Nationalismus in Südosteuropa und autochthonistischen Vorstellungen

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Biturigos, 3. Mai 2020.

  1. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Angeregt durch die Diskussion um den illyrischen Ursprung der Albaner möchte ich den ideologischen Kampf um Deutungshoheit über die Geschichte und die Konkurrenz verschiedener Nationalismen auf dem Balkan zur Diskussion stellen. Rajko Bratoz bezeichnet den slowenischen Nationalismus als Opfernationalismus, der in der Konkurrenz zu hegemonialen Mächten (Österreich-Ungarn, Italien) entstanden sei.
    "Die Slowenen lebten zur Zeit der entscheidenden Phase der Formierung des nationalen Bewusstseins in der Stimmung eines dauernden Gefährdungszu-standes wegen der stärkeren Nachbarn (vor allem der Deutschen) und manch-mal in der Stimmung eines historischen Misserfolges. Das historische Bild der eigenen Vergangenheit, und damit das historische Bewusstsein, trugen überwiegend pessimistische Züge. Diese Gefühle kamen in einer Reihe von historischen Stereotypen zur Geltung, in denen die stärkeren und aggressiveren Nachbarn als die Verursacher des elenden Zustandes klar definiert wurden: an den Anfängen der eigenen Geschichte die Awaren, in den darauffolgenden tausend Jahren vor allem die Deutschen.... Weit verbreitet war 1) die Vorstellung von einem historischen Misserfolg der Slowenen, von ihrem Opferzustand oder sogar Märtyrertum. Frei nach Herder interpretiert, wurden auch die Slowenen als ein Teil der Slawen Opfer der stärkeren und aggressiveren Nachbarn. Auf diese Opfer-Gesinnung knüpft sich 2) der „Knechtschaftsmythos“, nach dem die Slowenen als Untertanen zuerst unter Awaren, danach tausend Jahre unter den Germanen bzw. Deutschen leben mussten.....
    Auf dieser Basis entstand 3) die Vorstellung (die manchmal zum Mythos geworden ist) von einer dauerhaften Germanisierung des slowenischen Territoriums, beginnend schon in der karolingischen Epoche, also vor mehr als tausend Jahren.Damit eng verbunden war 4) die Vorstellung von großen territorialen Verlusten der Slowenen, von einem ursprünglichen Siedlungsgebiet im Umfang von bis zu ca. 70.000 km² bis zum heutigen Stand (etwas mehr als 20.000 km² im heutigen Slowenien und ein wenig in den Nachbarstaaten), was bedeuten würde, dass von den Nachbarn mehr als zwei Drittel des Territoriums weggenommen worden sind, wobei der Löwenanteil auf die Deutschen fällt. Dabei ist in der Öffentlichkeit, zum Teil auch unter der humanistischen Intelligenz, noch immer eine Auffassung von ethnischer Gleichheit der heutigen Slowenen mit den frühmittelalterlichen Karantanen vorherrschend, die auf einer Vorstellung von der Ethnogenese als einem linearen, auch genetisch definierbaren Prozess basiert." (S.10/11 - https://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-002C-DC7D-4/9783110253047_AdW12_01_RAJKO BRATOŽ Das Veneter-Ideologem bei den Slowenen.pdf?sequence=1&isAllowed=y

