Militärische Anlagen in fränkischer Zeit

Dieses Thema im Forum "Die Franken" wurde erstellt von letztergisone, 26. Dezember 2012.

  1. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Weiß net richtig wie ich die Frage stellen soll!

    Nehmen wir mal: Der Ort Laisa wird erstmals als "Lihesi" im Jahre 778 urkundlich erwähnt und zwar vom Biografen Karls des Großen, Einhardt einerseits sowie in den Jahrbüchern des Klosters Lorsch andererseits. Beide Male wird die "Schlacht bei Laisa" beschrieben.
    Die Sachsen sind zu dieser Zeit bis in das heutige Frankreich vorgerückt, wo Karl der Große ihren Vormarsch stoppt und sie sodann auf ihrem Rückzug in die Heimat von seinen Truppen verfolgen lässt. An der Eder treffen die Truppen Karls auf die Sachsen und bringen ihnen große Verluste bei, so dass nur wenige die Heimat erreicht haben sollen.
    Zeitgleich Christenberg: Fränkisches Kastell zur Zeit der Sachsenkriege

    Erst in der Zeit der Karolingerherrschaft im Frankenreich wurde der Ort wiederum befestigt, diesmal mit einer umschließenden Mauer und einer doppelten Mauer zur Ostseite hin. Die Anlage wurde in der Folge mehrfach erweitert durch Vorwälle, Gräben und einen Rundturm im Nordwesten des Geländes. Mauerreste sind noch heute sichtbar bzw. wurden teilweise nach dem alten Verlauf angelegt. Funde legen eine vornehmlich militärische Nutzung nahe.
    Hier haben wir eine relativ große fränkische militärische Anlage zur Sicherung und Verwaltung. Meiner Meinung nach kann dies nicht die alleinige Sicherung oder Absicherung gegen die Sachsen gewesen sein!
    Ein Münzefund aus der Hollende (ca. 780), zur Sicherung der Weinstraße, der Weiße Stein oder als Absicherung einer Nebenstrasse der Weinstraße, die Burg bei Caldern, vielleicht auch der Burgstall bei Brungershausen. Alle diese sogenannten Burgen der Salierzeit, ja gut der Baustil, aber meiner Meinung nach waren diese Orte schon vorher kleine militärische Sicherungspunkte im Netz der fränkischen Expansion.
    Klar nicht als Burg wie im 11. Jahrhundert, aber als kleiner militärischen Stützpunkt. Liege ich da völlig daneben, ich glaube nein, aber wissen kann man es nicht, dafür gibt es zu wenig Beweise!
    Wie ist euere Meinung dazu?
    Ne hesse, der am letzten Sonntag nix besseres zutun hatte und alle diese wunderbaren Kleinode noch mal abgelaufen ist.
     
  2. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    nun, es kann schon eine ausreichende Sicherung gewesen sein. Denn größere Heerzüge fern der Heimat, wie KdG sie durchführte, haben die Sachsen ja kaum durchgeführt. Nicht zu KdGs Zeiten. In Sachsen sah das anders aus
     
  3. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nun ja,die Franken dürften zunächst die römische Militärinfrastruktur übernommen haben,soweit sie intakt geblieben war. Die befestigten Römerstädte waren nach wie vor wirtschaftliche und militärische Zentren und Burgii und Kastelle an strategischen Punkten wurden weiterbenutzt und ausgebaut.
    Beispiele hierfür finden sich am Rhein in Trebur und der Burg Stein/Zullestein
    Eine zumindest terminologische Übernahme findet sich beim Limes Saxoniae und dem Limes Sorabicus wieder, obwohl diese wohl mehr oder weniger breite siedlungsleere Grenzstreifen waren,die möglicherweise durch einzelne rückwärtige Burgen überwacht wurden.
     
  4. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    Wobei die Franken unter Karl dem Großen meines Wissens nach mit dem Bau von Befestigungen nachließen bzw. defensive Konzepte allgemein nach hinten rückten. Die Franken waren ja gerade in dieser Zeit militärisch sehr offensiv ausgerichtet und verstärkten ununterbrochen ihre Kavallerie und ihre schnellen Einheiten sowohl quantiativ wie qualitativ. Auf feindliche Einfälle wurde mehr mit einer sofortigen Gegenoffensive reagiert als mit dem Bau von Befestigungen.

