Luftschiffe im Seekrieg - eine fast vergessene Geschichte

kwschaefer

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In der Nacht 13./14. Januar 1942, dem ersten Tag des Unternehmens „Paukenschlag“, versenkte U-123 (Kapitänleutnant Hardegen) nahe der Insel Nantucket an der amerikanischen Ostküste den 9.500 to-Tanker „Norness“.
Am Morgen des 14. Januar patrouillierte das Luftschiff K-3 der Airship Patrol Squadron 12 der US Navy in der Nähe, als es durch ein Flugzeug auf ein Ereignis südlich hingewiesen wurde. Der Kommandant Lt.(jg) Furculow folgte den Hinweisen und fand den noch aus dem Wasser ragenden Bug des Tankers. Bei der Suche nach Überlebenden fand er in einigen Meilen Entfernung ein Rettungsfloß mit vier Insassen. Furculow unterrichtete die Naval Airship Station Lakehurst, versorgte die Insassen mit Wasser und Nahrungsmitteln und blieb bei ihnen, bis sie von einem herbei geschickten Schiff aufgenommen worden waren.
Dieses Ereignis leitete eine Renaissance der militärischen Verwendung von Luftschiffen ein, die heute weitgehend vergessen ist.

Am Beginn des zweiten Weltkrieges war die Existenz der militärischen Luftschifffahrt praktisch beendet. Die Aeronavale in Frankreich hatte 1934/35 noch zwei Zodiac-Luftschiffe für Patrouillenzwecke in Dienst gestellt, die aber im Krieg, soweit ich feststellen konnte, nicht mehr verwendet wurden. In der Sowjetunion gab es vor dem Krieg die V-6, die auch im Krieg für Transporte in unwegsamen Gebieten eingesetzt wurde, und die V-12 „Pobeda“, die für Transporte und noch bis 1947 für Minensuche im Schwarzen Meer Verwendung fand.

In den USA, wo sowohl im US Army Airship Service als auch im US Navy LTA-Program (LTA= lighter than air) seit dem Ende des ersten Weltkrieges Luftschiffe eingesetzt wurden, bedeutete die Weltwirtschaftskrise fast das Ende. Im US Army Air Corps wurde der Airship Service Mitte 1937 aufgegeben und die letzten beiden Luftschiffe an die Navy übergeben. Die Navy hatte ihre großen starren Luftschiffe bis auf das deutsche Reparationsluftschiff LZ 126, in der Navy ZR-3 „Los Angeles“, durch Unfälle verloren. ZR-3 wurde wegen der hohen Betriebskosten 1932 eingemottet und 1939 schließlich abgebrochen.

Im Sommer 1939 verfügte die US Navy über acht Luftschiffe ganz unterschiedlicher Typen, von denen drei veraltet und nur zum Training brauchbar waren. Bis zum Sommer 1940 war wegen notwendiger Umbauten die Zahl einsatzfähiger Schiffe erneut auf drei Patrouillenschiffe und zwei Trainingsschiffe zurückgegangen. Diese Luftschiffe waren im Rahmen der sogenannten Neutrality Control, die Präsident Roosevelt am 5. September 1939 angeordnet hatte, eingesetzt.

Im Sommer 1940 wurde ein neues LTA-Programm verabschiedet, das den Bau von 48 Luftschiffen nach dem Muster des Typschiffs K-2 und den Bau zusätzlicher Naval Airship Stations vorsah. Die K-Klasse erwies sich als sehr erfolgreich, sodass während des Krieges insgesamt 135 Luftschiffe dieser Klasse gebaut wurden.

Den Höhepunkt erreichte der Einsatz dieser Luftschiffe im März 1944, als 119 von ihnen gleichzeitig operationell waren.