    Die "wissenschaftliche" Beweisführung der autochthonistischen Vorstellungen unterliegt politischen Interessen: so löste eine kritische Skanderbeg-Biographie des Südosteuropa-Historikers Schmitt in Albanien Proteststürme aus, und er wurde Ziel einer aggressiven Kampagne:Wer war Skanderbeg? | NZZ , weil die Biographie die "Historizität" der eigenen nationalen Mythen in Frage stellt; "Schmitt konnte, basierend auf einer stabilen Quellenlage, nachweisen, dass Skanderbeg nicht aus „nationalen“ Gründen mit dem Osmanischen Reich brach und nach Albanien zurückkehrte, sondern aus dem „archaischen“ Gebot der Blutrache heraus; war doch Skanderbegs Vater auf Befehl des Sultans ermordet worden. Darüber hinaus warfen viele nationalbewusste Albaner Schmitt vor, Skanderbeg einer Entalbanisierung zu unterziehen, weil er aufzeigte, dass die Familie der Kastrioti keineswegs einem rein albanischen, sondern einem ethnisch-konfessionell sehr gemischten Umfeld entstammte und selbst slawisch-orthodoxe Anteile aufwies. In Abgrenzung zum orthodoxen Griechen- und Serbentum, aber auch zur angeblich uneuropäisch-islamischen Welt kam dies für albanische Nationalisten einer nationalen Schmähung gleich."
    so wird widersprechende, kritische Wissenschaft gegen ihre Absichten sofort in den politischen Interessenskonflikt gezogen. https://www.recensio.net/rezensione...50440763/@@generate-pdf-recension?language=de
     
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Viele Dank für diese kritischen Anmerkungen. Es ist eigentlich undenkbar, dass wir lediglich für die deutsche Geschichte sehr kritisch den Narrativ hinterfragen. Auch und zum Glück für uns, ermöglicht durch eine Zunft der Historiker, die sich nicht mehr als "Magd" für die Interessen von politischen Gruppen oder nationalistischen Narrativen verstehen.

    Und diese kritische Sicht ist natürlich auch auf Gesellschaften anzuwenden, die aus - subjektiv nachvollziehbaren - Gründen einen "patriotischen Narrativ" konstruieren wollen, um das kollektive Bewußtsein einer Nation zu stärken.

    Aber man sollte auch erwarten können, dass Mitglieder dieser Nationen dennoch auch eine gewisse Kritikfähigkeit gegenüber ihren eigenen "patriotischen Narrativen" aufbringen, gerade weil sie konstruiert sind und sein müssen.

    Die komplette Diskussion über die angebliche Konstanz von ethnisch definierten soziale Gruppen wirft eine Vielzahl von Fragen auf. Bereits die Vorstellungen von konstanten "kollektiven Identitäten" wirft mehr Fragen auf wie zu beantworten wäre (Emcke: Kollektive Identität, S. 175ff). Das wurde ausführlich und kritisch auch am "Nationbuilding" für Deutschland diskutiert und das betrifft die FNZ und die Moderne.

    Bei Eriksen (Ethnicity and Nationalism) finden sich mehr Hinweise auf historische Brüche in der Entwicklung von Gesellschaften. Dabei ist zu betonen, dass sofern kollektive Prozesse auf der Basis von ethnischen Merkmalen vorhanden sind, diese durch andere Gruppenloyalitäten auch konterkariert werden können. Die sozialen Positionen, schicht- oder erwerbsspezfisch, in den Gruppen oder Gesellschaften waren zu nennen.

    Die Transmission von "kulturellen Inhalten" - the concept of cultural transmission - über die Zeit wirft die Frage auf, wer oder was die Träger der Transmission sein sollen und wie der Prozess der homogenen Enkulturation praktisch aussehen soll in frühen Gesellschaften bis in die FNZ(vgl. Ellen, Lycett & Johns: Introduction: On the Concept of Cultural Transmission in: Understanding culltural transmission in Anthropology)

