Mythos Vomitorium/"Brechraum"

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von silesia, 30. August 2016.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zum Vomitorium laut Wikipedia:

    "Einer verbreiteten Legende nach soll es in der Antike in den Villen reicher Römer einen Brechraum gegeben haben, der ebenfalls als Vomitorium bezeichnet wurde. Dieser wurde angeblich bei großen Essgelagen genutzt, um durch absichtliches Erbrechen den Magen wieder zu entleeren, damit man weiteressen konnte. Solche Räume lassen sich allerdings nicht durch archäologische Funde belegen, die Römer suchten zum Erbrechen die Latrina auf."
    https://de.wikipedia.org/wiki/Vomitorium

    Zu dem Mythos gibt es einen neuen Artikel:
    Purging the Myth of the Vomitorium - Scientific American
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich hörte, dass die Römer Pfauenfedern benutzen, um Brechreize auszulösen, um mehr essen zu können. Eine Quelle dafür ist mir allerdings nicht bekannt. Womöglich Apicius? Oder gehört das nur in die Gerüchteküche zur Skizzierung der römischen Dekadenz? Gibt es Quellen zum Vomitorium oder ist das eine moderne Erfindung? Ich habe ja zu meinen Studienzeiten in einer Kneipe noch einen 'Papst' kennengelernt, also ein Kotzbecken. Er wurde aber noch zu meinen Studienzeiten entfernt. Man munkelte aber, dass die eine oder andere schlagende Verbindung noch über derlei Einrichtungen in ihren Heimen verfügte. Daher die Frage: Ist das Vomitorium womöglich eine Rückprojektion moderner auf antike Verhältnisse?
     
  3. Agricola

    Agricola Aktives Mitglied

    Sowohl der Anblick, als auch das Geräusch, wie auch insbesondere der Geruch eines sich Erbrechenden isst höchst ekelhaft. Ich gehe davon aus, daß dem so schon vor 2000 Jahren so war. Weshalb sich Römer nicht einfach so im Triclinium erbrochen haben.

    Zum Klo laufen, und sich vor die Schüssel knien wie heutzutage, mussten sie aber sicher auch nicht. Wofür hatte es schließlich Sklaven.

    Ich habe die begründete Vermutung, daß es da einen Platz gab, in ausreichender Entfernung von der Tafel (Geräusch, Geruch, Anblick), wo man sich mit freundlicher Unterstützung eines Sklaven in eine nett verzierte Schüssel erbrechen konnte. Mit einem Mindestmaß an aristokratischer Haltung. Also ohne dabei auf die Knie zu fallen.

    Daß dieser Raum archäologisch nicht nachweisbar ist, leuchtet mir ein. Der Sklave wurde in diesem Raum nicht bestattet, und die Schüssel verblieb auch nicht in diesem Raum. War das Tricilinium etwa jenseits des Peristiliums, dann hat man vielleicht schon im Atrium ganz gemütlich abkotzen können, ohne Irgendjemanden zu stören. Außer den anwesenden Sklaven mit der Schüssel. Aber der war ja Niemand und nicht Jemand. ;)

    Vomitorium wäre damit nur eine funktionale Bezeichnung für einen temporär genutzten Ort.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. August 2016
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Bei McKeown (A cabinet of Roman curiosities) steht:
    "There is a common misconception that rich Romans had a special room, a vomitorium, to which they withdrew to throw up so that they could continue eating. There is no evidence for such a room. The term does not appear until the end of the 4h century A.D., when Macrobius notes that the entrance ways through which people enter the theater and amphitheater in droves, pouring themselves on to the seats, we call thes passages vomitoria even nowaday." (Saturnalia 6.4.3)
    (Kursiv die (recht freie) englische ÜS der Originalstelle (unde et nunc vomitoria in spectaculis dicimus, unde homines glomeratim ingredientes in sedilia se fundunt).
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich hätte eher auf das Gastmahl des Trimalchio getippt. Da finde ich die Pfauenfeder aber auch nicht.
    Vermutlich gibt es dafür auch keine Quelle.

    Die einzige Szene, wo jemand mit der Feder im Hals gekitzelt wird, finde ich bei Tacitus - Ermordung des Kaisers Claudius:
    Tacitus: Annales (12,64-12,69): Das Ende des Kaisers Claudius
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es ist zwar nicht von einer Pfauenfeder die Rede, nur von einer nicht näher spezifizierten pinna; aber zumindest scheint ja der Akt an sich, mit einer Feder zum Erbrechen zu reizen, praktiziert worden zu sein und hat a) bei Claudius keinerlei Verdacht aufkommen lassen und scheint auch b) den Lesern des Tacitus ausreichend plausibel gewesen zu sein.
    Insofern muss man das absichtliche Erbrechen während Gelagen, um mehr essen zu können wohl einigermaßen für bare Münze nehmen. Es scheint zumindest in bestimmten Milieus einigermaßen häufig vorgekommmen zu sein.
     
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dass erbrochen wurde, um mehr essen zu können, kritisierte Seneca in seiner Trostschrift an Helvia (10,3): "Vomunt ut edant, edunt ut vomant, et epulas quas toto orbe conquirunt nec concoquere dignantur." (Sie erbrechen, damit sie essen, sie essen, damit sie erbrechen, und die Speisen, die sie auf der ganzen Welt zusammensuchen, werden nicht zu verdauen gewürdigt.)
     
  8. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Das Problem der Römer scheint weniger ein vomitorium gewesen zu sein, als das richtige Brechmittel/vomitif. Man wollte einfach nicht auf ein anregendes und verlängertes Gelage verzichten. Die sich ergebenden geistreichen Gespräche und eigene Möglichkeiten sich zu profilieren waren zu verlockend. Laut Seneca nahm man ein vomitif um besser essen zu können und man aß um am Ende ein vomitif zu nehmen. So glaubte man allem Unglück durch die Völlerei zu entgehen. So wie Vitellius, ein berühmter Schlemmer und Vielfraß, der sich am Leben erhielt durch die Einnahme von vomitifs, während seine Kameraden platzten, weil sie keine entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatten.

    Cicero berichtet, daß auch Cäsar diese Gewohnheit pflegte. Er schrieb an Atticus, daß dieser Besieger der Gallier nach einem großen Essen in seinem Landhaus sich abtrocknete und parfümierte, am Vormittag ein vomitif einnahm, am Nachmittag einen Spaziergang machte, sich am Abend zu Tisch legte, trank, viel aß und viel Freude am Mahl zeigte. Die Einnahme eines vomitifs versetzte Cäsar in die Lage Ehre an der Tafel einzulegen. Aber was noch wichtiger war, die feine und delikate Konversation die dieses Fest auszeichnete, bene cocto & condito sermone. - Gut gekocht, gewürzte Rede.

    http://portail.atilf.fr/cgi-bin/getobject_?a.131:212./var/artfla/encyclopedie/textdata/image/


    Quelle: Dictionaire des Sciences von 1765:

    https://books.google.de/books?id=zX...OAhXKOhQKHYDEAmEQ6AEIIzAB#v=onepage&q&f=false
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. August 2016

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