Mittelalter auf Island

Dieses Thema im Forum "Die Wikinger" wurde erstellt von Erik Erikson, 23. September 2012.

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  1. Erik Erikson

    Erik Erikson Gesperrt

    Vielleicht, kann mir ja hier jemand helfen?

     
  2. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Im Mittelalter Islands hatte Island eine reine Bauerngesellschaft, die anfangs ziemlich egalitär war, was die Clans mit ihren Häuptlingen betraf.

    Zugegebenermaßen gab es nur ganz wenige befestigte Anlagen auf Island. Bekannt ist Borgarviki im Norden
    (Category:Borgarvirki - Wikimedia Commons).
    Um Burgen zu bauen, braucht man viele Arbeiter. Den sich bekämpfenden Clans standen nicht genügend Menschen zur Verfügung.
    Die in den Sagas berichteten blutigen Fehden geben ein etwas falsches Bild. Sie waren die Ausnahme. Aber sie gaben viel Stoff für lange und gute Geschichten. Das änderte sich erst im 13. Jh., der Sturlungenzeit. Da geriet das alte Vermittlungswesen der Streitschlichtung aus den Fugen. Die Folge war, dass man den norwegischen König um Hilfe ersuchte. Das war dann der "Alte Vertrag" von 1262.
    (Der alte Vertrag (Gamli Sáttmáli) ? Wikisource)
     
  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Hallo,

    das Island sich so stark von Zentraleuropa unterscheidet erklärt sich in den Lebensbedingungen der Eisinsel. Landwirtschaft war hier nur sehr, sehr eingeeschränkt möglich. Die Menschen lebten v.a. von der Viehzucht und aus dem Meer. Die Bevölkerungsdichte lag daher sehr niedrig, da das Land nicht mehr Menschen ernähren konnte.
     
  4. Erik Erikson

    Erik Erikson Gesperrt

    Gibt es denn da empfehlenswerte Literatur?
    Irgendwann, werde ich die Gegebenheiten auch mal vor Ort inspizieren, ebenso wie Grünland.
     
  5. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Jón R. Hjálmarsson: Die Geschichte Islands. Verlag Iceland Review.
    ISBN: 9979-51-093-5.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zu Island gibt es ein Detail zu berichten, genau: gab es.
    Nämlich das Isländische Walross, welches einige Jahrhunderte nach Beginn der Wikinger-Besiedlung verschwand.
    So das Ergebnis einer neuen Studie: open access in der MBE
    Disappearance of Icelandic walruses coincided with Norse settlement

    Presse dazu mit Zusammenfassung:
    Extinction of Icelandic walrus coincides with Norse settlement - HeritageDaily - Archaeology News

    Eintreffen: ungefähr 870 AD
    Die Populationen verschwinden ungefähr im 11./12. Jahrhundert.
    Ein Zusammenhang mit lokalen Vulkaneruptionen wird auch untersucht, aber verworfen.
     
  7. Tom

    Tom Mitglied

    Jared Diamond setzt sich auch mit der Geschichte Islands auseinander, er hat die Insel mehrmals besucht. Sie ist eines seiner Musterbeispiele für ökologischen Kollaps.

    „Sie waren aber unter anderem auch deshalb ausgewandert, weil sie sich der wachsenden Macht der späteren norwegischen Könige entziehen wollten, und deshalb setzten die Gesellschaften in Island und Grönland nie selbst Könige ein. Die Macht blieb dort in der Hand einer Militäraristokratie aus Häuptlingen. Nur sie konnten sich ein eigenes Schiff und eine vollständige Ausstattung mit Vieh leisten, einschließlich der geschätzten, schwierig zu haltenden Kühe und der weniger wertvollen, anspruchsloseren Schafe und Ziegen. Zu den Untertanen, Gefolgsleuten und Helfern der Häuptlinge gehörten Sklaven, freie Arbeiter, Lehensbauern und freie Bauern …

    … Als die Besiedlung Islands begann, war die Insel auf einem Viertel ihrer Fläche bewaldet. Die Siedler holzten immer mehr Bäume ab, um Weideland zu schaffen, und die Bäume selbst wurden als Brennstoff, Bauholz und zur Herstellung von Holzkohle verwendet. In den ersten Jahrzehnten wurden ungefähr 80 Prozent der ursprünglichen Waldflächen gerodet, und bis heute ist dieser Anteil auf 96 Prozent gestiegen, sodass Wälder nur noch ein Prozent der Fläche Islands ausmachen …