    Das soll kurz den Rahmen beleuchten, in dem diese Prozesse ablaufen und vor der Beantwortung dieser komplizierten Fragen schrecken die nationalistisch getriggerten "Narrativ"- Erfinder zurück. Und unter dieser Voraussetzung wird dann die nationalistische "Geschichtsschreibung" zu einem höchst problematischen und kritikwürdigen Unterfangen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Mai 2020
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die letzten fünfzehn Jahre, wobei das an Intensität in den letzten Jahren etwas abgenommen hat, was daran liegen dürfte, das viel Zeitinvestition von Foren in die Sozialen Netzwerke/Asozialen Hetzwerke abgewandert ist, habe ich das meist so erlebt, dass besonders Angehörige von Nationen oder sich als Nationen verstehenden Gruppen, deren „nationale“ Lage umstritten ist oder in der jüngeren Geschichte einen Konflikt oder gar Krieg erlebte, sich auf die Geschichte berufen und entweder auf die besonders lange Anwesenheit der eigenen Gruppe in der Region X hinwiesen oder auf die Größe des ursprünglichen Territoriums. Das können Türken, Kurden, christliche Araber (v.a. aus Syrien oder dem Iraq, seltener aus Palästina oder dem Libanon), Mazedonier, Albaner, Serben, Kroaten und andere gewesen sein, wobei anscheinend die Zugehörigkeit des Mutterlandes zur EU bzw. die Aussicht darauf, der EU beitreten zu können, diese nationalistischen Tendenzen abmildert.
    Bei der Berufung der eigenen nationalen Ansprüche auf die Geschichte gibt es eine große Toleranz gegenüber inhärenten Widersprüchen, die durchaus von derselben Person innerhalb eines Beitrags geäußert werden können:
    a) Wir haben das Territorium xy Anno dazumal erobert, darum gehört es uns, und nicht mehr denen, die wir damals vertrieben haben.
    b) die da haben uns aus dem Territorium xy Anno dazumal vertrieben, aber eigentlich gehört das uns und deshalb erheben wir Anspruch darauf.

    Ganz extrem war mal der Typ, der alle Ortsnamen mit der Konsonantenfolge SRB für den Beleg der Richtigkeit seiner großserbischen Phantasien sehen wollte, da wurde dann aus dem norwegischen Surby (benachbart Norby, ‚nördliches Dorf‘) eine serbische Gründung (und dieses Forum bekam die Gelegenheit das vergessene Volk der Norben wiederzuentdecken).

    Fast allen dieser Nationalisten ist gemeinsam, dass sie das Goldene Zeitalter (nationaler Größe) wiederherstellen wollen, was sie den Salafiten ähnlich macht. Dass das Goldene Zeitalter aber nur ein Mythos ist und das statische Geschichtsverständnis (in Tal X wohnte 3 v. Chr. Gruppe Y, ergo sind die Einwohner von Tal X die Nachfahren der Gruppe Y) eher ins scholastische Mittelalter als ins 21. Jahrhundert passt, wird dabei geflissentlich übersehen. Ebenso, das Migration der historische Normalfall ist.
     
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  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich glaube, die Diaspora-Situation sollte man dabei nicht unterschätzen. Die Diaspora kann zu einer Überidentifikation mit der idealisierten Herkunftsgruppe führen (was wohl auch ein Grund dafür ist, das z.B. unter in Dtld. lebenden Türken die Zustimmung für den an nationale Größe (und die Osmanenzeit!) appellierenden Erdoğan prozentual viel größer ist, als in der Türkei).
     
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  5. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Ich wollte mich etwas auf den südosteuropäischen Raum fokussieren, es können doch Rahmenbedingungen sein, die z.B. den ideologisch expansiven Charakter eines Nationalismus beeinflussen. Die inselkeltischen Nationalismen (Schottland, Wales, Irland) beschränken sich auf Autonomie und Selbständigkeit, mir ist nicht bekannt, dass jemand Britannien von den Angelsachsen befreien will. In der Bretagne, wenn man sie zum modernen Keltizismus dazu rechnet, ist es ein stark kultureller Neokeltizismus, der sich z.B. in der "keltischen" Musik äußert, dieser Keltizismus bleibt regionalistisch. Auch die regionalen Nationalhelden wie William Wallace (Schottland) bleiben innerhalb eines regionalistischen Rahmens verankert, und sind keine pankeltischen Befreiungskämpfer.
    Mit der Zerfall der alten Großmächte Habsburg-Ungarn und dem Osmanischen Reich haben sich in Südosteuropa andere politische Rahmenbedingungen ergeben, die angereichert mit konfessionellen Konflikten expansiver und feindlicher gegen Gegnergruppen agieren - demgegenüber sind die Zentralstaaten Großbritannien, Frankreich oder Spanien (mit den Autonomiebestrebungen im Baskenland und Katalonien) sehr stabil und akzeptiert.
    In Nordirland kommt sicher der konfessionelle Aspekt dazu, meiner Ansicht nach haben sie in einer dominant säkularisierten, aufgeklärten Gesellschaft erheblich an Bedeutung verloren: dies mag in Südosteuropa ganz anders sein, die katholische Kirche in Kroatien hat doch noch einen erheblichen konservativen Einfluss, dies kann auch durch die "Frontstellung" gegenüber der orthodoxen Kirche und dem muslimischen Bosnien und Albanien sich verstärken, und ist verbunden mit einem Abwehrkampf gegen den Deutungs-und Bedeutungsverlust innerhalb einer sich emanzipierenden Gesellschaft zum Beispiel um die Gleichberechtigung von Frauen - in einer stark patriarchal strukturierten Gesellschaft ist dies möglicherweise eine starke Motivation für einen kriegerischen "männlichen" expansiven Nationalismus.
     
