Monsieur Machine

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Eumolp, 25. Mai 2008.

  1. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Die Lehre von den Schuldgefühlen

    Der Engländer Thomas de Quincey hatte 1821 seine Confessions of an English Opium-Eater geschrieben, Lamettries Diktum erscheint wie ein Vorgriff auf diese Bekenntnisse:
    Baudelaire wird 1860 die Gedanken des Bretonen wieder in seine Paradis artificiels aufnehmen. Heute, in den Zeiten der Herointoten, wird uns diese Opiumlehre sauer aufstoßen. Doch es muss erlaubt sein, dass sich ein Autor dieser Fragestellung widmet, inwieweit und wodurch es Drogen schaffen, Glücksgefühle zu produzieren - insbesondere dann, wenn dieser Autor Mediziner ist. Wer sich trotzdem über die Unverfrorenheit des Philosophen aufregt, der sei daran erinnert, dass sich sein Intimfeind Haller noch 1778 eines täglichen Opiumsgenusses rühmt (die diesbezügliche lateinische Schrift Hallers wurde erst 1962 ins Deutsche übersetzt), und dass ein gewisser Sigmund Freud 1884 einen enthusiastischen Bericht über das Kokain veröffentlicht ("Über Coca").

    Weiter mit dem Anti-Seneca! im Gegensatz zu den sehr irdischen Glücksgütern lehnt der Bretone alles, was sich die Religionen über das ewige Leben der Seele ausgedacht haben, kurzerhand ab. Die Tugend dagegen, die der Stoa als Garant jeglichen Glücks gilt, spielt für Lamettrie nur die Rolle einer gesellschaftlichen Größe, die den Menschen eher behindert als fördert: "Man ist glücklich für sich selbst, und nicht für die anderen." Und: "Eine alte Vettel ist sie, die Tugend, der ihr [gemeint sind die Stoiker] nachlauft wegen der Juwelen, die an ihren Ohren baumeln."

    Man sieht an diesen Beispielen, wie wenig "philosophisch" diese Glückslehre klingt und wie frivol diese Überlegungen auf die bürgerlichen, staats- und kirchentreuen Gelehrten wirken mussten. Doch gerade die Frage der gesellschaftlichen Institutionen in ihrer Wirkung auf die individuellen Glücksmöglichkeiten lässt Lamettrie nicht so schnell los: Ruhm und Ehre als die positiv, Schande und Schuld als die negativ bewerteten Güter dieser Institutionen sind für ihn nichts anderes als Phantome, deren sich die Gesellschaft bedient, um auf die Vorstellungskraft der Menschen einzuwirken und sie dadurch zu manipulieren. Diese Bestimmung der Tugend als zwar ein notwendiges gesellschaftliches Übel, um die Handlungen der Menschen untereinander zu koordinieren, wird aber im Rahmen seiner Glückslehre vor allem hinderlich wirken. Gut und böse sind also keine absoluten Kategorien, sondern es sind bloß die Interessen der Gesellschaft, die das eine vom anderen trennen. Eine Wahrheit, fügt Lamettrie hier hellsichtig an, die man aber nicht zu laut hinausposaunen sollte! Trotzdem posaunt er einiges heraus. Denn auch das Verbrechen, sofern es bloß als Gegenteil einer gesellschaftlich definierten Tugend bestimmt ist und selbst lustvoll wirken kann, lehnt er nicht rundherum ab: "Wenn allerdings die natürlichen Freuden Verbrechen sind, dann besteht die Glückseligkeit des Menschen gewiss darin, Verbrecher zu sein. Heu! miseri, quorum gaudia crimen habent!"
    Ungeheuerlich erscheint diese Lehre, in gewisser Weise stellt sie einen anarchistischen Entwurf avant la lettre dar und deckt sich in manchen Partien mit dem Einzigen und sein Eigentum Max Stirners, das ungefähr hundert Jahre später, kurz vor der "deutschen Revolution" 1844 erschienen ist.