Das Operationsgebiet reichte von Neufundland bis fast zur Küste von Uruguay:

Fleet Airship Wing One, 40 Luftschiffe, von Neufundland bis Georgia
Fleet Airship Wind Two, 23 Luftschiffe, Florida,Golf von Mexiko, Karibik
Fleet Airship Wing Three, 32 Luftschiffe, Kalifornien, Oregon
Fleet Airship Wing Four, 16 Luftschiffe, Brasilien
Fleet Airship Wing Five, 8 Luftschiffe, Trinidad

Die Squadron 14 der Wing One mit sechs Luftschiffen wurde 1944 nach Port Liautey in Marokko verlegt, zur Suche nach durchbrechenden U-Booten in der Straße von Gibraltar. Zwischen dem 29. Mai und dem 1. Juli fuhren die Luftschiffe jeweils paarweise über Neufundland, Azoren nach Marokko. Anfang Mai 1945 wurde eines der Schiffe auf Anforderung der Briten nach Pisa verlegt, um die Minensuche vor der südfranzösischen und ligurischen Küste zu unterstützen.

Im April 1945 wurde die Squadron 42 der Wing Four, ebenfalls auf Anforderung der Briten, von Brasilien nach Südengland in Marsch gesetzt, um vor Südwest-England bei der Suche nach Schnorchel-U-Booten zu helfen. Sie erreichte ihr Ziel vor Kriegsende nicht mehr.

Neben diesen Patrouillen- und Geleit-Einheiten gab es noch die Airship Utility Squadron One mit sechs Luftschiffen in Florida, die andere Unterstützungsaufgaben für die US Navy ausführte.

Die Schiffe waren mit zwei MGs ausgerüstet und führten Wasserbomben und ab 1944 einen Torpedo mit akustischer Sucheinrichtung mit, der nach der Ortung eines U-Bootes mit Sonarbojen eingesetzt werden konnte. Sie waren ferner mit einem Radar mit 160 km Suchradius und einem Magnetsensor ausgerüstet.

Es ist zwar zu zahlreichen Ortungen von U-Booten durch Luftschiffe gekommen, doch wurde, soweit bekannt, kein einziges U-Boot durch ein Luftschiff versenkt. Dies war auch nicht ihre primäre Aufgabe. Sie sollten vielmehr entdeckte U-Boote über Funk melden und sich in Luv außerhalb der Reichweite der Abwehrwaffen des U-Bootes halten und weiter beobachten, bis Flugzeuge oder Schiffe zur Bekämpfung eintrafen.
Getauchte U-Boote konnten die Luftschiffe über kleine Ölspuren orten und auch, wenn sie ein begleitetes Schiff angriffen. Der Ursprung von Torpedolaufbahnen war leicht auszumachen. Ein Angriff auf ein nicht getauchtes U-Boot war nur zulässig, wenn das U-Boot den Tauchvorgang eingeleitet hatte oder ein Schiff direkt bedrohte.
War das Schiff im Geleiteinsatz, durfte ein U-Boot also angegriffen werden.

Der einzige direkte Überwasser-Kampf zwischen einem Luftschiff und einem U-Boot fand in der Nacht 18./19. Juli 1943 vor der Südspitze von Florida statt. Beteiligt waren U-134 (Kapitänleutnant Brosin) und K-74 (Lt.(jg) Grills). K-74 fuhr um 23.40 in einer Höhe von 150 m, als das Radar ein Echo in acht Meilen Entfernung anzeigte. Grills ging näher heran und konnte die Silhouette des U-Bootes gegen das mondbeschienene Wasser klar ausmachen. Da Grills wusste, dass in 20 Meilen Entfernung einige Frachter liefen und das U-Boot in diese Richtung fuhr, entschloss er sich um 23.55 zum Angriff, obwohl die Schiffe noch nicht direkt bedroht waren. Grills fuhr in einer Höhe von 75 m von querab auf das U-Boot zu, als dieses scharf drehte, dem Luftschiff das Heck zukehrte und es aus 250 m mit der 2-cm-Flak beschoss. Als K-74 das U-Boot überfuhr und Grills seine beiden Wasserbomben auslösen wollte, hakte die Auslösevorrichtung außenbords. Nun schoss neben der 2-cm-Flak auch die Bordkanone dreimal auf das Luftschiff, ohne erkennbaren Effekt. Die Granaten hatten jedoch die Hülle durchschlagen, wie die Besatzung später vom Wasser aus feststellte. Die Treffer der 2-cm-Flak setzten einen Motor in Brand. Das Luftschiff ging aufs Wasser nieder und Grills ging mit der Besatzung von Bord. Das Luftschiff trieb noch viele Stunden und einige Besatzungsmitglieder gingen in der Nacht nochmals für einige Zeit an Bord. Um 7.45 am anderen Morgen entdeckte ein Flugboot die Hülle des Luftschiffs kurz vor dem Versinken und ortete die Besatzungsmitglieder. Da der Seegang für eine Wasserung zu hoch war, führte das Flugzeug einen in der Nähe liegenden Zerstörer heran, der die Besatzung um 8.15 an Bord nahm. U-134 war nach der Begegnung in der Nacht verschwunden.