  6. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftigte, desto mehr habe ich das Gefühl, dass Jugoslawien ein Kompromiss zwischen dem serbischen und kroatischen Nationalismus war.

    Beide Konzepte die bei den Nationalisten beiderseits existierten, gingen um die gleichen Territorien. Sowohl das Gebiet welches die Kroaten für ihren Nationalstaat beanspruchten, dort viel alles rein was wirklich oder nur im Mythos jemals Teil Kroatiens war und der serbische Nationalstaat, wo möglichst alle Serben in einem Nationalstaat drinnen waren, in diesem Spiel konnte nur einer von beiden oder keiner sich durchsetzen. Da hatten Ludevit Gaj, Vuk Karadzic und andere Halt die Idee Jugoslawien. Beide wären Zufrieden, leider hat sich das als Falsch herausgestellt.

    Holm Sundhaussen hat ja in seiner Geschichte Serbiens im 19. Jahrhundert, ja immer wieder geschrieben warum sich Serbien nicht entwickelt hat, statt zu expandieren. Ich denke da hat er den Fehler gemacht, den "möglicheweise" Geburtsfehler Serbiens übersehen. Serbien ist als Staat mit dem Anspruch entstanden für die Serben eine bessere Heimat als das Osmanische Reich und später Österreich zu sein. Mit diesem Rucksack wäre es keinem gelungen, so zu tun als würde das was in Bosnien vorgeht niemanden jucken. Vor allem, wenn man weiß das die große Masse der Serben im Fürstentum Serbien Einwanderer aus Bosnien, Montenegro oder dem Kosovo waren (Richtig Albanisch wurde das Kosovo erst im 19. Jahrhundert) und diese Leute wollten ihre Heimat teilweise auch befreien und zurückgehen, jedenfalls am Anfang der Ansiedelung. Wenn man das Osmanische Reich als etwas ansah, was existieren soll, hätte man sich den Ersten und Zweiten Serbischen Aufstand auch gleich sparen können.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bisher wurden uns ideologisch aufgeladene Geschichten als "Geschichte" von Gentius verkauft. Mich provoziert eine derartige Darstellung, gerade weil wir für Deutschland die "Gründungsmythen" kritisch "dekonstruiert" haben und zumindest derjenige, der einen objektivierten Zugang zur deutschen Geschichte erhalten möchte, das auch bekommen kann.

    Ärgerlich ist diese nationalistische Aufladung auch deshalb, weil es meistens der Irreführung des "Staatsvolkes" diente und in der Vergangenheit nicht selten instrumentalisiert wurde, um Kriege für scheinbar "gerechte" nationalistische Ziele zu rechtfertigen.

    Die Verdeutlichung einer erfundenen und konstruierten Geschichtsschreibung zu Gründungsmythen und daran anschließenden konstruierten nationalistischen Narrativen, die der Legitimation von Nationalstaaten dienen, ist aber nicht nur für Deutschland, Frankreich oder irgendein anderes Land wichtig, sondern auch für Albanien zu benennen und zu kritisieren!

