Medizingeschichte: Die Spanische Grippe... was wir alle daraus lernen (könnten)

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von lego, 24. März 2021.

  1. lego

    lego Mitglied

    Das Jahr 2019 war das Jahr in dem man ganzjährig frei reisen durfte. Dann kam die Corona-Pandemie. Meine letzte Flugreise, die nach Malta ging, war im Februar 2020. Seitdem hat sich vieles verändert. Über ein Jahr breitet sich bei mir nun durch Covid-19 bedingt ein immer stärkeres Gefühl aus dass die Welt nie mehr so sein wird wie sie vor Corona war. Der Grund hierfür ist meiner Meinung nach dass der Mensch immer egoistischer wird, sowohl in finanzieller oder auch gesellschaftlicher Hinsicht. Das Streben nach immer mehr Freiheiten für sich selbst wird uns alle wenn wir nicht umdenken zum Verhängnis werden.
    Wie schon eingangs erwähnt war das Jahr 2019 das letzte Jahr wo wir uns alle zu jedem Zeitpunkt frei bewegen konnten und unseren Reisen genießen konnten, Essen gehen konnten, Konzerte besuchen konnten und noch vieles mehr erleben durften.

    Im Jahr 2019 gab es aber auch ein ganz unscheinbares Ereignis. Im Oktober 2019 wurde in Wiesloch das erste in Deutschland errichtete Denkmal zur Erinnerung an die Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 wütete, enthüllt.

    Spanische Grippe – Wikipedia

    Die Spanische Grippe verbreitete sich, genau wie Corona heute rasend schnell. Bei einer Weltbevölkerung von damals 1,8 Milliarden Menschen erkrankten nach Schätzungen ca. 500 Millionen und starben je nach Schätzung zwischen 20 und 100 Millionen Menschen, also zwischen 1,11 und 5,55 Prozent der Bevölkerung. Bei den 83 Millionen Einwohnern in Deutschland würden sich also zwischen 920.000 und 4.600.000 Tote ergeben wenn Corona genauso wütet wie die Spanische Grippe.

    Um dem eventuellem Einwand dass wir ja nun medizinisch weit fortschrittlicher sind kann aber gleich insofern widersprochen werden dass ab einer bestimmten Fallzahl (komplette Belegung der Intensivbetten) dieses Argument nicht mehr zählt denn die schweren Fälle können dann nicht mehr behandelt werden (siehe Bergamo in der ersten Welle). Und außerdem ist dann die private und berufliche Mobilität da die im Gegensatz zu früher deutlich zugenommen hat und wodurch sich die Viren deutlich besser ausbreiten können. Und zu guter Letzt noch ist die Bevölkerungsdichte heute deutlich höher was ebenfalls die Ausbreitung des Virus beschleunigt. Das bedeutet dass wir bis zu einer bestimmten Impfquote vermeiden müssen dass unsere Krankenhäuser und auch vor allem das Krankenhauspersonal nicht überlastet wird.

    Die Antwort findet sich ebenfalls im WIKI-Artikel. Zitat daraus:
    “Spätere Studien zeigten, dass das Verbot von Massenveranstaltungen und das Gebot, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, die Todesrate in amerikanischen Großstädten um bis zu 50 Prozent senkte. …. dass bei vergleichbaren Pandemien darüber hinausgehende Reduzierungen alleine mit Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens nur dann zu erreichen sind, wenn diese Maßnahmen so lange aufrecht erhalten werden, wie es dauert, bis die durchgehende Impfung der Bevölkerung abgeschlossen ist.”

    Daß die Maßnahmen wie das Verbot von Massenveranstaltungen usw. etwas positives bewirken hat ja auch der erste Lockdown gezeigt.

    Und nun wird in steigende Fallzahlen hinein auch noch etliches gelockert.

    Aus einer Studie aus dem Jahr 2007 zur Spanischen Grippe gibt es eine ganz interessante Passage

    Pandemic influenza: Studying the lessons of history

    Zitat daraus übersetzt durch BING:
    “Dass die historischen Daten von 1918 heute noch einen so großen Nutzen haben, ist sowohl ein Beweis für den Wert der Geschichte als auch eine große Ironie an sich. Die Ironie ist, dass wir heute, fast 90 Jahre nach der schlimmsten Pandemie in der Geschichte, immer noch so wenig Verständnis für viele grundlegende Aspekte der Grippeübertragung haben, dass wir uns auf empirische Ergebnisse verlassen müssen, die fast ein Jahrhundert alt sind. Es ist klar, dass viel mehr Forschung erforderlich ist, um die
    Influenza-Epidemiologie und -Übertragung besser zu verstehen, nützliche Interventionen zu konzipieren und die Technologie zu entwickeln, um die notwendigen Impfstoffe schnell und quantitativ herzustellen.
    Selbst bei einem gründlichen Verständnis dieser Fragen können historische Daten jedoch eindeutig wertvolle Erkenntnisse liefern, die für die heutigen Anliegen von großer Bedeutung sind – Erkenntnisse, die in einigen Fällen auf keine andere Weise gewonnen werden können. Einige haben den Begriff "Clioepidemiologie" (nach Clio, der Muse der Geschichte) verwendet, um sich auf den Abbau und die Neuanalyse dieses reichen Vorrats an oft vernachlässigten historischen Informationen zu beziehen (16). Wie diese Artikel zeigen, gibt es eine unschätzbare Fundgrube an nützlichen historischen Daten, die gerade erst begonnen hat, um unser Handeln zu informieren. Die Lehren von 1918 könnten uns, wenn sie gut beachtet werden, helfen, die wiederholung derselben Geschichte heute zu vermeiden.”

    Anscheinend ist wenig bis nichts aus der Vergangenheit gelernt worden. Zumindest bislang. Und irgendwie hoffe ich dann doch dass alles nicht sooooo schlimm kommt. Wir müssen nur irgendwie bis zu einer ca. 75%-Impfquote kommen ohne dass das Gesundheitswesen kollabiert. Zur Zeit sind wir davon aber noch sehr weit entfernt und die Fallzahlen steigen immer rasanter. Die 5tägige Ruhe hätte uns denke ich doch ein klein wenig Luft verschafft. Wäre zwar nicht viel Luft, aber jeder Tag zählt meiner Meinung nach. Was denkt ihr dazu?
     
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  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Bereits 2017 erschien von Laura Spinney "1918 Die Welt im Fieber - Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte", ISBN 978-3-446-25848-8 - sehr lesenswert. Sie legt nicht nur dar, dass die Empirik damals vor grundlegenden Problemen bei der Erfassung der Infektionszahlen stand, sondern dass auch gar nicht 100% klar ist, ob es 1918 nur eine Spanische Grippe gab oder ob es nicht mehrere Viren, bzw. Virusvarianten waren.
     
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  3. lego

    lego Mitglied

    Danke für den Buchtipp... Han mir mal die Rezensionen und die Inhaltszusammenfassun durchgeschaut... Und bestellt
     

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