Neben diesen Einsätzen wurden die Luftschiffe auch immer wieder für die Seenotrettung verwendet. Das betraf auch deutsche Seeleute. Der Kreuzer USS „Omaha“ und der Zerstörer USS „Jouett“ versenkten Anfang Januar 1944 im Atlantik kurz nacheinander die deutschen Blockadebrecher „Rio Grande“ und „Burgenland“. Sie liefen danach ab, ohne sich um die Besatzungen zu kümmern, da sie glaubten, die Schiffe würden durch U-Boote eskortiert. Erst zwei Tage nachher begann man mit der Suche nach Schiffbrüchigen. K-42 startete von Fernando de Noronha und fand schließlich drei Boote in einigem Abstand voneinander. Der Kommandant Lt.(jg) London wies die Bootsbesatzungen mit Handzeichen zu einem Treffpunkt und benachrichtigte seine Station. Von dort wurde der im Seegebiet liegende Kreuzer USS „Marblehead“ entsandt und nahm 73 Besatzungsmitglieder der Blockadebrecher auf. Das Luftschiff deckte ihn während der Rettungsaktion gegen U-Boot-Angriffe. Dieser Einsatz der K-42 war mit mehr als 22 Stunden einer der längsten.

Nach der Einsatzstatistik der US Navy haben die Luftschiffe der US Navy während des Krieges 57.710 Einsatzfahrten unternommen, davon 13.800 an der Pazifikküste, der Rest im Atlantik. Die gesamte Fahrtdauer betrug 545.520 Stunden. Hinzu kamen rd. 280.000 Fahrtstunden bei Trainingseinsätzen. Die Fahrtdauer eines Einsatzes stieg von maximal 8 Sunden 1941 auf maximal etwas über 20 Stunden 1944.

Im Geleit-Einsatz eskortierten die Luftschiffe nach Schätzungen der US Navy 89.000 Schiffe, zumeist im Atlantik, davon 50.000 in Gewässern, in denen die Anwesenheit deutscher U-Boote festgestellt worden war. Von diesen durch Luftschiffe eskortierten Schiffen ging nur eines durch den Angriff eines U-Bootes verloren. Damit erwies sich das taktische Konzept des Luftschiffeinsatzes im zweiten Weltkrieg als ähnlich erfolgreich wie das britische der Eskortierung von Küstengeleitzügen durch Luftschiffe im ersten Weltkrieg.

Quellen:
Althoff, Sky Ships – A History of the Airships in the US Navy, New York 1990
Vaeth, Blimps & U-Boats – US Navy Airships in the Battle of the Atlantic, Annapolis 1992
 
@kwschaefer: schöner Beitrag, vielen Dank dafür :winke:

Eine weitere Geschichte:

Die ZP32 operierte an der Westküste und hatte unter anderem Luftschiffe aus der Goodyear-Flotte 1942 (L-4 und L-8) übernommen.

Am 11.4.1942 traf die L-8 mit einem Frachtflug zum Flugzeugträger HORNET im Pazifik unterwegs. Die offenbar wichtige Ladung von 300 Pfund betraf Ersatzteile für B-25-Bomber, die bereits dicht gedrängt auf dem Deck des Flugzeugträger standen. Die Absetzaktion im Pazifik war ein ausgesprochen schwieriges Manöver, man mußte einen freigeräumten Bereich treffen.

Die B-25 Bomber starteten dann am 18.4.1942 zu ihrem Angriff auf Tokio (Doolittle-Raid).
 