    … Das isländische Hochland oberhalb der Baumgrenze, wo von Natur aus Wiesen auf einem flachen Boden gedeihen, war für die Siedler besonders reizvoll: Hier brauchten sie nicht einmal Bäume zu fällen, um Weideflächen anzulegen. Aber das Hochland war noch empfindlicher als die Niederungen, denn es war hier kälter und trockener, sodass die Pflanzen langsamer nachwuchsen, und außerdem war der Boden nicht durch eine Walddecke geschützt. Als der natürliche Grasteppich beseitigt oder abgeweidet war, wurde der Boden, der ursprünglich aus vom Wind verwehter Asche entstanden war, erneut der Winderosion ausgesetzt … Schon kurz nach der Besiedlung wurde der Boden Islands vom Hochland in die Niederungen und ins Meer transportiert. Im Hochland gab es nun weder Boden noch Vegetation, und die früheren Wiesen im Landesinneren Islands wurden durch Mensch und Vieh zu der Wüste, die man heute dort vorfindet; später entwickelten sich auch in den Niederungen große erodierte Gebiete …

    … diese Insel ist ökologisch das am stärksten geschädigte Land Europas. Seit der ersten Besiedlung durch Menschen wurden die ursprünglichen Bäume des Landes und die gesamte Vegetation weitgehend zerstört, und etwa die Hälfte des ursprünglichen Bodens wurde durch Erosion in den Ozean geschwemmt.“

    Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt/M. 2005, S. 240 ff.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Worauf soll denn nach derzeitigem Forschungsstand die Entwaldung zurückzuführen sein?
     
  9. Tom

    Tom Mitglied

    Bei Wikipedia (aber auch sonst in Artikeln und Berichten im Netz) findet man jedenfalls dasselbe wie bei Diamond:

    „Noch zur Zeit der Landnahme waren etwa 20 % des Landes bewaldet. Die alten Chroniken Íslendingabók (Isländerbuch) und Landnámabók (Landnahmebuch) berichten gar, das Land sei von der Küste bis in die Berge bewaldet gewesen. Hauptsächlich fand man ausgedehnte Birkenwälder vor, wie Forschungen nachgewiesen haben. Durch Rodungen zur Weidelandgewinnung, für Brennholz und zur Holzköhlerei verschwanden diese Wälder. Die anschließende Beweidung ließ Sprösslinge nicht mehr hochkommen, so dass die Insel bereits nach wenigen Jahrhunderten der Besiedlung völlig entwaldet war.“
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was macht ein Isländer, der sich im Wald verläuft?


    ¡¡uǝɥǝʇsɟnɐ
     
  11. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Er stellt fest und findet bestätigt was einmal der größte deutsche Dichter aller Zeiten – Arthur (Kurt) Schramm - zum Wald dichtete:

    „Rechts ein Baum und linkes ein Baum, und in der Mitte, man glaubt es kaum, steht noch ein Baum.“
     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was ich eigentlich an der mittelalterlichen Geschichte Islands am Interessantesten finde, das ist das was auf dem Lögberg (Gesetzeshügel) im Þingvellir [ˈθiŋkvetlir] geschah.


    [​IMG]

    Die Isländer kamen hier jährlich zur Somersonnenwende aus allen Teilen Islands zusammen, hatten genug Lager- und Weideflächen und auf dem Lögberg (das ist da, wo der Fahnenmast zu sehen ist) wurden dann die Gesetze diskutiert und beschlossen. Die Basaltwand im Hintergund hatte einen akustischen Effekt, so, dass man gut hörne konnte, was alle sprachen, ohne dass man sich heiser schreien musste. Der Allthing wurde 934 eingerichtet und 999 wurde hier die verbindliche Annahme des Christentums für Island gesprochen.

