Machtergreifung früher und heute

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von HNNK, 23. Februar 2021.

  1. HNNK

    HNNK Neues Mitglied

    Hei ich hätte da eine Frage. Früher gab es zum Beispiel bei Hitler und bei den Jakobinern eine Machtergreifung die durch die Rahmenbedingungen des Landes imstande kam. Es ist ja nicht einfach so passiert sondern die Leute bzw. das Volk wurde beeinflusst, manipuliert und die damalige Situation wurde ausgenutzt. Meine Frage ist, welche Rahmenbedingungen müsste es heute geben damit eine radikale bzw. antidemokratische also eine Gruppe die die Diktatur als richtig empfindet an die Macht gelangen kann. Es ist auch egal in welchen Land oder welche Gruppierung es ist aber es wäre nett wenn ihr Beispiele geben könntet oder mir einfach nur Tipps geben könntet, denn ich komme gerade bei meiner Recherche nicht mehr weiter. Es soll ein Projekt werden welches ich in naher Zeit abgeben muss. Danke im voraus :)
     
  2. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Glaube nicht das wir Dir eine Blaupause zur Einführung einer Diktatur geben werde.
    Wie währe es statt dessen wenn Du Dir Aufstieg der Jakobiner in Frankreich anguckst, inklusive der Rahmenbedingungen und was nach der Novemberrevolution bis Mitte der 30‘er im Deutschen Reich passiert ist.
     
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  3. HNNK

    HNNK Neues Mitglied

    Ja das werde ich jetzt machen, ich hatte mich tatsächlich mit dem Aufstieg der Jakobiner nicht genauer befasst. Danke sehr :)
     
  4. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Über das Thema könnte man Bücher schreiben... Halt, stimmt nicht, "hat man Bücher geschrieben" wär korrekt... viele, viele Bücher... ;)

    Der wichtigste Punkt mE: Das Vertrauen eines hinreichend großen Teils der Bevölkerung in das bisherige System inkl seine Institutionen und/oder Repräsentanten und die Fähigkeit, ihnen eine bessere Lebensituation zu bieten, ist zerstört. Die Nazis kamen in einer Situation an die Macht, als die republik-feindlichen Parteien (den Wahlergebnissen nach) größere Unterstützung hatten als die, die die WR stützten. Die Jakobiner kamen an die Macht, nachdem das ancien regime diskreditiert und gestürzt war, die ersten Nach-Revolutions-Regierungen aber auch keine substantielle Verbesserung der Situation brachten.

    Wie sich das Militär verhält, ist eine weitere Frage.
     
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  5. HNNK

    HNNK Neues Mitglied

    Aww danke dir vielmals, das hilft mir gerade echt weiter :)
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zunächst ist eine Unterscheidung vorzunehmen zwischen einem quasi "Staatsstreich" bzw. einem "Coup dÈtat" und einer Revolution. Die "Machtergreifung" von Hitler war eine Art Staatsstreich und die Französische Revolution war eine bürgerliche Revolution.

    Insofern sind es zwei völlig unterschiedliche Mechanismen, die da abgelaufen sind. Unabhängig davon kommt es zu einem gewaltsam herbeigeführten "Machtwechsel", sofern die etablierte Regierung durch - meistens - Kriege und andere Ereignisse geschwächt ist, also der "Repressionsapparat" nicht zuverlässig funktioniert und sofern ein historischer Akteur - als soziale Bewegung etc. - der einen ausreichenden Willen hat, die Macht zu ergreifen.

    Sofern man den kleinsten gemeinsamen Nenner formulieren möchte.

    Am systematischten hat es Griewank geleistet.
    Griewank, Karl (1992): Der neuzeitliche Revolutionsbegriff. Entstehung und Entwicklung. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.

