"Modeschöpfer" im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von InaN, 8. Mai 2014.

  1. InaN

    InaN Neues Mitglied

    Hallo, nach langer Zeit...
    Für einen Roman bewege ich gerade die Frage, wer eigentlich im Mittelalter die neuen Modetrends geschaffen hat. Man liest immer nur, ab einer bestimmten Zeit wurde die Kleidung figurbetont, der Ausschnitt senkte oder hob sich, die Ärmel wurden länger oder weiter, etc.
    Alles schön und gut, aber wer steckte dahinter? Etwa seit dem 13. Jh. gibt es das gewerbliche Schneiderhandwerk, säuberlich getrennt in Flickschneider und Kleidermacher. Nur der Meister durfte Stoffe zuschneiden, dachte er sich auch die Neuerungen aus? Wenn man bedenkt, wie aufwändig und prächtig viele Roben waren, muss man doch davon ausgehen, dass jemand sich darüber den Kopf zerbrach.
    Und wenn es so war, verdiente er dann viel mehr als eben der sprichwörtlich "arme Schneider"? Gab es wohl in Burgund oder in den italienischen Stadtstaaten Kleidermacher, die ähnlich begehrt und entsprechend teuer waren wie unsere heutigen Couturiers?

    Meine Frage ist: Kennt jemand von euch Quellen, in denen darauf eingegangen wird oder Sekundarliteratur, die etwas dazu sagt?
    Für Anregungen wäre ich sehr dankbar
     
  2. Artefakt

    Artefakt Mitglied

    Eine interessante Frage. Ich kann sie dir leider nicht beantworten - Ich möchte dennoch meinen Senf dazugeben.

    Ich hatte Kostümkunde in der Berufsschule und fand das Thema damals sehr interessant.
    "Mode" in dem Sinne, wie wir sie verstehen, gab es damals nicht. "Trend" ist sicher der falsche Ausdruck (aber das meinst sicher auch nicht). Es gab natürlich Veränderungen in der Kleidung, aber viel, viel langsamer als heute. Da wurde nicht in jeder Saison eine neue Farbe/Schnitt/Kleiderlänge probiert.

    Wo siedelst du deinen Roman an? Versuch mal etwas über die damalige Kleiderordnung herauszufinden. Bestimmte Farben machten Stände kenntlich. Eine Farbe war den Huren vorbehalten. (Ich meine, ich habe mal gelb gelesen???)
    Schicke Extras: lange Schleppen, Pelzverbrämungen mussten versteuert werden. Also trug extravagante Kleidung nicht nur, wer sich die Stoffe/Materialien leisten konnte, sobdern, wer sich die Steuern leisten konnte.
    Dazu kommen die Kopfbedeckungen, die auch den Sinn hatten den soz. Status kenntlich zu machen: Haube/verheiratete Frau usw.

    Das ist sicher ein sehr, sehr spannendes Thema. Mich würde sehr interessieren, was du herausfindest.

    Könnte mir vorstellen, dass Imi Knöbel da viel recherchiert haben. Ich lese Romane wie die Wanderhure nicht, aber ich glaube, dass die beiden Autoren sorgfältige Recherche betreiben.

    Viel Glück
    Arti
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. September 2014
  3. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Es gibt ein gutes Buch darüber: Kleidung und Mode im Mittelalter, von Margaret Scott. Mit reichhaltiger Bebilderung und Quellenmaterial. Es umfasst einen Zeitraum von 840 bis 1570. Die Zeit davor konnte mangels Quellen nicht behandelt werden.

    Nach diesem Buch kam die Moder zur Zeit der Karolinger aus Konstantinopel. Auch später, im 11. Jahrhundert, als die Normannen Sizilien eroberten, wurden sowohl die Stoffe (Seide!) als auch die Mode aus dem byzantinischen Reich importiert. Allerdings wurden die Kleider mit einheimischen Stickereien verziert, wofür besonders die englischen Frauen (Burgfräulein?) berühmt waren.

    Im 12. Jahrhundert sind Schneider in Nordfrankreich und vom Niederrhein modebestimmend. In der Champagne fanden alljährlich Messen statt, wo die Händler aus dem Orient und dem Westen zusammen kamen. Nicht nur Seide und feingewebte Wolle tauschten dort die Besitzer, sondern auch (modische) Neuigkeiten.

    Vor allem Frauen suchten mit neuen Kleidern aufzufallen, weil junge, heiratsfähige Männer wegen der Kreuzzüge Mangelware wurden und unverheiratete Frauen in der Regel im Kloster landeten. In der Beichtliteratur jener Zeit wird darauf hingewiesen, dass die Hauptsünde der Frauen deren Faible für Kleider sei. Und die Männer wurden kritisiert, dass sie ihr Haar lang wie Weiber wachsen ließen. Oder dass sie keine Bärte mehr trugen uns sich wie Weiber kleideten. Ähnliche Kritiken gibt es ja bis heute. :D

    Es wurden auch Gesetze gegen übertriebenen Luxus erlassen. So durfte man im 13. Jahrhundert in Kastilien nicht mehr als 4 Paar von Kleidungsstücken pro Jahr anfertigen zu lassen. In England und Italien galten ähnliche Gesetze, an die sich jedoch niemand hielt.

    Frankreich unterhielt rege Kontakte zu den Kreuzfahrerstaaten im Orient, die für westliche Verhältnisse im Luxus lebten. Auch als diese Staaten untergingen, blieben die Kontakte bestehen und mit ihnen deren Einfluss auf die französische Mode.

    Jedenfalls beschwerte sich im 14. Jahrhundert ein gewisser Franco Sachetti aus Florenz über die Zahl der Moden, deren Zeuge er im Laufe seines Lebens geworden war, und über die Art und Weise, wie die Menschen sich darauf stürzten, den jeweils neuesten Trends zu folgen. Wie heute wurde auch damals ungeheuerlich viel Geld für die Garderobe ausgegeben, alle Gesetze und das Predigen der Kirche dagegen nutzten nichts.

    Große Handelsstädte in Flandern und Italien bestimmten das Geschehen. Und natürlich Frankreich, die zu der Zeit über große Teile Italiens herrschte, denn deren Adel brachte auch die Mode mit. Die Franzosen haben schon damals für die modische Neuheiten mehr übrig gehabt als andere. Sie nahmen sie ernst und beeinflussten damit alle anderen. Und das schon im Mittelalter!
     
  4. InaN

    InaN Neues Mitglied

    Modeschöpfer im Mittelalter

    Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe - die Frage war unter einem Haufen anderer verschwunden.
    Danke aber für eure Beiträge, sie helfen mir auf jeden Fall weiter.
     

Diese Seite empfehlen