Müssen Nazi-Verbrechen "unerklärlich" sein?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Arne, 8. März 2005.

  1. heinz

    heinz Neues Mitglied

    Lieber Repo,
    1944 als Bürgermeister von seinem Amt zurückzutreten und das noch unter Bezug auf die Judenmorde, ist für mich ein aktives Handeln und nicht ein "Nichtmitmachen".
    Deinem letzten Absatz, kann ich nur zustimmen. Deutschland ist nicht durch Zwang und Terror in diese Lage gekommen, sondern durch die Mitmacher.:rolleyes:
     
  2. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ganz genau, Leo versteht mich.

    @Manganite
    Ja, an der Ostfront wurde millionenfach gestorben.
    Wenn Du das als Entschuldigung gelten lässt, dass einer auf seinem sicheren Bürostuhl weitersitzt und bei allen möglichen Schweinereien mitmacht. Auf das ist es nämlich tatsächlich hinausgelaufen. Weil er sonst, vielleicht, an der Ostfront hätte landen können, und dort, vielleicht ...
    Meinetwegen. Bin ich eben geschmacklos.
    Aber plötzlich wundert mich manches etwas weniger.

    Grüße Repo
     
  3. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Hallo Heinz,
    da es Dich anscheinend interessiert.
    das habe ich im Juli unter "Globkes Widerstand" geschrieben:

    "Hallo Ursi, wie versprochen:
    "Bürgermeister Hayer am 25. April 1944 gegenüber den Beigeordneten, Ratsherren und Amtsvorständen: Er habe dem Ministerium seine Entlassung aus dem Beamtenverhältniss unter Verzicht auf alle Rechte eingereicht. Seine Ehre lasse er sich nicht nehmen, und wenn er Steine klopfen müsse. Wenn er scheide, so tue er das ohne Groll in der Überzeugung, seine Pflicht als Beamter jederzeit getan zu haben. Er verwerfe das Tun und Treiben der Juden unserer Zeit, er sehe aber in der Bibel das Wort Gottes; nach der Bibel sei die jüdische Rasse das auserwählte Volk Gottes, die Juden hätten noch eine Mission zu erfüllen, deshalb dürfe er die Juden als Rasse nicht bekämpfen. Das wollen viele heute nicht mehr sehen, aber es werde die Zeit kommen, dass es offenbar werde.
    5.7.1944 Landrat Dr. Zeller an die Ministerial-Abteilung für Bezirks- und Körperschaftsverwaltung:
    Ich habe am 13.6. festgestellt, dass BM Hayer dauernd unfähig ist, seine Amtspflichten als BM der Stadt Ebingen zu erfüllen. BM Hayer ist antragsgemäß zum 30.6.1944 in den Ruhestand versetzt worden."

    Dr. Walter Stettner, Ebingen die Geschichte einer württembergischen Stadt, Thorbecke 1986

    Es ist ihm weiter nichts geschehen! Ende April 1945 wurde er von den franz. Besatzern zum kommissarischen Bürgermeister ernannt.

    Grüße Repo"

    Grüße in den verschneiten? Odenwald
    Repo
     
  4. heinz

    heinz Neues Mitglied

    Lieber Repo,

    vielen Dank für diese Ausführungen. Es ist schon interessant, was alles möglich war.
    Ich bin zur Zeit in Ffm., nachdem unser Haus winterfest gemacht wurde.:)

    Grüße
    Heinz
     
  5. Tib. Gabinius

    Tib. Gabinius Aktives Mitglied


    Und dazu kommt die Frage, was ist vorbildlich?
    Was wäre die Alternative zu nichtstun? (Eine viel zu selten gestellte Frage).

    Zwar wird darüber gesprochen, das Widerstand für den Widerständler zur Gefahr würde, wenn er dabei erwischt wird.
    Widerstand, wie etwa das verstecken von Juden kam durchaus vor. Ein "helfender" ein "mitfühlender" Widerstand.

    Um aber gegen das Regime etwas zu bewirken wäre wohl wirklicher Widerstand vonnöten gewesen. Nach der Aufklärung eben der "Kampf", denn Überzeugungstäter gab es auf der falschen Seite ja so einige, und das kannte man noch nur zu gut aus dem Jahre 19 / 20.
    Wollte man wirklich Kämpfe riskieren und dabei Menschen töten? Notgedrungen eine Art Krieg führen bei dem eben nicht nur bewaffnete und kampffähige Soldaten umkommen?

