Modelle für Genremalerei

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Brissotin, 15. Mai 2015.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Apropos: Bei de Troy habe ich immer den Eindruck, als ob die Personen auf seinen berühmten Genregemälden ähnlich wie auf Uniformtafeln alle die gleichen Gesichter haben. Woran liegt das?

    War das einfach wie bei Boilly einfach nur ein gewisser Tick des Malers? Bei Boilly hat man ja den Eindruck, dass seine Personen auf den Genregemälden alle deswegen so große Augen haben, weil seine erste Frau solche scheinbar tatsächlich hatte. Denn auf Boillys zahlreichen vorzüglichen Porträts finden sich ja diese übergroßen Augen auch nicht.
     
  2. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Ich nehme an, Du meinst Jean-François de Troy, den Sohn des berühmten Portraitisten François de Troy, der sowohl Historienmaler als auch Genre-Maler war. (Bsp.: Ausschnitt aus Le Déjeuner de chasse)

    Um die großen Augen erklären zu können, müssen zunächst zwei Dinge betrachtet werden:

    1. Was waren die Ideale des Rokoko, d.h. wie wollte der Rokoko-Adel dargestellt werden?
    Unschuldig, légère, verspielt, ja kindisch, was sich auch in den beliebten Maskeraden wiederspiegelt hat. Im Gegensatz zu heute war ein unschuldiges Aussehen nicht nur bei Frauen erwünscht, sondern auch bei Männern. Viele französische Gemälde der Ära zeigen Menschen als süße kleine Figuren, die in der Landschaft herumtollen; Frauen und Männer.

    2. Was sind die visuellen Attribute des Kindes?
    Die kindliche Proportionen; beim Gesicht das sog. »Kindchenschema«, ein Schlüsselreiz, der Beschützerinstinkte aber auch sexuelle Begierde auslösen kann (auch bei Tieren, wie z.B. bei Hunden übrigens). Das Kindchenschema bei Frauengesichtern ist auch heute begehrt, z.B. bei Fashion-Models. Wesentliche Elemente des Kindchenschemas sind u.a. 1. die Höhe der Augen unterhalb der Kopfhälfte und 2. proportional übergroße Augen.

    Und genau Letzteres haben manche Künstler der Rokoko-Malerei entdeckt und als Stilmittel angewendet. Selbstverständlich blieben solche Dinge das ›Berufsgeheimnis‹ des Künstlers, sodass es den abgebildeten Personen gar nicht so richtig bewusst war, warum sie ihr Abbild derart entzückte.

    Soweit ich weiß, kam dieser Trend von Boucher, der als Erster konsequent große Augen malte, wenn er gefallen wollte. Zahlreiche seiner Zeichnungen bezeugen aber, dass er sich sehr wohl der realistischen Gesichtsprortionen bewusst war.


    Jean-François de Troy war ein weit weniger begnadeter Portraitist als sein Vater, mit dessen Hilfe er schnell aufgestiegen war. Seine Qualität bestand in erster Linie in der Schnelligkeit, mit der er Aufträge ausführte, was eine gewisse Uniformität der Gesichter erklärt. Hinzu kam die oben beschriebene Befolgung von Gesichtsschemen, plus (v.a. bei ihm) die etwas weiter auseinanderstehende Augen (genauso wie heute in der Modebranche äußerst beliebt), sowie der Schlafzimmerblick; ein Ausdruck von Vornehmheit.(Bsp.: Le Déjeuner d’huître)


    Genauso übrigens bei Boilly, dem ›Glupschaugen-Maler‹, der allerdings ein recht heterogenes Werk hinterlassen hat. Es existieren von ihm Bilder, auf denen die Gesichter erstaunlich schlecht gezeichnet sind, andererseits aber auch äußerst realistische Darstellungen, mit denen er den ›Photorealismus‹ des 19. Jhs. vorwegnimmt, im Gegensatz zu diesem aber noch ohne, auf Photographien zurückgreifen zu können.
     