    Beispielsweise hatte Aachen unter Karl dem Großen geradezu auffallend wenig Befestigungen. Der einzige nachweislich reine Befestigungsturm im Zentrum wurde sogar erst nach dem Tod Karls des Großen errichtet. Auch die Befestigungen vieler anderer Städte wurden erst nach dem Tod Karls des Großen errichtet oder auf den Resten römischer Befestigungen wieder errichtet.

    Eher vor Karl dem Großen wurden an der Grenze zu den Sachsen diverse Befestigungsanlagen errichtet, beispielsweise die Büraburg bei Fritzlar oder eben die schon genannte Anlage auf dem Christenberg, die in den Sachsenkriegen von den Sachsen erfolglos belagert wurde. Von daher hat man unter Karl dem Großen wohl einfach das bereits bestehende Burgensystem dass von seinen Vorgängern errichtet wurde weiter benutzt. Diese Burgen wurden aber eben schon vor Karl dem Großen errichtet und zu seiner Zeit eher vernachlässigt.

    Für die Frage von Befestigungen sollte man meiner Ansicht nach zudem die Kirchen mitbedenken. Diese waren aus Stein errichtet und recht massiv gebaut und dienten in vielen Gegenden als Befestigung gegen feindliche Angriffe. Gerade der "missionarische" Charakter der Feldzüge der Franken gegen die Sachsen könnte den Bau von Wehrkirchen sehr befördert haben. Auch Herrenhäuser die Desmesne genannt wurden, hatten als Wohnhäuser einen Befestigungsaspekt, da aus Stein massiv gebaut und von den Fenstern und Türen her leicht zu verteidigen.

    Im Grenzgebiet zu den Sachsen bzw in deren Land selbst verwendete man zudem eroberte sächsische Befestigungsanlagen (Graben, Erdwall, Palisaden) weiter, wie beispielsweise die
    Hoohseoburg.

     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Dezember 2012
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  5. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Insbesondere außerhalb des ehemals römischen Territoriums sind die Wehranlagen des Frühmittelalters eher selten Steinbauten, hatten also wenig mit den späteren Burgen des Mittelalters (Bergfried, Palas, Schildmauer usw.) gemein. Zumeist waren solche Anlagen wie Robert Guiskard es beschrieben hat, übrigens auch die frühmittelalterlichen slawischen "Burgen".

    Aber waren frühmittelalterliche Kirchen wirklich "wehrtaugliche" Steinbauten? Mir fallen momentan nur sehr kleine westgotische Kirchlein aus dem 7.-8. Jh. ein, und die machen keinen fortifizierbaren Eindruck. Waren sehr alte Kirchenbauten, z.B. der Vorgängerbau des Magdeburger Doms aus ottonischer Zeit, wirklich komplett gemauert, keine Holzkirchen?

    In spätmerowinigischer und frühkarolingischer Zeit waren aufgebotene Heere zahlenmäßig nicht mit römischen Legionen vergleichbar: sie waren kleiner. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es keine Befestigungsketten analog zum spätröm. Litus Saxonicus gab, weil für dergleichen gar keine Truppen vorhanden waren.
     
  6. Robert Guiskard

    Robert Guiskard Neues Mitglied

    Frühmittelalterliche Kirchen waren keine speziell gebauten Wehrkirchen, da hatte ich mich oben falsch ausgedrückt. Aber sie waren wenn sie aus Stein gebaut waren oft die einzigen festen Gebäude in einer Gemeinde, mit massiven Wänden und einer kleinen Tür und boten auf diese Weise gegen einen sporadischen unorganisierten Angriff erheblichen Schutz. Deshalb dienten sie eben als Rückzugsort bei solchen Angriffen. Und ab Karl dem Großen wurden meines Wissens nach zunehmend solche Kirchen eben aus Stein errichtet.