    Gesetzessprecher Þorgeir Ljósvetningagoði, bis dahin angeblich Vertreter der heidnischen Seite, soll, nachdem er diesen Beschluss durchgesetzt hatte, nach Hause geritten sein und in den Goðafoss (Götterfall) seine Götzenbilder geworfen haben. Aber das ist wahrscheinlich nur eine ätiologische Legende. (Aber vielleicht äußert sich @fingalo mal dazu, wenn sich jemand mit isländischer Geschichte auskennt, dann der.)

    [​IMG]

    Þorgeirs Rolle beim Christianisierungsprozess wird im Íslendingabók dargestellt.
     
  13. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Schwer zu sagen. Das hängt auch mit der wirtschaftlichen Situation zu Anfang zusammen. In Europa gab es konkrete Vorstellungen, wie ein König ausgestattet sein musste, mit repräsentativen Gebäuden und Hofstaat. Das konnte sich Island damals gar nicht leisten.

    Es gab kein Militär, daher auch keine Militäraristokratie. Die Gesellschaft strukturierte sich nach dem auch auf dem Kontinent üblichen Gefolgschafts. und Klientelwesen.

    Das ist Spekulation. Es gibt keine Belege für eine Bewaltung in unserem Sinne. Schon die frühesten Zeugnisse legen großen wert auf die Treibholzrechte. Sie waren das wesentliche Baumaterial. Es kam von Sibirien. In den ersten Jahrzehnten seit der Besiedlung waren da nur wenige Großbauern mit ihren Hintersassen. Wenn die 1/4 des Landes von Bäumen hätten in der Zeit hätten roden wollen, wären sie Tag und Nacht mit Holzfällen beschäftigt gewesen.


    Das ist eine kühne Behauptung. Ich denke an den Apennin, der während der punischen Kriege abgeholzt wurde.

    Also da ist viel Spekulation.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 17. September 2019
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  14. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Eben. Birken eignen sich nicht als Bauholz.

    Das mit den "wenigen Jahrhunderten" passt besser als "in wenigen Jahrzehnten". Außerdem weiß man heute auch nicht mehr genau, was die Verfasser damals unter "Wald" verstanden haben. Wenn man die Krüppelkiefern dazurechnet, haut es ungefähr hin.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 17. September 2019
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  15. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Auch das weiß man nicht. Das mit der Fahnenstange ist eine Vermutung.

    Doch, musste man. Ich hab's probiert. Sooo dolle ist der akustische Effekt nicht, jedenfalls nicht vom Fahnenmast aus.

    Danke für die Blumen. Ob historisch oder ätiologische Legende, lässt sich heute nicht mehr entscheiden. Man kann in den Kopf des Großbauern nicht mehr hineinschauen.

    Aber mal unabhängig von dem Mann: Das liest sich so, als ob das Christentum sozusagen von einem Tag auf den anderen eingeführt worden sei. Das war nicht so. Es gab bereits vorher eine schleichende Christianisierung, die vor allem durch Sklaven und in Schottland und Irland geraubten Frauen eingesickert ist. So kam es dazu, dass die christliche und die heidnische Fraktion bereits ungefähr gleichauf lagen. Das Kunststück bestand nun darin, einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Der christliche norwegische König Olaf der hl. stärkte die christliche Fraktion. Trotz Auswanderung bestanden enge Beziehungen zwischen Isländischen Großfamilien und dem norwegischen Königshof.

    Überhaupt ist das Besiedlungsbuch recht einseititg.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 17. September 2019
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  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hm, schade, war die Geschichte doch zu schön.

    Immer gerne! :D
     
  17. Tom

    Tom Mitglied

    Ich war nie in Island und habe keine Ahnung von der isländischen Geschichte. Ich habe oben nur ein paar Stellen von Jared Diamond eingescannt. Trotzdem ein paar vorsichtige Bemerkungen:

    Diamond informiert sich nicht bei touristischen Rundreisen, sondern holt sein Wissen an den richtigen Stellen. Überdies ist er seit über 20 Jahren berühmt genug, dass ihm alle Türen offen stehen die Spitzenwissenschaftler des jeweiligen Landes ihn zum Kaffee einladen.