@silesia

Das Goodyear-Schiff „Ranger“, das dann bei der Navy L-8 hieß, hatte insgesamt eine etwas makabre Geschichte.

Zum Zeitpunkt des Überfalls auf Pearl Harbour war die Westküste der USA weitgehend ohne Verteidigungsmittel. Capt. Rosendahl, der wohl bekannteste Luftschiff-Offizier der USA, der auch in Deutschland wegen seiner Teilnahme an der Weltumrundung der „Graf Zeppelin“ nicht unbekannt ist, diente zu dieser Zeit im ‚Office of Chief of Naval Operations’. Er schickte sofort, übrigens per Eisenbahn. die alten Army-Luftschiffe TC-13 und TC-14 von der NAS Lakehurst zur NAS Moffet Field bei Sunnyvale in Kalifornien. Außerdem requirierte die Navy Goodyear-Reklame-Luftschiffe, die in Los Angeles stationiert waren.

Die Operationsbedingungen für unstarre Luftschiffe waren allerdings an der Pazifikküste alles andere als ideal. Das hatte die Navy schon beim Verlust des großen Starr-Luftschiffs USS „Macon“ 1934 schmerzlich erlebt. Stürme und sehr häufiger Nebel und Regen schränkte die Einsatzmöglichkeiten ein. Hinzu kam, dass die Besatzungen über keinerlei operationelle Erfahrung verfügten. So wurde im ganzen Jahr 1942 an der West-Küste nur ein einziger Patrouillen-Flug bei Nacht unternommen, wenn die japanischen U-Bote aufgetaucht marschierten und die besten Ortungs-Möglichkeiten gegeben waren.

In der Situation am Beginn des Pazifik-Krieges war die Navy gezwungen, auch L-Schiffe, die von Goodyear kamen und eigentlich nur für das Training geeignet waren, operationell einzusetzen, darunter auch L-8.

Dieses Schiff war ja sehr klein, unter 4.000 m³, und hatte nur eine dreiköpfige Besatzung. Es operierte häufig von einem Mast auf Treasure Island in der San Francisco Bay aus. Dort war seine Hauptaufgabe die „sardine patrol“; das war der populäre Name für die Begleitung der Küstenfischer beim morgendlichen Auslaufen und eine Patrouillenfahrt vor der Küste. Die Fahrdauer des Schiffs war nicht ausreichend, um den ganzen Tag bei den Fischereifahrzeugen zu bleiben; es kehrte deshalb normalerweise am späten Vormittag zurück und fuhr einige Zeit vor dem Einlaufen der Flotte zu einer zweiten Patrouillenfahrt wieder hinaus.

Ein solcher Einsatz war auch am 16. August 1942 vorgesehen. Durch den kalten Morgennebel, der sich auf der Hülle niedergeschlagen hatte, war das Schiff so schwer, dass es den Einsatz nur mit zwei Besatzungsmitgliedern fahren musste, dem Kommandanten Lt. Cody und Ens. Adams. Das Schiff startete um 6.00, berichtete um 7.50, dass man eine Ölspur bei den Farallon Islands, 30 Meilen westlich San Francisco, untersuche, und konnte beim nächsten Kontaktversuch seiner Station um 8.50 nicht mehr erreicht werden. Um 10.45 meldete Fort Funston auf der San Francisco Halbinsel telefonisch, ein Luftschiff sei gelandet und gleich wieder gestartet. Schließlich ging das Schiff in Dale City endgültig zu Boden. Ein Feuerwehrmann eilte als erster zur Landungsstelle, um der Besatzung zu helfen, aber die Gondeltüren waren offen und die Gondel leer.

Was geschehen war, konnte nie aufgeklärt werden. Es dürfte der einzige Fall in der Luftfahrtgeschichte sein, dass ein Luftfahrzeug ohne Besatzung landete und diese spurlos verschwunden blieb.
L-8 wurde repariert und für Trainingszwecke verwendet und nach dem Krieg an Goodyear zurückgegeben. Die Gondel diente 1969 – 1982 für ein weiteres kleines Luftschiff von Goodyear; sie ist jetzt im „National Museum of Naval Aviation“, eigentlich ein etwas makabres Austellungsstück.
 
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