    Gerade auch im Fall für Albanien ist eine sehr fragmentierte Geschichte erkennbar, die sich sicherlich einem simplifizierenden Zugang sperrt. Das kann man sehr schnell beim Querlesen von Jacques Historie von Albanien erkennen. Und es fallen vor allem die extremen Brüche auf, begleitet von Phasen, die aufgrund mangelnder Informationen schwer rekonstruierbar sind (vgl. ebd. S. 200).

    Für mich auffallend bei der Darstellung der albanischen Gesichte ist die enge Verwobenheit mit der Geschichte der angrenzenden Länder, auch in starke Maße von Italien. Und es ist die Geschichte von freiwilliger und erzwungener Migration in die an Albanien angrenzenden Gebiete.

    So konstatiert Jacques für das Jahr 1503 "The last flickering lights of freedom were snuffd out in 1503." (S. 200). Und es folgte Jahrhunderte der relativen Isolierung, für die teilweise wenige Informationen aus Albanien direkt vorliegen. Und erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu einer graduellen Gleichstellung (Tanzimat 1839 etc.) der katholischen Albaner mit der muslimischen Bevölkerung im Osmanischen Reich.

    Diese Reformen sind auch teilweise eine Reaktion auf den politischen Druck, den die Albaner, den nachgesagt wird "freiheitsliebend" zu sein, im Rahmen des "nationalen Erwachens ab 1830 erzeugt haben.

    Die intellektuellen Quellen, so Misha, der durchaus produktiven albanischen Intellektuellen sind im Kontext der Ideen der Aufklärung zu sehen. Und die nationalistische Bewegung wurde im wesentlichen, wie in fast allen Ländern, von einer kleinen albanischen Elite getragen, die außerhalb von Albanien lebte.

    Das komplizierte Verhältnis von Anpassung, Assimilation, Autonomie und nationaler Eigenständigkeit wird im Vorlauf zum Balkan Krieg deutlich (vgl. Hall, S. 8 ff und 85ff). In der Folge des Tanzimat`s formuliert Hall: "The mjority of Albaniens shared the Islamic faith and culture of the Ottomans." Die Albaner stellten die Mehrheit der Bevölkerung in den osmanischen Provinzen Janina, Kosovo, Scutari und einen wesentlichen Anteil in Monastir. Vor diesem Hintergrund der albanischen Hoffnung auf eine zunehmende Autonomie erfolgte durch das neue Regime in Konstantinopel eine Verstärkung des Zentralismus und eine Einschränkung regionaler Eigenständigkeit. Und wurde von den katholischen Stämmen im Norden von Albanien mit einer Revolte (1911) beantwortet.

    Die insgesamt komplizierte Situation wurde deutlich während des Krieges, in dem albanischen Guerilla auf der Seite der osmanischen Armee gegen die serbische Armee gekämpft haben.

    Bereits dieser kurze Anriss verdeutlicht, dass die Ausformulierung des albanischen Nationalismus eine "Top-Down" Ideologisierung war und wesentlichen Inhalte als nationalistischer Narrativ unter didaktischen Gesichtspunkten eine höhere Konsistenz der Erzählung erhalten mußten wie es durch die historischen Fakten gestützt wird.

    Es wäre demnach für eine seriöse Darstellung der albanischen Geschichte, gerade auch aus der Sicht eines Albaners, mehr als notwendig, sich ausführlicher mit den historischen Fakten zu beschäftigen und nicht irgendwelche Fragmente als "albanische Geschichte" zu verkaufen.

    Mein oberflächlicher Einstieg in die seriöse Darstellung der Geschichte stellt diese geschönte Sicht von Gentius bereits in Frage. Und je tiefer man einsteigen würde, desto unhaltbarer wären die "Geschichten ".