    Auch Lamettrie ist sich der Sprengkraft seiner Ideen bewusst, daher schiebt er zu ihrer Unterstützung eine Lehre des Schuldgefühls (remords = Gewissensbisse) ein, womit er Freud's Instanz des Über-Ich schon recht genau vorwegnimmt. "Warum erscheint überhaupt das Schuldgefühl?" beginnen seine Überlegungen in dieser Frage, um mit einer Rückblende auf die Kindheit zu antworten: "Schuldgefühle sind nichts anderes als unangenehme Reminiszenzen", eingeschliffene Ermahnungen, die man den Kindern einimpft und durch Bestrafungen absichert und sie damit ihr Leben lang prägt. Lamettrie begreift den Gewissensbiss somit als "inneren Feind": "Er sitzt hinten und reitet mit". Somit sind Schuldgefühle kulturell bestimmt, was im 18. Jahrhundert vor allem "religiös bestimmt" heißt. Dagegen sieht man bei Vorherrschen anderer religiöser Sitten auch andere Arten von Schuldgefühlen; sie sind also keineswegs feste Größen, also auch nicht angeboren, sondern abhängig von der jeweiligen Formation der Gesellschaft. Am Beispiel der Neonatiziden und der freizügigen Sexualität, ja sogar der Hochachtung des Diebstahls im antiken Sparta will er nachweisen, wie sehr gesellschaftliche Sitten auch die Schuldgefühle beeinflussen. Und so fasst er all diese Überlegungen in einem kühnen Wurf zusammen:
    Die Nachwirkung der Theorie der Schuldgefühle beschreibt Lamettries Biographin Jauch sehr anschaulich, auch in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit:
    Also müssen die Freuden und die Tugend zusammenkommen und zusammenstimmen; eine klar erkannte Tugend darf sich nicht an der sauren Versagung abarbeiten, sondern muss Bestandteil des Glücks selbst werden; ein Schritt hierauf wäre eine richtige Erziehung. Letzten Endes wird die Natur immer wieder siegen: "Den Gesetzen der Natur kann man sich nicht entziehen". Doch diese Natur, so der Autor, lehre uns immer aufs neue, "das Leben zu lieben, das Leben, den uns die fanatisch betriebene Philosophie des Stoizismus entfremdet."

    Wenn er nun die Tugend als dasjenige bestimmt, was dem Staat nützlich ist, dann nimmt dieses Urteil nichts anderes als das Jeremy Benthams voraus, der im größten Glück der größten Zahl das Staatsziel "Tugend" definierte. Selbst hier zeigt sich das denkerische Potential dieses Vielschreibers, der so vieles, was gewissermaßen "in der Luft" lag, aufnahm, in Worte umsetzte - und schnell wieder zum nächsten Gedanken aufbrach!
     
  2. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Ein Hedonist?

    Zur Drucklegung dieser Schrift hat sich Lamettrie einige Tricks einfallen lassen, diese sind noch in einem Schreiben seines Verlegers Ch.Fr. Voss an den zuständigen Zensor Uhde nachzulesen:
    Offensichtlich musste Lamettrie in Gestalt des Königs nachhelfen, um seine Seneca-Übersetzung an den Mann zu bringen, denn in der Forschung gilt es als ausgemacht, dass es nicht Friedrich selbst war, der die angebliche nachträglichen Erlaubnis gegeben hat.

    Diese Lehre über die Schuldgefühle ging Friedrich zu weit: als die Schrift publiziert war, soll er vor Wut einige Bände ins Feuer geworden haben, wie der junge Lessing in einem Brief an seinen Vater erwähnt, dieser ebenfalls leidenschaftlicher Gegner des Arzt-Philosophen, den er "abscheulich" nennt. Ohnehin waren nur eine Auflage von 12 erschienen, 10 davon soll Friedrich nach einem Ausspruch von Lessing vernichtet haben. Später wurde das Werk allerdings nachgedruckt, zusammen mit einer überarbeiteten Version der Volupté, die jetzt "Die Kunst, Wollust zu empfinden" hieß.