    Relevante historische Einordnungen von Revolutionen liegen u.a. vor bei:
    Eisenstadt, Shmuel Noah (2006): Die grossen Revolutionen und die Kulturen der Moderne. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
    Moore, Barrington (1993): Social origins of dictatorship and democracy. Lord and peasant in the making of the modern world. Boston: Beacon Press
    Skocpol, Thada (1994): Social revolutions to the modern world. Cambridge: Cambridge University Press
    Skocpol, Theda (1979): States & Social Revolutions: A Comparative Analysis of France, Russia & China. Cambridge.: Cambridge University Press.
    Teich, Mikuláš; Porter, Roy (Hg.) (1986): Revolution in history. London, New York, Melbourne: Cambridge University Press.
    Tilly, Charles (1999): Die europäischen Revolutionen. München: Beck

    Und zur systematischen Macro- und Microsoziologischen Einordnung folgende aktuelle Studien und "Kassiker":

    Collins, Randall (2009): Violence. A micro-sociological theory. Princeton: Princeton University Press.
    Coser, Lewis A. (1965): Theorie sozialer Konflikte. Neuwied: Luchterhand
    Gurr, Ted Robert (1972): Rebellion. Eine Motivationsanalyse von Aufruhr, Konspiration und innerem Krieg. Düsseldorf, Wien: Econ.
    McAdam, Doug; Tarrow, Sidney; Tilly, Charles (2008): Dynamics of Contention. Cambridge: Cambridge University Press (Cambridge studies in contentious politics).
    North, Douglass Cecil; Wallis, John Joseph; Weingast, Barry R. (2013): Violence and social orders. A conceptual framework for interpreting recorded human history. Cambridge: Cambridge Univ. Press.
    Opp, Karl-Dieter (2015): Theories of political protest and social movements. A multidisciplinary introduction, critique, and synthesis. ondon: Routledge.
    Tilly, Charles (2008): The politics of collective violence. Reprint. Cambridge: Cambridge Univ. Press

    Frage ist nicht zu beantworten. Es gibt keine Kochbuchrezepte für Revolutionen. Und die Formen der autokratischen Machtergreifung können völlig neuartig sein. Zumal die Frage nach "Macht" und "Herrschaft" und den Strukturen autokratischer Herrschaft in Kombination mit - welcher - Macht neu zu definieren wäre. Und da liefern populistische Bewegungen Hinweise wie eine Neuauflage eines repressiven, rassistischen und nationalistischen "Faschismus" strukturell aufgestellt sein könnte.
     
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  7. HNNK

    HNNK Neues Mitglied

    Hmmm verstehe dankeschönn :)
     
  8. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    "Machtergreifung" ist übrigens ein Begriff der NS-Propaganda, von daher vorsichtig zu benutzen. Er erzeugt ein ganz anderes Bild von den Ereignissen 1933 als die Realität hergibt.
     
  9. HNNK

    HNNK Neues Mitglied

    Ach das wusste ich gar nicht Ich werde ab jetzt auf jeden Fall aufpassen dieses Wort nicht mehr zu benutzen, danke dir für die Info
     
  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    Seh ich nicht so. Der Begriff ist sehr zutreffend für das was geschah. Im Englischen nennt man das analog "power seizing" oder "seizure of power".
    @HNNK .. kein Problem, der Begriff ist Standard auch bei Historikern
     
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  11. HNNK

    HNNK Neues Mitglied

    Danke seehr
     
  12. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Da muss ich dir mal entschieden widersprechen. Das war eine Zeit lang Sprachgebrauch eines Teils der Historiker, wie auch "Reichskristallnacht" und beides (wie allerlei mehr) entsprach keineswegs dem, was tatsächlich geschah. Die Nazis haben die Macht nicht "ergriffen", sondern sie wurde ihnen von Hindenburg und seiner Hofkamarilla übertragen, um nicht zu sagen, in den Schoß gelegt.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @Liborius: Interessante These. Wenn das eine Zeitlang der Sprachgebrauch eines Teils der Historiker war, dann frag ich Dich, wer das denn war und was haben die anderen gesagt, die den Begriff "Machtergreifung" nicht benutzt haben?

    Es stellt sich mir noch eine weitere Frage. Wenn Du die Nutzung des Begriffs in der Vergangenheit ansiedelst, dann stellt sich mir das Problem, bis wann denn zeitlich diese Nutzung vorlag und ab wann der Begriff "Machtergreifung" durch einen anderen ersetzt wurde.

    Und daran schließt sich natürlich eine dritte zentrale Frage an, welcher "Sprachgebrauch" an den Begriff der "Machtergreifung" sich angeschlossen hat.

    Mir ist lediglich aufgefallen, dass der Begriff der "Machtergreifung" in Anführungszeichen geschrieben wird, aber weiterhin verwendet wird.