    Wollte man sich gegen seine Kameraden stellen? Mitten im Krieg womöglich eine Revolution anzetteln?

    Hier ist übrigens die prarallele zur Diskussion zur Geschichtsbetrachtung. Wie Weit kann man sich in Menschen hineinversetzen, wie weit will man es? Wie weit ist das dann richtig, bzw sind die Schlüße dann richtig?

    Wenn ich versuche (!) mir vorzustellen, was ich getan hätte, ich glaube nicht dass es mir in den Sinn gekommen wäre, auf meine Mitbürger zu schießen, schon gar nicht unter dem gesellschaftlichen, sozialen und "propagandistischen" Druck.

    Und daher ist meine Meinung, dass zumindest dieser Teil "warum tat niemand etwas" (obwohl es ja immerhin ein paar gab) vielleicht nicht "unerklärlich" ist, aber unverständlich wenn man es nicht selbst erlebt.
     
  6. Festus621

    Festus621 Neues Mitglied

    Irgend ein schlauer Mensch hat mal gesagt (ich weiß nicht mehr, wer), "Worte sind nur das Bild vom Feuer, die Hölle musst du selbst erleben."

    Stichwort: "Warum tat niemand etwas"
    Wir hatten ja weiter oben schon mal festgehalten, dass es in der Natur des Menschen liegt, scheinbar gleichgültig zu reagieren, in Nichtstun zu verharren, so lange es uns nicht selber an den Kragen geht.
    In normalen Zeiten fällt dies nicht auf. Wir lassen uns heute eine Angela Merkel genauso gefallen wie vorher einen Gerhard Schröder oder wir haben einen Helmut Kohl genauso hingenommen wie einen Helmut Schmidt. Wir "maulen" zwar über sie, mehr aber nicht.
    In den 1930er Jahren war der Mensch nicht viel anders geartet. Hinter vorhaltener Hand wurde ganz bestimmt auch damals über alles gemeckert. Man kennt ja heute noch die versteckten 3.-Reich-Witze, die hinter dem Rücken erzählt wurden.
    Mehr aber nicht. Wurden die Leute direkt mit Funktionsträgern des Regimes konfrontiert, "kuschten" sie wieder.
    Auch das kann man mit Beispielen von heute erklären; in wie vielen Unternehmen wird die Chefetage gnadenlos kritisiert - betritt der Vorgesetzte den Raum, fragt womöglich noch, wo der Schuh drückt, kriegt keiner mehr den Mund auf - ist alles in Ordnung.

    Oder, anderen Menschen helfen. 10 Km entfernt war das nächste KZ, die Bevölkerung hat weggesehen, wollte nicht wissen, was dort geschieht. Nach dem Krieg behaupteten viele, sie hätten nichts gewusst.
    Wenn heute ein Verletzter auf der Straße liegt und Erste Hilfe benötigt, laufen auch zunächst 20 Leute an ihm vorbei, bis sich dann doch noch jemand um den Verunfallten kümmert. Anschließend bildet sich eine Menschenmasse, die zuguckt, was dort vor sich geht. Sogenannter "Gaffer". Fragt man später die ersten 20, warum sie vorbei gegangen sind und nicht geholfen haben, sagen sie garantiert, sie hätten den Verletzten nicht gesehen (weggeschaut??).

    Es hat sich nichts geändert. Wir Menschen sind gleichgültig wie eh und je. In kleinen Dingen genauso wie in großen Dingen. Hinterher sind wir immer schlauer. Haben alles schon gewusst (rückwärtsgewandte Prophetie). Und vor allem sind wir wieder ganz beruhigt, wenn ein Schuldiger gefunden worden ist. Dann sind wir ja selber aus dem "Schneider". Die ganzen sogenannten kleinen Übeltäter des 3. Reichs wurden ja erst nervös, als auch ihre Verhaltensweise während des NS-Regimes hinterfragt wurde. In den 60er Jahren ungefähr. Vorher hatte man mit NS-Oberen die Schuldigen ausgemacht- und fertig. Jeder andere musste nicht mit sich selber ins Reine kommen.
     