    War LaMettrie ein Hedonist? Wenn man diesen Begriff im Sinne des Aristipp gebraucht, der als einziger der griechischen Philosophen die Lust als höchstes Gut deklarierte, sicher in einem gewissen Umfang, zumindest wenn man ihn oberflächlich liest. So schreibt er in seinem Discours sur le bonheur:
    Dagegen bezeichnet er sich selbst als Anhänger des Epikur, der doch vielmehr die Freiheit von Schmerz als das höchste Gut pries - und nicht eben die Lust im positiven Sinn. Dieser negative Ansatz liegt Lamettrie jedoch fern, viel eher kann man ihn in diesem Sinne einen Epikuräer nennen, der eine als "hedonistische Arithmetik" anstrebt: ein "leidenschaftlicher Freund der Wolllust und ein ebensolcher Feind der Ausschweifung" sei er (System d'Epicure §78). Doch gerät unsersehens ein Wermutstropfen in die oberflächlich erscheinende Philosophie der Lust, beinahe gegen den Willen des Verfassers, wenn er vom Noch-Nicht- und Nicht-Mehr-Leben in der Postulierung eines Carpe Diem schreibt:
    Diese Einsicht in die Endlichkeit aller Lust tut sich folgerichtig kund: "Es ist ein kühler Wind, der uns zeitlebens entgegenweht" (§82) - und Lamettrie weiß, wovon er spricht, hat er doch diesen kühlen Wind zeitlebens aufgesucht und im Notfall sogar selbst erzeugt. Wenn man diese "auswärtigen Übel", deren Existenz eine Philosophie wie die Stoa gerade verleugnet, betrachtet, so gerät der zunächst plump erscheinende Hedonismus immer mehr in die Defensive, und endlich ist es die Ausgeglichenheit (humeur douce et liante), die er vor allem erhalten möchte - neben einer wöchentlichen Feier der Venus:
    Dieser fromme Wunsch rückt allerdings nun doch wieder in eine "bedenkliche" Nähe zur Stoa, die er verdammt, und wenn nicht der Stoa, so steht sie dem Epikur näher als dem Aristipp. Michel Onfray, Verfasser einer Philosophie der Ekstase beschreibt das eigentliche Ziel von Lamettrie als "wolllüstige Seelenruhe". Womit der positive und negative Aspekt sehr schön ausgesprochen sind.

    Man darf in dieser Frage auch nicht vergessen, dass der Philosoph einst ein engagierter Arzt war, der antrat, das medizinische System zu revolutionieren, damit aber kläglich scheiterte und kein Gehör fand. Sein Wandel zur hedonistischen Philosophie kommt mir vor wie jene Ego-Trip-Phase der 68er generation, nachdem ihr "Marsch durch die Institutionen" im Sande steckengeblieben ist - Lamettrie hatte sich als Mediziner abgearbeitet, er litt am Burning-Out-Syndrom und versuchte forthin, als Lebemann und Bonvivant zu brillieren.

    "Je n'ai crainte ni ésperances" (Weder Angst noch Hoffnung) schreibt er im Systeme d'Epicure. Und noch deutlicher kommt der Schmerz des Verfemten in seiner "Pénélope" ans Tageslicht: "Wer hat nicht schon erfahren müssen, wie dünn die Membran ist, die die Natur zwischen Fröhlichkeit und Trauer geschoben hat?"
     
  3. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Der Höfling

    Nun also sitzt Lamettrie in Potsdam, am Hofe Friedrich II. Er ist - so Voltaire - unglücklich und voller Heimweh. Er schreibt wie ein Wahnsinniger.

    Einen guten Eindruck vom Hofleben in Potsdam gibt ein Auszug eines Briefs von Samuel König an Haller (Nov. 1750), der zwar Gegner Lamettries ist, was die durchscheinende Häme erklärt, da aber der Bretone ähnliche Überlegungen zu seiner "Graphomanie" angestellt hat, kommt dieser Beschreibung eine gewisse Plausibilität zu:
    Doch scheint das Verhältnis zwischen Friedrich und Julien besser gewesen zu sein als die nachträglich gefälschten Briefe von Voltaire an "Madame Denis" vermuten lassen. 1986 veröffentlichte Tagebuchnotizen von Henri de Catt, Friedrichs Privatsekretär, belegen, dass der preußische König Lamettrie nicht nur als électeur (Vorleser), sondern sogar als élu (Auserwählter) betrachtete. Manche wenden zu diesem Punkt ein, das "Edikt über die wiedereingeführte Zensur" sei ausdrücklich wegen Lamettrie erlassen worden, doch werden darin die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften explizit ausgenommen, so dass dieser Einwand nicht trägt.

