische Botschafter in Rom, unter anderem, das Militär und Regierung zuversichtlich, dass die Dauer des Feldzuges eine kurze sein würde. Ganz offenkundig hatte man sich grandios verkalkuliert. Am Ende waren über 100.000 Soldaten nötig und selbst das reichte immer noch nicht aus. Der 1.Balkankrieg war „ein Glück“ für Italien.

    Die italienische Armee landete zunächst 35.000 Mann in Tripolis und der Cyrenaika. Der deutsche Generalfeldmarschall von der Goltz übermittelte Mahmud Schewekt Pascha konkrete Vorschläge, wie man die italienischen Invasoren erfolgreich bekämpfen könne. Goltz mache deutlich, das an der Küste, wegen der Schiffsgeschütze nicht zu machen sei. Der Gegner, wenn er in das Innere das Landes vordringt, sie tief vordringen zu lassen, und dann wenn der Nachschub schwierig werden wird, dann könne man angreifen. (Kretholow, Goltz, S.357).
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich will mal an dieser Stelle weitermachen, und sorry für die Selbstzitierung.
    Als Gerüst verwende ich eine Masterarbeit für deren Verlinkung ich mich bei @silesia bedanke. 1)

    Nach dem blutigen Coup vom 23.01.1913 durch eine Gruppe von radikalen Militärs (Talat, Enver) wird der gestürzte Großwesir Kalim durch den General Mahmut Shevket ersetzt, der wohl in den Coup eingebunden war.
    Noch ist der 1. Balkankrieg nicht zu Ende, doch faktisch schon entschieden.
    Das neue Regime kann den auferlegten Friedens-Bedingungen nicht zustimmen, hat es doch gegen deren Annahme geputscht.
    So werden am 30. Januar die aussichtslosen Kämpfe durch die osmanische Armee wieder aufgenommen.
    Das Ergebnis ist eine Niederlage an allen Fronten.

    Das OR ist dem Kollaps nahe, seine Lage unsicherer denn je.
    Denn die unabwendbare Katastrophe des 1. Balkankriegs hat den Blick der Mächte auf das OR verändert, während sich die innenpolitische Situation als fragil und radikalisiert darstellt.
    Am 16. April 1913 kommt es endlich zum Waffenstillstand, der 'Kranke Mann am Bosporus' ist geschlagen.
    Acht Tage später am 24. April, fühlt der neue Großwesir Mahmud Shevket beim deutschen Botschafter Wangenheim vor, wie es um die Möglichkeit bestellt sei eine Militärmission zu entsenden.

    Der nimmt den Ball umgehend auf.
    Nur zwei Tage danach am 26. April erhält das AA in Berlin einen ausführlichen Bericht darüber und über Lage und Stimmung im OR .
    Er lobt den Großwesir über den grünen Klee. Unter Shevket habe sich rasch alles gebessert, ein neuer Geist herrsche nach vorangegangener Verzweiflung, und so schlecht sei die „türkische“ Armee nicht usw.
    Und sofern die „Jungtürken“ am Ruder blieben wäre die Fortsetzung der Politik Shevkets „bis auf Weiteres“ gesichert.
    Und schließlich:
    „D i e M a c h t, w e l c h e d i e A r m e e k o n t r o l l i e r t, w i r d i n d e r T ü r k e i i m m e r
    d i e s t ä r k s t e s e i n.
    *
    Es wird keiner deutschfeindlichen Regierung möglich sein, sich am
    Ruder zu halten, wenn die Armee von uns kontrolliert ist. Diese
    Erwägung mag auch Mahmud Schewket vorschweben. Er scheint damit
    zu rechnen, daß die von uns beeinflußte Armee zu einer Stärke der
    jungtürkischen Herrschaft wird.“
    2)

    Am 22. Mai 1913 berichtet Wangenheim nach Berlin, dass ihn der Großwesir gebeten habe
    „Seiner Majestät dem Kaiser die Bitte um einen leitenden General für die türkische Armee zu unterbreiten.“ 2) Dok. 15 440

    Keine vier Wochen später, 11. Juni, wird der Großwesir ermordet. Die Täterschaft bleibt bis heute spekulativ.
    Es folgt Said Halim von Gnaden der Putschisten der CUP (Jungtürken).

