Lokaler Adel im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Mephisto, 23. Mai 2007.

  1. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Ich habe (mal wieder) eine Frage...

    Im Rahmen heimatgeschichtlicher Forschungen bearbeite ich gerade den urkundlichen Erstbeleg meiner Heimatgemeinde. Dieser ist eine Urkunde aus dem Jahre 1238, in der die Grafen von Battenberg (im Nordhessischen, verwandt mit dem Hause Wittgenstein) die Hälfte ihrer Grafschaft an das Erzbistum Mainz verkaufen.

    Im Originaltext werden dann die Centen (die man frei mit Gerichtsbezirken, ohne diese Problematik thematisieren zu wollen, übersetzen könnte) im einzelnen aufgezählt. In der Urkunde heißt es:
    Die aus meiner Sicht interessante Stelle habe ich mal markiert. Was mich an dieser Stelle etwas irritiert ist, daß nur bei diesen beiden Centen expliziet Zentgrafen erwähnt werden. Wie muß ich mir die Stellung und die Rechte eines solchen, vom einheimischen Adel abstammenden, Zentgrafen vorstellen? Und warum werden diese in diesen beiden Fällen so hervorgehoben?
     
  2. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Einmal ganz auf die Schnelle: hilft Dir für einen Grobüberblick folgender Artikel erst einmal weiter?
    Zentenarius - Wikipedia
     
  3. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Hmm... Nein. ;o)
    Den kannte ich auch schon. Mir geht es mehr um diese besondere Hervorhebung der Zentgrafen an dieser Stelle und eine mögliche (in mancher Literatur erwähnten) Sonderstellung.
     
  4. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Ich kann da auf die Schnelle nur Wikipedia liefern:
    Zentenarius - Wikipedia
    Und daraus würde ich nicht schließen, daß ein solcher Zentgraf adlig sein muß.

    M. E. weil sie bestimmte Befreiungen (von Abgaben?) haben.

    Zuerst kommen die vier Zente, die ganz befreit sind.
    Dann kommen die zwei Zente, in denen Zentgrafen wohnen, und die deswegen befreit sind.
    Und dann kommen die vier Zente, die nicht befreit sind (und beim letzten hat wohl noch der Landgraf die Finger drin).

    Mir stellt sich dieser Ausschnitt so dar, daß es nicht in allen Zenten einen Zentgraf gibt. Und wo es einen gibt, hat das die (unklaren) Befreiungstatbestand zur Folge.
     
  5. Da noch niemand eine letztgültige Interpretation geliefert hat, will ich auch mal eine versuchen.
    In den hervorgehobenen Bezirken hatten die Zentgrafen die hohe Gerichtsbarkeit inne. In den letzten vier (nicht nur im allerletzten) hatte der Landgraf die Gerichtshoheit für sämtliche Rechtsverletzungen.
    Die Zentgrafen waren nicht unbedingt Adelige (konnten sich aber dazu entwickeln. Man darf sich durch das -graf nicht irritieren lassen; es verhält sich damit wie z.B. mit den Deichgrafen.
     
  6. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Völlig richtig, das ist ein Plural ...

    Bist Du da sicher? Mir ist die Formulierung nicht so klar.
     
  7. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Also in Fromolskerke (heute Bromskirchen, mein Heimatort) waren diese Zentgrafen die Herren von Beltershausen (thüringische später itter'sche Ministeriale).

    Die Dorfchronik bietet für die letzte Stelle folgende Übersetzung: "(...) in diesen letzteren hat der Landgraf alle Gerichtsbarkeit gewaltsam an sich gerissen."
     
  8. Dem wage ich nicht zu widersprechen, zumal es vermutlich auch eine historische Überlieferung dieser "Usurpation" geben wird. Das Ergebnis wird aber (wage ich einmal in den Raum zu stellen) in etwa das von mir angenommene gewesen sein. In den hervorgehobenen Bezirken übten die Grafen von Battenberg (comes/comitis) über die ihnen unterstehenden Zentgrafen die Gerichtsbarkeit aus, während diese in den folgenden Bezirken der Landgraf "an sich gerissen" hatte.

    Bemerkenswert finde ich aber, dass dieser "Sachmangel" im Kaufvertrag so offen angesprochen wird.
     
  9. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Da der Mangel ziemlich offensichtlich ist, würde ein Verschweigen wohl nur zu größerem Ärger führen ...

    Vielleicht gehört das aber auch entscheidend zum Hintergrund des Verkaufs: Die Grafen von Battenberg werden wohl zu schwach gewesen sein, um ihre behaupteten Rechte gegen den Landgrafen durchzusetzen. Ihr Rechtstitel ist für diese vier Zenten nicht praktisch verwertbar.
    Der Erzbischof und Kurfürst von Mainz und Reichskanzler dagegen ist deutlich stärker und einflußreicher als der Landgraf, wenn der es schafft, die Gerichtsbarkeit zurückzugewinnen, ist das eine Einnahmequelle, für die er eine gewisse Kaufsumme riskieren kann.
     