    Zudem wurden bestehende Steinkirchen mit Mauern zu Kirchenburgen ausgebaut. Meiner Erinnerung nach sind einige der Burganlagen in Karolinger-Zeit so entstanden, dass man eine bereits stehende Kirche noch mit einer Mauer und weiteren Gebäuden ergänzte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Dezember 2012
  7. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied


    Hallo Gisone,

    das interessante am Christenberg ist ja, dass man viele der dort aufgefundenen Anlagen, insbesondere die aufwändigeren Steingebäude wie das dort konservierte Tor der "fränkischen" Burg, erst in den letzten Jahren jünger datierte. Allerdings gibt es nach meiner Erinnerung auch zwei Dendrodaten des 8. Jahrhunderts vom Burgplateau, die nahelegen, dass größere Teile schon in der Tat schon in der spätmerowingisch/frühkarolingischen Zeit besetzt waren.

    Ansonsten häufen sich im westlichen Nordhessen frühmittelalterliche Anlagen; neben dem Christenberg unter anderem die Schwaleburg bei Willingen, der Hünenkeller bei Lengefeld, das "Gronauer alte Schloss bei Salzböden, der Ringwall auf dem "Totenberg" bei Allendorf/Lumda, die "Höfe" bei Ebsdorfergrund-Dreihausen, die Amöneburg usw. Am größten und bedeutendsten war aber die Büraburg bei Fritzlar mit ihrer stadtähnlichen Innen- und Außenbesiedlung, möglicherweise im 8. Jahrhundert die größte Siedlung in Nordhessen überhaupt.

    Über die Intention des fränkischen Burgenbaus gibt es keine schriftlichen Quellen, und nur wenige werden zeitnah in Urkunden oder historiografischen Quellen erwähnt. Willi Görich als der vielleicht bedeutendste Theoretiker zur fränkischen Besiedlung in Nordhessen nahm ein engmaschiges Netz aus Könighöfen, Burgen und kleineren Stationen schon im 8. Jahrhundert an. Seine Theorien waren vielleicht zu schematisch und leiden daran, dass nur an wenigen Orten, wo er Burgen bzw. Königshöfe annahm, archäologische Nachweise für deren Existenz erbracht werden konnten.
     
  8. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Nicht anders war es in unserem Raum. Die bisherigen frühmittelalterlichen "Gemeinde"-Kirchen, die ausgegraben wurden, waren meist sehr klein, eher für einen Personenkreis unter 50 Leute ausgelegt. Holzkirchen aus dieser Zeit hat man noch nicht viele gefunden, aber sie dürften in großer Zahl existiert haben. Anders dagegen die Reichsklöster Fulda und Hersfeld, die beide von einer Ringmauer umgeben waren.
     
  9. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Hallo Ashigaru,

    gibt es auch schriftlich was von Willi Görich?
    Nach verzweifelter Such Buch "Althessen im Frankenreich" soeben wieder gefunden. Werde mir das heut erster mal wieder reinzeihen. Ist von 1975 Thorbecke Verlag

    an die Arbeit

    en hesse

     
  10. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Hat sich erledigt alles gefunden. :scheinheilig:

    Danke nochmal für den Tipp.
     
  11. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Das Buch ist als Einstieg sehr gut, auch daher, weil trotz neuerer Sichtweisen in der Forschung bisher wenig davon publiziert ist und "Althessen..." somit auch nach fast 40 Jahren immer noch eine gewisse Aktualität besitzt, zumindest im "hessischen" Rahmen.

    Es ist von Walter Schlesinger herausgegeben, der wie Görich am Landesamt für geschichtliche Landeskunde in Marburg tätig war und, bezüglich des hessischen Frühmittelalters, dessen Thesen im wesentlichen folgte.

    Görich selbst hat, abgesehen von vielen kleineren Aufsätzen, relativ wenig publiziert, und die entscheidenden Werke, vor allem seine Dissertation von 1948 ("Frühmittelalterliche Straßen und Burgen in Hessen", oder so), sind kaum erhältlich und man muss wohl die Uni-Bibliotheken aufsuchen.

