Narzissmus unter Diktatoren

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten in der Neuzeit" wurde erstellt von Eugen Rommel, 3. November 2013.

Schlagworte:
  1. Eugen Rommel

    Eugen Rommel Neues Mitglied

    Hallo, glaubt ihr, dass viele Diktatoren einen wahren Hang zum Narzissmus haben, und wenn ja habt ihr dafür Beispiele?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn ein Millionär mit heimlicher Freundin von sich behauptet, er sei ein Asket ohne Bankkonto, der ständig neues Geld in die Taschen gespült bekommt, weil sein Buch vom Staat gekauft und weiterverteilt wird und weil sein Konterfei auf den Briefmarken des Staates ihm Tantiemen einbringt: Ist das dann Narzissmus?
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, ob das dem Narzissmusbegriff im psychologischen Sinn entspricht, aber mir fällt bei so etwas immer der frühere Diktator von Turkmenistan Saparmurad Nijasow ein. Er verfasste z. B. ein zweibändiges Werk Ruhnama, das er in seinem Staat nicht nur zur Pflichtlektüre erklärte, sondern sogar in einer Raumkapsel ins All schießen ließ, um es so für die Ewigkeit zu bewahren.

    Der römische Diktator Sulla soll sich viel auf sein Aussehen eingebildet haben - und das, obwohl er mit seiner rot-weiß-fleckigen Haut nicht wirklich gutaussehend gewesen sein soll. Ein Athener verglich ihn einmal mit einer mit Mehl bestäubten Maulbeere.
     
  4. Eugen Rommel

    Eugen Rommel Neues Mitglied

    Danke für die Antworten, aber hätte jemand ein paar Beispiele moderner Diktatoren?
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ganz moderne Diktatoren würden unter Tagespolitik (die in diesem Forum verboten ist) fallen, aber Nijasow starb erst vor ein paar Jahren, ist also noch fast modern.
     
  6. Eugen Rommel

    Eugen Rommel Neues Mitglied

    Danke dieser Nijasow ist ein gutes Beispiel, aber mit modern meinte ich die Diktatoren des 20. Jahrhunderts.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es sind zwei Ebenen für die Betrachtung relevant. Zum einen die bereits angesprochene Ebene des Narzissmus als Problem der Psychoanalyse, die jedoch schwer zu beurteilen ist, da keine seriösen Studien erstellt werden können, da sich die meisten Autokraten wohl bisher nicht therapieren haben lassen :cool: (auch wenn es vielleicht sinnvoll gewesen wäre)

    Narzissmus ? Wikipedia

    und zum anderen die Ebene der politischen Symbolik. Und betrifft somit der Inszenierung einer personalisierten Herrschaft und die damit zusammenhängende Ebene der Legitimierung von Herrschaft.

    Diese zweite Ebene hat allerdings eher etwas mit der Inszenierung der charismatischen Herrschaft im Sinne von Max Weber zu tun.

    Charismatische Herrschaft ? Wikipedia

    Und diese Form der Darstellung von Herrschaft kann in nahezu jedem autokratischen Herrschaftssystem gefunden werden.

    Wie beispielsweise für Hitler in der Darstellung von L. Herbst:
    Hitlers Charisma: Die Erfindung eines deutschen Messias - Ludolf Herbst - Google Books

    und von Plumper die zu Stalin.
    The Stalin Cult: A Study in the Alchemy of Power - Jan Plamper - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. November 2013
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  8. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Gadaffi dürfte wohl der narzistischste Diktator gewesen sein. Er verfasste Bücher, trat in den sonderbarsten Kostümierunge und Uniformen auf und ließ sich von einer weiblichen Leibwache begleiten.
    Auch Nicolae Ceaușescu war an Eitelkeit kaum zu überbieten. Er ließ sich fast zum Gott erklären und seine Frau, die Näherin mit sehr geringer Schulbildung war wurde mit wissenschaftlichen Preisen und Doktortiteln überhäuft da sie angeblich auf dem Gebiet der Polymere Großes geleistet haben sollte.
    Auch der Kult um die Kims in Nordkorea sucht seinesgleichen.
     