    A propos: Tatsächlich war die Zensur unter Friedrich II seit seinem Regierungsantritt zum großen Teil aufgehoben, was vor allem Lamettrie zugute kommt. In seinem Discours préliminaire, den er 1750 seinen Oeuvres philosophiques voranstellt, greift Lamettrie die französische Zensur mit leidenschaftlichen Worten an:
    Dennoch kann er sich nicht verkneifen, auch warnende Worte an seinen Gönner Friedrich II zu richten:
    Dass diese warnenden Worte nicht ins Blaue geredet waren, zeigen die Umstände, als der Autor seinen Anti-Seneca in Preußen veröffentlichen wollte. Die Biographin U. Jauch hat in dieser Angelegenheit 1993 ein dienstliches Schreiben des Generalfiskals Uhde an Friedrich gefunden, das belegt, dass die königliche Freizügigkeit bei seinen Beamten nicht ungetrübt ankam.
    Einen Monat später wird Verleger Spener wegen einer Schrift Lamettries verhört, worüber ebenfalls ein Protokoll existiert:
     
  4. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Äh, falls es einer Motivation bedarf: Schreib doch bitte weiter! Ich bin sicher, verschiedenen Leute (z.b. ich !) warten gespannt auf die Fortsezung Deiner gut gestalteten und gut lesbaren Biographie des M. Machine!
     
  5. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Die Trüffelpastete

    @deSilva: Tja, viel gibt es nicht mehr zu schreiben, und das ist auch tatsächlich der letzte Teil.

    Nach den Oeuvres erschienen noch einige kleinere Schriften, darunter die satirische Schrift Le petit homme à longue queue, die ich oben schon vorgestellt habe. Doch die Karriere Lamettries nimmt ein jähes Ende. Die offizielle Version seines Todes am 11.11.1751 trägt Friedrich Lange in seiner Geschichte des Materialismus vor:
    Das ist also der berüchtigte "Trüffelpastetentod" Lamettries. Wobei allerdings eine Menge Ungereimheiten existieren:
    Auch von Vergiftung sprechen einige, allerdings sind und bleiben das Spekulationen. Diesem Tod darf man getrost ein Bonmot des Gestorbenen anfügen: "Sterben wir also, weil wir sterben müssen, aber erst, nachdem wir gelebt haben." (aus: De la Volupté)

    Mit zwei Nachrufen auf diesen Philosophen möchte ich schließen, zwei Nachrufe, welche die Spannweite der Reaktionen auf dessen Philosphie in etwa abdecken. Der erste stammt von Lessing:
    Und der zweite von dem berühmten Gelehrten und Lebemann in Schloss Dux, den dieser im 10. Band seiner Lebensgeschichte Lamettrie gewidmet hat:
    Einige Links:
    Über sein Leben lässt sich einiges aus der wikipedia entnehmen: Julien Offray de La Mettrie ? Wikipedia
    Darin sind auch weitere Links z.B. auf die Seite von B. Laska, der viel Hintergrundwissen zu Lamettrie bietet. Ebenfalls Literaturangaben zu U. Jauch, Fr. Lange usw., die hier verwendet werden.

    Die Eloge auf Lamettrie von Friedrich II ist hier nachzulesen:
    Eloge du sieur La Mettrie, médicin ... - Google Buchsuche

    Der „Mensch als Maschine“ ist als Text verfügbar:
    La Mettrie, Julien Offray de/Der Mensch eine Maschine/Der Mensch eine Maschine - Zeno.org

    Die Ausfälle des Marquis d'Argens kann man hier in Französisch nachlesen: ?uvres de Frédéric le Grand, 19, 295

    (ENDE!)
     