  7. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ein anderes Beispiel:

    1944 wurden am Rand der Schwäbischen Alb im Zuge des Unternehmens Wüste (großtechnische Gewinnung von Öl als Treibstoff aus Poseidonien-Schiefer) diverse Außenlager des KZ´s-Natzweiler errichtet.
    In diesen Außenlagern das "übliche", die Insassen starben wie die Fliegen. (Pardon für den geschmacklosen Ausdruck, fällt mir gerade kein anderer ein)

    Außer in einem!
    Der Lagerkommandant kümmert sich um Schuhe, Kleidung und Nahrungsmittel für die Lagerinsassen, er versucht soweit es ihm möglich ist ihr furchtbares Los zu erleichtern.

    Was die Nazis mit ihm gemacht haben? Ihn unterstützt!
    Er hat hier eine kriegswichtige Produktion aufzubauen, und mit Toten geht das nicht.
    Bestechende Argumente, auch für die Nazis, er bekam die Schuhe und Kleidungsstücke für seine KZ-Insassen!

    Nur, warum hat das kein anderer auch gemacht?

    Literaturangaben, falls gewünscht, heute abend.

    Grüße Repo
     
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Wenn aber jetzt einer glaubt, dass die genannten Beispiele irgendwo einen Niederschlag gefunden hätten, dass z. B. eine Straße nach dem mutigen Bürgermeister benannt worden wäre, weit gefehlt!

    Vergessen und totgeschwiegen.

    Warum, eigentlich müsste man doch froh sein, dass es solche Personen gibt.

    Die Existenz dieser Personen war ein peinliches Ärgernis, man hat sich doch so schön arangiert, dass "man musste und nix wusste".
    Diese Personen sind der Beweis, dass die ganze Verdrängungsstrategie der, wie sie Leo genannt hat, wissendenUnwissenden verlogen ist.


    Grüße Repo
     
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ich hätte da nicht nur gerne die Literaturangaben sondern auch der Name des Komadanten, damit man diese Angaben prüfen kann und es sich nicht um eine Legende handelt, die einer geschickt aufgebaut hat.
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Keine Frage Ursi, kriegst Du.
    Er wurde von einem französischen Militärgericht freigesprochen. Vermutlich der einzige Fall eines KZ-Kommandanten.

    Das Unternehmen Wüste fand auch seinen Niederschlag in der deutschen Justiz. Der Prozess fand vor dem Landgericht Hechingen statt, ein Schulfreund eines meiner Brüder war als junger Richter (1945 15 Jahre alt) damit befasst, er ist am Schlußtag zusammengebrochen, der Prozess musste in Ulm wiederholt werden. Der junge Jurist (1961) konnte nie wieder arbeiten.

    Naja, man wird bemerkt haben, dieser Komplex weckt arge Emotionen bei mir.


    Grüße Repo
     
  11. Mercy

    Mercy unvergessen

    Auch in Dautmergen bestand von August 1944 bis April 1945 ein Außenkommando des Konzentrationslager Natzweiler/Elsass (der "Gruppe Wüste"). Bis zu 2000 Häftlinge waren in diesem Lager unter katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen untergebracht. Ihre Arbeitsstellen waren die Ölschieferabbaustellen der Umgebung. Nachdem in den ersten Wochen täglich 40 bis 50 Häftlinge verstarben, verbesserten sich die Zustände unter dem KZ-Kommandanten Erwin Dold, der sich unter mehrfachem Wagnis des eigenen Lebens für bessere Zustände im Lager und gegen die Widerstände der SS und der Organisation Todt einsetzte. Erwin Dold wurde 1947 beim Prozess vor dem französischen Militärtribunal in Rastatt auf Bitten zahlreicher befreiter Gefangener von Dautmergen hin als einziger KZ-Chef der NS-Zeit freigesprochen.

    http://www.alemannia-judaica.de/schoemberg_kz_friedhof.htm
     
  12. manganite

    manganite Neues Mitglied

    Es ging nicht darum, ob ich das Entschuldigung gelten lasse oder nicht, es ging darum, wie lapidar Du das in den Raum gestellt hast, als wenn es da um eine Sonntagsausflug handelt. Das fand ich etwas geschmacklos.

    Und jetzt zum Inhaltlichen: Eine Entschuldigung ist das nicht, aber eine fuer mich durchaus nachvollziehbare Handlungsweise. Wenn ich die Wahl gehabt haette, waere ich auch lieber auf meinen Buerostuhl sitzen gebleiben, als das ich mich als Kanonenfutter angeboten haette. Ich glaube nicht, dass ich, wie die meisten Menschen, zum Helden in diesem Sinne geboren bin.