    Unabhängig davon wie man den Vorgang bezeichnen möchte, ist nicht der Begriff relevant, sondern die komplexe Darstellung des Vorgangs.

    Aus meiner Sicht ist die Verwendung des Begriffs "Machtergreifung" durchaus sinnvoll. Da er auf den Willen und auf die gewaltsamen Mittel verweist in Kombination mit der Bereitschaft von Hindenburg und Co, einen Staatsstreich zu initiieren und durchzuführen.

    Der neutrale Begriff der "Regierungsübernahme" ist nicht hilfreich, da er die außergewöhnlichen Umstände nicht erfasst und somit als Verharmlosung der Umstände anzusehen wäre.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Februar 2021
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  14. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Und genau wegen der falschen Färbung, die dieser Begriff beinhaltet, wird er eben in Anführungszeichen gesetzt oder auch häufig "sogenannte Machtergreifung" geschrieben.
    Der unreflektierte Gebrauch des Begriffs ist nicht Standard in der modernen Geschichtsschreibung (Wiki dazu: "Die neuere wissenschaftliche Literatur setzt das Wort „Machtergreifung“ oft in Anführungszeichen" ... Mehrere Historiker sprechen aufgrund dieser Problematik daher heute statt von einer Machtergreifung von einer „Machtübertragung“ ... zu ihnen gehören z.B. Kolb oder Wehler .. Hans-Ulrich Thamer schreibt auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung: "Das Bild von der "nationalsozialistischen Machtergreifung", das von der NS-Propaganda sofort in die Welt gesetzt wurde und am Abend des 30. Januar mit einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor wirkungsvoll unterstrichen wurde, war zunächst ebenso eine Propagandaformel wie die Behauptung, hier vollzöge sich eine "legale Revolution".).
    (Bpb: Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft | bpb )

    oder auch hier: "Es war eine Machtübergabe"

    Was ist problematisch an dem Wort Machtergreifung?


    HEIDRUN KÄMPER: Daran ist problematisch, dass die Nationalsozialisten selber das Wort verwendet haben. Aber zumindest sollte man vorsichtig mit NS-Ausdrücken umgehen und ihren Sinn hinterfragen. Zum anderen legt dieses Wort aber auch ein bestimmtes Szenario nahe: Da ist eine entschlossen handelnde Person, die nach der Macht greift. Andere Akteure sind nicht beteiligt. Anders als bei der Machtübergabe, wo es jemanden geben muss, der die Macht übergibt, und jemanden, der die Macht übernimmt.


    Kann man denn 1933 von einer Machtübergabe sprechen?


    KÄMPER: Es wurde immer gesagt, die Nationalsozialisten hätten die Macht an sich gerissen, die Menschen konnten sich quasi nicht dagegen wehren. Diese Sichtweise stellt vor allem die Deutschen als Opfer dar; sie war bis in die frühen sechziger Jahre noch stark verbreitet. Erst die Forschung hat dann gezeigt, dass es sehr viele Beteiligte gab, dass der vormalige Reichskanzler Franz von Papen Hitler die Macht tatsächlich übergeben hat. Die Nationalsozialisten wurden offiziell gewählt, und die Deutschen haben dem auch begeistert zugestimmt. Es war also eine Machtübergabe.



    Die Nationalsozialisten (allen voran Hitler, Goebbels etc) haben "Machtergreifung" zunächst als Begriff selten verwendet, sprachen mehr von "Machtübernahme" . Allerdings geschah dies, um gegenüber dem Bürgertum die Legitimität der Ereignisse um den 30. Januar zu betonen (an der man ja durchaus Zweifel hegen kann).

    Von "Machtergreifung" wurde zunächst in der Öffentlichkeit seltener gesprochen, eher bei "internen" Versammlungen (sich gegenseitig auf die Schulter klopfend, was man "erreicht" hat). Mit zunehmender Andauer des Regimes taucht der Begriff häufiger auf, allerdings nicht übermäßig.