  6. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Eumolp, vielen Dank für diese ausgesprochen nette Darstellung! Wie schon gesagt, ist der Name LaMettrie den meisten Informatikstudenten bekannt, denen die Vorgeschichte der Datenverarbeitung ungefähr so erklärt wird:

    * Descartes "Traité de l'homme" (nach seinem Tode veröffentlicht, 1662): Der Mensch ist - wie die Tiere auch - ein "Automat"; jedoch besitzt er eine - immaterielle - Seele, die ihm seine Sprachfähigkeit gibt. Diese Ansicht hat weitreichende literarische Konsequenzen: Kunstwesen der Literatur sind deshalb "sprachlos"!
    * Leibnitz (Generales Inquisitiones von 1686) formuliert Logikkalkül, der die Basis aller formalisierten Überlegungen darstellt.
    * Pascal (1642) baut erste einfache mechanische Rechenmaschine.
    * LaMettrie ("L'Homme machine", 1748) erklärt den Menschen einschließlich aller geistigen Funktionen als "Automaten"
    * Funktionsfähige kleine Automaten werden ab 1736 von Jacques de Vaucanson gebaut; ebenfalls von Vater und Sohn Jaquet-Droz; Spieldosen verbreiten sich.
    * 1833 konzipiert Charles Babbage die "Analytical Engine", die alle Voraussetzungen für die Simulation intelligenten Verhaltens enthält. Diese Maschine ist allerdings aus technischen Gründen 100 Jahre lang nicht baubar, und wird erst mit den elektronischen Computern der 1940er Jahre realisiert.

    Hier noch ein weiterer Link zu LaMettrie: La Mettrie - Der Mensch als Maschine (Einleitung)
     
  7. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    OK, deine Zusammenstellung sieht so aus, als ob LM dahinein gehörte. Und doch krampft sich mir der Magen, wenn ich ihn in einer Aufstellung lese, in der Automaten erdacht und erbaut wurden, und er als Gewährsmann für eine Philosophie dasteht, die den Menschen eben zu einem solchen reduziert.

    Genau das ist falsch! LM hat niemals den Menschen zum Roboter erklärt, etwa zu einer Abart der Vaucansonschen Ente. Er hat bloß die vom Körper unabhängige Existenz der Seele geleugnet. Er hat die Seele als Gehirn verstanden (Homme Mach. S.105), als ein natürliches Organ (als Zentrale der Vorstellungskraft), das daher natürlichen Bedingungen unterliegt und nicht den Phantasien religiöser Spekulation.

    In diesem Sinne könnte man ihn als Empiristen verstehen. Eine Spekulation über die Welt als Materie oder Geist hat er nicht betrieben, er war Mediziner und - vor allem! - Pädagoge, und dies auch als Philosoph. In gewisser Weise sogar Existenzialist:
    Der nachfolgende Satz klingt sogar so, als ob ihn Heidegger höchstselbst gelesen und verwendet hätte:
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich denke diese Darstellung reduziert ihn ähnlich wie ihn seine Zeitgenossen als den flippigen Sonderling darstellten, der zum Lebensende hin angeblich noch einmal fromm gewesen worden sei. Man warf ihm vor ein schlechter Arzt zu sein und kehrte seine Eigenheiten herraus, zumindest kenne ich dies aus der Berliner Zeit.
     
  9. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Mir ist natürlich seit Monaten klar, dass ich hier im falschen Forum bin, wo es vor allem Menschen gibt, die ich sonst nicht treffe :) Vielleicht ist es gerade deswegen so interessant? Und Missverständnisse kann man ja klären...

    Missverständnis #1: Es geht nicht darum, den Menschen zu einem Automaten zu degradieren... Wo kommt die schlechte Meinung über Automaten her? Jeder SF-Leser weiß, dass Roboter die besseren Menschen sind..

    Ohne die feste Überzeugung, dass menschliches verständiges (!) Verhalten algorithmisch nachvollziehbar ist, wäre ein Teil der heutigen Informatik auf Sand gebaut. Deshalb wird jeder Philosoph bemüht, der sich in diese Richtung geäußert hat, womit in der Tat eine Verengung seines "Gesamtwerks" verbunden ist. Damit muss allerdings jeder Philosoph leben, nämlich "etikettiert" zu werden...

    Missverständnis #2: Reden wir mal über so etwas un-materialistisches wie den "Zeitgeist": Ist es nicht merkwürdig, dass genau in der Mitte des 18. Jh. das Automatenbauen einen ersten Höhepunkt erlebt? Die Menschen scheinen verrückt danach zu sein:. Nicht nur Spieluhren! Die industrielle Revolution beruhte zwar auf der rohen Kraft der Dampfmaschine; die wesentliche Wertschöpfung erfolgte aber durch Automaten wie die "Spinning Jenny", den Jacquard'sche Webstuhl, oder die Egreniermaschinen..
     