    Deswegen: Wer seinem Land einen "patriotischen Dienst" erweisen möchte, der setzt sich kritisch und objektiv mit seiner Geschichte auseinander. Daraus resultiert ein nachhaltiger "Stolz" auf "sein Land" und ein begründbarer Verfassungs-Patriotismus".

    https://en.wikipedia.org/wiki/Albanian_National_Awakening

    Jacques, Edwin E. (2009): The Albanians. An ethnic history from prehistoric times to the present. Jefferson, NC: Mcfarland.
    Hall, Richard C. (2010): The Balkan wars 1912-1913. Prelude to the First World War. London: Routledge
    Misha, Piro (2010): Invention of a Nationalism. Myth and Amnesia. In: Stephanie Schwandner-Sievers (Hg.): Albanian identities. Myth and history. 5. Aufl. Bloomington: Indiana Univ. Press, S. 33–48.
    Schwandner-Sievers, Stephanie (Hg.) (2010): Albanian identities. Myth and history. Bloomington: Indiana Univ. Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Mai 2020
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  9. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Ich zitiere einmal zum Priester Marin Barleti:
    "Schmitt beginnt seine Studie mit einer Vision, die der katholische Priester Marinus Barletius aus der nordalbanischen Stadt Skutari 1508 in seinem Buch „Leben und Taten Skanderbegs, des Fürsten von Epirus“ verbreitete: Eine junge Frau träumte in der Nacht vor der Geburt ihres Kindes, dass sie eine große Schlange geboren habe, deren Körper ganz Albanien bedeckt, sich an den Grenzen des Osmanischen Reiches windet und dieses in ihren Rachen verschlingt, während ihr Schwanz im adriatischen Meer badet. Jeder humanistisch gebildete Mensch bemerkte damals sofort die Parallelen zur allegorischen Darstellung des Lebens von Alexander dem Großen bei Plutarch. Auch die Mutter Alexanders träumte demnach, einen Lindwurm zu gebären, der die Perser verschlingen würde. Zu der Zeit, als Barletius sein Buch veröffentlichte, stand das Osmanische Reich kurz vor seinem vernichtenden Angriff auf das Königreich Ungarn, der letzten großen christlichen Macht in Südosteuropa. Alle anderen Mächte des Balkans waren bereits der osmanischen Expansion zum Opfer gefallen. Die größte Seemacht des Mittelmeeres, Venedig, hatte soeben ihre größte Niederlage zu Wasser gegen die aufstrebende Macht im Osten erlitten. Seit nahezu einem halben Jahrhundert suchten die europäischen Renaissancefürsten nach einer Heldengestalt, die den neuen „Persern“ erfolgreich die Stirn geboten hatten und fanden diese in der Gestalt des albanischen Adeligen Georg Kastriota, genannt Skanderbeg. Der Priester Barletius setzte diesem „abendländischen Heroen“ schließlich ein zentrales literarisches Denkmal – auch wenn die Wirklichkeit ganz anders ausgesehen hatte."
    (aus der im ersten Post verlinkten Rezension)
    Dies übrigens nennt man Quellenkritik: du wirst wahrscheinlich nicht glauben, dass Georgs Mutter vor seiner Geburt von einer Albanien bedeckenden Schlange geträumt hat, oder? Warum schreibt Marin Barletius dann sowas? Hat er etwas gekifft? Hat ihm ein seefahrender Holländer etwas von Klabautermännern erzählt?
    Nein, er spielt auf die Geburt Alexander des Großen an. Für jeden damaligen Fürsten Bildungsstandard.
    Es gab also ein bestimmtes Publikum für das Buch, und von vorneherein eine Absicht. Die Biographie diente einem politischen Zweck, war wenn man es übertreibt in gewisser Weise politische Propaganda. Nein, ein wissenschaftlich arbeitender Historiker nach heutigen Maßstäben war der Priester Baretius nicht. Vielleicht war er ja ein genialer Erzähler, der die Leute gut unterhalten hat. Hollywoodfilme machen das auch, aber sie machen eines nicht:
    sie ersetzen keine kritisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung!
     
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  10. Gentius

    Gentius Mitglied

    Ich habe nun das Buch gekauft, ich hoffe es ist das Geld Wert - wird gegen Mitte Mai ankommen. Bis dann Mirupafshim.
     

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