    Schaun wir mal wie es weitergeht für die Osmanen, die sich an einer Bruchstelle der Geschichte befinden . ...

    ..................
    * diese Schreibweise ist die Hervorhebung dieser Zeit, und die einzige im Dokument.

    1) Enip Öncü : http://www.thesis.bilkent.edu.tr/0002417.pdf

    2) GP 38 Dok. Nr. 15 439.
    https://archive.org/details/grossepolitik38germ
    Dazu eine Anmerkung:
    Es wurden nach dem Ersten Weltkrieg von Regierungsstellen vieler Nationen Sammlungen offizieller Dokumente veröffentlicht. Diese waren, so wie ich es verstehe, Bestandteil einer Auseinandersetzung um Kriegsursachen und Kriegsschuld. Insofern kann man argwöhnen, dass die Zusammenstellung dieser Dokumente tendenziös war.
    (Es würde mich interessieren wie andere Forumsteilnehmer das einschätzen)
    Doch machen Historiker, insbesondere Albertini, reichlich Gebrauch von diesen. Diese Dokumente sind auch zweifellos eine interessante Lektüre. Doch können diese wohl nur im Kontext gesehen werden.
    Bemerkenswert ist bei den zur Liman-von-Sanders Krise veröffentlichten Dokumenten (des AA der Weimarer Republik ) der unterschiedliche Standpunkt in der internen Kommunikation zu dem was nach außen kommuniziert wird.
    Sehr lesenswert sind die dokumentierten Randbemerkungen des KW2.
    „Schurke!.. Esel! .. nun Nacken steif, und Hand ans Schwert!“ (Mei, der Willy halt.)
     
  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich denke, das die Dokumentensammlungen Deutschlands, Österreich-Ungarns, Englands und Frankreichs ein sehr wichtiger Pfeiler zur Erforschung und dem Verständnis der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges bilden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Januar 2022 um 08:11 Uhr
  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich zitiere hier einmal Bethmann-Hollweg seine Erinnerung an die Liman-Krise.

    "Wie leicht erregbar Herr Sasonow war, zeigte sich im Herbst 1913. Der durch die Türkei angeregte Plan zur Einsetzung einer deutschen Militärmission in Konstantinopel war im vorausgegangenen Juli vom Kaiser in meiner Gegenwart mündlich mit dem Zaren und dem König von England besprochen worden, ohne das einer der beiden Monarchen etwas eingewendet hätte. Im Gegenteil wurde in dem Plan nur eine Erneuerung der früheren Militärmission Goltz-Paschas gesehen und natürlich gefunden. Sasonow aber, den ich im November auf seiner Rückreise von Paris in Berlin sprach, schöpfte aus dem Umstand, daß ich die Angelegenheit nicht mit ihm besprochen hatte, den Verdacht, ich hätte ihn hintergehen wollen. Davon konnte keine Rede sein. Ich dürfte Herrn Sasonow für unterrichtet halten und hatte keinen Anlaß, die Sache, die sich in militärisch-technischen Verhandlungen ihren Abschluß näherte, vom mir aus zum Gegenstand politischer Aussprache zu machen. Durch persönliches Benehmen mit dem Grafen Kokowzow, der kurz nachher gleichfalls Berlin passierte, und durch Erfüllung seines Wunsches, die Betrauung des Missionschefs mit einem aktiven Kommando wieder zu beseitigen, gelang es mir, die Angelegenheit sachlich so zu bereinigen, daß der Zar dem Grafen Pourtales ausdrücklich seine Befriedigung übe r ihre Applanierung aussprach. Der Argwohn Sasonows stimmte schlecht zu seiner eigenen Schweigsamtkeit in Baltisch-Port über die aus seiner Initiative entwickelnden Balkanvorgänge."