  10. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    *g* Klar sind Roboter die besseren Menschen, weil sie das Böse nicht kennen, der Mensch aber schon... Daher sind sie ja auch keine Menschen ^^

    Im Ernst. Du hast Mary Shelley vergessen. Und der Homunculus war schon im 16. Jh bekannt, dito der Golem der Prager Juden, ebenfalls 16. Jh.

    Wenn man das nun rein philosophisch betreiben würde, ist in der Tat die Frage, inwieweit man den Menschen wirklich als Maschine begreifen könnte, heute in der Diskussion. Ist Bewusstsein per AI maschinell versteh- und damit herstellbar? Ist "Geist" nichts anderes als verschaltete Hirnfunktionen? Ist Chalmers "Hard Problem" (=>
    Hard problem of consciousness - Wikipedia, the free encyclopedia) damit gelöst? *) Es gibt daneben ein gewichtiges Argument von
    Popper, das mMn endgültig klärt, dass der Mensch keine Maschine sein kann, aber das wollte ich eines Tages in meinem Blog ausführen und nicht in einem Geschichtsthread. **)

    Reden wir doch lieber über Metaphern wie das Uhrwerk - etwa bei Geulincx oder Leibniz! Das Universum als mechanischer Ablauf, weiterentwickelt bei Laplace mit seinem Dämon: Da kommen wir LM näher. Das ist die Welt, in der LM denkt (Laplace kam zwar später, denkt aber in diesen Bahnen). Mit modernen von Neumann-Architekturen kommen wir an die Denkweise LMs nicht ran.

    * [Ganz privat gesagt: Nein, der objektive Geist konstituiert sich völlig unabhängig von "materiellen" Beziehungen, und tatsächlich ist die materielle Welt n.a.a. als die Sichtbarwerdung des objektien Geistes. Aber das, bitte, gehört nicht zum Thread LaMettrie!]
    **) Bleiben die Blogs aber so langweilig wie momentan, dann nicht.
     
  11. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Nein, ich habe Mary Shelley nicht vergessen - siehe mein Posting #3 :) Im 19. Jh. nimmt die "frühe Robotik" ungeahnte Ausmaße an: Magier und Zauberer bauen sich Gerätschaften, mit denen sie Jungfrauen durchsägen und sich unsichtbar machen. Coppelia. Fritz Langs Metropolis,....
    Golem und Homunculus waren "vorwissenschaftliche" Wesen, bei deren fiktiver (!) "Konstruktion" jedes Problembewusstsein fehlte. Der Golem wurde analog des unverstandenen göttlichen Schöpfungsaktes aus Lehm geformt.... *)

    Wenn Du den Begriff "Maschine" entsprechend eng fasst, kannst Du (oder Popper) natürlich Argumente konstruieren, warum der Mensch keine sein kann...

    Das Uhrwerk (als Metapher) ist kein gutes Beispiel für die Komplexität eines Automaten. Ich habe aus Deinen Anmerkungen auch heraus gelesen, dass LaMettrie sich langsam der großen Komplexität des menschlichen Organismus' bewusst wurde. Auch das Universum ist nicht besonders komplex, wenn man es etwa mit einem Säugetier vergleicht.

    Es geht mir hier überhaupt nicht um eine Diskussion über "Determinismus" oder "Willensfreiheit". Solche Diskussionen können mEn kein anderes Ergebnis bringen, als dass man seine eigenen Vorurteile festigt :)

    LaMettrie ist für mich eine interessante Gestalt, weil er den wesentlichen Schritt über Descartes hinaus getan hat, die Seele ans Gehirn zu binden. Er konnte sich offenbar vorstellen, dass so ein Organismus, den er ja nur "oberflächlich" kannte (Du hast ja schon verschiedenen Dinge angesprochen, die ein Mediziner/Biologe Mitte des 18 Jh. noch nicht wusste), in der Lage war, Sprache und Intelligenz zu erzeugen, OHNE eine transzendente Seele.

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    *) Es wäre eine übertriebene Interpretation, hier auf dessen hohen Siliziumanteil hinzuweisen :)
     
  12. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

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