  10. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Ja, daß denke ich auch. Zumal die battenberger Grafen ja nur die Hälfte der Einkünfte an Mainz verkauft haben (den Rest erst 1291 soweit ich weiß). D.h., daß sie bei einer mainzer Intervention ebenfalls davon profitiert hätten, da ihnen dann zumindest die Hälfte, statt wie vorher gar nichts, der Einkünfte zugeflossen wäre.
     
  11. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Hab noch zwei interesannte Stellen in der Literatur gefunden:




    Ich denke, der zweite Punkt erklärt ganz plausibel, warum die Zentgrafen in der Urkunde genannt wurden. Was aus meiner sich noch offen ist, warum die Battenberger Grafen ausgerechnet in diesen beiden Zenten Zentgrafen einsetzten...
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Mai 2007
  12. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Wenn ich diesen Kontext richtig verstanden habe, dürfte es sich dabei um Immunitäten handeln, welche noch aus früheren Zeiten (also vor 1238) stammen.
    Mit dem Begriff "Immunität" (immunitas/emunitas) ist die Freiheit eines (meist, aber nicht notwendigerweise adligen) Herrn samt seiner Besitzungen und Hintersassen von Eingriffen fremder, vor allem königlicher und herrschaftlicher Gewalt bei Ausübung der Gerichtsbarkeit und Forderung von Abgaben und Dienste gemeint (nach W. Volkert "Adel bis Zunft: Ein Lexikon des Mittelalters" - C.H. Beck, München 1991).

    Ähnlich äußert sich der Autor jener (privaten?) Heimatforschungsseite: frühe Geschichte des Dorfes
    Leider hat er keine Literatur angegeben, immerhin aber einen Verweis auf den Quellentext, welcher Dir auch vorliegt, den er übersetzt hat: Urkundliche Ersterwähnung

    Daneben läßt auch die Geschichte der Vögte von Keseberg Schlüsse in diese Richtung zu: Burgenlexikon: Keseburg

    Aber wie bereits geschrieben, ist dies lediglich eine Interpretation meinerseits - und vielleicht bekommt es jemand besser präzisiert... :fs:
     
  13. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Das ist ein Teil einer alten Seite von mir. =) Wußte gar nicht, daß es die noch gibt... Aber das ist auch nur abgeschrieben, eben ohne Angaben von Literatur. Mittlerweile habe ich etliches an Literatur angesammelt, aber das ist alles noch sehr unbefriedigend.

    Gibt es vergleichbares aus anderen Regionen?
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Mai 2007
  14. Mercy

    Mercy unvergessen

  15. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Etwas Ähnliches hatte ich mir schon gedacht :cool:

    Vergleichbar ja und sogar eine noch stärkere Immunität, die sich auch nach der Zugehörigkeit zum Kurfürstentum Sachsen noch beibehalten hat, gibt es in meiner Heimat: es sind die Ländereien der Schönburger. Dieser Fall ist jedoch für das Reich einzigartig, weil er mW nirgendwo sonst so aufgetreten ist, und hilft Dir außerhalb der (albertinisch-)sächsischen Geschichte kaum weiter...
     
  16. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Hab heute noch einen, in seiner Gesamtheit sehr lesenswerten, Aufsatz gefunden, der noch Angaben zu der Thematik macht.

     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Mai 2007
  17. Battimontanus

    Battimontanus Neues Mitglied

    Hallo, Mephisto!

    vielleicht kann ich auch hier noch eine verspätete Hilfestellung leisten.

    Ludwig Lotzenius erklärt in seiner "Geschichte der Ämter Battennberg und Wetter" die in der Urkunde von 1238 geschilderte Herrschaftssituation in der Grafschaft Battenberg folgendermaßen: Die vier Zente bzw. Gerichte Battenfeld, Röddenau, Bentreff und Laisa unterstanden den Battenberger Grafen. Die Zente Lixfeld, Dautphe, Wetter und Asphe hingegen hatten die hessischen bzw. damals noch thüringischen Landgrafen den Battenberger Grafen entrissen - und gaben sie ihnen auch in der Folgezeit nicht wieder zurück. In den beiden Gerichten Geismar und Bromskirchen, und zwar nur in diesen beiden, saßen besondere Zentgrafen, wobei es sich dabei vermutlich um das jeweils vor Ort bestimmende Adelsgeschlecht (in Geismar die Herren von Keseberg, in Bromskirchen die Herren von Beltershausen) gehandelt haben dürfte. Beide Gerichte waren den Battenberger Grafen dadurch zwar nicht vollständig entzogen, jedoch mussten sie sich dort die Herrschaft mit den Zentgrafen teilen.

    Die lange Zeit ungedruckte Arbeit von Lotzenius haben wir in Battenberg im vergangenen Jahr (2013) übrigens in einer überarbeiteten Fassung herausgegeben.
     
  18. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied


    Hallo Mephisto, meist du Tammo von Beltershausen?
    Gibt es einen super Aufsatz von Prof. Dr. Ritzerfeld über diesen.

    Gruß

    en hesse
     

Diese Seite empfehlen