    Insofern mag "Propagandabegriff der Nationalsozialisten" auch diskutabel sein. Es scheint eher so, als wäre der Begriff tatsächlich erst einmal von Historikern häufiger verwendet worden.
    Dass auch die Geschichtswissenschaft sich ab und zu (oder öfters) revidieren und die Verwendung bestimmter Begriffe reflektieren muss, dürfte klar sein (man denke auch an den einen oder anderen Historikerstreit). In den 50ern/60ern war "Machtergreifung" häufig zu lesen - zum Teil allerdings in der von Kämper oben beschriebenen Intention. In die gleiche Richtung ging ja auch die Überhöhung Hitlers als dämonischer Demagoge, bei dem das deutsche Volk fast keine andere Wahl hatte, als ihm zu folgen.

    Dass es da bei Historikern eine Diskussion gab (an deren Ende für die meisten stand, dass der Begriff problematisch ist), zeigen die Vierteljahreshefte des Instituts für Zeitgeschichte in der ersten Hälfte der 1980er.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Februar 2021
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  15. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Könnte man die Diskussion zur Machtergreifung ausgliedern? Ist hier nicht wirklich passend, und eigentlich zu interessant, als das die in einem Frage&Antwort-Thread mit anderer Thematik untergeht.

    Was mich an der Argumentation irritiert:

    Der Begriff "Nationalsozialisten" kommt auch von den Nationalsozialisten. Scheint mir i-wie beliebig.


    Ich geb ja zu, dass ich bei der Frage einem tüchtigen Bias unterliege, da ich das Wort "Machtergreifung" exklusiv mit den Vorgängen 1933 verbinde.

    "Machtübernahme" bzw "Machtübergabe" war auch das, was vor ein paar Wochen in den USA geschah, als Biden Präsident wurde; was in Demokratien regelmäßig geschieht (Bayern evtl ausgenommen... ;) ). I-wie nicht das gleiche. "Machtergreifung" assoziiere ich damit, dass da jemand die Macht haben will, koste es, was es wolle. Es war ja nicht mit der Übernahme der Kanzlerschaft durch Hitler getan, dazu tritt das, was danach kam und von den Nazis schon angedacht/geplant/propagiert worden war: Ermächtigungsgesetz, Zerschlagung, von Gewerkschaften & Parteien, die ersten KZs, Gleichschaltung (auch ein Begriff der Nazis, glaub ich...) etc. pp.
     
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  16. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Naja, da denke ich muss man den Zusammenhang sehen. "Nationalsozialist" transportiert keine solche Assoziationsbotschaft wie "Machtergreifung". Es gibt doch genügend von den Nationalsozialisten geprägte Begriffe, die nicht oder vorsichtig verwendet werden ("Reichskristallnacht" war auch lange Zeit ein Begriff, der von vielen recht gedankenlos für die Ereignisse im November 1938 verwendet wurden ... auch "Röhmputsch" würde ich mindestens in Anführungszeichen setzen, den den gab es nicht).

    Ich verbinde "Machtergreifung" übrigens ebenso recht exklusiv mit Deutschland 1933.
    Für mich suggeriert der Begriff, dass jemand sich die Macht aus eigener Kraft nimmt, dass er sie "ergreift". Und da sind die Ereignisse 1933/34 doch differenzierter zu sehen.
    (Gab ja auch Diskussionen unter Historikern, was mit "Machtergreifung" überhaupt gemeint ist bzw. wann sie abgeschlossen ist ... das reicht vom 30. Januar 1933 über die Errichtung des Einparteienstaates bis hin zum Tod Hindenburgs 1934)
     
  17. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Auch interessant: Kulturgespräch 30.1.2013: 80 Jahre "Machtergreifung" | Startseite | SWR Aktuell

    aus einem Interview mit dem Historiker Norbert Frei (der hatte auch in den oben erwähnten Vierteljahresheften des IfZ 1983 einen Artikel zu dem Thema geschrieben)

    Herr Frei, mir kommt das so vor, als wollten diejenigen, die den 30. Januar charakterisieren als "Machtergreifung" , die Deutschen immer noch zum Opfer eines brutalen Putschisten verklären wollen.
    "Ja, das ist interessant. Ich muss dazu sagen, ich habe mich 1983, zum 50. Jahrestag der Machtübernahme, diesem Thema in einer kleinen Studie gewidmet und dabei herausgefunden, dass der Begriff "Machtergreifung" in der Tat gar nicht unbedingt derjenige ist, der bei den Nationalsozialisten in den ersten Jahren nach derselben zu finden war, sondern dass er in der Tat vor allem in der frühen Historiographie eine wichtige Rolle gespielt hat. Die Nationalsozialisten selbst haben von Machtübernahme gesprochen. .... Aber der [sic] Begriff "Machtergreifung" setzt man nicht ohne Grund auch immer noch ganz gerne in Gänsefüßchen."

    und weiter: "Zuweilen ist es ja Unkenntnis, die manchen von "Machtergreifung" sprechen lässt, zuweilen ist es Dummheit. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass etwa unter Rechtsradikalen dieser Mythos bewusst gepflegt wird, um die Aggressivität, oder vornehmer formuliert: die Kraft der Bewegung rhetorisch zu inszenieren."
     