    Wer es ist, meine Hochachtung dafuer, wer es nicht ist, mein Verstaendnis dafuer. Aber fuer die Worthelden, die alle im Nachhinein behaupten, sie waeren zum Widerstandskaempfer geboren, ohne dies jeweils unter Beweis gestellt haben zu muessen. und dabei auf andere mit dem Finger zeigen, die Tatsaechlich vor diese Wahl gestellt wurden, meine Verachtung.
     
  13. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Der alte Rechercheur! Änder endlich mal Deinen Nick.

    Korrekt, der Herr Dold wars. Literaturangaben folgen aber dennoch.

    Grüße Repo
     
  14. Mercy

    Mercy unvergessen

  15. Siebengestein

    Siebengestein Neues Mitglied

    Was die Geschichtswissenschaft mangels Quellen leider kaum untersuchen kann, sind die Fälle von Schwejkschem Gehorsam, die es zweifellos auch im Dritten Reich gegeben hat. Darin sehe ich den Widerstand des "kleinen Mannes" in einem solchen Regime.
     
  16. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Der liebe Manganite nimmts mal wieder persönlich.
    Die räumliche Distanz hast Du ja, jetzt schaff Dir noch eine gewisse sachliche an.

    Grüße Repo
     
  17. manganite

    manganite Neues Mitglied

    :confused::grübel:

    Wie meinen? Lies Dir mal richtig durch, was ich geschrieben habe...:rolleyes:
     
  18. manganite

    manganite Neues Mitglied

    Du begibst Dich auf eine emotionale Ebene.

    Wie schon zuvor...

    Gibst auch zu, dass es wohl etwas zuviel war

    Vor allem nach solchen Aeussrungen.

    Nun, gut. Ich gehe bis zum Schluss sachlich darauf ein:

    Und erlaube mir nur ganz am Ende, eine Allgemeine, persoenliche Stellungnahme, bei der ich deine eigne Wortwahl aufgreife:

    Wie man dann auf solche Aussagen kommen kann, ist mir ein Raetsel:

    Das sagt jemand, der von auskotzen, Flaschenkoepfen und uebers Ziel hinaus schiessen spricht.

    Ist es unverstaendlich, dass ich da ins Gruebeln kommen:grübel:
     
  19. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Literaturangabe:
    Michael Grandt, Unternehmen Wüste Hitlers letzte Hoffnung, Silberburg Verlag Tübingen 2002 ISBN 3-87407-508-7

    Erich Dold lebt übrigens noch, (Mai 2005) sprechen will er aber nicht mehr über die Vorfälle "Es ist jedes mal wie eine innere Revolution"

    Hat den Film eigentlich jemand gesehen? Nachdem ich ihn in den 90ern schon einmal verpasst habe, ist das jetzt doppelt ärgerlich. Bin kein großer TV-Anhänger und heute nacht habe ich mir das Buch nochmals vorgenommen und deshalb das Ding übersehen.

    Noch ein Detail am Rande, als die Franzosen die Lager im April 1945 erreichten, fanden sie in allen (bis auf Dautmergen) relativ gut gefüllte Lager an Schuhen und kleidung vor. Die Internierten waren aber Barfuss und in Lumpen auf die Todesmärsche geschickt worden.

    Wenn man das Buch liest verwundert einen eigentlich nur, dass von den in Rastatt verhängten Todesurteilen (Wüste betreffend) nur eines vollstreckt wurde.

    Aber, wie gesagt Infos zu dem Film wären willkommen.

    Grüße Repo
     
  20. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Ich verstehe Dich nicht. Aber man muss ja nicht immer alles verstehen wollen.

    Noch eine kurze Geschichte von mir, villeicht verstehst Du mich dann:

    Ich kannte einen, Beamter einer Bundesbehörde, der hat Zeit seines Lebens die Geschichte vom Widerstandskämpfer kultiviert. "Nur knapp dem KZ entkommen, usw. usf." mit jeder Menge Details, die ich mir jetzt erspare.

    Eines Tages hat ihn ein Kriegskamerad besucht, der hat dann verkündet:
    "Wir waren anständige Männer, obwohl wir bei der SS waren"
    Oh Wunder, der angebliche Widerstandskämpfer war bei der Waffen-SS.

    Meine Frage: Ist dieser "Widerstandskämpfer" ein Flaschenkopf? ja oder nein?

    Grüße Repo
     

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