    Bethmann-Hollweg, Betrachtungen zum Weltkrieg, herausgegeben von Düffler, S.92, Erster Band
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Sorry @Turgot,
    ich möcht gern noch kurz das OR anschaun. Sozusagen den Spieler auf der Bühne der Ereignisse.

    Also am 11. Juni wird Großwesir Shevket ermordet.
    Tags drauf ist das groß auf den Titelblättern der Zeitungen. 1)
    Verdächtigt werden hochgestellte Liberale auch aus dem Umfeld der im Januar gestürzten Regierung.
    Das Berliner Tageblatt berichtet täglich über deren Verhaftungen.
    Am 13. Juni, so schreibt das BT: „im Laufe des Tages sind heute weitere 150 Verhaftungen
    vorgenommen worden. Unter den Verhafteten befinden sich fast alle Leiter der liberalen Klubs der Hauptstadt, unter ihnen auch Beamte“
    2)
    Es finden wohl größere „Säuberungen“ statt.

    Said Halim wird der neue Großwesir, und weitere CUP-Leute besetzen Schlüsselposition, die „CUP dictatorship“ beginnt. 3)
    Es entwickelt (oder festigt?) sich das radikale diktatorische Triumvirat aus Enver, Talat und Cemal.
    (Alle drei werden wegen ihrer Rolle beim Völkermord an den Armeniern der Operation Nemesis zum Opfer fallen.)

    Ich wollte nur mal einen Blick auf das OR werfen. Wie waren die beinander?
    (Eines waren die auf jeden Fall: am Rande des Abgrunds.)

    …........
    1) Berliner Tageblatt, Vossische Zeitung, Prager Abendblatt, und dann die Kronenzeitung.
    Letztere ist wohl so eine Art Bildzeitung ihrer Zeit (und ist es heute noch.):)
    .. nebenbei bemerkt: ist schon manchmal interessant in alten Zeitungen zu lesen. Beide Archive sind wirklich gut, doch das Österreichische ist der Hammer.

    2)https://dfg-viewer.de/show/?set[mets]=https://content.staatsbibliothek-berlin.de/zefys/SNP27646518-19130614-0-0-0-0.xml

    3) Enip Öncü
     
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zum Kontext Mittelmeer (Italien, Libyen, Osmanisches Reich) einige links mit downloads/ open access

    A Bridgehead to Africa
    A Bridgehead to Africa German Interest in the Ottoman Province of Tripoli (Libya) 1884–1918, 2021

    "We Are Now a Mediterranean Power": Naval Competition and Great Power Politics in the Mediterranean, 1904-1914.
    OhioLINK ETD: Hendrickson, Jon

    Tokay, Austro-Ottoman Relations and the Origins of World War One, 1912-14: A Reinterpretation
    http://www.sam.gov.tr/pdf/perceptio...5/perceptions_summer-autumn2015-1.pdf#page=43

    Wilcox, Imperial Thinking and Colonial Combat in the Early Twentieth-Century Italian Army
    Imperial Thinking and Colonial Combat in the Early Twentieth-Century Italian Army | The Historical Journal | Cambridge Core

    Wilcox, Italy in the Era of the Great War
    Italy in the Era of the Great War | Brill

    Wasti, A review of the Turco-Italian war of 1911–1912 and related letters of Enver Pasha
    A review of the Turco-Italian war of 1911–1912 and related letters of Enver Pasha | Request PDF

    Choate, Tunisia, Contested: Italian Nationalism, French Imperial Rule, and Migration in the Mediterranean Basin.
    Tunisia, Contested: Italian Nationalism, French Imperial Rule, and Migration in the Mediterranean Basin.