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  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich glaube, dass Friedrich II. besonders gern Jean-François de Troy sammelte. Mir scheint das daher zu rühren, weil de Troy zum einen die Zeit besonders gut einfängt, die der Preußenkönig am meisten mochte, und zum anderen de Troy viel franz. Lebensart, d.h. die Lebensart des Adels (bei ihm auch oft extra mit roten Absätzen nochmals unterstrichen) widerspiegelt. Nicht umsonst findet man schier unzählige Male vor allem seine Gruppengemälde mit 5 und mehr Personen in Publikationen zum 18.Jh.. Scheinen seine Figurengruppen mit 2-3 Personen recht leicht auflösbar, so bilden die größeren Gruppen wie die Molière-Lesung bedeutendere Herausforderungen, weil man die verschiedenen Blicke der Personen immer wieder zu deuten suchte.

    Vielleicht ist es auch so, dass man durch die immer gleichen Gesichter gerade bei d Troy nicht so sehr vom wesentlichen Inhalt abgelenkt wird. Die handelnden Personen auf den Gemälden treten gegenüber ihrer Kleidung und dem Geschehnis (dem Feiern, Speisen, Flirten) in den Hintergrund.

    Nicht umsonst gelten die Gemälde von de Troy als "tableaux de mode". Mehr oder weniger auswechselbare Figuren führen geschmackvolle (nach dem Geschmack der Zeit) Kleider, Degen, Frisuren zur Schau. In der Kleidung ist de Troy abwechslungsreich. Kaum ein Habit, der dem anderen ähnelt. Er malte seine Figuren von hinten, von der Seite, von vorn, so dass man genug Abwechslung auch in den Posituren, genug Ansichten der Kleidung aus den verschiedenen Blickrichtungen hat, dass man sehr gut durch de Troy informiert wird, wenn man sich für die Mode der Zeit interessiert.

    Meine Frage wäre, ob jemand wie de Troy ein ideales Modell hatte, das er für alle seine Bilder zum Vorbild nahm? Es ist ja nicht so, dass es diese perfekten Rokokomenschen nicht gäbe, wenn man lange genug Ausschau hält.
     
  4. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Friedrich war ein großer Bewunderer französischer Kunst und sammelte Gemälde des Genres »fêtes galantes«, das ja von der Académie speziell für Watteau kreiert worden war. Zeigten dessen Bilder noch verklärte Gesellschaftsspiele, so entwickelte sich dieses Genre richtung intimere Szenen, wobei es nie die rustikale Deftigkeit holländischer Genre-Malerei erreichte. Dennoch muss Friedrich gewisse Vorbehalte gegen diese Leichtlebigkeit gehabt haben, sodass er z.B. auf Bilder von Boucher ganz verzichtete. Das Sammeln von Gemälden z.B. eines Jean-François de Troy war eben nicht kompromittierend. Gewiss hat auch eine Rolle gespielt, dass de Troys Gruppenbilder viel über französische Manieren erzählen.


    Ich persönlich glaube nicht, dass de Troy sich mit Modellen herumschlug. Er war ein Lebemensch, der die Gesellschaft liebte und äußerst schnell arbeitete. Wie ich schon oben ausgeführt habe, folgte er bei den Gesichtern gewissen Schemen. Deutlich zu erkennen ist dies auf seinem »Déjeuner de chasse« (siehe Link oben) in Bezug auf die Auseinanderstellung der Augen. Sie bedeutet einen freien Geist, d.h. Intellekt. Schaut man das Bild genauer an, fällt auf, dass die Augen der Hauptdarsteller besonders auseinanderstehen. Gar nicht so beim Kammermohr, dem mit engem Augenabstand wenig Intelligenz zugestanden wird. Das deutet m.E. eindeutig darauf hin, dass de Troy einem landläufigen Verständnis der Physiognomie folgte, anstatt wirklich abzubilden. Das gilt übrigens auch für das herausstehende Nasenbein (d.h. Stirn und Nasenrücken in gerader Linie), was vermutlich eine ›klassische Nase‹ sein soll (weniger ausgeprägt auch bei Boucher zu finden), in der Realität aber kaum vorhanden ist. D.h. also: Gesichtschemen und keine Modelle.
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Vielen Dank. Das macht das Ganze sehr verständlich. :)
     
  6. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Thjaa, so eindeutig ist es aber auch wieder nicht! Mit den genau gleichen Argumenten könnte man sogar bezweifeln, dass Boucher seine Frau abgebildet hatte; auch jene Dame hat übergroße Augen und ein gerades Nasenbein.