  9. Eugen Rommel

    Eugen Rommel Neues Mitglied

    Danke für eure Antworten, ich denke ich habe was ich wollte.
     
  10. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Nazissmus beschränkt sich aber nicht ausschließlich auf Diktatoren. Auch in Demokratien haben häufig Diejenigen, die sich um das höchste Amt bewerben eine narzisstische Persönlichkeit, wie die meisten, die sich gern vor großem Publikum präsentieren.
     
  11. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Saddam Hussein schrieb einen Roman über eine Liebesbeziehung zwischen einem mächtigen, gerechten und weisen König und einem einfachen Mädchen. Mit dem König soll er dem Vernehmen nach wenig verschlüsselt sich selbst gemeint haben.
     
  12. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Ich würde noch weiter gehen und sagen, dass jeder Mensch, der eine führende Funktion ausübt und dazu in der Öffentlichkeit steht, das nicht könnte, wenn er nicht zumindest einen Schuss Narzissmus hätte.

    Ich bin nicht ganz sicher, wie das Folgende zum Begriff "Narzissmus" passt :
    Arno Grün ("Die Normalität des Wahnsinns") beschrieb den Psychopathen in der Politik als einen Menschen, der sich als stellvertretend handelnd für eine höhere Idee sieht (darüber hatten wir mal einen Thread : http://www.geschichtsforum.de/f66/these-von-der-banalit-t-des-b-sen-42673/), so dass er sich auch nicht als selbst verantwortlich für seine Taten sieht. Arno Grün war selbst Jude, der aus Deutschland fliehen musste und hat sich daher sehr auf die Nazi-Täter konzentriert. Auch hier (daher meine Assoziation mit "Narzissmus") bin ich der Meinung, dass für das Grundprinzip dieser Charakterisierung das Gleiche wie oben gilt : Jeder Chef in einer Firma (oder eienr Partei, einem Amt, einem Sportverein, ...) muss in der Lage sein, einem Abstraktum zu dienen, die Interessen der Firma (o. a.) zu artikulieren und dafür einzutreten, im Namen des Abstraktums zu denken und zu sprechen (denn dieses kann das nicht).

    Ist der Diktator nun eitel/narzistisch, wenn er das tut, oder ist das eher ein Gegensatz - einerseits der Dienst am eigenen Ego, andererseits der Dienst an der Idee ? Wenn es einer ist, dann kann ein eitler Diktator automatisch kein Fanatiker sein, denn für ihn ist die Welt ja in Ordnung, wenn er seine eigene Nase maximal ins rechte Licht rücken kann, da wäre eine Idee nur hinderlich. Somit wäre ein Narzist nicht zu den wirklich großen Verbrechen der Geschichte geeignet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. November 2013
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  13. enrico

    enrico Mitglied

    Ich muss dann sofort an den nordkoreanischen Diktator "Kim jong un" denken. Während sein Volk hungert, investiert er kräftig wie sein Vater in das Militär.
    http://bilder.t-online.de/b/62/95/7...dkorea-sehen-seine-drohgebaerden-gelassen.jpg
    http://imgl.krone.at/Bilder/2013/04...ch-Story-357912_630x356px_2_wlkRoFAIg8kNE.jpg
    http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/nordkorea444.html
    Außerdem gab er vor kurzem den Startschuss zum Bau eines neuen Ski-Ortes ,weil er selber so ein leidenschaftlicher Skifahrer ist und weil Südkorea den Zuschlag für die Winterspiele 2018 bekommen hat.
    Ski-Resort in Nordkorea: Vorfreude auf den Winter mit Kim Jong Un - Politik | STERN.DE

    "Und weil es der persönlichen Gesundheit allgemein eher abträglich ist, einem Diktator seine Träume abzuschlagen, spuckten die Arbeiterkolonnen ohne Widerworte in die Hände"
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. November 2013
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Alan Bullock - Hitler und Stalin, Parallele Leben - Kapitel 10

    Diese Definition trifft sicher auf Hitler ebenso zu wie auf Stalin.
    Die Ichbezogenheit des Narzissten drückt sich auch in einem Mangel an Mitgefühl für andere aus.
    Auch dieser ist gewiss eine Voraussetzung für einen Gewaltherrscher.