    Bauholz: Wenn ich das richtig verstanden habe, waren die traditionellen Bauten der Isländer aus Mangel an Holz und vor allem geeignetem Holz Torfbauten, also Bauten aus Erde und unbehauenen Steinen, bei denen Holz (Treibholz und Birkenholz!) nur an einigen wenigen Stellen eingesetzt wurde, zum Beispiel als Pfosten und am Dach. Selbst Kirchen wurden als Torfbauten errichtet. Rekonstruktion eines Langhauses:
    [​IMG]
    Nach www.detail.de/artikel/island-und-architektur-9711/

    Militärische Aristokratie/Demokratie: Das bedeutet nicht, dass es dort Militär und viele Kriege gab, sondern einfach nur, dass jeder waffenfähige freie Mann an den Volksversammlungen, am Althing teilnehmen konnte und stimmberechtigt war. Was selbstverständlich die beherrschende Stellung der Häuptlinge und verschiedene Abhängigkeits- und Klientelverhältnisse einschloss.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. September 2019
  18. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Na ja, einer der bekanntesten Autoren zum Thema Wikinger war Régis Boyer an der Sorbonne. Er schrieb ein dickes Buch über die Wikinger. Das begann wie üblich mit der Quellenkritik: Die Sagas trat er in die tonne, sie seien nur von Hofdichtern ohne Quellenwert. Die Runensteine trat er in die tonne, sie handelten nur von der Oberschicht. Dieverschiedenen Annalen trat er in die Tonne, da sie von Geistlichen geschrieben seien, die die Greuel als Opfer/Partei maßlos übertrieben hätten. Nachdem er also alle Quellen beiseitegeschoben hatte, schrieb er ein dickes Buch über Wikinger, wobei ich mich frage, woher er nun die Kenntnisse denn herhatte. Der Gipfel war die Feststellung, dass die Sklaven bei den Wikingern nicht schlecht behandelt worden seien, weil dies der Mentalität der Skandinavier widersprochen hätte. Woher wusste er von deren Mentalität. Eine Analyse seines Textes ergab, dass er alle Quellen, die er beiseite geschoben hatte, bedenkenlos benutzte.
    Damit will ich sagen – der Ruhm eines Wissenschaftlers hat bei mir noch keinen Blackout verursacht. Autorität ersetzt bei mir keine überzeugende Argumentation.
    Ich halte mich da eher an die skandinawischen Autoren (Universitäten von Bergen - Oslo - Stockholm - Kopenhagen). Die zeichnen sich durch umfangreiches Quellenmaterial aus. Das kann ich dann nachvollziehen.

    Und zum Bau: Die Wirtschaftshäuser waren im Wesentlichen aus Steinen un Torf. Der Boden war gestampfter Lehm. Die Wohngebäude waren aber - jedenfalls bei den Großbauern - durchaus aus Holz und mit einem Obergeschoss versehen. Mehr weiß man aber nicht; denn die Halbwertszeit der Gebäude betrug angesichts der Witterung etwa 30 Jahre. Dann mussten sie erneuert werden. Daher sind die heutigen unter Denkmalschutz stehenden Grassodenhäuser nicht mehr die originalen Gebäude aus der Wikingerzeit, aber man darf davon ausgehen, dass sich die Bauweise im Laufe der Jahrhunderte nicht geändert hat.
     

    Anhänge:

  19. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Übrigens, damit da kein Missverständnis auftritt: Das Langhaus war kein Wohnhaus!
     
  20. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Was das Verschwinden von Wald angeht: Die genannten riesigen Waldflächen, die da in der Wikingerzeit verschwunden sind, sind angesichts der dünnen Besiedlung zur damaligen Zeit wohl kaum von Menschen abgeholzt worden. Völlig ausgeblendet wird dabei der Vulkanismus. Der volumenmäßig umfangreichste Lavastrom (12 km³ Lava auf 580 km² Fläche) in historischer Zeit ist aus der Laki-Spalte 1783–1784 geflossen. Die teigige Lavamasse hat sich noch 60 km von der Laki-Spalte fortbewegt. Bereits vor der Besiedlung kam es zu vegetationsvernichtenden Ausbrüchen (Snæfellsjökull), die Hekla 1104, Öræfajökull 1362, Askja 1875. Letzterer bedeckte weite Teile Ostislands, insbesondere Jökulsdalsheiði mit Asche, so dass die Bevölkerung das Gebiet verlassen musste. Ein Großteil wanderte aus.
     
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