    Die unnatürlichen Attribute könnten lediglich zur Idealisierung einer Person gedient haben. Siehe auch Bouchers oder Nattiers Pompadour-Bildnisse. (muss ich denn nun selbst meine Theorien widerlegen?)
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Was ich mich bei Deinem Beispiel von Boucher ein bisschen frage, das ist, was die Motivation des Künstlers gewesen sein soll.

    Bei sehr großen repräsentativen Gemälden oder Deckenmalereien verewigten sich die Künstler oftmals gern. Lépicié mag bei seinem Gemälde zum Thema Zoll ( Category:Nicolas-Bernard Lépicié - Wikimedia Commons ) einen ähnlichen Beweggrund gehabt haben. Er stellte sich hier ja sogar auf einer Ebene mit dem Auftraggeber, Terray, dar.

    Generell muss man aber bei manchen Genrebildern, zumindest vor einem Greuze, davon ausgehen, dass sie eben auch als eine Art schöne Tapete angesehen wurden - weniger als hohe Kunst. Ich war einmal in einem Schloss (Condé-en-Brie), da war ein Zimmer komplett großformatig von einem Meister wie Oudry ausgemalt. Man fühlte sich wie in einer Jagdszenerie. Ein anderer Raum war völlig von Watteau-Schülern mit galanten Landschaften ausgemalt. Die Gemälde waren also weniger Einzelkunstwerke als Gesamtkonzept.

    In Mainz hatte ich im Landesmuseum mal ein Porträt eines sehr beliebten franz. Akadamiemodells gesehen. Würde vielleicht auch hier rein passen.
     
  8. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Bin mir nicht sicher, was Du meinst, Motivation wofür? Dass er evtl. sich selbst, zusammen mit seiner Familie abgebildet hat? Wichtig bei Bouchers Le Déjeuner ist, dass das Bild eine wohlsituierte Familie darstellt, zudem besorgte Eltern (falls man den Mann als Vater sieht), die ihrem Nachwuchs Aufmerksamkeit schenken (das Letztere ist m.E. die beabsichtigte Botschaft des Bildes). Dass sich Boucher da evtl. hineinpflanzte, wäre nachvollziehbar.



    Bereits im Mittelalter war das statt einer Signatur beliebt – meist auch mit einer Botschaft dahinter; der Maler als gottergebener Diener, Bettler, etc. Bzgl. der Hierarchie kommt mir bei Selbstportraits Velázques’ Las meninas in den Sinn, wo die Hierarchie mit Füßen getreten wird (Velázques stolz im Vordergrund, während das Königspaar nur im hinteren Spiegel zu sehen ist).



    Dass die Rokoko-Malerei als Dekoration gedacht war, verdeutlichen schon die Bildformate, die sehr häufig nicht einfach rechteckig sind. So ist es auch unpassend, wenn diese Bilder in modernen Sälen präsentiert werden – Banausentum unserer Zeit. Vorbildlich ist z.B. die Präsentation im Frick Collection in New York, wo die Umgebung passt und Gemälde z.T. auch in kleineren Zimmern gezeigt werden.



    Kleiner Nachtrag zu de Troy: ein Beispiel dafür, dass die Physiognomie der Abgebildeten auch zur Zuweisung von Gemälden verwendet wird (hier ziemlich eindeutig, inkl. Schlafzimmerblick): »The Guitar Player«, (zugewiesen) Jean-François de Troy (PDF)
     
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