    Das übersteigerte Selbstwertgefühl und der Mangel an Empathie findet sich auch in der "Hare-Prüfliste" zur 'forensisch-psychiatrischen Diagnose' der Psychopathie.
    Psychopathie ? Wikipedia

    Hier finden wir Hitler, ebenso wie Stalin, beschrieben,
    in einer darüber hinausgehenden Differenzierung der Charakterbeschreibung.
    ..und wohl auch viele andere Gewaltherrscher und Massenmörder aller Art.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. November 2013
  15. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Das würde ich nicht so sehen. Die Welt des eitlen Diktators ist nie in Ordnung da es immer einen Teil der Bevölkerung gibt, der ihn, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand kritisiert. Kritik ist aber für die Seele des Nazissten pures Gift. Also wird er mit aller Brutalität gegen alle vorgehen, die seine "Genialität" nicht zu würdigen wissen.
     
  16. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Stimmt, ein narzisstischer Diktator kann durchaus brutal gegen eine Opposition vorgehen. Aber wie ist es mit Juden, ideologischen oder religiösen Abweichlern ? Inwieweit betreffen die sein Ego ?
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Einiges zu diesem Thema, trotz Hinweis auf die charismatische Herrschaft und die Inszenierung des Kults um Diktatoren, erzeugt schlichtwegt Kopfschütteln und Unverständnis.

    Da wird durch die Zeit und den Raum ein Standard DIN "Diktator" an die Wand projiziert und mit dem Stigma des "Narzissmus" ausgestattet. Und jeder kann und darf sich einen aussuchen, auf den beliebige Zuschreibungen an Persönlichkeitsmerkmalen zutreffen. :grübel:

    "Narzissmus" ist zudem eine Kategorie, die keine wirklich Daseinsbrechtigung in der Analyse von politischen Systemen und Herrschaft hat, es sei denn als inszenierte Herrschaft (vgl. z.B. Cassierer zur Symbolik von Herrschaft). Aber auf diesen Aspekt muss natürlich nicht eingegangen werden, da zu ihm eine entsprechende Literatur vorliegt. Das ist wohl eher störend.

    Ein narzistischer Diktator macht das? Und was machen die Diktatoren, die nicht narzistisch sind? Und überhaupt, wer oder was legt eigentlich fest, was ein narzistischer Diktator ist. Es ist völliger Unsinn, politische Repression als Reaktion der Verletzung eines "Egos" zu interpretieren. Politische Repression basiert auf deutlich komplexeren Mechanismen der Durchsetzung von ditatorischer Herrschaft als auf dem Schutz eines "lächerlichen" Ego eines Diktators.

    Die bisherige Sammlung von Diktatoren ist zudem ein buntes Durcheinander, ein völlig unsystematisches Brainstorming, welche Diktatoren gerade den Teilnehmern des Forums einfallen. Eine Systematik bei der Sammlung? Fehlanzeige, einfach nur irgendwelche Namen und man kann es glauben oder nicht und die Liste ist sinnfrei und beliebig!

    Sorry, aber das ist einfach so nicht richtig. Bullock, der zu seiner Zeit eine interessante Darstellung geschrieben hat, ist einfach outdatet und kann nicht mehr zur Beschreibung von Stalin benutzt werden.

    In den wichtigesten Biographien beipsielsweise von Deutscher, Tucker, Wolkogonov, Montefiore und in der neuesten von Kuromiya (die sehr "konservativ" ausgefallen ist) wird man keine Hinweise auf narzisstische Eigenarten von Stalin als Merkmal seiner Herrschaft finden.

    Bezogen auf die empirisch zu erkennende Persönlichkeit stellt Kuromiya (Stalin in the Light of the Politburo Transcripts, S. 41 ff) vielmehr eine Person dar, die prinzipientreu, hart und sehr unerbittlich die Linie der Partei durchsetzt mit dem Ziel, die UdSSR zu erhalten, also aus der Sicht des Politburos, und im Sinne der Machterhaltung (vgl. Machiavelli) zweckrational handelt. Eine Sicht, die man ähnlich bei Khlevniuk und auch bei Getty findet!