    Ansonsten ist der Kreis von Autoren, die über das "althessische" (also bei euch oben!) Frühmittelalter schrieben, relativ gering.
    Ein häufiges und noch gut erhältliches Werk ist dieses hier:
    Hessen im Frühmittelalter. Archäologie und Kunst: Amazon.de: Helmut Roth, Egon Wamers: Bücher

    Ansonsten sind folgende Autoren wichtig: Lothar Sippel, der in seiner Dissertation die frühmittelalterlichen Grabfunde in Nordhessen analysierte; Norbert Wand, Ausgräber der Büraburg, dessen Arbeiten nach seinem Tod wegen zu laxer Methodik allerdings heftig in Kritik gerieten; und Rolf Gensen, der unter anderem auch die Grabungen am Christenberg und in Geismar in den 1970er Jahren leitete.

    Traurigerweise gibt es derzeit wohl nur einen Archäologen bzw. Historiker in Hessen, der es sich zur Aufgabe macht, die immer noch gewaltigen Forschungslücken bezüglich des hessischen Frühmittelalters zu schließen. Das ist der Archäologe Andreas Thiedmann, ebenfalls in Marburg tätig. Er verfasst regelmäßig Aufsatzbeiträge in der "HessenArchäologie" und anderswo, doch leider gibt es von ihm noch kein größeres Werk.
     
  12. Aragorn

    Aragorn Neues Mitglied

    Hallo zusammen,
    zum Thema gibt es noch einen interessanten Aufsatz des früheren Gießener Linguisten und Mediävisten Hans Ramge, der sich mit dem fränkischen Landesausbau in Hessen anhand des Toponyms "Bracht/Pracht/-bracht/-pracht" auseinandergesetzt hat.

    H. Ramge, Der Hessen "Bracht" und der fränkische Landesausbau. In: R. Bergmann (Hrsg.), Althochdeutsch, Bd. 2. Wörter und Namen. Forschungsgeschichte. Heidelberg 1987, S. 1401-1432.

    Hinzuzufügen wäre meines Erachtens nach hier noch die "Hunburg" bei Kirchhain-Burgholz sowie möglicherweise die kleine Burganlage nordöstlich von Lohra-Seelbach, die nach Gensen mit der Burganlage in Caldern verglichen werden kann, wenn sie auch kleiner war.

    Beste Grüße,
    Aragorn
     
  13. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Danke ihr Beiden,
    das Buch kannte ich noch nicht Aragorn.

    Mach ich mal weiter ...

    Beste Grüße

    en hesse
     
  14. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Lach,
    am besten wir besichtigen, vor Ort, noch mal gemeinsam.
    Habe immer noch die besten Beziehungen zum Metzger meines Vertrauens.
    Dr. Michael Loose und Jens Friedhoff sind auch sehr daran interessiert.
    Kennt ihr die Arbeit über die Familie von Hatzfeld von Ihm?

    http://www.grupello.de/dateien/C025.pdf

    en hesse
     
  15. Aragorn

    Aragorn Neues Mitglied

    Herrn Losses Arbeiten kenne ich durch meine Tätigekeit im Landesamt, auch von Jens Friedhoff hab ich schn gehört, seine Arbeit allerdings noch nicht gelesen.
    Für Dich, letzter Gisone, könnte allerdings auch von Interesse sein, dass der Geschichtsverein Battenberg demnächst eine aktualisierte Fassung des 1931 erschienen Werks von Ludwig Lotzenius, Geschichte der Ämter Battenberg und Wetter veröffentlichen wird.
     
  16. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Danke für den Tipp :yes:
     
  17. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied


    Sollte man hier auch die Burganlage auf dem Schiffenberg (Skephenburg) hinzuzählen?
     
  18. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Klar gehört diese Anlage dazu. Mein Blick war mehr auf den heutigen Landkreis MR/BID gerichtet.
     
  19. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Wie sieht es aus, Lust auf ein Treffen mit Wanderung oder per Auto?
    Möglich ist vieles -- Christenberg ist mit Gaststätte und einer Kenner der Geschichte habe ich an der Hand:

    Gruß

    en hesse
     
  20. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Das Benediktiner- und Reichskloster in Hersfeld erhielt im ersten Drittel des 10. Jhs. erstmals eine steinerne Ringmauer (wegen der Ungarneinfälle) - davor hatte es keine Befestigungen.
    Wie das beim Kloster Fulda war, weiß ich nicht.
    Aber in diesem Kontext (Thüringer- und Sachsenmission) dürfte die Büraburg eine wichtige militärische Anlage gewesen sein (?)
     

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