    McCollum, The Anti-Colonial Empire: Ottoman Mobilization and Resistance in the Italo-Turkish War, 1911-1912
    The Anti-Colonial Empire: Ottoman Mobilization and Resistance in the Italo-Turkish War, 1911-1912


    sowie ansonsten
    Geppert et al., The Wars before the Great War - Conflict and International Politics before the Outbreak of the First World War
    The Wars before the Great War
    Yavuz/Blumi, The Balkan Wars, 1912–1913, and Their Sociopolitical Implications
    Project MUSE - War and Nationalism
    Wilcox, The Italian Empire and the Great War
    Italian Empire and the Great War - Oxford Scholarship
    Simon, Libya between Ottomanism and Nationalism: The Ottoman involvement in Libya during the War with Italy (1911–1919)
    Libya between Ottomanism and Nationalism: The Ottoman involvement in Libya during the War with Italy (1911–1919), by Rachel Simon. (Islamkundliche Untersuchungen, vol. 105.) 398 pages. Klaus Schwarz Verlag, Berlin 1987. | Review of Middle East Studies | Cambridge Core
    Herrmann, The Paralysis of Italian Strategy in the Italian-Turkish War, 1911-1912,
    Paralysis of Italian Strategy in the Italian—Turkish War, 1911—1912
    Ahmida, State and Class Formation and Collaboration in Colonial Libya, in: Ben-Ghiat/Huller, Italian Colonialism
    https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-1-4039-8158-5_6
     
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  16. hatl

    hatl Premiummitglied

    ...denke dem lässt sich einiges hinzufügen.
    Ich hab jetzt mal die entsprechenden BD Dokumente gelesen und die der GP.
    (haben ja beide eine umfangreiche Zusammenstellung unter dem Thema Liman-von-Sanders-Krise. Wie das mit den Österreichischen Dokumenten ist, weiß ich nicht. Aber Du hast da ja eine Sammlung. Französische und Russische hab ich nicht, und die nutzten mir leider auch nichts, weil ich sie nicht verstehe)
    Also dem britischen Außenminister Grey kommt die ziemlich plötzlich aufpoppende Sache sehr ungelegen und dem russischen Außenmister traut er nicht. Nach seiner Einschätzung veranstaltet der Sazonov einen Zirkus (fuss) der die Sache nicht wert ist. UK ist gerade dabei bessere Beziehungen zum DR aufzubauen. Außerdem scheint auch die britische Führung selbst überrascht, dass sie dort den Admiral Limpus mit sehr großen formellen Vollmachten haben. (Vertrag ist auf zwei Jahre und läuft 1914 aus)
    Die wird man nicht gefährden wollen. (Das DR steht ja auch da auf dem Wunschzettel des Großwesirs, wie aus den Doks. der GP hervorgeht)
    Bemerkenswert bei den BD ist die wiederholte Klage, dass die Russen uneindeutig seien oder auch uninformiert über klare Fakten. *

    Was die deutsche Dokumentensammlung GP angeht, so fand ich den Auftakt interessant. Der Wangenheim schreibt gleich nach dem Vorfühlen des Großwesirs Shevket bezüglich einer neuen Militärmission einen ausführlichen Bericht der Skepsis enthält, aber auch die Beschreibung der Frucht die man ernten könnte: Wenn wir das Osmanische Militär kontrollieren, kann an der Hohen Pforte keine Regierung gegen das Deutsche Reich gebildet werden. (Das nennt man Hegemonie. )
    Man findet auch Verständnis für die Russen: klar, die wollen ein schwaches OR um sich in einem günstigen Moment Hauptstadt und Meerengen einzuverleiben. Das wollen wir aber nicht! **
    Das Sahnehäubchen der GP sind die Randbemerkungen des Kaiser Wilhelm.
    (Dieser Mensch wurde nie erwachsen und knirscht stets im außenpolitischen Getriebe.)


    * und tatsächlich gibt es da ja keine klare Haltung, sondern einen internen Konflikt: Sazonov gegen Kokovtsov und andere in der Einschätzung der Gefahr durch die Liman-Mission. Der russische Botschafter in London folgt der Sichtweise Kokovtsovs, der Anfang 1914 sein Amt verlieren wird).

    ** Dass das DR sich dem wichtigsten strategischen Ziel Russlands in den Weg stellt, ohne ein vergleichbares eigenes Interesse, ist für das beiderseitige Verhältnis schädlich und weckt den Argwohn der Argwöhnischen. Allen voran bei Sazonov.
     
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  17. hatl

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