    The Lost Politburo Transcripts: From Collective Rule to Stalin's Dictatorship - Google Books

    Insgesamt ist seit Bullock viel neues Material in den russischen Archiven gesichtet worden, das ein sehr differenziertes und auch neues Bild von Stalin und den Stalinismus als politisches System zeichnet. Und es reicht nicht mehr "alte" Legenden munter am Leben zu erhalten!

    In diesem Sinne war Stalin eher ein anti-Narzisst, der sich eigentlich überhaupt nicht aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Biographie dazu eignete, narzisstische Eigenschaften zu entwickeln.

    Es gibt in diesem Zusammenhang, und auf die aktuelle Arbeit von Plamper ist verwiesen worden (und sie bildet derzeit den Referenzrahmen für die Interpretation des Stalin-Kults!) eine Geschichte, die das illustriert. Es soll eine Situation gegeben haben (die mündlich kolportiert ist), dass Stalin seinem ältesten Sohn erklärt hat, dass nicht er - also Stalin - als Person "Stalin" sei, sondern die öffentlich Darstellung in der Presse in der Partei etc. ist "Stalin". Stalin war ein Kult, der von der eigentlichen Person entrückt war und diente im wesentlichen als Projektionsfläche für die Beschaffung von Legitimität für Stalin als "Ersatz-Zar" im wesentlichen für die ländliche Bevölkerung.

    Ähnlich Beispiele ließen sich für Stalin finden, wie beispielsweise das geringe Interesse an einer Biographie.

    Es wäre sicherlich hilfreich bei der Diskussion von Diktatoren oder Autokraten sich präziser festzulegen, da römische Autokraten sicherlich andere Formen der Herrschaftsinzenierung bevorzugten wie absolutistische Monarchen oder moderne Diktatoren. Ein Hinweis, der eigentlich in einem Geschichtsforum überflüssig sein sollte. :S
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. November 2013
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  18. enrico

    enrico Mitglied

    Ich glaube du hat da etwas missverstanden . Die Ausgangsfrage hieß :Hallo, glaubt ihr, dass viele Diktatoren einen wahren Hang zum Narzissmus haben und wenn ja habt ihr dafür Beispiele?
    Es war nicht die Frage gestellt, welcher Diktator narzisstisch ist. Diese Auswahl sollte man lieber Psychologen überlassen.
    Außerdem finde ich die oben genannte Fragestellung etwas unglücklich gewählt.Vielleicht wäre der Begriff Willkürherrschaft ,despotisch besser geeignet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. November 2013
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das glaube ich durchaus nicht, dass ich etwas mißverstanden habe. Schon deswegen nicht, weil es eigentlich ziemlich irrelvant ist, was jemand im Forum "Glaubt". Zumal "Glaubensbekenntnisse" im Forum, laut "Regeln" nicht erwünscht sind.

    Relevant für die Fragestellung ist die Eingrenzung auf bestimmte Epochen, die systematische Darstellung der Herrschaftsinzenierung und die Frage des empirischen Belegs, sprich These und empirischer Beleg!
     
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das sehe ich ähnlich.

    Hinzu kommt, dass "narzisstisches" Verhalten psychologisch eine weite Spannbreite aufweist, was bereits ElQ in #2 anspricht. An einem, dem unteren Ende steht ein landläufiges Verständnis von Narzissmus, was vielem und jedem zeitweise beigelegt werden kann.

    Und an dem anderen (extremen) Ende steht die krankhafte narzisstische Verhaltensstörung bzw. Narcissistic Personality Disorder, sozusagen als "pathologischer Befund", noch dazu mit im Einzelnen umstrittenen Ausprägungen bzw. Symptomen.
    Artikel Narcissism, Encyclopedia of Social Sciences.


    Hinzu kommen völlig unterschiedliche Anwendungsgebiete, was hier schon zu finden ist:
    Narzissmus ? Wikipedia

    In den politikwissenschaftlichen Darstellungen (als ein Anwendungsfall für den Begriff) sollte klargestellt sein, dass mit entsprechenden Beschreibungen eher ein Verhaltensmuster (mit empirischen Belegen!), als ein psychologischer Befund angesprochen wird.

    Da schließe ich mich thanepowers Hinweis auf Differenzierung an.
     

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