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  18. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Die Zahl der Menschen, die va wegen diesem Begriff die Nazis "der Linken" zuordnen, weil "sind doch Sozialisten", ist Legion. ;)

    "Reichskristallnacht" bspw ist ein offensichtlicher Euphemismus. Ein nett klingender Name ("Kristallnacht" klingt i-wie nach Weihnachten oder so...) für ne ziemlich häßliche Sache. Das hat mE doch eine deutlich andere Qualität das Spiel mit Assoziationen, dass meiner Wahrnehmung nach mit Machtergreifung vs Machtübernahme gespielt wird. Wirklich differenziert lässt sich das Ganze ohnehin nicht mit einem Wort ausdrücken; außer eben man benutzt ein Wort, dass nur und ausschließlich diesen Sachverhalt bezeichnet, und da ist "Machtübernahme/-übergabe" offensichtlich bei uns beiden noch schlechter gestellt als "Machtergreifung".

    Wenn "Machtergreifung" raus weil von den Nazis geprägt ist, schlag ich als exklusiven Begriff "Rolasindu" vor; außer das heißt jetzt "Schöne Zeit" auf japanisch oder so, dass wär dann wieder blöd... ;)
     
  19. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    zu den Nationalsozialisten: ok, aber da gibt es schon den Unterschied zwischen Assoziationen, die nahe liegen und Assoziationen, die von ... Unwissen ... geprägt sind.

    "Machtergreifung" ist vielleicht kein Euphemismus (obwohl ... gut klingender Name für "Errichtung einer menschenverachtenden Diktatur"), dennoch löst der Begriff eben falsche Assoziationen aus. Machtübernahme hat für mich eine deutlich andere Qualität.

    Übrigens: In einem (Fach)Forum für Geschichte sollte man sich dann eben auch auf dem Eis der Begriffe vorsichtiger bewegen, als am Stammtisch, wo es vielleicht Leute gibt, die bei Nationalsozialisten an radikale Linke denken.

    Der Begriff "Machtergreifung" oder "sogenannte Machtergreifung" wird ja einerseits verwendet, weil er besser ist, als Rolasindu ... aber durch die Anführungszeichen oder das "sogenannte" wird eben auch signalisiert, dass man um die Problematik des Begriffes weiß und es eben nicht ein "neutraler" Begriff ist.
     
  20. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ich denke, dass mit den Assoziationen ist der Punkt (und deshalb das ganze eine sehr subjektive Geschichte). Ich assoziiere mit "Machtübernahme/-übergabe" va den geregelten Regierungswechsel, nachdem eine Regierungspartei eine Wahl verloren hat. Auch wenn das 1933 kein Putsch war, und i-wie einen legalistischen Anstrich bekam, so, wie die Nazis vorher auftraten, und wie sie danach gehandelt haben, zeigt mE: Die wollten die Macht, um jeden Preis. Und zwar mehr Macht, totalere Macht, als sie sie innerhalb der WR oder i-einer ähnlichen Regierungsform jemals bekommen hätten. Neben der "-ergreifung" ist also auch das Wort "Macht-" hier hinterfragungswürdig, ganz wortwörtlich: Was verstand man (damals, heute, die Nazis, der jeweilige Autor...) unter Macht?

    Ich kann mir nicht helfen, aber für mich passt das Wort "Ergreifung" einfach besser, egal wo es herkommt. Die Nazis haben nach der (totalen) Macht gegriffen, als sie eine Chance dazu bekamen*, und sie haben an ihr festgehalten, bis die Hand, die sie hielt, zu Asche verbrannt war.

    * Sie habens ja auch vorher schon mal auf weniger legale Art probiert; hat 1923 halt nicht geklappt...
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Februar 2021

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